1524 Views |  Like

Warum gehst du zur Therapie? – 5 Fragen an 3 Menschen in Therapie

Am Anfang der Woche sprachen wir mit einer Psychologin, um all unsere Fragen bezüglich psychischer Gesundheit loszuwerden. Nun war es an der Zeit, wirklich die zu fragen, die es betrifft: Frauen, die auf irgendeine Art und Weise mit einer (oder mehreren) psychischen Erkrankungen zu kämpfen haben. 

Wir haben mit dreien von ihnen gesprochen und sie gefragt, wie sie die Therapie erleben, was ihnen hilft und warum es endlich an der Zeit ist das Stigma psychischer Erkrankungen ein für alle mal zu begraben.

Jule, ihres Zeichens Chaosheadbitch, das erste Mal in Therapie mit 17 

Warum gehst du zur Therapie?

Ehrlich gesagt gehe ich gerade nicht zu einer Therapie, sondern „nur“ zu einem Psychiater, der mich einmal im Monat betreut.

Ich kümmere mich aktuell darum, einen Therapieplatz im Bereich Tiefenpsychologie zu bekommen, was nicht so einfach ist, da ich einen Therapieplatz bei einer Privat-Therapeutin beantragt habe nachdem ich keinen Platz bei einem/r Kassen-Therapeut*in bekommen habe.

Ich möchte zur Therapie gehen, weil ich letztes Jahr ein Burn-out hatte, das zu Angststörungen und Panikattacken geführt hat.

Was war die größte Hürde bevor du dich das erste Mal in Behandlung begeben hast?

Das erste Mal war ich mit 17 Jahren in Therapie. Damals war ich ein nervliches Wrack, sodass ich eines Tages sehr spontan und völlig aufgelöst in eine Praxis stürzte. Ich wusste sonst einfach nicht mehr weiter.

Dieses Mal war es anders. Ich dachte, dass ich einfach nur Ruhe bräuchte und schon allein damit klarkomme. Die größte Hürde war auf jeden Fall zuzugeben, dass ich fremde Hilfe brauche und es nicht alleine schaffen kann. Ich bin eine Kämpferin und habe immer alles allein geschafft. Dieses Mal nicht und das tut ein bisschen weh.

Wie haben deine Bekannten, Freund*innen und Family reagiert?
Und wie dachtest du, würden sie reagieren?

Sowohl damals als auch heute habe ich nur Zuspruch und „Anerkennung“ für meine Entscheidung eine Therapie zu machen bekommen. Ich gehe sehr offen mit dem Thema um und kann sowohl mit meiner Familie als auch mit meinen Freund*innen und Bekannten darüber sprechen. Ich hatte eigentlich nie Sorge, dass ich auf Ablehnung oder Ähnliches stoßen könnte. Dafür habe ich zu tolle Freund*innen und bin auch selbstbewusst genug, dass ich einen Scheiß darauf gebe, was andere sagen.

Mit welchem Vorurteil rund um psychische Erkrankungen würdest du jetzt gerne aufräumen?

Ich möchte mit dem Vorurteil aufräumen, dass psychisch kranke Menschen schwach und nicht gesellschaftsfähig sind. Innerhalb des letzten Jahres habe ich mit sehr vielen Menschen darüber gesprochen, wie es mir aktuell geht und habe festgestellt, dass es so viel mehr Menschen gibt, die eine Therapie machen, als ich dachte.

Im gleichen Zug habe ich aber auch feststellen müssen, dass nicht alle mit dem Thema so offen umgehen, weil sie Angst haben, anders behandelt zu werden. Das liegt daran, dass psychische Erkrankungen immer noch ein Tabuthema sind und nicht offen in die gesunde Gesellschaft gehören. Ich möchte, dass die Menschen wissen, dass es vollkommen okay ist zuzugeben, dass man ein Problem hat. Wenn du dir ein Bein brichst, versuchst du es ja auch nicht zu verstecken.

Menschen mit psychischen Problemen werden oft als schwach, unflexibel, schwierig und unzuverlässig abgestempelt. Dabei ist es fast egal, ob man eine Depression, Essstörungen oder Borderline hat. Ich bin der Meinung, dass es ein Zeichen von Stärke ist, wenn man zugibt, dass man allein nicht weiterkommt und Hilfe annimmt.

Möchte gerne anonym bleiben, das erste Mal in Therapie mit Ende 20

Warum gehst du zur Therapie?

Das ist eine lange Geschichte. Doch um es kurz zu machen, würde ich sagen, dass ich in einer typischen Lebenskrise stecke. Schnell studiert, viel gereist, im Ausland gearbeitet und studiert, sofort nach dem Studium mit der Arbeit begonnen, schnell die Karriereleiter rauf, um nun vor der großen Frage des Lebens zu stehen: Was will ich eigentlich, was ist mir wichtig, wo will ich hin. Das alles gemixt mit Hypersensibilität, emotionaler Dependanz und leichter Depression und anderem hat mich dazu bewegt eine Therapie zu beginnen.

Was war die größte Hürde bevor du dich das erste Mal in Behandlung begeben hast?

Den Telefonhörer in die Hand zu nehmen und überhaupt erstmal irgendwo anzurufen. Für mich war es das Schlimmste, als ich erfahren habe, dass man quasi einen Tag sich hinsetzen muss und alle Therapeut*innen durchrufen muss, um ihnen aufs Band zu sprechen. Ich habe mich sofort wie in einer Casting Situation gefühlt – sind meine Probleme schlimm genug, um angenommen zu werden? Was sage ich denn da? Zum Glück gab es die Psychotherapeutenkammer. Diese haben eine Sprechstunde, zu der man anrufen kann und Therapeut*innen genannt bekommt, die freie Kapazitäten angemeldet haben. Dieser Anruf war dann sehr leicht, da ich wusste, dass ich nicht wieder angeranzt werde, weil alles voll ist.

Wie haben deine Bekannten, Freund*innen und Family reagiert?
Und wie dachtest du, würden sie reagieren?

Ich habe mir da gar keine Sorgen gemacht. Ich kenne viele Menschen, die in Therapie sind oder waren. Daher ist das für mich ein sehr alltägliches Thema und ich hatte auch keine Angst meine Entscheidung mit anderen Personen zu teilen. Alle sind sehr verständnisvoll und die Reaktionen waren nie auffällig oder übertrieben.

Was bringt dir die Therapie?

Soweit weiß ich das leider noch gar nicht. Klar ist es gut über Themen zu sprechen, die einen bewegen, auch mal die ein oder andere Träne zu vergießen, wie man es im Alltag nicht tun würde. Es kann sehr anstrengend sein, da ich die meiste Zeit selber spreche. Es tut aber unglaublich gut zu erfahren, woher bestimmte Verhaltensmuster und Unsicherheiten kommen oder einfach mal gesagt zu bekommen, dass ich nicht für alles verantwortlich bin und die Schuld auch einfach mal von meinen Schultern abwerfen kann.

Mit welchem Vorurteil rund um psychische Erkrankungen würdest du jetzt gerne aufräumen?

Es gab auf jeden Fall eine Sache, die mich irritiert hat. Als meine Therapeutin mich nach der ersten Stunde aufnehmen wollte, klärte sie mich darüber auf, dass sobald ich hier nun zustimme, ich offiziell psychisch krank bin. Das kann bei einer Beamtenlaufbahn oder privaten Versicherung Probleme bereiten. Das hat mich total geschockt und ich habe auch sofort verstanden, warum sich viele Menschen dann doch gegen eine Therapie entscheiden oder auf private Kosten „Coachings“ wahrnehmen. Wenn Menschen sich dazu entscheiden, nicht nur physisch sondern auch psychisch auf sich zu achten, sollten sie nicht stigmatisiert werden.

Die Techniker Krankenkasse hat eine Langzeitstudie von 2005 bis 2009 durchgeführt, in der bewiesen wurde, dass Menschen, die sich einer Therapie unterziehen leistungsfähiger und wirtschaftlich rentabler sind, als Leute die sich nicht behandeln lassen und an Depression, Angststörungen oder Burn-out ausfallen. Klingt hart, aber zeigt doch deutlich, dass in einer Leistungsgesellschaft wie unserer Psychotherapien keineswegs als etwas Unnormales oder Verwerfliches angesehen werden sollten.

Gina, ihres Zeichens Insta-Queen bei gini.eat.world, das erste Mal in Therapie mit 14

Gina: ©  Max Threlfall 

Warum gehst du zur Therapie?

Im Moment gehe ich tatsächlich nicht zur Therapie. In Berlin ist es leider sehr mühselig und aufwendig, eine*n Therapeut*in zu finden. Die meisten sind hoffnungslos überlaufen und haben sehr lange Wartelisten. Da ich aber merke, dass es bei so einer komplexen Problematik wirklich sinnvoll ist, regelmäßig mit jemandem zu sprechen, habe ich mich entschieden, mir doch wieder jemanden zu suchen und einige Therapeutinnen kontaktiert.

Der Grund, wieso ich überhaupt zur Therapie gehe, ist eine ziemlich lange und komplexe Historie aus verschiedenen Problematiken: Essstörung, Borderline Persönlichkeitsstörung und starke Depressionen – ein ziemlicher Berg, den ich zwar mittlerweile ganz gut im Griff habe, aber bei dem ich trotzdem immer wieder Hilfe brauche.

Was war die größte Hürde bevor du dich das erste Mal in Behandlung begeben hast?

Ich war 14 Jahre alt als ich das erste Mal in Therapie war. Das hat meine Mutter organisiert. Ich habe eigentlich nicht viel von dem Prozess vorher mitbekommen, ich musste dann einfach irgendwann hin. Dass ich danach immer wieder zu verschiedenen Therapeut*innen gegangen bin und in verschiedenen Kliniken und Krankenhäusern war, war dann an einigen Stellen schon fast Routine und nicht mehr so aufregend, wie man vielleicht meinen könnte.

Wie haben deine Bekannten, Freund*innen und Family reagiert?
Und wie dachtest du, würden sie reagieren?

Ich war ja noch in der Schule, und sehr jung. In der erweiterten Familie haben wir wenig darüber gesprochen. Meine Freundinnen wussten, dass ich zeitweise drei Mal in der Woche bei meiner Therapeutin war. Ein paar meiner Kumpels haben mich schon mal abgeholt nach der Therapie. Aber groß darüber gesprochen haben nicht.

Was bringt dir die Therapie?

Zuallererst hilft es zu wissen, dass es Menschen gibt, die sich auskennen mit dem, was mir mein Leben manchmal so schwer macht. Das sind zum Teil auch einfach Themen über die ich nicht mit meinen Freund*innen sprechen kann, weil das einfach ihre Kompetenzen übersteigt. Deine Freund*innen können dich unterstützen, aber ich bin der Meinung, dass es Themen gibt, die einfach in professionelle Hände gehören. Ich fühle mich also nicht so alleine damit. Und ich kann mich regelmäßig selbst überprüfen und habe irgendwo auch einen kontrollierenden Moment in meinem Leben. Ich wurde „gezwungen“ regelmäßig zu essen und musste es drin behalten, sowas habe ich vorher jahrelang alleine nicht geschafft.

Ich habe in den Therapien, die ich bis jetzt gemacht habe, viele Dinge gelernt auf die ich alleine niemals gekommen wäre. Besonders in der letzten Psychiatrie, wo ich war. Dort habe ich eine DBT gemacht – eine Therapie speziell für Patient*innen mit Borderline. Und das war das Hilfreichste, was ich bis jetzt gelernt habe. Da ging es sehr viel um Achtsamkeit. Ein Thema, das ja generell gerade viele Menschen beschäftigt.

Mit welchem Vorurteil rund um psychische Erkrankungen würdest du jetzt gerne aufräumen?

Erstens stört mich diese romantische Verklärung von psychischen Krankheiten, die vor allem auf Social Media und bei jungen Mädchen ganz hoch im Kurs steht. Alle haben plötzlich Anxiety oder Depressionen, malen blumige Bilder über Suizid oder posten halb verhungerte Frauenkörper, ohne überhaupt zu wissen, was das für jemanden bedeutet, der wirklich an diesen Krankheiten leidet.

Zweitens würde ich gerne mehr dazu beitragen, das ganze Thema psychischer Krankheiten in unserer Gesellschaft zu normalisieren. Und darüber aufklären, wie es von innen aussieht in so einer verdrehten Welt zu leben. Andere Menschen verstehen oft nicht, dass jemand mit Depressionen „nicht einfach mal machen“ kann. Dass da schon Zähne putzen teilweise eine riesige Überwindung ist. Dass man sich das nicht ausgesucht hat und dass vieles auch irgendwann eine Eigendynamik entwickelt – vor allem, wenn es um Sucht und Abhängigkeit geht. Man also „nicht einfach aufhören“ kann, zum Beispiel. Viele setzen all das mit Willensschwäche gleich, das macht mich traurig.

Und das Dritte, was mir sehr am Herzen liegt ist, dass ich mir wünsche, dass Menschen aufhören, verächtlich auf diejenigen herabzuschauen, die aufgrund ihrer psychischen Situation – oder aus welcher Situation auch immer – zum Beispiel in Schulden oder Wohnungslosigkeit geraten sind. Jede*r von uns hätte in so eine Situation geraten können. Manche sind vielleicht emotional und psychisch stabiler. Andere haben ein gutes Supportsystem und fallen weich, wenn sie mal stolpern. Haben Freund*innen, eine liebevolle Familie oder finanzielle Ressourcen. Einige Menschen haben das nicht. Das ist aber noch lange kein Grund, sich über sie zu stellen.

Vielen Dank für eure Offenheit und das Vertrauen. Let’s talk (more) about mental health! <3

Titelbild: © Noah Buscher