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Warum es okay ist, aus Klimaschutzgründen kein Kind zu bekommen

Neulich verfolgte ich eine dieser Online-Diskussion, die aktuell so schnell und bunt aus dem Boden sprießen, wie Löwenzahn, der schon schön ist. Aber auf einer Wiese auch irgendwann zu viel, wenn er da so alleine steht.

Es ging darum, ob man nun Kinder bekommen sollte oder nicht. In Zeiten wie diesen. Und mit „diesen“ meinen die Menschen Unterschiedliches, wie sich beim Verfolgen einer solchen Diskussion schnell herausfinden lässt. Eigentlich sagte ich mir, ich wolle nichts zu dieser Debatte beitragen. Das tun schon so viele. Teils recht polemisch. Teils fundiert, teils aus bloßem Trotz. Eine Diskussion, die ich deswegen gerne im Privaten führe, aber nicht befeuern wollte.

Ob man in „diesen“ Zeiten Kinder bekommen sollte, fragen sich zur Zeit viele – vor allem im Internet. © Discovering Film/unsplash.com

Doch ein bestimmter Satz, der stieß mir bitter auf. Und seitdem denke ich über ihn nach und möchte darauf antworten. Weil es anscheinend doch ein wenig Öffentlichkeit braucht bei diesem Thema. Kinder zu bekommen, ist längst kein privates Ereignis mehr. Kinder zeugen und in die Welt setzen, ist Politikum – von beiden Seiten. Von denen, die sagen, dass man Menschen nicht verbieten kann ihr Urmenschlichstes, die Fortpflanzung, aufzugeben. Und denen, die Kinder herunter reduzieren auf einen ökologischen Fußabdruck.

Ich glaube fest, dazwischen gibt es sehr viele Nuancen und viele verschiedene Herangehensweisen. Und doch bleibt dieser Kommentar in mir stecken wie ein Splitter, der entweder heraus eitert oder irgendwann zuwächst. Beides will ich nicht, deswegen schreibe ich darüber.

„Ich glaube nicht, dass es auch nur eine Frau gibt, die wirklich nur wegen des Klimawandels kein Kind bekommt.“

Boom, das sitzt. Eine Frau, die anderen Frauen ihre Legitimation und freie Entscheidung abspricht. Vermutlich sitzt der Splitter so tief, weil ich es als Angriff auf meine obersten feministischen Werte sehe. Dass zuallererst Frauen ganz für sich selbst entscheiden dürfen, was sie aus welchen Gründen tun. Und dass niemand ihnen das Recht absprechen darf sich genau so zu entscheiden, wie sie es tun.

Liebe Unbekannte, ich glaube sehr wohl, dass es Frauen (und Männer) gibt, die wirklich „nur“ wegen des Klimawandels kein Kind bekommen. Die Diskussion mag aufgebauscht und polemisch wirken, legitim ist sie allemal. Wir steuern mit unfassbarer Geschwindigkeit auf Kipppunkte zu, die, einmal erreicht, die Veränderung unseres Planeten nicht mehr aufhalten können. Wir wissen, sehr sicher, wissenschaftlich untermauert, dass der Klimawandel aktuell keine Frage mehr des Ob sondern des Wann ist. Wenn wir früher noch glaubten, unsere Generation wird es nicht mehr erwischen, aber eben unsere Kinder und Kindeskinder, dann war das in weiter Ferne. Wir sprachen diese Wahrheit aus ohne ihre Konsequenzen wirklich begreifen zu können. Heute, wo heftige Unwetter, Dürren und Eisschmelze bereits Teil unserer Welt sind, schauen wir viel eindeutiger auf das, was kommen wird. Die Klimakrise ist real.

Das Argument, dass wir nun Kinder in die Welt setzen, weil wir wollen, dass diese dann mit unserem schönen Öko-Gewissen alles richtiger machen als wir, ist hinfällig. Das gilt nicht mehr. Zum einen können wir gar nicht absehen, was aus unseren Kindern wird. Und, wenn wir Kinder bekommen, und ja, das sage ich als kinderlose Frau, sollten wir diese niemals übergriffig behandeln und davon ausgehen, dass sie unsere Werte teilen und Weltretter*innen werden. Wir können ihnen vorleben, was für uns Umwelt- und Klimaschutz, Welterhaltung bedeutet, doch wir können sie nicht zwingen dies auch umsetzen zu wollen.

Kinder und Jugendliche gehen derzeit auf die Straße, um auf das Versagen der älteren Generationen aufmerksam zu machen. © Bob Blob/unsplash.com

Und zweitens, und dieses Argument ist das wesentlich größere, haben wir, verdammt nochmal, keine Zeit! Wir werden keine Kinder mehr in diese Welt setzen, die die Erde retten. Das ist rein physikalisch einfach nicht mehr möglich. Wenn du also darüber nachdenkst, dass dein Nachwuchs die Erde retten wird, ist das ein schöner, ein tröstlicher Gedanke, aber es ist genauso Wunschdenken einer Generation, die gerade dabei ist zu versagen.

Greta Thunberg und all die anderen kämpfenden Klimaaktivist*innen sagen es immer wieder in aller Deutlichkeit: „Wir werden die Erde nicht retten. Die Erwachsenen müssen dies tun.“ Ein Kind in die Welt zu setzen, um diese Verantwortung abzugeben, ist nicht nur moralisch fraglich, sondern schlichtweg falsch und unmöglich. Sehen wir den Fakten ins Auge, für eine Weltrettung durch coole Kids ist es längst zu spät. Was die Kinder aktuell tun, ist, uns schmerzlich vor Augen zu führen, worin wir versagt haben. Und, noch viel wichtiger, was getan werden muss, damit wir doch noch eine Chance haben, diesen ganzen großen Berg an Problemen aufzuhalten.

Wir haben genau aus diesem Grund das Recht zu sagen, ich will keine Kinder bekommen, weil ich Angst vor dem Klimawandel habe. Denn eins ist sicher, unsere Kinder werden mit den Folgen und Konsequenzen in aller Deutlichkeit leben müssen. Wer aus diesem Wissen heraus eine Entscheidung für oder gegen ein Kind trifft, darf alle Gründe der Welt haben, dies zu tun. Dies bedarf keiner weiteren Bewertung und keines schäbigen Online-Kommentars.

Titelbild: © Paddy O Sullivan/unsplash.com