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Verena von Lovjoi: „Wir sollten unseren sozialen Wohlstand teilen.“

Dieser Beitrag erscheint in liebevoller Zusammenarbeit mit LOVJOI.

In unserer Gesellschaft gibt es verschiedene Menschen und Gruppen, denen eine besondere Verantwortung zuteil wird. Gerade Unternehmen, die als Teil unserer Gesellschaft oft großen Einfluss haben, vergessen dies oft. Dabei sind gerade sie es, die große Verantwortung tragen sollten. Egal, ob im sozialen Bereiche, in Umweltfragen oder in ihren Gemeinden. 

Lovjoi ist eines der Unternehmen, das von Anfang an seine Verantwortungen wahrgenommen hat und über die Jahre immer stärker darin gewachsen ist. Dabei ist Lovjoi nicht einfach nur ein Modelabel, sondern ein Unternehmen mit einer tiefen, sozialen Seele. Sie produzieren konsequent regional im schwäbischen Burgau, Nähe Ulm, bieten Geflüchteten einen Arbeitsplatz und stellen den Menschen als zentralen Wert ihres Unternehmens in den Mittelpunkt.

Wir haben mit Verena Paul, der Gründerin von Lovjoi, über soziale Verantwortung, den Platz in der Gesellschaft und die Entwicklung fairer Mode gesprochen

Was bedeutet für dich soziale Verantwortung?

Meine Fähigkeiten und alles, was ich habe, zum Wohlergehen anderer einzusetzen. Heute sprechen wir viel darüber, was wir als Verbraucher*innen tun können, um den Markt zu verändern. So ähnlich wie die Verantwortung, die wir als Konsument*innen tragen, tragen wir auch die Verantwortung unser Wissen, unsere Bildung und unseren sozialen Wohlstand zu teilen.

Als ihr das erste Mal mit eurer Nähmaschine und dem zugehörigen Schneider auf der Fashion Week wart, war ich schwer beeindruckt. Nicht nur, weil ihr die Arbeit hinter einem Kleidungsstück sichtbar macht, sondern eben auch, weil ihr zeigt, was es heißt soziale Verantwortung zu übernehmen.
Woher kommt dieser Wille wirklich etwas verändern zu wollen?

Meine Familie sagt immer, es läge mir im Blut Unternehmerin zu sein. Bereits meinen Urgroßvätern lagen die Menschen in ihren Unternehmen manchmal mehr am Herzen als die Unternehmung selbst. Ich liebe es alte Geschichten über ihre Menschlichkeit und Selbstlosigkeit zu hören und bewundere es, dass sie bei all dem Stress, den die Selbstständigkeit mit sich bringt nicht das Wesentliche aus den Augen verloren haben: die Menschen.

Ich finde es aber zu einfach nur von einer Gründer-DNA zu sprechen. In meinem Fall ist es wohl eine Mischung aus Erziehung zu Toleranz und Nächstenliebe und immer mit offenen Augen durch die Welt zu gehen. Wenn man das tut, fallen einem natürlich Missstände viel schneller auf und dann habe ich dieses unstillbare Verlangen diese Dinge zu verändern. From dreaming to doing: ich kann es einfach nicht lassen.

Warum sind auch Unternehmen gefragt gesellschaftliche Verantwortung zu übernehmen?

Unternehmen sind in der Lage eigene Systeme und Vorgaben zu schaffen und erfüllen zu können. Nur weil der Staat beispielsweise gewisse soziale Leistungen nicht erbringt, heißt das nicht, dass wir das als Unternehmen nicht leisten können. Vielmehr können Unternehmen als eigene gesellschaftliche Einheiten auch eigenen Visionen und Ansprüchen folgen, die über herkömmliche Standards hinausgehen. 

Verena hat mittlerweile die Verantwortung für 15 Mitarbeiter*innen.

Ist es schwer Geflüchteten einen Arbeitsplatz zu geben? 

Es ist vor allem dann schwer, wenn man sich nicht an die bürokratischen Vorgaben halten kann. Das ist leider in vielen Fällen so und fängt manchmal schon mit dem Vorstellungsgespräch an. Viele Geflüchtete sind wohnsitzgebunden und dürfen nicht ohne Erlaubnis das Flüchtlingsheim, die Stadt oder den Landkreis verlassen. Man muss sich als potenzielle*r zukünftige*r Arbeitgeber*in in viele Details sehr viel mehr reinknien und darf sich gerade von bürokratischen Hürden nicht aufhalten lassen. Es gibt meistens eine Lösung, die aber eben mehr Engagement und manchmal auch ein bisschen Mut vom Unternehmen erfordert.

Beschäftigen euch die Entwicklungen der Flüchtlingspolitik bei der Arbeit?

Erst heute haben wir über die Friedensentwicklungen in Afghanistan und Syrien gesprochen. Grund dafür war ausnahmsweise nicht ein syrischer Arbeitskollege oder deren Familienangehörige, sondern die Tatsache, dass der Ehemann einer deutschen Kollegin in den Auslandseinsatz der Bundeswehr nach Kabul geschickt werden soll. Sie haben eine zweijährige Tochter. Dieses Gespräch war wichtig, weil es uns die politischen und gesellschaftlichen Auswirkungen auch mal von einer anderen Seite aufgezeigt hat. Es werden nicht nur Familien auf der Flucht auseinandergerissen. Der Krieg betrifft uns alle.

Wie kann man sich sonst den Alltag eurer Arbeit im Atelier vorstellen? Wie läuft die interkulturelle Zusammenarbeit ab?

Meistens mit Händen und Füßen,  sehr viel Geduld und einer Extraportion Toleranz in alle Richtungen. Ich bin froh, dass im Team alle versuchen das Beste draus zu machen, auch wenn kulturelle und sprachliche Barrieren uns manchmal im Weg stehen. Es erfordert Kreativität eine Lösung für die Zusammenarbeit zu finden, wenn man verbal mal nicht weiterkommt. Dann wird gebastelt und getestet und am Ende eine Struktur gefunden, die jede*n abholt. Das kostet manchmal Zeit, die wir eigentlich nicht haben, aber dann erinnern wir uns wieder wofür Lovjoi steht und wofür wir angetreten sind. Und plötzlich geht es nicht mehr um einen neuen Style oder dessen Verarbeitung, sondern um die Menschen, die daran arbeiten.

Seid ihr bei euch im Ort auch mal auf Unverständnis oder Anfeindung gestoßen?

Die meisten Menschen in unserer Nachbarschaft halten Lovjoi für eine Bereicherung und haben uns mit offenen Armen empfangen. Aber natürlich gibt es auch Skepsis, die in der Regel von Unwissenheit und unbegründeter Angst kommt. Es ist uns dann eine Freude diesen Menschen mit besonders viel Freundlichkeit zu begegnen und ihnen zu beweisen, dass wir durchweg vorbildliche Mitarbeiter*innen beschäftigen, egal mit welcher Herkunft. 

Was möchtest du diesen Menschen entgegnen?

Dass ich mir vorstelle, wie es wohl wäre, wenn man unsere Kleinstadt in ein anderes Land evakuieren würde. Dann gäbe es unter uns Flüchtlingen auch jegliche Schicht und Verhaltensweisen. Die Vielfalt ist schon immer unter uns. Damit kann man sich sehr gut vor Augen führen, dass gutes Benehmen keine Frage der Nationalität ist.

Das gesamte Unternehmen samt Produktion, Büros und Atelier befindet sich in einem alten Architekturbüro.

Du hast mittlerweile die Verantwortung für 15 Mitarbeiter*innen. Wie gehst du damit als junge Frau um? Welche Tipps hast du um bei schnellem Unternehmenswachstum einen kühlen Kopf zu bewahren?

Das einzige Rezept ist sich auf die Dinge, die einem abverlangt werden, voll und ganz einzulassen. Einen inneren Kampf zu führen macht unglücklich und hilft dem Team nicht weiter. Offen über die Verantwortung und Probleme zu sprechen dagegen schon.

Wenn du gesellschaftlich jetzt sofort etwas ändern könntest, was wäre das?

Dass Frauen die theoretische Gleichberechtigung auch praktisch leben.

Ihr stellt Kleidungsstücke nicht auf Vorrat her, sondern fertigt je nach Order. Ist das nicht wahnsinnig arbeitsintensiv?

Ob ein Teil auf Lager produziert wird, oder zum direkten Verkauf, macht im Arbeitsaufwand keinen Unterschied. Viel schlimmer finde ich es, wenn Teile produziert und nie getragen werden. Dann ist die Arbeit und der Wert, der darin steckt, überflüssig, verbraucht Ressourcen und schadet der Umwelt. Trotzdem erfordert unser Modell natürlich höchste Flexibilität von uns und wahnsinnig gut optimierte Abläufe.

Die neuste Kollektion von Lovjoi, entstanden im schwäbischen Burgau.

Außerdem seid ihr konsequent regional und dabei super transparent. Gibt es manchmal auch Hürden, wo ihr an euren eigenen Standards scheitert?

Wir sind in den letzten Monaten tief in die Materie von BH-Schalen eingestiegen und haben dabei mit Erschrecken festgestellt, wie wenig in dieser Branche in den letzten Jahrzehnten geforscht wurde. Unsere Standards lagen viel höher als das, was auf dem Markt verfügbar war. Davon lassen wir uns aber nicht aufhalten. Wir haben gelernt uns nicht für den einfachsten, sondern den nachhaltigsten Weg zu entscheiden und den ziehen wir durch, ohne Kompromisse.

Oftmals scheitert Nachhaltigkeit am Realitätscheck. Könnte die Modeindustrie überhaupt für alle funktionieren, wenn alle Unternehmen wie Lovjoi fair, nachhaltig und regional arbeiten würden?

Wir wollen kein Einhorn sein, sondern die Welt verändern. Wenn wir nicht an eine nachhaltigere Wirtschaftsform glauben würden, hätten wir schon längst aufgegeben. Allerdings gehört die/der Verbraucher*in mit in die Gleichung einbezogen. Denen gilt es, ein so angenehmes und vielfältiges Angebot wie möglich zu bieten, damit nachhaltige Mode wirklich eine Alternative zur konventionellen Modeindustrie sein kann.

Über was würdet ihr gerne mehr in der nachhaltigen Modebranche sprechen? Über was sollten wir 2019 reden?

Stil ist Ausdruck unserer Persönlichkeit. Man zieht sich an wie man sich morgens fühlt – am besten von der Unterwäsche bis zur Handtasche je nach Stimmung. Der Markt ist da noch lange nicht gesättigt und  je eher nachhaltige Labels und Stores aufhören allen gefallen zu wollen, sondern mehr den Stil ihrer Kund*in verstehen und umsetzen, desto besser werden wir es mit der bisherigen Modeindustrie aufnehmen können.

Was wünscht du dir für Frauen 2019?

Sich weiblich und stark zu fühlen und Gleichberechtigung in jedem Bereich einzufordern.

Liebe Verena, vielen Dank für das spannende Gespräch und die tolle Arbeit, die ihr mit Lovjoi leistet. 

Den Online-Shop von Lovjoi findet ihr hier, oder folgt ihnen auf Instagram und Facebook.