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Romy Straßenburg: „Für mich bedeutet Freiheit, eine freie Gesellschaft zu sein.“

Romy Straßenburg ist Journalistin und Autorin und lebt seit mehr als zehn Jahren in Frankreich. Dank ihrer Arbeit erhielt sie die letzten Jahre zahlreiche intensive Einblicke in die französische Gesellschaft und deren Veränderung. Mit recht verklärtem Blick kam sie damals nach Frankreich, um dem Savoir-vivre zu frönen, doch schnell bemerkte Romy, dass es dieses so gar nicht gibt. Nach und nach brach das Bild des freien Frankreichs und wurde ersetzt durch die Realität, wie sie heute in Frankreich, aber eben nicht nur dort, existiert. 

Romy arbeitet als Korrespondentin für TV-Produktionen sowie Print- und Online-Journalismus und landete irgendwann bei der deutschen Ausgabe von Charlie Hebdo – der französischen Satirezeitschrift, die 2015 von einem Terrorangriff heimgesucht wurde, bei dem zwölf Menschen starben. 

Mit „Adiéu Liberté – Wie mein Frankreich verschwand“ verarbeitet Romy diese Eindrücke der letzten Jahre und zeichnet das spannende Bild eines Landes, das sich über die Zeit stark verändert hat. Schnell zeigt sich jedoch auch, dass es hierbei nicht nur um Frankreich geht, sondern generell um das Europa, in dem wir leben wollen. Was macht die Stärke Europas aus? Und warum ist es alarmierend, dass sich unsere Gesellschaften verändern? 

Wir haben mit Romy Straßenburg über diese Fragen und ihre eigene Entwicklung gesprochen und sind dabei einigen Antworten, aber auch neuen Fragen näher gekommen. Denn „Adiéu Liberté“ ist kein Buch über Frankreich. Es ist ein Buch über unsere Zeit und wie wir diese gestalten können. 

Die Autorin und in Frankreich lebende Journalistin Romy Straßenburg

Romy, wie ist dein Werdegang? Woher kommt diese deutsch-französische Connection?

Romy: Eigentlich hat nichts dafür gesprochen, dass ich irgendwas mit Frankreich anstelle. Meine Eltern sprechen die Sprache nicht. Wir kommen aus dem Osten und waren nie in Frankreich. In der Schule mochte ich es dann aber sehr. Ich fand diese Schwere, die alle hassten, cool. Ich mochte die Literatur, das Feingeistige, die Ästhetik, das Stilvolle, dieses Lebendige – ein bisschen das Gegenbild zum Deutschen. 

Also kam die Faszination aus einer Bewunderung heraus?

Ich hatte ein sehr verklärtes Bild. Paris als diese inspirierende, kreative Stadt. Dennoch habe ich mich selbst nie als Künstlerin oder Schriftstellerin begriffen. Das kam erst später. Ich wollte seit Schulzeiten Journalismus machen. Ich habe immer geschrieben, an Schreibwettbewerben teilgenommen. Ich hatte diese schöne Vorstellung mit einem Moleskine-Heft um die Welt zu ziehen. Dank der vorhandenen Strukturen kommt man schnell in dieses deutsch-französische Ding rein. Ich bin dann ein halbes Jahr zu einer Zeitung nach Frankreich gegangen, um zu schauen, ob ich das wirklich machen will. Ich habe dort Leute getroffen, die mich darin bestärkt haben. Ich wollte ursprünglich für ein Jahr in Paris leben und hätte nicht damit gerechnet, dass dies zu meiner Heimat wird.

Für deine Eltern ist das sicher eine ganz andere Welt.

Ja klar, wenn du aus dem Osten kommst, deine Tochter in Paris lebt, dein Sohn in Luxemburg. Du hättest in den Achtziger Jahren niemals gedacht, dass es mal so sein kann.

Du bist nun bereits seit zehn Jahren in Frankreich und hast viel von der deutschen und der französischen Medienlandschaft mitbekommen. Kannst du uns erzählen, welche Unterschiede es in den Dynamiken gibt?

In Frankreich gibt es sehr geschlossene Kreise. Ich habe den Eindruck, dass in Deutschland alles etwas transparenter ist – zum Beispiel durch die Bundespressekonferenz. In Frankreich kommst du anders an Informationen. Die Freundschaft zwischen Journalist*innen und Politiker*innen, die Rolle, die Journalist*innen haben, das ist alles sehr elitär. Es gibt abgegrenzte Kreise, in die man nicht einfach so reinkommt. Charlie Hebdo ist schon per se ein Außenseiter-Blatt. Die Leute dahinter sind zwar auch Journalist*innen, aber in erster Linie Zeichner*innen. Für mich war es dennoch eine mega Chance da reinzukommen. Als Korrespondent*in bleibst du sonst immer in deiner deutschen Redaktion und schaust vorrangig, was Deutschland interessiert.

Welche Rolle spielen Onlinemedien in Frankreich?

Es gibt bestimmte Medien, die in den letzten 20 Jahren online entstanden sind, die Skandalaufdeckungen machen. Also investigativen Journalismus, wie wir es vom Spiegel kennen. Man kann es ganz gut an dem Präsidentschaftswahlkampf festmachen. Fillon (Les Républicains), der konservative Gegner von Macron, wurde eigentlich aus dem Rennen geworfen, weil aufgedeckt wurde, dass er seiner Familie Posten gegeben hatte, ohne dass sie dafür arbeiteten. Die Affäre um den Leibwächter von Macron wurde in der Le Monde aufgedeckt. In einer Welt, in der nicht alles transparent ist und nicht alle Journalist*innen den gleichen Zugang bekommen, nicht alle eingeladen werden, entstehen natürlich auch andere Geschichten. So werden Skandale aufgedeckt und auch alte Rechnungen beglichen.

Wie äußert sich das in den sozialen Medien?

Man hat es jetzt wieder bei la ligue du LOL („LOL-Liga“) gesehen. Das ist eine Gruppe von Journalisten in meinem Alter, vielleicht etwas jünger. Durchgängig weiß, Journalistenschule. Das waren die, die mit Twitter angefangen haben. Um sich einen Spaß draus zu machen, haben sie andere Blogger*innen gebasht. Vor allem Frauen. Haben Fake-Sachen gemacht, bei ihnen angerufen und Dinge inszeniert. Das dann aufgenommen und es veröffentlicht. Das zeigt auch, dass sich diese Kaste der Journalist*innen selbst reproduziert. Und das sind auch Leute, die teilweise feministische Artikel geschrieben haben. Die sind Anfang 30, Twitter-Pioniere. Das sind nicht irgendwelche Prolls. Das sind die Hipster, die ihren Humor in ihrer Jungs-Clique zelebrieren.

Ist das nicht aber auch ein elitäres Problem?

Das bleibt zwar in einer Bubble, aber stell dir vor, es würde sich eine Clique mit Leuten vom Spiegel, von der Süddeutschen und so weiter zusammentun, und würde sagen, Romy und Jana bashen wir jetzt. Sie würden sich gegenseitig Links und Fotos schicken, wo unsere Köpfe auf irgendwas montiert werden und uns denunzieren. Da kommt man schon ins Zweifeln. Das zeigt einmal mehr, dass in Frankreich viele Dinge nicht hinterfragt werden, vor allem, wenn es um solche abgegrenzten Kreise geht.

Sprechen wir mal konkret über dein Buch. Der Untertitel suggeriert ja sofort, dass sich etwas verändert haben muss. Was war dein Frankreich?

Es gab anfänglich eben diesen Satz aus der Gauloises-Werbung: Liberté toujours („Freiheit immer“) Mein Frankreich hatte ich immer als freier als Deutschland empfunden. Weniger eng. Ich habe immer gedacht, dass es weniger um Etikette geht. Als Jugendliche grenzt man sich ja auch von den Eltern ab. Man projiziert dann natürlich auch Dinge darauf. Ich hatte die Idee von Savoir-vivre. Ich dachte, mein Frankreich ist nicht so verstaubt wie Deutschland. Es gibt eine andere Lebensqualität. Natürlich ist mir relativ schnell aufgefallen, dass dies ein Klischee ist, was so nicht existiert.

Obwohl in jedem Klischee ja auch immer etwas Wahrheit steckt.

Trotz der Desillusionierung war es anders als Deutschland, ja. Ich habe es genossen alles zu entdecken. Mein Job ermöglicht es auch wirklich hinter die Kulissen zu schauen. Einmal war die Queen in Paris und ich habe darüber berichtet. Ich war tierisch genervt, weil ich da ewig stand, um in den Champs-Élysées reinzukommen. Da standen zwei ältere Frauen, ganz fein angezogen im Kostümchen und wollten einen Blick erhaschen. Und neben mir sagten sie: „Stell dir vor du bist Journalistin und kommst da rein.“ Manchmal vergisst man das in seiner Routine. Für andere ist das der absolute Traum.

Und wann ging es los, dass du gemerkt hast, dass sich etwas in Frankreich verändert?

Die Desillusionierung hatte da bereits stattgefunden. Ich merkte schon, mein Frankreich existiert nicht. Aber das wirkliche Verschwinden kam durch die veränderte Sicherheitslage. Auch während Sarkozy war einiges los. Da habe ich bei einer Berichterstattung auch mal eine Eisenstange auf den Kopf bekommen. Ich merkte, es ist kein Spaß mehr, wir philosophieren hier nicht fröhlich über Politik, sondern es gibt es hier echt Leute, die sich abgehängt fühlen, die nicht das Gefühl haben an der Gesellschaft teilzunehmen. Und die das, völlig zu Recht, als extrem ungerecht empfinden, wie einige in ihren elitären Kreisen leben und wie sie selbst leben und Politik für sie gemacht wird.

Diese Menschen wählen dann wahlweise Le Pen oder extrem links. Ich wusste, dass das eine schwierige Zeit ist, aber nicht, dass es so schwer wird. Das Unschuldsgefühl war weg, die Gelassenheit. Das hängt natürlich auch mit dem Alter zusammen, mit welchen Problemen und Lebensrealitäten man konfrontiert ist. Klar bist du mit Mitte 30 anders frei als mit Mitte 20. Das Land hat sich aber verändert durch die Bedrohung von Terrorismus, durch die Wahlerfolge von Le Pen. Es ist alles härter und misstrauischer untereinander geworden. Man vermutet immer irgendwas Schlimmes. Vielleicht auch Missgunst und Neid. Es ist einfach eine Gesellschaft, die viel weniger frei ist als ich dachte. Umso mehr nach den Anschlägen. Es hat sich angefühlt wie in einem Krisengebiet. Wenn du herumgelaufen bist, hast du überall auf den Straßen Soldaten gesehen.

Bei mir war es noch mal besonders hart durch Charlie Hebdo. Wenn das nicht gewesen wäre, wäre es mir auch nicht so aufgefallen. So hatte ich die Soldaten mit Maschinengewehren jeden Tag vor Augen. Es war komisch, dass man bei einer Zeitung arbeitet und einfach nur auf Papier gedruckte Zeichnung und Text macht, aber dafür müssen nun Leute da sein, die mit Waffen neben dir stehen, damit du das machen kannst. Das ist schon absurd. Da ist nichts mehr mit Liberté toujours.

Nach den Anschlägen 2015 veränderte sich Frankreich, laut Romy, nochmals massiv. © ev/unsplash.com

Was bedeutet für dich Freiheit?

Aus Ostdeutschland kommend, bedeutet Freiheit für mich frei seinen Lebensort zu wählen. Meine Eltern konnten das nicht einfach so machen. Die durften nicht einfach in die USA. Insofern sehe ich mit Europa verbunden den Freiheitsbegriff auch als Freizügigkeit im Sinne von Personenfreizügigkeit. Es ist genial, dass sich in Europa Freiräume ergeben. Du telefonierst von überall aus, hast überall Internet. Keine Roaminggebühren. Ich bin jemand, der sehr von den Errungenschaften der EU profitiert.

Freiheit ist für Franzosen*Französinnen ein solch großer Begriff. Kannst du sagen, was diesen Freiheitsbegriff für Frankreich ausmacht?

Für mich bedeutet Freiheit, eine freie Gesellschaft zu sein. Der Freiheitsbegriff der Franzosen*Französinnen ist eher idealistischer. Es bedeutet seine Lebensform wählen zu können. Es geht auch um das historische Erbe. In Deutschland ist man da in vielerlei Hinsicht befangener. In Frankreich ist die Freiheit Teil der DNA und zeigt, wie man die eigene Rolle in der Welt begreift. Die Revolution hat die Verfassung als Vorbild für viele Länder mit sich gebracht. In dieser Verfassung ist Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit besiegelt. Das sind große Begriffe, für die Frankreich steht – mit seinen Philosophen, den Literaten.

Werden diese Werte so gelebt?

Wenn man länger in Frankreich lebt, stellt man fest, mit der Brüderlichkeit ist es nicht mehr so weit hergeholt. Wenn meine Brüder auch in der Banlieue (Anm. d. Red.: Vorstädte oder Randgebiete der Großstädte) wohnen, frage ich mich, wie kann es sein, dass die in solchen Verhältnissen leben, wo sich Journalist*innen teilweise schon gar nicht mehr hin trauen. Wenn du siehst, welche Privilegien bestimmte Leute haben und wie sie auch vom Gesetz behandelt werden, existiert Gleichheit nicht. Wenn man nach Calais schaut, wie die Geflüchteten dort behandelt wurden, dann kann man nicht davon ausgehen, dass alle gleich behandelt werden. Schau dir #metoo an, wie Frauen anders behandelt werden. Es gibt keine Brüderlichkeit, es gibt keine Gleichheit. Und Freiheit wäre zum Beispiel, die individuelle Freiheit mir auszusuchen, wie ich mein Leben gestalte. Dazu hast du auch nicht mehr die Möglichkeit, in dem Moment, wo du Zwänge hast oder zum Beispiel das Gefühl, du wirst nicht mehr gebraucht. Freiheit kann ich nur haben, wenn ich Optionen habe. In dem Moment, wo meine Optionen immer geringer werden, stirbt die Freiheit. Zum Thema Gelbwesten: Wo sind die frei? Da fährt kein Bus in die nächste Stadt, um dort arbeiten zu können. Du kannst keine Umschulung machen und einfach Werbegrafiker*in werden, wenn du deinen Job verlierst.

Wenn man weiß, wie sich die gesellschaftliche Situation in den letzten Jahren entwickelt hat, ist das aber auch nicht so überraschend, oder?

Mit Revolte und Protest haben wir schon gerechnet. Gerade mit einem heißen Herbst bei den Reformen von Macron. Aber die Demonstrationen sind traditionell links geprägt. Und es gibt immer eine gewisse intellektuelle Komponente, wie im Mai 1968. Der Widerstand kam in den letzten Jahren immer eher aus dem urbanen, linken, intellektuellen Milieu. Die Gelbwesten kommen auch nicht wirklich aus der Arbeiterklasse. Es sind eher Geringverdienende, die nicht unbedingt gewerkschaftlich organisiert sind, da viele zum Beispiel aus dem Dienstleistungssektor kommen. Bei den Gelbwesten war die Mehrzahl der Leute noch nie auf einer Demo. Es ist auch krass, was sie für einen Eindruck von Demos haben müssen. Bei den Gelbwesten geht es richtig ab. Wenn du in dem Tränengas stehst, denkst du dir auch: „Krass, das ist jetzt demokratische Partizipation?“ Man hat sofort das Gefühl der Bedrohung. 

Da merkt man aber auch, wie viel Wut bei den Gelbwesten frei wird. Und dass sich das auch physisch entlädt.

Wenn man dabei ist, spürt man das richtig. Das ist auch etwas, was Édouard Louis und andere, die das analysieren, sagen.  Die soziale Gewalt, die sie als solche empfinden, also die Ungleichheit, das Abgehängtsein, das übt sich quasi auch auf ihre Körper aus. Die Menschen aus diesem Geringverdiener-Milieu haben eine viel geringere Lebenserwartung und häufig mit Krankheiten zu tun, die oft damit zusammenhängen, dass sie bei der Arbeit so repetitive Sachen machen mussten. Sie haben mitunter ihre Gesundheit für den Job aufs Spiel gesetzt. Die Gewalt, die sie selbst erfahren haben, schlägt jetzt zurück. Sie beantworten es selbst, indem sie zum Äußersten greifen und gewalttätig werden.

Gelbwesten-Proteste in Paris auf dem Champs-Élysée März 2019 – © Adrien Prv/unsplash.com

Siehst du in dieser Bewegung dennoch Chancen?

Ich sehe das kulturelle Missverständnis. Mein Milieu, dieses urbane Bobo-Milieu (Anm. d. Red.: Bourgeois Boheme), kann sich nicht unbedingt mit den Gelbwesten identifizieren. Das sind andere kulturelle Backgrounds und es gibt keine Solidarisierung. Man hat oft gedacht, dass die Leute, die einfach arbeiten und in der Provinz leben, nur konsumieren, Fernsehen gucken und nichts hinterfragen. Es wurde aber unterschätzt, dass mit den heutigen Sendeformaten und den sozialen Medien die Leute ständig sehen, wie sie nicht leben. Früher gab es genauso soziale Ungerechtigkeiten, aber die Leute hatten es nicht ständig vor Augen. Wenn ich mich aber den ganzen Tag zuballere mit Sendungen und Informationen, die mir immer zeigen, was ich nicht habe, dann würde ich mich auch irgendwann mal fragen, warum ist das so?

Es wird gesagt, dein Buch spiegele unsere Generation wider. In der Gelbwesten-Bewegung gibt es aber auch Leute wie Ingrid Levavasseur, die genauso alt ist wie ich. Sie ist unsere Generation und dennoch an vorderster Front dieser Bewegung dabei. Woher kommt diese Ungleichheit selbst in unserer Generation?

Es war nicht meine Absicht, meine Generation zu porträtieren. Erst mit der Idee von der Party zu erzählen, kam das. Pierre, der vom IS entführt wurde, spricht dort mit Leuten, die das Attentat von Charlie Hebdo überlebt haben. Wie krass ist das denn? Das sind alles Sachen, die später in den Geschichtsbüchern stehen werden. Aber nicht alle Freund*innen sind politisch geprägt. Bei manchen drehen sich die Gespräche eher um die eigenen Kinder. Mit Mitte 30 bist du in diesem Sandwich. Du bist nicht mehr ganz naiv, hast deine ersten Berufsjahre hinter dir, fragst dich vielleicht, ob du dabei bleiben willst oder noch was anderes machst. Du bist vielleicht auch nicht mehr bereit 200 Prozent zu geben und ständig zu arbeiten. Du hast vielleicht Kinder, Familie. Das ist ein krasser Zeitraum. So kam die Idee auf, es als einen Generationen-Roman zu schreiben. Aber ich dachte auch, dass das so nicht stimmt. Wie du sagst, Ingrid ist Anfang 30 und ist nicht das Milieu, das ich kenne und beschreibe. Da muss man auch mal auf dem Teppich bleiben und sich eingestehen, dass ich eine ganz eingeschränkte Weltsicht habe. Ich versuche das im Buch selbstkritisch zu hinterfragen und selbst anzuprangern, dass wir nur sehr ausschnitthaft unsere Generation abbilden.

Wo wir wieder bei der Bubble wären.

Natürlich sage ich „mein Käsehändler“. Natürlich habe ich nicht Tausend muslimische Freund*innen in meinem Freund*innenkreis. Natürlich habe ich nicht wirklich Geringverdienende – außer Leute, die vielleicht gerade ein Buch schreiben oder einen Film machen. Aber das ist ein Luxus, den sie sich selbst ausgesucht haben. Sie könnten einen anderen Job machen. Deswegen kann eine Generation nicht aus einem Merkmal bestehen, das sie vereint. Bei den Gelbwesten suchen jetzt auch alle nach der einen Sache.

Wir sind eben eine viel heterogenere Gesellschaft, als wir uns oft eingestehen wollen.

Letztes Jahr im Januar gab es Videos, die im Internet kursiert sind. Von Supermärkten in Nordfrankreich, in denen es Nutella-Promo-Aktionen gab. Ein großes Glas, was sonst 8 Euro kostet, gab es für die Hälfte. Die Leute haben sich da drauf gestürzt, die haben sich darum gekloppt. Und im Internet dachte man, haha, wie lustig, viraler Hit. Dann hat sich Le Monde noch mal die Mühe gemacht und mit den Leuten geredet. Die haben echt gesagt, das Nutella für ihre Kinder ein Luxusprodukt ist. Das gibt es einfach nicht jeden Monat. Wenn sie davon jetzt fünf Gläser kaufen, sind das 30 Euro. Das ist für diese Menschen viel Geld – ein Pullover oder ein paar Schuhe. Wir machen uns über Menschen lustig, die bei Primark einkaufen gehen, haben Sprichwörter wie „Wer billig kauft, kauft doppelt.“ Aber es gibt eben auch Leute, die können sich die Bluse oder den Friseur nicht leisten. Da muss ich auch zugeben, wir, die in den Medien arbeiten, sind meist keine Arbeiterkinder, sondern studiert. Diese Lebensrealität ist vielen, gerade in Paris, oft nicht bewusst.

Wir haben zwar eine sehr heterogene Gesellschaft, bewegen uns aber in sehr homogenen Blasen. Hast du eine Idee, wie wir das überwinden können?

Man kann da eine schöne Analogie zur DDR machen. In der DDR war es auch so, dass Jobs gebildet wurden, die nicht gebraucht wurden. Es gab keine Arbeitslosigkeit, also mussten Jobs erfunden werden. Der Frust, der da entstand, bestand vor allem aus dem Gefühl nicht gebraucht zu werden. Das ist ein furchtbares Gefühl für Menschen. Bei einem Gespräch mit Gauck habe ich ihm das auch gesagt. „Wissen Sie, dass meine Generation immer das Gefühl hat ein Problem zu sein?“ Du bist zu viel auf dem Arbeitsmarkt. Du bist zu viel im Krankenversicherungssystem. Du bist jetzt hier, aber eigentlich ist kein Platz für dich. Oder nur für ganz Wenige, die geile Start-ups gründen oder Ingenieur*innen sind oder Exportteilchen für Rüstungsexport machen und so mitmischen. Oder du bist Servicekraft und ermöglichst damit einem Finanzheini, dass er sein Hotelzimmer sauber betritt. Das ist einfach ein ganz gefährliches Ding in der Gesellschaft, wenn viele Teile einer Alterskohorte das Gefühl haben, dass sie nicht gebraucht werden. Und sich als lästig empfinden. Dann gibt es nur zwei Möglichkeiten. Entweder gehst du raus aus dieser Gesellschaft oder du strampelst so lange bis du doch irgendwie wieder gebraucht wirst. Oder du wirst abgehängt. Dann hältst du entweder den Mund und wirst immer frustrierter oder es implodiert. Ich habe Angst, dass das, was gerade in Frankreich passiert, in ganz Europa passiert. Selbst in Skandinavien und in Ländern, die immer so hochgehalten werden, sieht es längst nicht mehr so gut aus.

Klar, man weiß ja auch, dass es mittlerweile selbst dort ausgeprägte, rechte Bewegungen gibt.

Natürlich und das ist furchtbar. Dieser Traum, dass alles freier, heller und euphorischer wird, der existiert nicht. Ich will nicht in die Glaskugel gucken, aber ich glaube, dass jetzt vielleicht ein Bewusstsein kommt, dass es so nicht weitergeht. Und die Gelbwesten haben insofern recht, dass, in dem Moment, wo sie Rabatz gemacht haben und in den Nobelgegenden die Autos gebrannt haben, sich was bewegt hat. Klar kommst du schnell zu dem Schluss, dass „denen oben“ erst Angst und Bange werden muss ehe sich etwas bewegt. Soziale Gerechtigkeit in der Welt ist ein brennendes Thema. Fünf Prozent der Welt besitzen 50 Prozent des Reichtums der Welt. Da kann man wirklich fragen, was soll das? Nur fünf Prozent der Weltbevölkerung fliegen überhaupt. Dabei frustriert es mich manchmal, dass ich mich zu Fragen wie den Gelbwesten so zögerlich äußere und sehr abwäge. Aber wir sind eben auch nicht mehr in dem 68er-Modus zwischen links, rechts – gut, böse.

Und manchmal ist es ja auch ganz gut etwas abzuwägen.

Klar, man entscheidet von Fall zu Fall. Und dennoch wünschte ich mir, dass wir manchmal einfach radikaler wären.

Das wird jetzt auch öfter heraufbeschworen. Gerade die Grünen fordern immer häufiger, wir müssen radikaler werden.

Das ist bei denen auch schwierig, weil die viel opportuner und angepasster geworden sind und von ihren radikalen Positionen immer weiter abgewichen sind.

Kann die Idee von Europa, die immer noch groß ist, nicht auch ein Lösungsansatz sein, um Freiheit zu leben? Was kann Europa leisten?

Wenn ich von sozialer Gerechtigkeit rede, dann meine ich Schutz vor den Auswirkungen der Globalisierung. Diese Flexibilität, die von Leuten gefordert ist, ist leicht zu fordern von Akademiker*innen, von urbanen, kosmopolitischen, mehrsprachigen, jungen Leuten. Diese Haltung kannst du von abgehängten Leuten nicht erwarten. Wenn die Industrie in ihrer Region immer weniger wird und das Werk vor Ort zugemacht wird, dann kommt auch nichts anderes mehr. Da gibt es keine Alternativen. Und der*diejenige kann nicht einfach in ein anderes Land gehen. Das ist Hohn den Leuten zu sagen, „wenn du nur flexibel genug wärst“. Es hat auch nicht jede*r die Talente und die Bildung genossen, um bestimmte Dinge tun zu können.

Wenn da ein Land versagt, wäre es natürlich auch an Europa den Leuten dieses Gefühl des Gebrauchtseins zu geben. Ich stelle mir das so vor: die Gelbweste ist jemand, der echt ganz schön zurückgezogen war. Der vielleicht verzweifelt war, sich geschämt hat. Der keine Arbeit hatte oder nur einen sehr geringen Lohn. Der*die gucken musste, wie er*sie es macht mit den Weihnachtsgeschenken für die Kinder, sich keine Autoreparatur leisten konnte. Jetzt kommt diese Gelbwesten-Bewegung und der*diejenige sieht andere Leute, denen es genauso geht. Und man steht zusammen in diesem Kreisverkehr. Jemand holt Croissants, der*die nächste macht den Kaffee, der*die andere baut eine Hütte und organisiert über Facebook die Gruppe. Da ist ein Spirit, ein Zusammenhalt, eine Solidarität, die völlig abhandengekommen ist, weil unsere Gesellschaft denen diese gar nicht mehr bietet. Jetzt ist die Frage, schafft es Frankreich, und da kommt Europa ins Spiel, ihnen dieses Gefühl auf irgendeine andere Art und Weise, das sie jetzt bei den Gelbwesten bekommen haben, zurückzugeben. Das kostet natürlich Geld, auf das andere verzichten müssen. Um so etwas zu machen, kann ich nicht die Vermögenssteuer abschaffen. Das ist dämlich. Macron hat nie verstanden, dass da unten was gärt und wenn er die Leute nicht mitzieht und Alternativen schafft, dann wird es schlecht.

Wie äußert sich das?

Es gibt wirklich sehr triste Orte in Frankreich. Und dann gibt es dort ein Projekt, das zum Beispiel Leute, die arbeitslos sind in den Beruf zurückholen soll. Fehlen der Kommune die nötigen 3000 Euro, müssen sie das Projekt schließen. Dann hocken da wieder zehn Leute frustriert zuhause. Im schlimmsten Fall kommt noch Alkohol dazu, sie sterben früher und so weiter. Man weiß doch, wie sich das in der Arbeiterbewegung umschlägt. Das ist geschichtlich doch schon passiert. Ich kann meinen Körper als lebende Ansage verwenden. Dadurch wird es auch sehr körperlich. Wohin mit mir? Okay, auf die Straße.

Ich weiß nicht, wie man da hinkommen konnte, solch eine Ungleichheit entstehen zu lassen. Das darf nicht sein in einer aufgeklärten Gesellschaft. Nicht in einem Land, das sich Menschenrechte auf die Fahnen schreibt. Da muss ich echt nicht so etwas sehen, wie in Calais, wo die Leute im Schlamm auf dem Boden hocken und kleine Kinder in Krankenlagern rumliegen. Und dann gehst du in den Élysée-Palast oder in irgendein schickes Café und zahlst 12 Euro für einen kleinen Espresso. 

Siehst du es als Aufgabe von Europa, dass man sich jetzt länderübergreifend zusammenschließt und solche Missstände bekämpft?

Ja klar, das ist eine Aufgabe von uns. Meine sehr linken Freund*innen hätten ja am liebsten alle den Brexit für jedes Land, weil sie die EU als sehr neoliberal wahrnehmen. Ich habe sie für mich anders kennengelernt. Ich habe sie als Instrument empfunden, das mich gefördert hat und mir Einblicke gewährt hat, mein Demokratieverständnis geprägt hat. In jeder Pampa hast du gesehen, welche Straßen mithilfe der Europäischen Union gebaut wurden – all diese Strukturen. Aber natürlich sehe ich auch Leute, die sich nicht mehr bewegen, wenn sie erstmal ihren Posten haben. Und natürlich geht es da auch um Verteilungsgerechtigkeit und andere Themen. Klar hat die EU auch Zwänge mit sich gebracht – zum Beispiel den Budgetzwang, das Verschuldungssystem. Am Anfang mussten einige Länder nur zahlen. Streicht diese Schulden doch weg. Wir haben uns mit diesem Regelwerk ein bisschen zur Geisel gemacht. Man bekommt es praktisch nicht hin die Lebensverhältnisse schneller anzugleichen. Aber man sieht auch, wie gerne andere Länder in die EU wollen und wie viel es auch einigen bringt und Dynamiken in Ländern verändert. Aber es ist in einigen Aspekten eben schlecht gemacht und dann auch schlecht erzählt. Aber wer hat auch Lust auf Europareportagen?

Es erschreckt mich, wenn Leute fordern, uns auf unsere eigenen Nationen zu besinnen. Es wird immer Sesselpupser*innen geben, aber das hat doch nichts mit der EU zu tun, sondern ist menschengemacht.

Es gibt eben verschiedene Ansätze. Zum einen die Föderalist*innen, die Europa gerne als einen Staat hätten. Zum anderen auch Linke, die sagen, du musst alles ganz autark bauen und auf den kleinsten Nenner runter brechen und die Entscheidungen ganz klein treffen – zum Beispiel im Stadtviertel. In Brüssel werden viele ganz kleine Dinge entschieden, die vielleicht lächerlich wirken, aber das ist es oft nicht.

Das Plastikstrohhalmverbot für ganz Europa wäre zum Beispiel in den USA global niemals möglich. Das mag vielleicht klein erscheinen, aber es tut sich was. Für Menschen in anderen Gesellschaften ist so etwas ein mega Erfolg. Wir leben hier Toleranz. Wir akzeptieren auch, dass andere anders sind. Das ist ein Verteidigungswert, den wir hier in Europa haben. Auch in der Praxis. Ja, es ist unsexy und langsam, aber es ist trotzdem geil.

Warum ist es wichtig als Frau zur Europawahl zu gehen?

Es ist egal, ob Europa- oder Landespolitik, es ist immer wichtig. Vielleicht ist es insofern wichtiger, als dass Länder, in denen es vorbildlich ausgeglichen ist und Frauen viel einfacher in die Politik kommen, innerhalb der Europawahl auch für andere Länder sichtbarer sind. So nach dem Motto, ah die Franzosen*Französinnen schicken so und so viele Frauen hin. Oder die Norweger*innen. Das hat eine Vorbildfunktion. Wenn aus manchen Ländern 90 Prozent Männer hingeschickt werden, kann man sich schon fragen, ob das normal oder gut ist. Es gibt auch viele verschiedenste Netzwerke, in denen sich europäische Frauen zusammentun und solche Themen beackern – ob das jetzt Journalistinnen oder Bloggerinnen sind. Das liegt auch an der Erasmus-Generation. Es gibt so viele, die irgendwann mal in Amsterdam, London oder Paris waren. Das hat ganze Freund*innenkreise verändert. Dort sind ja auch verschiedenste Europäer*innen vertreten.

Liebe Romy, vielen Dank für das super spannende und aufschlussreiche Gespräch.

Romy Straßenburgs Buch „Adiéu Liberté – Wie mein Frankreich verschwand“ (erschienen im Ullstein Verlag) findet ihr in jedem gut sortierten Buchladen oder online hier.

 

 

 

 

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