1183 Views |  Like

Nunu Kaller: „Ich habe mehrfach den Vorwurf kassiert, ich sei zu schön, um „Fuck Beauty“ zu schreiben.“

Nunu Kaller hat ein Buch geschrieben, dass ich ungelesen jeder Frau* direkt empfohlen hätte. „Fuck Beauty“ – einer Übersetzung bedarf es da wohl kaum. Und da ich natürlich nicht ungelesen irgendwas empfehlen möchte, habe ich es Seite für Seite durchstöbert und wünsche mir auch jetzt noch, dass jede Frau dieses Buch liest.

Nicht, weil ich finde, es ist das beste Buch was je geschrieben wurde – und dennoch hat Nunus Schreibstil seinen Reiz – sondern, weil ich mir wünschen würde, dass sich noch so viel mehr Frauen mit dieser Thematik auseinandersetzen. Damit wir anfangen zu begreifen, dass der Umgang mit uns und unserem Körper netter sein darf. Und Schönheit so ein aufgeblasener Begriff ist, den es gilt zu entzerren. 

Nunu tut dies mit „Fuck Beauty“ auf sehr persönliche und dadurch sehr nachvollziehbare Art und Weise. Und am Ende bin ich mir sicher, dass wir mehr dieser Bücher brauchen. Und noch eins habe ich gelernt, nachdem mein Mann in ein paar Seiten stöberte, vielleicht könnten wir geschlechtsunabhängig zusammen noch viel mehr erreichen. Denn eins ist klar: Solidarität ist der Schlüssel, um 2018 etwas zu verändern. 

All die Fragen, die während des Lesens in meinem Kopf aufkamen, konnte ich glücklicherweise bei Nunu loswerden. Entstanden ist eine spannende Auseinandersetzung mit dem Begriff Schönheit, die kritische Würdigung der Body Positivity Bewegung und der Versuch unser verschobenes Selbstbild zu erklären. 

Warum verändern sich Schönheitsideale über die Dekaden immer so krass?

Es gibt Studien, die besagen, dass das wirtschaftliche Gründe hat. Schaut man sich Bilder aus der Zeit von Rubens an, erscheint es logisch, das blass und dick als schön galt – es galt nämlich auch als reich. Wer auf dem Feld arbeiten musste, war dünn und braungebrannt, während der Adel es sich im wahrsten Sinne des Wortes leisten konnte, sich vor der Sonne zu schützen und gut zu ernähren. Im Umkehrschluss erscheint es mir wenig überraschend, dass in der heutigen Überflussgesellschaft Identifikation durch Schlank- und Fitsein da ist. Wiederum zeigt sich der Zusammenhang mit Reichtum: Man „kann es sich leisten“; auf seinen Körper zu achten, sich Zeit für ihn zu nehmen in unserer schnelllebigen, von immer schneller werdender Arbeitsleistung getriebenen Zeit. 

Was sind die Haupt-Trigger für unsere verschobene Selbstwahrnehmung?

Das ist meiner Ansicht nach ein Zusammenspiel aus vielen Triggern, angefangen bei unserer Erziehung über Medien, Werbung, wirtschaftliche Interessen diverser „Verschönerungs“-Industrien, aber das meiste davon lässt sich wohl auch unter dem Überbegriff „Patriarchat“ zusammenfassen. Früher war das Aussehen der Frau stellenweise ihre einzige „Währung“, ein Schatz, den es zu bewahren galt, und durch den man den gesellschaftlichen Status heben konnte. Heute ist das in meinen Augen oft immer noch so, es läuft nur etwas perfider ab. 

Du schreibt in deinem Buch sehr deutlich, dass dieser Selbsthass nicht nur von dir ausging, sondern dass dir auch innerhalb deiner Familie ein geringes Selbstwertgefühl vermittelt wurde. Warum, denkst du, sind es gerade Familienmitglieder, die uns in unserem Selbsthass unterstützen bzw. dies fördern anstatt uns aufzubauen?

Ach, mir fallen genug Menschen ein, für die „Reflexion“ heißt, in den Spiegel zu schauen anstatt nach innen. Und solche gibt es in jeder Familie. Werden gängige Muster nicht hinterfragt, werden sie einfach weitergegeben. Ich bin beispielsweise meiner Mutter nicht böse dafür, dass sie einen Teil ihres Selbstbilds an mich weitergegeben hat, ich kenn ja Oma und weiß, wo es herkommt. Und da kann man es noch so gut mit dem eigenen Kind meinen, gut gemeint ist dann halt doch manchmal das Gegenteil von gut. Ganz wichtig finde ich aber: Es bringt genau nichts, Personen, die in einem negative Gefühle sich selbst gegenüber auslösen, zu verurteilen. Man sollte ihnen verzeihen. Ich liebe meine Familie über alles, und bin niemandem böse. Allein das tut auch der eigenen Selbstliebe schon ziemlich gut. 

Was können Mütter (und Väter) tun, um ihre Kinder schon in jungen Jahren zu empowern?

Diese Frage bekomme ich sehr oft und tue mich sehr schwer, sie zu beantworten. Ich bin selbst keine Mama und will mir nicht herausnehmen, jemandem Tipps zu geben, die durch die Elternschaft Dinge und Gefühle erlebt, von denen ich weit entfernt bin. Aber eines habe ich immer wieder gemerkt: Ich halte es für wichtig, Kindern zu vermitteln, dass man mit sich selbst im Reinen ist. Dass es ok ist, wie man ist. Nicht nur das Kind, sondern auch die Eltern. Woher soll ein Kind Selbstliebe lernen, wenn es das nicht bei den Eltern sieht? Foto: © Bianca Kuebler

Müssten wir unsere Kinder vor Social Media schützen?

Ich bin definitiv für ein Art Social-Media-Führerschein für Kinder. Es ist unfassbar, welche Dynamiken sich da entwickeln, seien es gefährliche Hashtags wie #thinspiration oder Gruppendruck, der nicht nur direkt, sondern auch im Netz ausgeübt wird. Meinen Nichten würde ich Instagram am liebsten erst mit 25 erlauben, aber ich fürchte, da habe ich erstens wenig zu melden und zweitens sind die genauso stur wie ich, also hab ich sowieso schlechte Karten. 

Selbstliebe ist zur Zeit auch in Mainstream-Medien angesagt und dennoch propagieren die gleichen Medien: Abnehmtipps, Anti-Aging, diffamieren bekannte Persönlichkeiten mit Cellulite und zeigen ausschließlich Models in Größe 34 abwärts. Glaubst du es gibt einen Weg, um ein WIRKLICHES Umdenken in der Medienlandschaft voranzutreiben? Was müsste in einer utopischen Welt passieren, damit wir mehr Diversität in den Medien erfahren?

Sehr gute Frage. Da spielen so viele Faktoren rein, von der Anzeigenfinanzierung und den dahinterliegenden Industrieinteressen über die Frage, was genau man abbildet, wie man die Realität zeigt und wessen Realität das dann eigentlich ist, bis hin zu der Frage, ob Menschen das dann überhaupt sehen wollen. Ich bin aber zuversichtlich und glaube, dass vor allem im Online-Bereich in den kommenden Jahren viel passieren wird. Ich will keine Utopien zeichnen, ich sehe derzeit wohlwollend kleine Schritte in der Realität. Das Umdenken passiert schon, es ist nur die Frage, wie es sich finanzieren wird, denke ich. 

Du beschreibst im Buch den Zusammenhang zwischen Kapitalismus und Selbsthass/-liebe. Leben in weniger westlich geprägten oder gar kommunistischen Gesellschaften weniger auf Körperbilder fixierte Menschen?

Ich denke schon. Diverse Studien, die ich gelesen habe, bestätigen dies zumindest. Eine davon ist die berühmte Fidji-Studie: Als vergleichsweise spät das Fernsehen Mitte der Neunziger Jahre auf die Inseln kam, gab es zuvor einen bekannten Fall von Magersucht. Fünf Jahre danach war diese Zahl sprunghaft angestiegen. Die Bilder, die das US-TV brachte, die Serien von Beverly Hills 90210 bis Baywatch, veränderten nachweislich das Schönheitsideal auf Fidji.

Ein Großteil der Kosmetikindustrie basiert ja auf einem ganz einfachen Verkaufsmuster: In der Werbung wird uns ein Mangel oder ein Makel eingeredet. „Ihgitt, du hast hässliche Cellulite“ oder „Dir fehlen pralle Oberlippen!“ Und gleichzeitig wird uns die Lösung – die meistens nicht mal funktioniert – angeboten, vom Lipgloss, der die Lippen schwellen lässt bis hin zur Cellulitecreme. Dass die Lippenform genetisch bedingt ist und Cellulite sowieso 95% aller Frauen haben und somit was ganz Natürliches ist, wird da beiseitegeschoben. Hauptsache, wir kaufen, kaufen, kaufen. So funktioniert Kapitalismus. Ergo: Ja, ich denke, dass diese Wirtschaftsform grausame Dinge mit unserem Selbstbild anstellt.

Warum beziehst du dich in deinem Buch nur auf „dick vs. dünn“? Gehören zu einem umfassenden Schönheitsbild doch viel mehr Attribute.

Ja, du hast recht, es gibt unfassbar viel, was man im Zusammenhang mit Schönheit schreiben könnte. Ich habe das Buch aus einem ganz persönlichen Blickwinkel geschrieben und mir aus dieser Sicht heraus die Zugänge zu dem Thema erarbeitet. Und für mich mit Größe 44 auf einen Meter achtzig ist genau dieses Dick/Dünn-Ding immer sehr präsent gewesen, ich hatte immer das „zu fett“ im Kopf, wenn ich mich im Spiegel sah. Bei anderen ist es vielleicht eine ganz andere Thematik. Aber dass das Dünnsein ein gesellschaftliches Phänomen ist, das weit über eine anatomische Tatsache hinausgeht, ist auch nicht abzustreiten. Und das, obwohl sowieso schon so viele Menschen wissen, dass echte Schönheit von innen kommt. Traurig, eigentlich, dass das Dicksein, und wenn es nur gefühlt ist, mir haben Frauen mit Größe 36 geschrieben, sie fühlten sich zu dick, so ein Riesenthema ist. Fotos: © Bianca Kuebler

Sind alle Feminist*innen automatisch Selbstliebende? 

Definitiv nicht. Feminismus hat so viele Ebenen. Eine politische Feministin, die um Gleichstellung aller in der Gesellschaft kämpft, kann zwar stolz auf ihr Frausein sein, aber dennoch ihren Körper nicht mögen. Umgekehrt habe ich jedoch festgestellt, wer beginnt sich mit Schönheitsidealen auseinanderzusetzen, landet im Endeffekt beim Feminismus und der Patriarchatskritik. Spannend eigentlich, das muss ich mir mal noch weiter durchdenken. Danke für den Input! 

Was hat Schönheit mit (weiblicher) Konkurrenz zu tun?

Frauen vergleichen. Permanent. Und Frauen treten eher in Konkurrenz zueinander als Männer es tun. Auch wenn ich sonst nicht viel von solchen „Frauen sind so, Männer sind so“-Stehsätzen halte: In dem Fall bestätigt mich die Geschichte, oder wie viele erfolgreiche weibliche Seilschaften in den letzten 200 Jahren kennst du? Und na klar ist Schönheit da eins der wichtigsten Vergleichskriterien, wenn nicht sogar DAS wichtigste. 

In der Body Positivity Bewegung gibt es oft, vor allem von länger Aktiven, den Vorwurf, dass sich laut gesellschaftlichem Standard schöne Menschen nicht der Body Positivity Bewegung zugehörig fühlen dürften. Ist es nicht ein Paradox in sich, wenn die Bewegung selbst in schön und hässlich einteilt?

Das ist etwas, was mich ziemlich wütend macht. Ich habe mehrfach den Vorwurf kassiert, ich sei „zu schlank“ und „zu schön“, um „Fuck Beauty“ zu schreiben. Danke, übrigens. Dabei geht es mir genau nicht darum, es geht um Solidarität ALLER Frauen. Fast alle Frauen in der westlichen Welt haben etwas an sich auszusetzen. Und ich denke, dass wir alle aus einem Trend in Richtung mehr Selbstliebe, der für uns alle wichtig ist, auch politische Konsequenzen ziehen sollten. 

Natürlich ist die Body Positivity Bewegung ursprünglich ein Raum für jene Menschen, die wirklich gesellschaftlich marginalisiert werden. Ich frag mich nur, wo fängt diese Marginalisierung an, wenn schlanken Mädchen auf offener Straße „fette Sau“ nachgerufen wird, und wer entscheidet über den Grad der Marginalisierung? Ich will damit jedoch keine einzige Verletzung oder systemische Benachteiligung dicker oder körperlich beeinträchtigter Menschen auch nur irgendwie schmälern, ich frage mich nur: Wo ist die Grenze, die da gezogen wird?

Eine Bewegung, die einerseits öffentliche Sichtbarkeit für alle Körperformen einfordert und andererseits schimpft, wenn sich Menschen inhaltlich von dieser Bewegung und dieser öffentlichen Sichtbarkeit angesprochen fühlen, die konventionellen Schönheitsstandards entsprechen – da wird’s dann schwierig. Ich bin jederzeit offen, das zu diskutieren und neue Perspektiven kennenzulernen. Aber damit sich wirklich etwas ändert, müssen alle zusammenarbeiten, wirklich alle, da braucht es echte Solidarität. Ich finde es sehr schade, dass innerhalb einer Bewegung, deren Ziel größere Offenheit für alle Körperformen ist, so ein Gegeneinander herrscht – ich sehe vordergründig das Gemeinsame und versuche das zu unterstützen, indem ich meine Stimme erhebe und auf diesen ganzen Irrsinn, der Frauen täglich eingetrichtert wird, hinweise. 

Ich kann schon nachvollziehen, dass konventionell hübsche Frauen keine vergleichbare Benachteiligung erfahren, sondern sogar privilegiert sind – aber dieser Selbsthass wird ALLEN ins Hirn gepflanzt, und jede konventionell hübsche Frau, die sich selbst für hässlich hält und beginnt, sich kritisch mit ihrem Selbstbild auseinanderzusetzen, darf meiner Meinung nach ihre Stimme für Body Positivity und größere Offenheit allen Körperformen gegenüber erheben. 

Also dürfen nicht nur dicke Menschen bodypositiv sein?

In unserem heutigen System wird allen Frauen beigebracht, sich über ihren Körper zu identifizieren und sich selbst negativ zu bewerten, wenn man mehr wiegt als das stark mit Photoshop bearbeitete Hochglanzmodel. Da ist es völlig egal, ob man dick oder dünn ist. Die Bilder, denen wir alle täglich ausgesetzt sind, zeigen immer die gleiche Körperform, und die ist schlicht und einfach nicht erreichbar, weil nicht echt, sondern in all ihrer Poren- und Faltenfreiheit am Computer erschaffen.

Achtung, damit sage ich nicht, dass es Dicken und Dünnen in der Gesellschaft gleich geht. Leider gibt es immer noch Fatshaming in unglaublichem Ausmaß. Und dieser Unterschied darf nie wegdiskutiert werden. Es gibt Thin Privilege, das ist eine Tatsache. Aber sagen wir mal so: Auch Dünnen wird beigebracht, sich selbst zu hassen. 

Wie groß ist die Gefahr, dass Selbstliebe in Selbstverliebtheit umschlägt?

Ist das so schlimm? Ist es schlimm, vor dem Spiegel zu stehen und zu denken: „Hey, heut bin ich mal wieder echt super, heut find ich mich so richtig schön, heut würd ich mich in mich verknallen, würd ich mir auf der Straße begegnen“? Solange man mit dieser Eitelkeit niemand anderen verletzt und auch sich selbst nicht noch mehr Schaden zufügt, habe ich da eigentlich kein großes Problem mit. Hebt man komplett ab, strahlt man das sowieso auch aus, und dann ist die ganze innere Schönheit sowieso wieder beim Teufel.  Aber so ein bisschen in sich selbst verliebt sein, darin sehe ich nichts Falsches. 

Wo es allerdings sicherlich gefährlich werden kann, ist Narzissmus. Ich habe mich lange damit beschäftigt und nicht gewusst, wie ich dieses Thema „Bin ich jetzt eine Narzisstin, weil ich mir selbst gefalle und das zeige“ für mich persönlich löse – bis ich auf Forschungen gestoßen bin, die klar aufzeigen, dass Narzissmus ganz viel mit Schamgefühl zu tun hat. Man kann Narzissmus ein bisschen als „Flucht nach vorne“ interpretieren: Weil man gewisse Dinge an sich nicht mag, stellt man andere umso mehr zur Schau und holt sich dadurch Bestätigung. Das Grundübel, die Scham über sich selbst, löst das aber nicht. Da muss man genauer hinschauen. Aber wie gesagt, wenn man sich beim genauer Hinschauen sich ein bisschen in sich selbst verguckt, dann ist das doch ok, oder?

Liebe Nunu, vielen Dank für die offenen Worte und dein Buch, das einmal mehr den Stein für mehr Selbstliebe in unserer Gesellschaft ins Rollen bringt. Auf dass wir uns alle ein wenig mehr in uns selbst verlieben.

Foto: © Bianca Kuebler

Das Buch gibt’s zum Beispiel hier oder noch besser bei deinem/r lokale/n Buchhändler*in.

Mehr zum Thema Selbstliebe findest du hier:

Interview: Unser Gespräch mit Maria Christina Gabriel, in dem sie beleuchtet, wie Selbstliebe entsteht.
Meinung:
Der Zusammenhang von Social Media und Selbstliebe

MerkenMerken

MerkenMerken

MerkenMerken