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Nataly kämpft für die Enttabuisierung der Periode und gegen sexistische Armut

Text: Nataly Stimpel
Bilder: Nataly Stimpel, ONE

Nataly (22) ist Jugendbotschafterin bei der Kampagnenorganisation ONE, mit der sie für ein Ende extremer Armut und vermeidbarer Krankheiten kämpft. Für Not Another Woman Mag schreibt sie darüber, wie selbst hergestellte Binden das Leben von Mädchen in Uganda verändern können und warum Armut sexistisch ist.

Wir waren sicher alle schon mal genervt von unserer Periode, wurden im unpassendsten Moment überrascht oder fühlten uns einfach unwohl. Ich bin da keine Ausnahme. Wirklich eingeschränkt hat mich meine Periode aber noch nie.

Vor gut drei Jahren saß ich, während meines Freiwilligendienstes in Uganda, in einer Radioshow einem Mann gegenüber, der eine Stunde lang mit der Moderatorin und den Zuhörer*innen darüber sprach, dass Tausende Mädchen täglich wegen ihrer Periode nicht zur Schule gehen können. Viele von ihnen brechen deshalb die Schule komplett ab – manche schon mit gerade einmal 13 Jahren! Um ehrlich zu sein, verstand ich an diesem Abend kaum, wovon er sprach. Es war ein Thema, mit dem ich mich nie weiter beschäftigt hatte: Frauen bekommen nun einmal im Monat „roten Besuch“. Wo ist das Problem?

In den folgenden Wochen arbeitete ich immer wieder mit diesem Mann zusammen und verstand nach und nach, welche Umstände die Menstruation Mädchen in Uganda bereitete.

Der wahre Preis für Binden

Aus Deutschland war ich es gewohnt jederzeit und überall halbwegs günstig Binden kaufen zu können. Was für mich, wie wohl für die meisten hier, scheinbar so alltäglich ist, ist leider für viele Frauen in Subsahara-Afrika alles andere als selbstverständlich. In Uganda sind Binden, gerade in ländlichen Gebieten, nicht immer verfügbar. Und sie sind teuer. Wenn nun eine Familie vor der Wahl steht eine Packung Binden für ihre Tochter oder aber Öl, Brot und Seife für die gesamte Woche zu kaufen, ist die Entscheidung meistens klar.

Aus Angst jemand könnte etwas bemerken, sie auslachen oder die Lehrer könnten sie für den Blutfleck auf ihrem Rock bestrafen, gehen viele Mädchen während ihrer Periode nicht zur Schule. Eine Woche lang, jeden Monat. Das Verpasste nachzuholen, ist bei solchen Fehlzeiten nicht machbar. Kaum verwunderlich also, dass Mädchen in Uganda konstant schlechter in ihren Schulprüfungen abschneiden als ihre männlichen Mitschüler.

Doch was ist die Konsequenz?

Viele Mädchen, die sich keine Binden kaufen können, nutzen Toilettenpapier, Bananenblätter, alte Kleidung oder auch Erde, um das Blut während ihrer Menstruation aufzufangen und setzen sich so dem Risiko schwerwiegender Infektionen aus.

Die prekäre Lage dieser Mädchen wird immer wieder ausgenutzt: Einige Männer versprechen ihnen im Gegenzug für sexuelle Dienste Binden zu kaufen. Neben den kaum vorstellbaren, psychischen Folgen für die jungen Mädchen hat dieser Trend weitere, konkrete negative Folgen: In der ugandisch-kenianischen Grenzregion beispielsweise liegt die Schwangerschaftsrate bei Mädchen zwischen 12 und 18 Jahren bei 31%. Es kommt zu schlampig durchgeführten, illegalen Schwangerschaftsabbrüchen, unfreiwilliger Verheiratung und auch das Risiko vermeidbarer, sexuell übertragbarer Krankheiten wie HIV nimmt stark zu. Jeden Tag infizieren sich 750 junge Frauen zwischen 15 und 24 Jahren in Subsahara-Afrika mit HIV. Das sind doppelt so viele Neuinfektionen wie bei jungen Männern im selben Alter.

Do It Yourself statt Tabu

Das Thema ließ mich nicht mehr los. Eric, der Mann aus der Radioshow, lud mich ein, ihn in eine Grundschule in seinem Heimatort zu begleiten, in der er gemeinsam mit seiner Mutter und einigen Frauen aus dem Dorf mit den Schülerinnen über Menstruation und Hygiene sprach und existierende Vorurteile und Mythen ausräumte. Während ich den Frauen und Schülerinnen an diesem Nachmittag zuhörte, wie sie über ihre ganz eigenen Schwierigkeiten mit ihrer Menstruation sprachen, verstand auch ich endlich, dass Menstruation ein Thema ist, mit dem wir uns alle beschäftigen müssen.

Aus der kleinen Gruppe Frauen, die in Schulen über Menstruation spricht, ist inzwischen eine eingetragene Organisation geworden, die „Alliance for Sustainable Health and Wealth in Africa“, kurz ASHWA. Ich unterstütze ihr Anliegen mittlerweile aus Deutschland. Während unsere Projekte mittlerweile deutlich diverser sind, ist und bleibt Menstruation und Hygiene unser Herzensthema. Mit unseren Besuchen in Schulen, Frauengruppen und in den großen Geflüchtetencamps im Norden Ugandas konnten wir inzwischen mehrere Tausend Frauen und Mädchen erreichen und mit ihnen über Menstruation, Hygiene und ihr Recht am eigenen Körper sprechen. Außerdem zeigen wir ihnen, wie sie aus lokal zugänglichen Materialien wie einem alten Baumwoll-T-Shirt, einem Handtuch und einem Stück Plastikfolie selbst wiederverwendbare Binden nähen können und so nicht mehr auf die teuren, industriell hergestellten Einwegbinden angewiesen sind.  Diese Do-it-yourself-Lösung ist total simpel – und sie kann das Leben der Mädchen in Uganda radikal ändern.

DIY-Binden helfen nicht nur direkt vor Ort, sondern empowern die Mädchen & Frauen auch ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen.

Armut ist sexistisch

Obwohl ich unsere Organisation regelmäßig besuche und mich von Deutschland aus um Anträge, Berichte und die sozialen Medien kümmere, wollte ich auch hier mehr tun. Durch einen glücklichen Zufall kam ich Anfang des Jahres zu ONE. Mit mehr als neun Millionen Unterstützer*innen weltweit setzt ONE sich als entwicklungspolitische Lobby- und Kampagnenorganisation für das Ende extremer Armut und vermeidbarer Krankheiten und für die Stärkung von Frauen und Mädchen ein.

Nirgendwo auf der Welt sind Frauen und Männer gleichberechtigt. Jeden Tag werden 33.000 Mädchen weltweit gegen ihren Willen verheiratet. 130 Millionen Mädchen können oder dürfen keine Schule besuchen und Frauen bleiben vielerorts politisch unterrepräsentiert. Frauen sind stärker von extremer Armut betroffen und haben weniger Chancen sich aus eigener Kraft aus ihr zu befreien.  Armut ist sexistisch. An kaum einem anderen Beispiel wird das so deutlich wie an der “period poverty”.

Wenn du dich mit uns dafür einsetzen willst, dass Staaten und internationale Organisationen die Rechte von Frauen und Mädchen in den Fokus rücken, unterzeichne unseren offenen Brief. Egal ob bei G20, bei der Afrikanischen Union oder in der deutschen Politik – wir fordern starke Zusagen für die Stärkung von Frauen und Mädchen. Denn erst, wenn wir alle die gleichen Rechte haben, sind wir alle wirklich gleichberechtigt.