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Kolumne ♡ Mein Lidl-Verkäufer und ich

Neulich, nachdem ich mir die Putenleber in der Mensa reinstopfte und mit zufriedenem Gang mechanisch zur Kaffeetheke schlürfte, grinste mich ein bekanntes Gesicht an. Nachdem mein Gefahren-Sensor nicht ansprang und meine Analysen das Ergebnis „Mag ich“ ausspuckte, schlug plötzlich der Blitz krachend in mein Hirn ein: Ahhhh, der süße Kassierer vom Lidl um die Ecke!!! Der, bei dem ich mich immer frage, ob er hauptberuflich bei Lidl arbeitet oder ein zweites Leben damit finanziert. Der, der immer so freundlich und offenherzig grüßt. Ich frage mich, wie hoch die Wahrscheinlichkeit dafür ist, dass er sich später zu einem Amokläufer entpuppt. Und der stand nun bei mir an der Kaffeetheke. Das passte nicht in mein (vollgefressen nach dem Mittag Kaffee in den Schacht kippen)-Skript. Folglich legte ich eine Lehrstunde für Komplettverweigerung-eines-angemessenen-Sozialverhaltens par excellence hin. Mal davon abgesehen, dass ich so tat, als würde ich ihn nicht sehen – funktioniert nur nicht, wenn der andere einen schon aus zehn Metern Entfernung angrinst. Also sagte ich „Heyyy“ auf die Art, als wären wir seit Jahren beste Kumpels. Hilfesuchend drehte ich mich zu meinem Kollegen um, der, ungelogen, über noch weniger soziale Skills verfügt als ich. Ihn sah ich nur noch schnellen Schrittes das Weite suchen. Na danke auch. Also drehte ich mich wieder übertrieben zwanghaft lächelnd zum Lidl-Verkäufer um. Er: „Naaa, studierst du auch hier?“. Ich stotterte: „Nein, ich ähhh arbeite hier…ähh…da drüben. Ich bin..äääääääähhh einer von den Nerds hier“. Ich kratzte mich am Kopf und betete, dass er nicht nach dem Fachbereich fragen würde. Also setze ich zum Gegenangriff an: „Und duhuu?“. Er antwortete, dass er seine Diplomarbeit schreibe. Das Fach hatte ich direkt wieder vergessen. Irgendwas mit Mathe, Maschinen und Info….oha, so ein richtig Kluger also.

Kolumne Lidl-Verkäufer

Wir bezahlten unseren Kaffee. Genauer gesagt, bezahlte er zuerst seinen und wartete, während ich meinen zahlte. Süß. Ich an seiner Stelle wäre sofort mit einer schrillen Verabschiedung davon galoppiert. Ich so: „Also?“ und er so: „Also?“ und ich so: „Wo gehst du jetzt lang?“ und er wieder so „Kurz raus, sitzen und Kaffee trinken, dann weiter machen“ und ich so: „Ok, ich muss da lang. Tschüühüüüüs“. Als ich schnurstracks weiterlief und mich in dem Moment fragte, ob ich mit raus hätte gehen soll, rannte ich in meine anderen Kollegen rein, die mich höhnisch angrinsten – die Kollegen, die denken, ich betränke mich ständig und wechsle fröhlich die Betten. Da sie auch außen langliefen und ich dem Lidl-Verkäufer ja nun schlecht hinterherlaufen konnte, musste ich einen Umweg durch die ganze Uni drehen.

Zurück in meinem Büro stürmte der Kollege, der mich an der Kaffeefront alleine ließ, aufgeregt in mein Zimmer: „Uuuuund???“ Mein Kollege ist übrigens schwul, was bei solchen Gesprächen ernsthaft weiterhilft.

Ich: „Ey, warum bist du denn abgehauen???“
Er: „Na, weil du da mit einem gutaussehenden Mann gesprochen hast“
Ich: „Gutaussehend? Findest du? Ich war mir nicht sicher, aber der ist süß, oder?“
Er: „Jaaaa. War das der Rockstar vom letzten Mal?“
Ich: „Welcher?? Der aus England?“
Er: „Nee, der aus XY“
Ich: „Was sollte der denn an unserer Kaffeetheke?“
Er. „Na das frage ich mich auch“
Ich: „Das ist mein Lidl-Verkäufer!!!
Er: „Ohhh“
Ich: „Hätte ich mit rausgehen sollen?“
Er: „Na klar!
Ich: „Oh“
Er: „Na aber dann ist die Sache jetzt ja klar?“
Ich: „Welche Sache?“
Er: „Na beim nächsten Mal fängst du ein Gespräch an“
Ich: „Beim Einkaufen???“
Er: „Na klar!!“
Ich: „Und dann frag ich wie die Diplomarbeit läuft während ich mir eine Leberwurst raussuche?“
Er: „Ja, Johanna, so funktionieren soziale Konversationen. Ich kenn mich damit auch nicht aus, aber ich glaube, so geht das. Na gut, dann ist die Sache mit euch ja jetzt klar. Love is not a crime!!!
Ich: „Sieh‘ bloß zu, dass du Land gewinnst!

Lachend verschwand er aus meinem Büro und ich verbrachte den halben Tag damit verwirrt zu sein.

Der Lidl-Verkäufer, der einen in jeder Lebenslage kennt und immer sieht, wie es einem geht. Er trifft dich ungeduscht und mit Make Up vom letzten Abend, ungekämmt, in Jogginghose. Er sieht, wenn man Lasagne oder Chili macht oder ein Besäufnis ansteht. Er sieht dich, wenn du in Sportklamotten Wasser holst oder im kurzen Rock den Sektchen kaufst. Er sieht, wenn du gerade einen auf gesund machst und wieder mal nur Salat spachtelst oder du Liebeskummer hast und fett und ungesund einkaufst. Zu allem Übel sah er mich schon mit verschiedensten Verletzungen. Er kann sich ausrechnen, bis wann ich arbeite und wo ich wohne. Mein Gott, er könnte ein komplettes Profil von mir erstellen! Toll, ab jetzt überlege ich zweimal, ob ich Tampons und Schokolade gleichzeitig kaufe. Sag noch einmal jemand, Berlin wäre groß und anonym.

Kolumne / Lidl / Berlin / Single

Zwei Tage später: Ich erzählte einer befreundeten Kollegin von dem Vorfall und wir witzelten darüber, ob er mir am selben Tag noch bei Lidl begegnen würde. Als wir zusammen am Fahrstuhl standen, tauchte der Lidl-Verkäufer wieder vor mir auf. Ich riss mich zusammen. Dieses Mal wollte ich locker und cool bleiben. Im Fahrstuhl fragte mich die Kollegin dann: „Und? Hast du den Lidl-Verkäufer vorgestern noch gesehen?“ Seitdem mache ich bei Lidl immer einen großen Bogen um ihn.

Johanna