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Kann Hedonismus die Welt retten?

Ich sitze in einer Kneipe im aufstrebenden Teil Lichtenbergs (gibt’s den wirklich?), nippe genüsslich an einem Hugo ohne Schwipps. Ohne Schwipps und ohne Strohhalm. Dafür mit ganz viel Minze. „Isch dis auch Bio?“ Nach und nach versammeln sich immer mehr Menschen, die alle ungefähr ähnlich aussehen und ganz klar eine Altersstruktur haben. Meine! So um die 30 Jahre. Jung, dynamisch, weltverbessernd. 

Noch im Gemurmel der Anwesenden ergreift Jochen Dallmer, der vorne auf der klitzekleinen Bühne steht, das Wort. Er möchte uns heute etwas über Hedonismus und dessen Bezug zur Nachhaltigkeit erzählen. Das finde ich gut. Deswegen bin ich hier. 
Ich begreife mich selbst als hedonistisch lebende Person, der Nachhaltigkeit enorm wichtig ist. Gerne würde ich in meiner hedonistischen Verlockung mehr dafür tun, dass Nachhaltigkeit nicht mehr nur ein Wort ist über das man spricht, sondern tatsächlich gelebte Praxis wird. Nach diesem Abend bin ich jedoch genauso schlau wie vorher und mir geht nur eine Frage durch den Kopf.

Wie schaffen wir es als hedonistisch veranlagte Menschen nachhaltiger zu leben?

Dafür sollte vielleicht erst einmal der Begriff geklärt werden, der bereits in der antiken Philosophie seinen Ursprung hat. Hedonismus bezieht sich auf das lustvolle Leben. All das, was wir tun, um uns Freude zu bereiten. Es gilt nach Lust zu streben und Leid zu vermeiden. Im aufgeklärten Hedonismus vielmehr auch darum, dies in Einklang zu bringen und sowohl Körper als auch Geist in Balance zu halten, um damit möglicherweise die größte Form von Glück zu finden.

Eine sehr individualistische, ja egozentrische, Lebensphilosophie. Begreift sich ein/e Hedonist*in doch vor allem erst einmal selbst. Geht es der/dem Hedonist*in doch vor allem erstmal um das eigene Wohl, das eigene Glück. Ich gehe mit der Frage aus dem Abend, wie können wir es schaffen dieses individuelle Glück in Gemeinwohl zu verwandeln? Wie schaffen wir es glücklich zu leben und gleichzeitig unseren Planeten zu retten?

2018 geht es nicht mehr nur darum selbst glücklich zu werden. Ich kann noch so viel Yoga machen, Meditationsübungen rauf und runter beten, mich absolut selbstverwirklichen, im Einklang mit mir selbst leben. Was habe ich dann tatsächlich gekonnt? Wofür habe ich gelebt? Das sind die Fragen, die mich wirklich umtreiben. 

Ich glaube stark daran, dass das persönliche Glück enorm mit dem Glück der Gesellschaft verknüpft ist. Wenn wir in einer Gesellschaftsform leben, die es uns ermöglicht uns frei zu entfalten. Der Mensch zu sein, der wir sein wollen. Die Dinge zu tun, die uns Spaß machen. Das Leben zu führen, das wir uns vorstellen. Dann schaffen wir es wirklich glücklich zu sein. Freiheit bedeutet in der Regel Glück. 

Doch bedeutet diese Freiheit auch ein nachhaltiges Leben?

Jochen stellt an diesem Abend die These auf, dass ein hedonistisches Leben ressourcenarm ist. Wenn wir uns jedoch immer nur um uns selbst drehen und das eigene Wohl sehen, werden wir womöglich nie verstehen, dass es ok ist einen Hugo ohne Schwipps auch ohne Strohhalm zu trinken und dabei mit den abertausenden Minzblättern zu kämpfen, die nach und nach mit jedem weiteren Schluck ein Teil der Zahnzwischenräume werden. Bereitet uns das Freude? Nein! Ist es nachhaltig? Ja! 

Ich sehe in der Bar einige Getränke mit Strohhalm. Sicherlich wissen alle Nippenden, dass Plastik ein essentielles Problem unserer Zeit ist und doch scheint es Standard in dieser Kneipe, die sich offensichtlich mit Nachhaltigkeitsthemen beschäftigt, einen Plastikstrohhalm zu servieren. Wo also die Grenze ziehen zwischen individuellem Wohlbefinden und Verzicht? 

Es wird ebenso die These aufgestellt, dass ein/e Hedonist*in danach streben kann nur mit Wasser und Brot glücklich zu werden und damit viele Schnittstellen mit einem asketischen Leben vereint. Dies kann aber wiederum nicht auf alle umgelegt werden. Und damit greift wieder der Individualismus, der besagt, dass jede Person selbst eine eigene Vorstellung von Glück hat und danach im eigenen Leben streben wird. 

Wenn nun also alle Personen nach dem individuellen Glück streben für das es keine allgemeingültige Formel gibt, wie schaffen wir es dann eine allgemeingültige Formel für Nachhaltigkeit zu erdenken? Oder läuft die Theore darauf hinaus, dass jede Person nach individueller Nachhaltigkeit strebt? Und was würde dies dann für die Praxis bedeuten? 

In Nachhaltigkeitsdebatten stoßen wir meistens genau dort an Grenzen. Und zwar immer dann, wenn es heißt, dass etwas nicht verpflichtend ist und eben jede Person, jedes Unternehmen, jedes Land selbst entscheiden muss, was er/sie/es bereit ist für Nachhaltigkeit zu tun? Ein Gedanke des Hedonismus. Diese Grenze wird meistens aufgelöst, in dem man sagt, es bedarf politischer und/oder gesellschaftlicher Regulierungen, um dem Einhalt zu gebieten. Es darf z.B. nicht erlaubt sein, dass Textilarbeiter*innen in Bangladesch nicht (gut) davon leben können für uns ein T-Shirt zu nähen. Ergo sollten T-Shirts für Konsument*innen teurer werden oder das Textilunternehmen nicht solch horrende Umsätze einfahren. Einwegartikel aus Plastik sollten einfach ganz generell verboten sein. Und es müsste höhere Steuersätze auf Fleisch, Kraftstoffe und Plastikmaterialien geben. Also Dinge, die unsere Ressourcen unwiederbringlich verbrauchen. Dies alles erfolgt von einem Großteil der Menschen nicht auf freiwilliger Basis, würde es doch bedeuten Einschränkungen im eigenen Wohlbefinden in Kauf zu nehmen. Ein Anti-Hedonismus also, den wir nur ausmerzen können, indem wir die individuelle Definition von Wohlbefinden neu denken.  Es bedarf einer höheren Instanz oder einem größeren gesellschaftlichen Druck. Angenommen das Tragen einer Plastiktüte wäre genauso verpönt wie das Tragen eines Hakenkreuzes würden die Menschen dann zur Plastiktüte greifen? Steile These, I know, aber sie wirkt. Was verschafft mir am Ende mehr Wohlbefinden? Die Bequemlichkeit der Plastiktüte oder das Vermeiden von Plastik?

Was kann ich also als hedonistisch veranlagter Mensch tun, um Nachhaltigkeit voranzubringen? 

Es ist gut, dass man nach dem Guten im Leben strebt. Es ist gut, dass man sein individuelles Glück sucht. Denn so können plötzlich auch andere Dinge, die außerhalb meines eigenen Strebens stehen an Bedeutung gewinnen. Wenn ich mir Gutes will, entwickelt sich eine Moral, die ich als aufgeklärter Mensch nicht nur an mich selbst anlegen, sondern eben auch auf andere übertragen kann. Vielleicht sogar auf andere Spezies. Wenn ich diese Moralvorstellung also auf andere übertrage, kann ich erkennen, dass mein Handeln auch andere beeinflusst. Und schnell gelange ich an den Punkt, dass mein Handeln Konsequenzen und Auswirkungen auf die Gesamtheit hat. Und hier kommt Nachhaltigkeit ins Spiel. Realisiere ich, dass ich, meine Mitmenschen und die restliche Erde darauf beruhen, was ich in meinem Leben tue, kann ich an meinem moralischen Kompass erkennen, dass ich so leben sollte, dass andere und anderes nicht zu Schaden kommt. 

Das muss nicht unbedingt Verzicht bedeuten. Die Frage nach Verzicht wirft noch eine ganz neue Debatte auf, über die ich gerne ein anderes Mal schreiben werde. Ich kann mich auch mit schönen Dingen umgeben, die mein individuelles Glück fördern, die aber ebenso nicht zum Nachteil anderer sind. Ich kann mich dafür entscheiden und dabei ggf. sogar feststellen, dass dies nicht nur andere betrifft, sondern auch beeinflusst. Für mich kann so aus purem Individualismus ein Kollektivismus entstehen, der immer breitere Kreise zieht. Es kann den gesellschaftlichen Druck erhöhen. Und so wiederum die Politik beeinflussen. Ich kann auf die Straße gehen, demonstrieren und damit mein eigenes Glück, aber eben auch das der Gesellschaft steigern. 

Jetzt müssen wir nur noch raus der Blase und die Kreise tiefer nach unten und oben zeichnen. 

Danke Jochen für den Gedankenanstoß. Vielleicht bin ich doch ein klein wenig schlauer als zuvor.