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Julia Korbik: „Ich möchte Mädchen Mut machen, ihr eigenes Ding zu machen.“

Interview: Jana Braumüller
Titelfoto: Lars Mensel

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Bei Not Another Woman Mag haben wir  die Journalistin und Autorin Julia Korbik schon früh entdeckt. Für uns war sie eine der Ersten in Deutschland, die eine neue Riege von Feminist*innen darstellte und auf einmal auf ganz natürliche und dennoch neu gedachte Art und Weise Feminismus im 21. Jahrhundert verständlich machte. Nicht zuletzt dank ihrer Bücher, die oftmals auf spielerische und leicht verständliche Art komplexe Zusammenhänge und feministische Debatten aufbereiten. Und damit genau die ansprechen, die Feminismus 2018 etwas angehen sollte: junge, aufgeschlossene Frauen*, die, unserer Meinung nach, diese Welt verändern werden. 

In „Stand Up – Feminismus für Anfänger und Fortgeschrittene“ erklärt uns Julia Korbik 2014, wodurch die feministischen Bewegungen maßgeblich geprägt wurden. Mit „Oh, Simone!“ bringt sie uns drei Jahre später die überaus interessante Philosophin und Feministin Simone de Beauvoir näher. Woraufhin wir am liebsten alle Beauvoir-Werke sofort verschlingen wollen. Und jetzt schrieb Julia zuletzt ein Werk, das sich insbesondere an junge Mädchen richtet: „How to be a Girl“. Grund genug, um Julia endlich mal genauer unter die Lupe zu nehmen und euch hier noch viel näher vorzustellen.julia korbik

Ich bin immer wieder überrascht, wie viel du schaffst. Gefühlt war ich noch gestern auf deiner Buchveröffentlichung von „Oh Simone“ und dann flatterte schon wieder dein neustes Werk rein. Woher nimmst du diese Energie?

Ich bin einfach jemand, der immer viel Energie hat! Außerdem bin ich Frühaufsteherin, gut organisiert und schaffe viel in kurzer Zeit. Das klingt, wenn ich es so sage, ziemlich langweilig – aber so ist es. Viele glauben immer, dass Bücher so eine Art magisches Ereignis sind, weil sie plötzlich als fertiges Produkt auftauchen. Aber den Arbeitsprozess dahinter sehen sie natürlich nicht. Bücher schreiben macht mir wahnsinnig viel Spaß, aber es ist eben auch wahnsinnig viel Arbeit. Mit „How to be a Girl“ habe ich angefangen, nachdem ich „Oh, Simone!“ gerade abgegeben hatte, im Sommer 2017. Im Nachhinein würde ich das so wohl nicht nochmal machen – einfach, weil es zwischen zwei Projekten auch mal eine Verschnaufpause braucht. Leider kann man sich das ja nicht immer aussuchen, die Buchbranche hat eben auch ihre Saisons und ihre Deadlines.

Warum war es dir wichtig ein Buch übers Mädchensein zu schreiben?

Ehrlich gesagt kam der Anstoß dazu vom Verlag. Ich selbst wäre sonst vielleicht nicht auf die Idee gekommen, dieses Buch zu schreiben. Allerdings schwirrten mir diverse Ideen zu einem Mädchenbuch schon länger im Kopf herum. Dann kam die Anfrage des Verlags, ich setzte mich hin, um ein Konzept zu schreiben – und merkte dabei, wie viele Einfälle ich eigentlich schon hatte, wie eine sehr spezifischen Vision für dieses Buch.

Ein Buch übers Mädchensein wollte ich deshalb schreiben, weil ich selbst als Mädchen oft so verunsichert war, gefühlt habe, dass irgendwas falsch lief, ohne dass ich wusste, warum das so ist. Oft habe ich mich alleine und unverstanden gefühlt, mich in Bücher verkrochen und mich gefragt, warum ich nicht einfach normal sein kann. Dazu muss ich sagen, dass ich lange Zeit ein „normaler“ Teenager war – oder das, was man darunter versteht –, aber dann kam eine Depression, es ging mir richtig schlecht, und dadurch hat sich alles geändert. Mein kompletter Freund*innenkreis, mein Selbstwertgefühl, alles. Vieles hat sich letztendlich zum Positiven verändert, an vielem hatte ich noch jahrelang zu knacken. Hinzu kam, dass ich mir immer öfter ganz grundsätzliche Fragen gestellt habe.

Damals hätte ich mir sowas wie einen Wegweiser gewünscht und Erklärungen: Warum fühlt sich die Aussage des Sportlehrers „Julia macht Liegestütze wie ein Junge“ nicht wie ein Kompliment an? Warum beäugen wir Mädchen in der Umkleidekabine uns gegenseitig so kritisch? Natürlich sind Teenager allgemein im Ausnahmezustand und wissen nicht, was zur Hölle gerade mit ihnen passiert. Ich glaube aber, dass Mädchen dass noch in stärkerem Ausmaß betrifft: Ihnen wird permanent vorgehalten, wie sie aussehen und sich verhalten sollen, was „unweiblich“ ist und was nicht. Ich wollte also den Ratgeber schreiben, den ich mir selbst als Teenager gewünscht hätte. Ein Buch, das keine Vorgaben macht, sondern Denkanstöße liefert und mich darin bestärkt die zu werden, die ich sein will.

Was sind die größten Schwierigkeiten, denen junge Mädchen heutzutage begegnen?

Wo fange ich da an? Ich glaube, eines der größten Probleme ist, dass Mädchen immer eingeredet wird, sie dürften keinen Platz einnehmen. Sie müssten sich zurückhalten, ihre Rolle spielen und müssten sich im wahrsten Sinne des Wortes dünne machen. Was direkt zum nächsten Problem führt: Viele Mädchen fühlen sich wahnsinnig unter Druck gesetzt, einem bestimmten Schönheitsideal zu entsprechen. Sie sind nie zufrieden damit, wie sie sind – aber wie könnten sie auch? In den Medien, vor allem in den sozialen, wird ihnen ja ständig gezeigt, wie sie auszusehen haben. Theoretisch wissen sie natürlich, dass auf Instagram & Co mit Filtern und ähnlichem gearbeitet wird, dass die vermeintlich perfekten Fotos also bearbeitet, das heißt manipuliert sind. Trotzdem macht es etwas mit einem, wenn man sich den ganzen Tag durch perfekte Körper und Gesichter scrollt. Das kenne ich ja von mir selbst. Der allgegenwärtige Optimierungs- und Schönheitswahn hält Mädchen und Frauen meiner Meinung nach aktiv davon ab, sich mit anderen Dingen zu beschäftigen. Dinge zu machen, die man machen möchte – einfach, weil da immer dieser Gedanke ist, dass man nicht genug ist.

Was sind deine Top-Tipps, um „stark, frei und ganz du selbst“ zu sein?

Im Buch versuche ich, verschiedene Themen wie Körperbild, Geschlecht, Sexualität oder Sexismus anzusprechen und jeweils Denkanstöße und Ideen zu liefern, wie Mädchen damit umgehen könnten. Es geht darum, aufzuzeigen, von welchen Normen, Zwängen und Erwartungen Mädchen betroffen sind, warum das so ist und welche Auswege es gibt. Es gibt außerdem jede Menge Porträts von inspirierenden Mädchen und Frauen, die ihren Weg gegangen sind. Ich möchte Mädchen Mut machen, ihr eigenes Ding zu machen – aber ihnen nicht vorschreiben, wie genau sie das zu bewerkstelligen haben. Ich meine, ich bin 30 und habe dieses Frausein an manchen Tagen gefühlt überhaupt nicht raus. Einen Top-Tipp habe ich also nicht – außer vielleicht, mein Buch zu lesen. Kleiner Scherz.

Können dieses Buch auch Jungs lesen? Und falls nicht, was sollten sie lesen?

„How to be a Girl” ist schon für Mädchen gedacht, auch wenn es ein paar Exkurse zum Thema Jungs gibt. Mir war einfach wichtig, ab und zu klarzumachen, dass auch Jungs unter gewissen Normen und Rollenbildern leiden – sie sollen ja immer stark sein, nicht weinen, und so weiter. Und natürlich können sich auch Jungs von Frauen wie Maya Angelou oder Ada Lovelace, die beide mit Porträts im Buch vertreten sind, inspirieren lassen! Ein tolles Buch, das ich auch männlichen Lesern empfehlen kann, ist „Mann Frau Mensch. Was macht mich aus?“ von Jörg Bernardy.

Gerade als Neu-Eltern bekommt man ja so einige Tipps um die Ohren gepfeffert. Was können wir diesem Optimierungswahn, der ja oft schon im Babyalter beginnt und Druck auf junge Mädchen ausübt, entgegensetzen?

Eine Antwort darauf fällt mir schwer – ich selbst habe keine Kinder und finde Leute, die sich in die Kindererziehung anderer einmischen, immer grundsätzlich anstrengend und übergriffig. Ich glaube, das einzige Mittel gegen den Optimierungswahn ist es, sich ihm zu widersetzen. Wenn ich mir Freundinnen anschaue, die in den letzten Jahren Mütter geworden sind, dann bin ich richtig stolz, weil jede einzelne von ihnen das so toll macht. Letztendlich muss man als Eltern wohl vorleben, was man seinen Kindern vermitteln will. Wenn man als Mama ständig an seiner Figur rummäkelt, muss man sich nicht wundern, wenn die Tochter das als normales Verhalten begreift. Aber wie gesagt, generell möchte ich als Nicht-Mutter da ungerne Tipps geben, die sich dann in der Realität als völlig unpraktisch erweisen.

Was muss politisch und gesellschaftlich passieren, damit es Bücher wie deine nicht mehr braucht?

So so vieles. Letztendlich geht es darum, unsere Gesellschaft gerechter zu machen, gleichberechtigter. Gesellschaftlich müssten wir uns endlich von tradierten Geschlechterrollen verabschieden – sonst geht es nicht vorwärts. Das ist natürlich nur eins von hunderten von Dingen, die sich ändern müssten. Aber ich finde, davon hängt vieles ab. Politisch ist in den letzten Jahren ja zumindest ein bisschen was passiert: Es gibt ein strengeres Sexualstrafrecht gemäß dem Grundsatz „Nein heißt nein“, ein Entgeltgleichheitsgesetz wurde verabschiedet, etc. Wie wirkungsvoll all diese politischen Maßnahmen sind, ist natürlich eine andere Frage. Ich finde auf jeden Fall, dass Politik viel dazu beitragen kann, die Gleichberechtigung voranzutreiben, indem sie Anreize setzt. Man sieht ja zum Beispiel, dass mittlerweile mehr Männer Elternzeit nehmen – einfach deshalb, weil es dann länger Elterngeld gibt. Politik muss die Rahmenbedingungen schaffen, innerhalb derer sich Dinge verändern können.

Kannst du uns noch tolle Instagram-Accounts empfehlen, die nicht nur junge Mädchen, sondern auch uns empowern?

Da gibt es natürlich viele, aber ich beschränke mich mal auf eine kleine Auswahl. Wirklich gut gemacht finde ich den Account @maedelsabende: Junge Frauen sprechen über die unterschiedlichsten Themen, von Beziehungen über Schönheitsideale zu Angststörungen. Wen ich auch mag, ist Hannah Witton: Die Britin hat einen Youtube-Kanal, auf dem sie vor allem über Sexualität spricht, aber auch darüber, wie es sich mit einem künstlichen Darmausgang lebt. Unter @feuerundbrot findet man die beiden Freundinnen Alice und Marie, die einen gemeinsamen Podcast haben. Kea von Garnier macht allen, die mit psychischen Erkrankungen leben, Mut – und ihre poetischen Alltagsbeobachtungen sind einfach nur schön. Last but not least: Die Datteltäter räumen mit Vorurteilen gegen den Islam auf – und das unheimlich unterhaltsam und lustig.

Liebe Julia, vielen Dank für deine spannenden Gedanken, deine Bücher und deine Zeit, die du dir für uns genommen hast. Auf viele weitere Bücher von dir!

Julia Korbik findet ihr
auf ihrer Website
dem Blog „Oh, Simone“
oder bei Instagram

Ihre drei Bücher gibt es hier via Amazon zu kaufen, oder – noch viel besser – in deinem Buchladen um die Ecke!

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