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Gunda Windmüller: „Dass eine Frau auch ohne Anhang ein vollständiger Mensch ist, ist tatsächlich ein radikaler Gedanke.“

Gunda Windmüller ist eine wirklich coole Frau. Nicht nur, weil sie einen liebenswerten Charme besitzt, der schon beim ersten Aufeinandertreffen seine Funken versprüht, sondern noch vielmehr, weil sie kluge Texte über meist sperrige Themen schreibt. Es verwundert also nicht, dass die studierte Journalistin und Autorin mit Doktortitel 2018 gemeinsam mit Mithu Sanyal eine Petition startete, um das Wort „Vulvalippen“ in den Duden aufnehmen zu lassen, da „Schamlippen“ ja nun wirklich der Vergangenheit angehören könnten. 
Dieses Jahr setzte sie noch einen obendrauf und veröffentlichte ihr erstes Buch, das sich ebenso mit einem Thema befasst, das von der Gesellschaft meist komisch angefasst wird: das Single-Dasein. Selbst herausgefordert als Gunda zum x-ten Male auf einer Hochzeit gefragt wurde, wo denn ihr Mann sei und die Fragende sich empört wegdrehte, als sie feststellen musste, dass Gunda es ganz allein zur Hochzeit geschafft hatte, verarbeitet sie nun all diese gesellschaftlichen Stigmata in ihrem Werk „Weiblich, ledig, glücklich – sucht nicht. Eine Streitschrift“ (erschienen 2019, Rowohlt).  Warum Single-Bashing von vorgestern ist und was diese ganze Beziehungssucherei mit uns macht, hat uns Gunda im Interview verraten. 

Gunda, warum braucht es überhaupt ein Buch über Singlefrauen?

Gunda Windmüller: „Weil die Sichtweise auf Singlefrauen symptomatisch für viele Aspekte von Ungleichheit ist, die es nach wie vor gibt. Singlefrauen gelten als Mängelwesen. Als nicht ganz komplett ohne Mann. Als unausgeglichen, bemitleidenswert, möglicherweise auch irgendwie fehlerhaft. Dass eine Frau auch ohne Anhang ein vollständiger Mensch ist, ist in dem Zusammenhang tatsächlich ein radikaler Gedanke. Und wir brauchen mehr solcher Gedanken.“

Du beschreibst in dem Buch sehr eindrücklich, wie wir Frauen über die letzten Jahrzehnte bzw. Jahrhunderte in gewisse Rollen gedrängt wurden. Wie genau hängt das mit der Abwertung einer Singlefrau zusammen?

„Frauen wurden, vor allem im Zusammenhang mit der Industrialisierung, auf die private Sphäre beschränkt. Sie sollten sich um die „Keimzelle“ der Familie kümmern – ihr Leben sich im Privaten und eben nicht in der Öffentlichkeit, mit einem Beruf beispielsweise, erfüllen. Wenn also eine Frau nicht in diesem privaten Kontext „punktet“, wird ihr das – ganz egal wie erfüllt ihr Leben sonst sein mag – immer noch als existentieller Mangel ausgelegt. Die private Rolle erscheint in diesem Kontext als die natürliche Rolle. Das ist sie nicht. Sie wurde so ausgelegt, sie passte der kapitalistischen Arbeitsteilung in den Kram.“

Wenn man dein Buch so liest, könnte man meinen, es sei gar falsch als Feminist*in verheiratet sein zu wollen. Ist dem so?

„Jede*r Mensch kann sich einen Partner oder eine Partnerin wünschen. Von mir aus können Leute auch von Brautschleiern träumen, aber ich würde trotzdem gerne darauf hinweisen, dass gerade die Ehe, auch so, wie sie heute noch funktioniert, nicht gerade Frauen-freundlich ist. Stichwort Ehegattensplitting. Und wenn wir die Welt verändern wollen, müssen wir auch unser Privatleben anschauen.“

Was können wir als Frauen tun, um uns selbst die Power und die Ermächtigung über unser eigenes Leben und unsere Liebesentscheidungen zurück zu holen?

„Wir müssen uns klar machen, dass das, was uns oft als ultimative Krönung unseres Lebens ausgelegt wird, die romantische, exklusive und dauerhafte Liebe, auch nur ein Modell ist, in dieser Welt zurechtzukommen. Es ist eine Geschichte, eine Möglichkeit. Wir haben aber auch andere. Die zu erzählen, kann hart sein. Aber es wird leichter, wenn wir merken, das ein gelingendes Leben aus uns selbst heraus gelingen kann. Wenn wir unsere eigenen Bedürfnisse in dem Maße priorisieren, wie wir es jahrhundertelang mit den Bedürfnissen anderer getan haben.“

 

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Wenn man sich so umschaut, schwirren da draußen allerhand Beziehungs- und Single-Ratgeber herum und einige Coaches wollen uns erzählen, wie wir dann eben doch zu unserem Traummann, es wird ja leider oft so heteronormativ gesprochen, kommen. Ist das denn alles wirklich falsch?

„Falsch würde ich nicht sagen, es gibt mit Sicherheit ein bis zwei Leute, die sich so glücklich verpartnert haben. Aber ich halte das nicht für eine nachhaltige Strategie. Auch, weil ich glaube, dass dieser Traumpartner eine Chimäre ist. Es gibt Menschen, die passen auf dem Papier ganz herausragend zu uns, aber in real life funkt es einfach nicht. Und umgekehrt. Denn, und das wird in diesem Partner-Such-Wahn oft vergessen: Sich zu verlieben, also sich wirklich zu verlieben, das klappt nicht mit Algorithmen, mit Matching Points oder einer neuen Frisur. Auf einen Menschen zu treffen, der uns berührt, ist etwas Besonderes. Und wenn es dann auch noch beiden so geht, dann war in der Regel vorher kein Coaching dabei. Sondern vor allem Glück.“

Was möchtest du Frauen mitgeben, die trotz aller Reflektion vielleicht dennoch sehr traurig darüber sind keine*n Partner*in zu haben?

„Dass es völlig okay ist, traurig zu sein, aber dass es helfen kann sich klarzumachen, was man alles hat und nicht so sehr, was man nicht hat. Ein glückliches Leben zeichnet sich durch glückliche Beziehungen aus. Beziehungen im Plural. Und in die zu investieren, kann dabei richtig helfen.“

 

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Wo muss man jetzt ansetzen, damit die nachfolgenden Generationen junger Mädchen und Frauen nicht wieder dem Bridget-Jones-Mythos verfallen?

„Wir sollten unsere eigenen Geschichten stärker behaupten. Und Geschichten und Märchen ausbremsen, die jungen Mädchen immer noch klar machen wollen, wo ihr Platz im Leben ist. Als „Frau von…“. Nicht immer dieses „Wenn du dann mal heiratest…“, „Wenn du mal Kinder hast…“, sondern ein Fokus auf das eigene Leben. Was auch immer dabei herauskommt.“

Wie reagierst du heute, wenn dich mal wieder jemand mitleidig anschaut, weil du nicht verheiratet bist?

„Dann erkläre ich, dass Mitleid wirklich nicht nötig ist. Ich will Lebenskonzepte nicht gegeneinander ausspielen, aber ich weiß einfach sehr genau, wie es mir geht, was ich habe und wer ich bin: Eine bei sich stehende Frau, die grundzufrieden ist, aber die gerne in einer Gesellschaft leben würde, in der die Partnerlosigkeit für Frauen keinen Mangel mehr darstellt.“ 

Was wünscht du dir für Frauen 2019?

„Eines der beglückendsten Gefühle ist für mich Solidarität unter Frauen. Gerade in den letzten Monaten habe ich das, auch in Arbeitskontexten, immer wieder gemerkt. Ich wünsche mir, dass Frauen sich stärker vernetzen, Banden bilden, mit mehr Zuneigung aufeinander gucken. Ich werde mal kurz pathetisch: Mich macht nichts froher, als meine Schwestern.“

Liebe Gunda, danke für deine klugen, offenen Worte, die einmal mehr unsere Gedanken kräftig zum Kreisen bringen.