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GIRL – Ein Film über Identität, Erwachsenwerden & Geschlecht

Text: Nina Lorenzen
Bild: via © Universum Film

Wir brauchen Filme, die uns Geschichten von Menschen erzählen, die nicht im Mittelpunkt unserer Gesellschaft stehen. Wenn es solche Filme dann auch noch ins Kino schaffen, ist die Aufmerksamkeit groß. So auch bei GIRL, der dieses Jahr beim Filmfestival in Cannes gleich drei Mal ausgezeichnet wurde und als Oscar-Kandidat gehandelt wird. Für seinen ersten Langspielfilm hat sich der belgische Regisseur Lukas Dhont von einer wahren Geschichte einer transsexuellen Ballerina inspirieren lassen.

Im Fokus von GIRL steht Lara – ein ehrgeiziges Mädchen, das mit 15 Jahren um jeden Preis Balletttänzerin werden möchte. Gemeinsam mit ihrem Vater und ihrem kleinen Bruder ist sie vom belgischen Dorf in die Hauptstadt Brüssel gezogen. Dort geht Lara auf eine Ballettschule – umgeben von Teenagern, die dasselbe Ziel haben. Dass Lara im Körper eines Jungen geboren wurde, ist dort kein Geheimnis. Gleich zu Beginn gibt es eine Szene, in der der Klassenlehrer Lara vor allen Mitschüler*innen bittet, ihre Augen zu schließen, damit alle Mädchen abstimmen können, ob es für sie in Ordnung ist, wenn Lara sich gemeinsam mit ihnen in der Mädchenumkleidekabine umzieht. Niemand hat was dagegen.

Lara ist eine von ihnen und ist es doch nicht

Sie sitzt nie alleine in der Mensa, wird auf jede Party eingeladen und posiert für Selfies mit ihren Mitschüler*innen. Und doch ist es ihre stille Einsamkeit, die sich bedrohlich durch den Film zieht. Lara kann und will sich auf niemanden emotional einlassen. Weder auf ihren Therapeuten, noch auf ihren verständnisvollen Vater oder auf ihre Freund*innen. Ihr einziger Fokus ist die geschlechtliche Transition. Jeden Tag kämpft sie gegen ihren Körper – klebt sich ihren Penis ab, begutachtet sich kritisch im Spiegel. Die Hormonbehandlung erweist sich als langwierig und geht Lara nicht schnell genug. Um die Genitalanpassung endlich durchführen zu können, muss ihr Körper in einem gesunden Zustand sein. Doch der tägliche Ballettunterricht verlangt Lara körperlich und emotional einiges ab.

© Universum Film

Eine Frage der Perspektive

Neben dem Preissegen gibt es auch Kritik an GIRL, wie etwa die Fixierung auf das Körperliche. Dies ist natürlich einerseits dessen geschuldet, dass Lara auf eine Ballettschule geht und ihren Körper täglich zum Funktionieren zwingt. Dann gibt es die Szenen, in denen Lara nackt vorm Spiegel steht und ihren Körper, der sich für sie nicht schnell genug verändert, fast schon wütend betrachtet. Und auch die Mitschüler*innen geben ihre Körperfixiertheit an Lara weiter: So gibt es einen Moment, in dem sie Lara dazu auffordern, den anderen Mädchen ihr Geschlechtsteil zu zeigen. Einblick in Laras Innere hingegen bekommen wir nur selten – Lara fällt es schwer, über ihre Gefühle zu sprechen. Und so vertraut sie sich weder ihrem Vater noch ihrem Therapeuten an. Die Figurenzeichnung nähert sich durch das Nicht-Kommunizieren zwar dem Lebensgefühl von Teenagern, gleichzeitig verhindert sie so, dem Thema Transsexualität mehr Tiefe zu geben. Somit begründen sich Laras Traurigkeit und Einsamkeit in dem dringlichen Wunsch der Geschlechtsangleichung, was ihre Geschichte und die Zuschauer*innenperspektive drastisch auf das Äußere reduziert.


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Hinzu kommt, dass Laras Figur von dem belgischen Schauspieler Victor Polster gespielt wird – einem Cis-Mann. Für mich – wohlbemerkt als Cis-Frau – spielt er die Rolle des undurchdringlichen Teenagermädchens, die jeden Tag aufs Neue den Kampf gegen ihren Körper still mit sich selbst aufnimmt, wunderbar. Aber auch mein erster Gedanke mit Blick auf das Cast war: Warum wurde niemand aus der Trans-Community für diese Rolle besetzt? Jill Soloway, Erfinderin der Erfolgsserie TRANSPARENT, die von Soloways eigener Familiengeschichte inspiriert ist, hat die Rolle von Maura – einer Transfrau – von Schauspieler Jeffrey Tambor spielen lassen (der aufgrund sexueller Belästigungsvorwürfe inzwischen entlassen wurde). Heute sagt Soloway, dass sie die Rolle nie wieder mit einem Cis-Mann besetzen würde.

“I would unequivocally say it is absolutely unacceptable to cast a cis man in the role of a trans woman. Ever. […] I just don’t know if it’s the place of a cis man to be attempting to investigate how it feels to be trans. […] People need to begin to make the effort to pull trans people into the industry, to identify, find, train, promote and distribute the works of trans people about trans people.”

Lukas Dhont sagt, dass er trotz offenem Casting, niemanden aus der Trans-Community für die Rolle der Lara finden konnte und er diese erst mit Viktor Polster, der selbst Profitänzer ist, glaubhaft besetzen konnte.
Wie auch immer man diese Casting-Entscheidungen bewertet, finde ich es wichtig, dass wir diese Diskussionen führen. Und dazu leistet auch GIRL einen großen Beitrag. Damit sich die Erzählperspektive langfristig ändert, brauchen wir mehr Filmemacher*innen und Produktionsfirmen, die sich trauen, Geschichten in unsere Gesellschaft zu tragen, die sonst ungehört bleiben.

Girl RezensionNina Lorenzen schreibt als Bloggerin auf ihrem Nachhaltigkeits-Blog Pink&Green und gründete nach längerer Laufbahn im Literaturwesen mit Melanie Hauke gemeinsam die Videoproduktionsfirma NxM. Außerdem ist sie Co-Gründerin von Fashion Changers, wo sie sich für eine fairere Modeindustrie einsetzt, leidenschaftliche Kinogängerin und eine 1A-Hobbytänzerin.