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Editors Letter: Vom Kampf mit dem eigenen Körper und der Flucht nach vorne

2018 war ein echtes Lehrjahr für mich. In vielen Dingen. Aber vor allem im Bezug auf die Wahrnehmung mir selbst gegenüber. Viele Jahre habe ich meinen Körper abgelehnt – so wie die meisten von uns. Ich kenne eigentlich kaum eine Frau, die nicht irgendwann in ihrem Leben mit ihrem Körper gekämpft hat.

Der Kampf mit dem eigenen Körper

Im wahrsten Sinne war es oftmals ein Kampf. Mit den ersten körperlichen Veränderungen in unserer Pubertät erklärten wir unserem Körper den Krieg. Und das Interessante daran ist, dass es eigentlich nahezu egal war, wie wir aussahen.

Egal, ob klein oder groß. Ob wir schon Brüste hatten oder nicht. Ob wir lange oder kurze Haare trugen (obwohl ich sagen muss, dass ich den Mädchen, die kurze Haare trugen schon immer eine extra Portion Selbstbewusstsein zuschrieb). Egal aus welchem Elternhaus wir kamen.

Unsere Körper waren immer Thema. Wir beäugten uns in der Umkleidekabine, sprachen mit der besten Freundin über die ungleich wachsenden Brüste, die breiter werdende Hüfte oder die erste Schambehaarung (Soll sie nun weg oder darf sie bleiben?).

Wir beobachteten, wie die ersten Mädchen in eine gnadenlose Essstörung schlitterten. Oder waren selbst eines dieser Mädchen. Wie viele Mahlzeiten habe ich in meinem Leben gehabt, die ich am liebsten wieder ausgekotzt hätte. Vielleicht auch manchmal habe…

Ich probierte so ziemlich jedes Haarentfernungsmittel, das sich in der Drogerie um die Ecke finden konnte. (Wie eklig riecht bitte Enthaarungscreme? Und wer benutzt so etwas wirklich?) Ich färbte mir meine Haare in jeder erdenklichen Farbe. Immer auf der Suche nach mir. Als mein erster Freund sich von mir trennte, verdonnerten mich meine besten Freundinnen zu Blond. Das war gut, das war ein Cut. Das fühlte sich gut an. Und dennoch musste ich mein Äußeres ändern, um mich selbst wieder leiden zu können.

Zuhause machte meine Mutter eine Diät nach der anderen. Mal Kohlsuppe, mal Atkins, mal abends nichts mehr essen, mal morgens nur Brei. Wir hatten keine Chance, als automatisch davon auszugehen, dass das eben dazugehört. Diäten. Ich war noch unter 20 Jahre als ich mir meine erste eigene Diät auferlegte. Anstatt darüber nachzudenken, was mein Körper wirklich brauchte, verschrieb ich mir ein striktes Kohlenhydratverbot. Ihr könnt euch denken, was passierte, als ich wieder anfing Kohlenhydrate zu essen. Denn seien wir mal ehrlich, wer will denn wirklich ohne Brot leben?

Ich tauschte Ei gegen Kartoffeln. Magerquark gegen Käse. Fettreduzierten Joghurt gegen Pudding. Genuss gegen Frust. Kalorien gegen ein vermeintlich besseres Leben. Ich schloss Fitnessstudio-Abos ab, um meiner selbst zu entkommen, nur um nach der ersten Session festzustellen, dass es eh zu weit draußen ist und ich dort nie und nimmer jede Woche hinfahren werde. Ich versuchte Pilates-DVDs und legte auch mal heimlich den Fatburner-Gürtel meiner Mama an.

Nicht wir sind kaputt, das System ist es

All in all versuchte ich alles Erdenkliche, um nur irgendwie schön genug zu sein. So schön wie die Frauen der Werbeplakate, die auf mich einlächelten. So schön, wie die Schauspielerinnen, die in Hollywood über den roten Teppich schwebten und so schön, dass ein „Oh, hast du abgenommen?“ mich innerlich jubeln ließ.

Das klingt jetzt alles ganz schön nach Tortur, aber eigentlich beschreibt es das ganz „normale“ Aufwachsen eines jungen Mädchens in Deutschland, den ganz normalen Kampf. Wie gesagt, kaum eine Freundin hat etwas anderes zu berichten. Kaum eine Freundin ist mit dem Gedanken aufgewachsen genug zu sein. Und wenn doch wurde sie darin nicht wirklich bestärkt.

Wir müssen damit aufhören! Wir müssen ganz, ganz deutlich damit aufhören! Wir müssen damit aufhören jungen Mädchen und Frauen, ach eigentlich Frauen jeden Alters, einzureden sie seien nicht genug und sie könnten das nur ändern, wenn sie ihr Äußeres dem gängigen Schönheitsideal anpassten.

Schaffen wir uns neue Vorbilder

Wir brauchen dafür neue Vorbilder. Starke Frauen, die zeigen, dass weder deine Größe, noch deine Form, noch irgendeine Zahl auf irgendeiner Waage deinen Wert auf irgendeine Weise definieren könnten. Du bist genug. Du bist wertvoll!

Wir brauchen Schulen und Lehrpersonal, die junge Menschen darin bestärken auf ihre Talente zu vertrauen. Mehr als auf ihr Aussehen oder ihre Schönheit.

Wir brauchen Mütter und Väter, die ihre Kinder in dem Vertrauen großziehen, dass sie alles machen können, alles werden können, was sie wollen. Dass ihr Wert nicht über ihre Körper definiert wird. Dass sie genau so sein dürfen, wie sie sind.

Wir brauchen Frauen im öffentlichen Raum, die repräsentieren. Alle Altersklassen, alle Haarfarben, alle Körperformen, alle Ethnien, alle sozialen Schichten. Denn nur so können wir Vorbilder schaffen, in denen sich junge Heranwachsende wiederfinden können.

Hätte ich damals mehr Frauen um mich gehabt, die selbstbewusst mit sich und ihrem Körper umgegangen wären, hätte ich vielleicht nicht jahrelang überlegt, ob es nicht zu viel ist ein Mal in der Woche Pizza zu essen.

Es musste erst 2018 werden bis ich mich endlich so vollends annehmen konnte, wie ich bin. Es war ein langer Weg und es wird sicherlich noch den ein oder anderen Kampf geben und es ist auch völlig in Ordnung, wenn man sich mal nicht leiden mag. Das gehört dazu. Das ist okay.

Aber ich bin mittlerweile 30 Jahre alt und ich möchte nicht, dass nur irgendeine Frau auf der Welt so lange dafür brauchen muss, um sich in sich selbst zu finden. Ich möchte, dass wir alle wissen, wie gut und schön und wunderbar wir sind. Und wie, verdammt nochmal, genau richtig und wertvoll. Und dass uns das keiner nehmen kann, so oft es auch versucht wird.