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Editors Letter: Über die Verantwortung

Wenn es etwas gab, was mein politisches Jahr 2018 maßgeblich geprägt hat, dann sicherlich die vielfältigen Demonstrationen, bei denen ich dabei war. Ich war schon immer ein politischer Mensch, bin in einem Elternhaus aufgewachsen, in dem Politik offen am Abendbrottisch diskutiert wurde. Ich hatte alle Freiheiten mir selbst meine Meinungen bilden zu dürfen, konnte mich jederzeit informieren und jegliche Frage, jedes Denken war erlaubt. Die Nachrichten im Deutschlandfunk waren genauso Alltag wie das heute-journal um 19 Uhr und die aktuellen, regionalen Entwicklungen in der Zeitung. Noch heute schickt mir mein Vater Zeitungsausschnitte oder E-Mails mit Links zu Artikeln, die mich interessieren könnten. Wir pflegten sozusagen schon immer ein Social Network bei uns, teilten die Dinge, die uns wichtig erschienen.

Was bedeutet eigentlich Demokratie?

Manchmal frage ich mich, ob ich ebenso politisch denkend geworden wäre, hätte es in meinem Elternhaus anders ausgesehen. Oder hätte ich mich zu Beginn eher an meiner Mutter orientiert, der die große Politik viele Jahre nicht so wichtig erschien. Ich werde nie die Diskussion in unserer Küche 2009 vergessen. Es war das erste Mal, dass ich bei einer Bundestagswahl wählen durfte. Mein Recht das erste Mal 2006 direkt mit 18 Jahren an die Wahlurne zu treten, wurde mir, und so sah ich es damals tatsächlich, genommen, weil das Misstrauensvotum 2005 eben ein Jahr zu früh für mich kam. Ich war echt sauer, aber weiß deswegen auch heute, warum es berechtigt ist über ein früheres Wahlalter zu diskutieren.

Zurück zu unserer Küche. Wir unterhielten uns also darüber, wer welche Partei gewählt hatte und ich kam aus dem Staunen nicht mehr raus als ich hörte, für welche Partei meine Mutter gestimmt hat (nein, natürlich keine rechte, eh klar!), nicht weil sie deren politischen Ansichten unbedingt teilte, sondern weil sie die Person, also die/den Spitzenkandidat*in toll fand („Sie ist nett.“) Ich konnte das einfach nicht verstehen und war wirklich fast wütend, weil ich es in meiner Naivität und Ignoranz so unfassbar naiv fand. Erst später verstand ich, dass genau das Demokratie bedeutet. Dass es unterschiedliche Meinungen geben darf und muss. Dass wir in einer Familie, und einer Gesellschaft, politisch nicht einer Meinung sein müssen. Und dass wir vor allem durch diese gegensätzlichen Positionen zu wirklich wichtigen Erkenntnissen kommen.

Wenn Argumente auf Widerstand treffen

Diskurs, Austausch und sich aneinander reiben ist gut. Es ist wichtig, um unsere Gesellschaft voranzubringen. Es ist wichtig, um gute Kompromisse zu finden. Aber in den letzten Jahren bin ich mir nicht mehr so sicher, ob es immer so hilfreich ist nur zu diskutieren und das Für und Wider abzuwägen. Es gibt so dringliche Fragen, bei denen man das Gefühl bekommt, dass sie im Bundestag einfach nur totgeredet werden. Oder, wie jetzt mit Parteien zu beobachten, die selbst an den demokratischen Grundwerten zweifeln, gar nicht diskutiert werden können, da eine solche Verbohrtheit und Verschlossenheit herrscht, dass eben genau dieser Geist einer offenen Gesellschaft verloren geht.

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Und so stand ich 2018 unzählige Male auf der Straße, um für die Werte einzutreten, an die ich glaube: Empathie, Offenheit, Umweltschutz, Menschlichkeit und Zusammenhalt. Der Vibe, der mich durch diese Zeit trägt, ist gigantisch. Nirgendwo sonst bekommt man so stark das Gefühl, dass es wirklich noch eine Chance gibt, als mit Tausenden anderen auf der Straße, die für dieselben Werte einstehen wie man selbst. Aber das gilt eben nicht nur für demokratische Themen. Auch die, die sich eher aus der Gesellschaft abgrenzen wollen oder eine Gesellschaft heraufbeschwören, in der sie unter sich sind, gehen mit denselben Gefühlen auf die Straße. Nicht nur Chemnitz hat gezeigt, dass wir in unserer Gesellschaft noch einiges vorhaben, um Vorurteile abzubauen, um Lösungen zu finden, die wirklich für alle tragbar sind und um auch Grenzen aufzuzeigen, wenn sie notwendig sind. Es entstanden dieses Jahr Fragen wie „Muss ich mit Rechten reden?“, „Was ist wichtiger: Klimaschutz oder soziale Themen?“ oder „Warum sind so wenig Frauen in hohen, politischen Ämtern?“

Die Verantwortung der Einzelnen

Das ist alles harter Tobak und es ist nicht von der Hand zu weisen, dass unsere derzeitigen Politiker*innen eine große Schippe Verantwortung mit sich tragen und doch wünsche ich mir, dass wir diese Verantwortung nicht immer nur bei den anderen suchen. Wir alle können etwas dafür tun, dass unsere Gesellschaft lebenswert bleibt. Egal ob wir nun in einem politisches Haus groß geworden sind oder nicht. Sei es ein einfaches Lächeln in der Bäckerei am Morgen, eine klare Kante bei rassistischen oder sexistischen Äußerungen, liebevolle Worte für die, die es brauchen oder das Formulieren von Forderungen an unsere Politiker*innen. Wir alle sind unsere Gesellschaft und 2018 zeigt deutlich, dass wir noch viel mehr zusammenstehen müssen als es bisher der Fall war. Es werden große Herausforderungen auf uns zukommen, die wir sicherlich Hand in Hand besser meistern als mit einer weiteren Grenze, die der/die Nachbar*in nicht übertreten soll.