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Editors Letter: Über das sich selbst Verlieren und Wiederfinden.

von Ann Cathrin Schönrock

Anni ist in ihrem Zweitstudium ihrer Leidenschaft gefolgt und hat Modedesign studiert. Leider führte dieser Weg in die scheinbar bodenlose Selbstausbeutung. Vom Ehrgeiz gepackt, wurde kurzerhand jegliche Achtsamkeit für die noch so einfachsten Grundbedürfnisse wie Essen und Schlaf über Bord geworfen, um es Dozent*innen und der Welt zu zeigen – dabei blieb die eigene mentale Gesundheit komplett auf der Strecke. Anni merkte dies aber erst, als ihr Körper schlapp machte.

Ein Text über das Verlieren und Wiederfinden

Wie glücklich man sich doch schätzen kann, wenn man etwas gefunden hat, dass man liebt und es dann auch noch in der Ausbildung, im Studium und später beruflich ausleben kann, oder? Leider sieht die Realität trotz oder gerade wegen der Leidenschaft dafür nicht immer so rosig aus. Das musste auch ich auf die harte Tour lernen.

Wer nicht auf sich aufpasst, gerät schnell in ein zerstörerisches System. Bestehend aus zu viel Arbeit, zu wenig Freizeit, Schlaf, sozialen Kontakten, aber dafür mit jeder Menge  ungesunder Ernährung, Stress und auf lange Sicht, im schlimmsten Fall, sogar Krankheit.

Vielleicht erkennt sich die ein oder andere von euch darin wieder.

Ich habe Sorge von Familie und Freund*innen als missgünstig wahrgenommen zu werden. Ich habe nicht auf die Familie gehört, die in Dauerschleife sagte, ich müsse auf mich aufpassen. Habe Freund*innen insgeheim Vorwürfe gemacht, die aufhörten mich einzuladen, weil ich ja eh nie kam und lieber Zeit in Arbeit steckte. Dazu habe ich mir ein Umfeld von Menschen kreiert, deren Leben selbst zum größten Teil aus Arbeit bestand. Eine gefährliche Kombination.

Mit Leidenschaft dabei sein

Ich habe erst gemerkt, wie sehr meine mentale Gesundheit belastet und im Ungleichgewicht war, als ich körperlich anfing krank zu werden.

Während der Abschlussphase mal eine Woche lang nur alle zwei Tage schlafen? Klingt wahnsinnig, das finde ich jetzt auch. Doch nach einigen Semestern Modedesign-Studium kam ich besser damit zurecht es so zu handhaben, als jede Nacht nur vier Stunden zu schlafen.

Vielleicht denkst du jetzt, das kann nicht sein, wie soll man jede Nacht nur vier Stunden schlafen können? Aber wenn man in den ersten Semestern von Dozierenden belächelt wird, wenn man sich bei fünf Stunden Schlaf die Nacht beschwert, wird man schnell eines Besseren belehrt. Ein giftiges System.

Die Modebranche ist also von Grund auf – schon in der Ausbildung – ein kaputtes System, das auch bei den beliebteren, besser bezahlten Jobs in Selbstausbeutung und Selbstaufgabe mündet.

© Melanie Wasser

Wenn man körperliche Folgen zu spüren bekommt

Ich nahm gefühlt stetig ab. (Was mir in dem Moment recht war. Wenn man tagtäglich mit sehr dünnen Models zu tun hat und die Dozierenden sie gerne noch dünner hätten, verzerrt es das eigene Welt- und Körperbild enorm.) Und durch den permanenten Schlafmangel nahm ich obendrein zu viel Koffein und Gifte zu mir. Gesund essen? Keine Zeit. Wir hatten als Absolvent*innen die Schlüssel für die Arbeitsräume und es war nicht selten, dass man mal die Nacht dort verbracht hat. Hat es jemals gereicht? Nein.

Nach dem Abschluss habe ich direkt noch eine Weiterbildung im Strick-Design in London dran gehängt. Als ich aus London wiederkam, bin ich erstmal in ein Loch gefallen. Nach so einer intensiven Phase bleibt nicht viel an Privatleben bestehen und einen sozialen Halt gab es in dem Hochschulumfeld nicht. Zumindest nicht im Modebereich.

Zeitgleich bekam ich schlimme Darm-Probleme, welche sich in den unterschiedlichsten gesundheitlichen Ausmaßen zeigten. Das Absetzen der Pille brachte das dazugehörige Hormonchaos und ich hatte zum ersten mal das Gefühl meine Gefühle echt wahrzunehmen. Die Jahre zuvor hatte ich nur noch funktioniert.

Die gesundheitlichen Folgen sind nun, nach knapp anderthalb Jahren nach der stressigsten Phase, einigermaßen im Griff, jedoch ist mein Hormonhaushalt noch lange nicht wieder eingependelt. Damit werde ich noch lange zu “kämpfen” haben. Dazu kommt auch, dass es kein*e Ärzt*in ernst nimmt.

Work-Life Balance in der heutigen Zeit

Gibt es das überhaupt? “Work-Life-Balance”? Ist das nicht inzwischen alles Wischi-Waschi und die Arbeit ist doch eigentlich das Leben? Wie soll man bei dem Leistungsdruck und dem permanenten Vergleich noch mit gutem Gewissen auch mal nichts tun?

Wie geht es euch damit? Mir fällt das auf jeden Fall wahnsinnig schwer – immer noch.

Die eigene Ausrede? Ich liebe doch was ich tue, deswegen ist es für mich keine Arbeit. Ja, aber immer nur tun und machen ist nunmal auch Arbeit. Der menschliche Körper, meiner zumindest, braucht auch mal das Nichtstun, nichts denken, einfach nur atmen um gesund zu bleiben.

Wenn ihr eine*n Freund*in habt, die/der sagt “…aber es ist für mich keine Arbeit…”, in dem Moment, in dem man ermahnt, dass mal eine Pause notwendig wäre – Warnsignal! Auch wenn die/der Betroffene es nicht hören will.

Mensch oder Maschine

Wie schon gesagt, während der Abschluss-Phase habe ich praktisch nicht geschlafen. Vielleicht drei bis fünf Stunden die Nacht und das über einen Zeitraum von ca. sechs Wochen. Die Arbeit nahm kein Ende. Dazu war es sehr kostspielig und Sorgen und schlaflose Nächte kamen deswegen auch noch hinzu.

Wir leben heute im ständigen Vergleich durch soziale Medien. Selbstverbesserung ist das neue Maß. Wer sich ausruht, verliert. Wir müssen zunehmend mit Algorithmen und Maschinendenken mithalten (Spoiler: geht eh nicht) oder versuchen es zumindest.

Das Menschliche in der Arbeit geht verloren. Die Prognosen besagen, dass in 20 Jahren ca. 30 Prozent aller Arbeitsplätze von Maschinen übernommen werden. Sachbearbeiter*innen, Buchhaltung, Taxi- und LKW-Fahrende und viele mehr werden nicht mehr gebraucht. Der Mensch wird egal. Es geht nur um effektive, fehlerfreie Leistung. Diese Aussicht macht mir Angst. Wo soll das hinführen?

Sich selbst verlieren… und wiederfinden!

Zurück zum Menschen und dem Umfeld: Sollte man also spätestens, wenn es zu Unverständnis aus dem Umfeld kommt, hellhörig werden? Wenn man dank Ehrgeiz als Frau als “verbissen” bezeichnet wird? Wahrscheinlich schon oder dennoch, aber wenn man selbst gerade in der Situation steckt, ist es unglaublich schwierig zu differenzieren.

Mich persönlich haben Kommentare dieser Art in der Situation damals eher noch angespornt oder einfach nur wütend gemacht. Da wollte ich es doch erst recht allen beweisen.

Was kann man also tun, um sich selbst oder einer/einem Freund*in in dieser selbstzerstörerischen Situation zu helfen?

Meiner Meinung nach: nicht viel. Mentale Gesundheit weiß man erst wertzuschätzen, wenn man es körperlich merkt. Ich, für meine Situation, kann mir nichts und niemanden, keinen Rat oder Kommentar vorstellen, der mich hätte anders handeln lassen. Es war wie eine Droge.

Ich musste mich erst selbst verlieren, um mich finden zu können. Das muss sicherlich nicht jede*r durchmachen, doch für mich war es der Weg und ich bin sicher, dass es vielen so geht. Eine Frage, welche für meine jetzigen Lebensentscheidungen immer wieder wichtig ist: “Gibt es meinem Leben mehr Qualität? Wie werde ich am Ende meines Lebens darüber denken? ” Damit fahre ich gut und wie die Arbeit dabei abschneidet, könnt ihr euch vielleicht denken.

Titelbild: © Tiko Giorgadze

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Wie es ist, wenn man Hilfe in Anspruch nimmst, kannst du hier nachlesen. Betroffene erzählen, wie sie die Therapie erleben und was sie ihnen bringt.