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Dorothea Zimmermann von Wildwasser e.V.: „Ich wünsche mir eine bessere Rechtssprechung für Opfer sexualisierter Gewalt.“

Triggerwarnung: Dieser Artikel befasst sich mit sexualisierter Gewalt und sexualisiertem Missbrauch.

– Dieser Artikel ist in Zusammenarbeit mit der Bundeskoordinierung spezialisierter Fachberatung gegen sexualisierte Gewalt in Kindheit und Jugend entstanden. –

Gerade die letzten Monate haben in Deutschland, aber auch weltweit, gezeigt, dass wir noch immer ein massives Problem mit sexualisierter Gewalt haben. Nicht zuletzt das #metoo Movement machte das Ausmaß dessen deutlich und hat die Dringlichkeit des Themas neu entfacht. Insbesondere Kinder und Jugendliche haben es als Betroffene sexualisierter Gewalt oftmals schwer über das Erlebte zu sprechen, dabei benötigen sie (und deren Angehörige) dringend Hilfe beim Verarbeiten der Geschehnisse.

Die Kriminalstatistik verzeichnet für das Jahr 2016 in Deutschland über 12.000 Ermittlungs- und Strafverfahren nur für sexuellen Kindesmissbrauch. Opfer dieser Straftaten sind zu etwa 75 % Mädchen und 25 % Jungen. Hinzu kommen Fälle von Missbrauch von Schutzbefohlenen und Jugendlichen sowie etwa 7.000 Fälle wegen Kinder- und Jugendpornografie. Bei diesen Zahlen handelt es sich um das sogenannte Hellfeld.

Das Dunkelfeld ist weitaus größer. Dunkelfeldforschungen aus den vergangenen Jahren gehen davon aus, dass jede/r Siebte bis Achte in Deutschland sexuelle Gewalt in Kindheit und Jugend erlitten hat. Das bedeutet auch, dass die meisten Fälle nie zur Anzeige gebracht werden. In ca. 80% der Fälle kennen die Betroffenen die Täter*innen aus ihrer Familie oder dem sozialen Nahbereich. Bestimmte Gruppen sind besonders gefährdet wie zum Beispiel Kinder und Jugendliche, die in Institutionen aufwachsen und/oder Behinderungen und Beeinträchtigungen haben. In den meisten Fällen sind Männer die Täter. In 10 bis 15% der Fälle wird sexualisierte Gewalt aber auch von Frauen ausgeübt.

Es gibt in Deutschland ca. 350 Beratungsstellen, die spezialisiert zum Thema sexualisierte Gewalt in Kindheit und Jugend arbeiten. Rein rechnerisch kämen gut 27.000 Betroffene auf eine Beratungsstelle. Es ist also knapp für alle. Bestimmte Regionen und Betroffenengruppen sind besonders unterversorgt: in ländlichen Gegenden fehlt es zuhauf an gut erreichbaren Angeboten, Männer und Jungen finden besonders schwer Beratung. Aber auch der Bedarf an barrierefreien Angeboten oder an Sprachmittlung kann bei weitem nicht gedeckt werden.

Es gibt keine systematischen Zahlen zur Finanzierung der Beratungslandschaft. Ihre chronische Unterfinanzierung ist seit Jahrzehnten ein großes Thema. Fakt ist, dass die meisten Fachberatungsstellen Jahr für Jahr um ihre Finanzierung bangen müssen und Anfang des Jahres noch nicht wissen, ob es weitergeht und die Angestellten bleiben können. Der Bedarf steigt, auch durch die zunehmende gesellschaftliche Thematisierung, die Mittel meist nicht – weder mit dem Bedarf, noch mit der Inflation, noch mit Tarifentwicklungen.

Im Rahmen der Kampagne 100% für Beratung von der Bundeskoordinierung spezialisierter Fachberatung gegen sexualisierte Gewalt in Kindheit und Jugend (BKSF) haben wir mit Dorothea Zimmermann vom Verein Wildwasser aus Berlin über die Arbeit in einer solchen Beratungsstelle und die aktuellen Herausforderungen gesprochen.

Dorothea, woher kam der Impuls Wildwasser e.V. vor 35 Jahren zu gründen?

Zwei Frauen, die selbst von sexualisierter Gewalt betroffen sind, kamen aus den USA und aus England wieder. Sie hatten dort Kontakt mit Selbsthilfegruppen und haben hier bei der Sommer-Uni andere betroffene Frauen gesucht. Dabei kamen sieben Frauen zusammen, die die erste Selbsthilfegruppe in Deutschland zu diesem Thema bildeten und im weiteren Verlauf Wildwasser gründeten.

Warum ist es so immens wichtig, dass Beratungsstellen wie Wildwasser e.V. überhaupt existieren? 

Wir finden es sehr wichtig, dass die Haltung der Beraterinnen in unseren Beratungsstellen sehr klar in die Richtung geht, dass die Erfahrung sexualisierter Gewalt nicht ein persönliches Schicksal ist, sondern eine strukturelle Gewaltstruktur in dieser Gesellschaft existiert, die die Gewalt im Generationen- sowie im Geschlechterverhältnis begünstigt. Dies wirkt sich natürlich nicht ständig auf jede einzelne Beratung aus, aber es ist eine Haltung, die die Betroffenen spüren und die es ihnen zum Beispiel erleichtert Schuldgefühle zu überwinden.

Wie viele betroffene Frauen* und Mädchen suchen bei euch Hilfe? 

Wir trennen die Zahlen nicht nach Betroffenen und Unterstützenden, die Rat und Begleitung suchen. Grob gerechnet suchen ca. 2000 Menschen im Jahr Kontakt mit uns. 

Du hast schon erläutert, dass ihr die Gewalterfahrungen von Mädchen und Frauen* nicht individualisiert, sondern im Kontext struktureller Gewalt versteht. Was bedeutet das konkret?

Wie gesagt, drückt sich diese Haltung in der Arbeit aus. Vor allem indem wir sehr konsequent den Betroffenen vermitteln, dass sie mit ihren Erfahrungen nicht allein sind. Aber auch der Schwerpunkt auf Empowerment und Ressourcenfindung überrascht sie, weil sie auch etwas anderes aus den Medien kennen. Dort wird oft ein Bild gezeichnet, dass einmal Opfer, immer Opfer bedeutet. Und im Grunde kein glückliches Leben mehr möglich ist. Auch die Infragestellung eines Gesellschaftsbildes von weiblicher und männlicher Sexualität kann in den Beratungsprozess einfließen und helfen, diese Erfahrungen nicht schuldhaft zu verarbeiten.

100% Beratung - Interview mit Wildwasser e.V.Die Kampagne 100% für Beratung stellt die Erfolge und Wünsche der Betroffenen in den Mittelpunkte und verdeutlicht damit die Notwendigkeit professioneller Beratungsstellen.

Warum ist es in eurer Arbeit wichtig auf interkulturelle Kompetenzen zu setzen?

Für uns steht es außer Frage, dass Deutschland ein Einwanderer*innen-Land ist, in dem es in allen Bereichen, aber natürlich ganz besonders im sozialen Bereich, notwendig ist eine interkulturelle Öffnung in der Teamzusammensetzung anzustreben und sich mit eigenen rassistischen Anteilen auseinanderzusetzen. Nur mit einer sehr klar entwickelten Haltung ist es möglich nicht mit einem Klischeedenken auf Hilfebedarf zu  reagieren und angemessen zu handeln. Sonst besteht leicht die Gefahr gewisse Verhaltensweisen und negative Sozialisationsbedingungen zu kulturalisieren. Gleichzeitig ist es aber natürlich auch wichtig sich mit bestimmten traditionellen Anforderungen zu beschäftigen.

Was sind die größten Herausforderungen aktuell für euch als Verein?

Eigentlich bleiben die Anforderungen immer gleich, wir erleben einen enormen Hilfebedarf, zum einem im Bereich der Intervention, aber auch nach Prävention, und können ihn nicht so erfüllen, wie wir es uns wünschen würden und wie es auch angemessen wäre.

Das betrifft natürlich auch den Bereich von Betroffenen, denen der Zugang zu uns schwer fällt, zum Beispiel weil sie sich nur in Gebärden- oder leichter Sprache verständigen können. Da würden wir gerne noch weitergehende Konzepte in Richtung Niedrigschwelligkeit entwickeln.

Verschärft hat sich durch den verknappten Wohnraum die Lage der Familien, die immer enger zusammenrücken müssen, und bei denen ältere Geschwister nicht mehr ausziehen können. Und die Lage der Frauen, die zum Teil den einzigen Ort, an dem sie eine gewisse Sicherheit erlangen konnten, verlassen und ihre kompensatorischen Strukturen in der Umgebung aufgeben müssen. Dies führt bei einem Teil von ihnen zu einer Labilisierung, die wir zum Beispiel im FrauenNachtCafé erleben.

Dorothea, was sind deine persönlichen Herausforderungen in der Arbeit?

Diese Frage ist gar nicht so leicht zu beantworten. Da gibt es zum Beispiel Momentaufnahmen, wo wir im stationären Bereich merken, wir können einem Mädchen nicht mehr die Hilfe geben, die sie braucht, weil dadurch die anderen Mitbewohnerinnen überfordert werden und wir uns von ihr trennen müssen.

Aber ganz oft auch das Gefühl, diese starken Mädchen, und auch erwachsene Nutzerinnen*, sie wollen was und werden was verändern, auf ihre Weise um sich kämpfen und dann ganz ideenreich immer wieder Möglichkeiten finden sie angemessen zu begleiten. Das macht auch Spaß.

Und wo spürst du auch Erfolge? Was bestärkt dich?

Sogenannte Erfolge werden oft erst im Nachhinein deutlich, wenn sie dann erzählen, was die Zeit bei Wildwasser für sie bedeutet hat. Aber oft auch schon in dem Moment die Veränderung mitzubekommen, wie die eigene Stärke wieder entdeckt wird und Vertrauen wieder wachsen kann.

Was wünscht du dir für Frauen* 2018?

Oh je, natürlich immer, dass die sexualisierte Gewalt weniger wird, sie nicht mehr Mehrfachdiskriminiserungen ausgesetzt sind. Leider ist das ein frommer Wunsch, von daher wünsche ich mir eine bessere Rechtsprechung, endlich eine deutliche Verbesserung des OEG und natürlich, dass jedes Mädchen und jede Frau, aber auch betroffene Jungs und Männer die Unterstützung da bekommen, wo sie sich wünschen und die sie brauchen, und die Beratungseinrichtungen gut genug ausgestattet sind, sie auch anzubieten.

Liebe Dorothea, vielen Dank für deine Zeit und dein immenses Engagement. 

Dorothea Zimmermann arbeitet seit 1990 bei Wildwasser Berlin, zuletzt als Geschäftsführerin. Sie ist u.a. aktiv in der interkulturellen (Eltern-)arbeit, zu Kinderschutz sowie zu Trauma, Flucht und Gewalt. Sie ist seit 2016 im Fachstellenrat der BKSF aktiv, die für die Kampagne „100% für Beratung“ verantwortlich ist.

Betroffene und Angehörige Betroffener sexualisierter Gewalt können sich an Wildwasser e.V. oder andere Beratungsstellen wenden.

Wildwasser e.V.

Weitere Informationen zur Kampagne findet ihr hier:

100% Beratung
Bundeskoordinierung


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