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Blumen, Memes & Glückwünsche – Weltfrauentag 2016 bedeutet jetzt was genau?

Es ist mal wieder der 8. März. Wir feiern die Frauen weltweit. Es werden Blumen verteilt und jegliche Facebook-Seiten posten hübsche Bildchen, lustige Frauen-Gifs (ja, auch wir!) oder Glückwünsche. Doch warum machen wir das überhaupt alles?

Was soll uns dieser Weltfrauentag sagen?

Eins ist sicher, er ist nicht nur eine Aufforderung zum Verschenken von Blumen und Posten von lustigen Bildern. Wir feiern diesen Tag, weil es vor gar nicht allzu langer Zeit viele Frauen gab, die sich dafür eingesetzt haben, dass Frauen zur Wahl gehen dürfen, dass sie das Sorgerecht für ihre Kinder bekommen können und angemessen bezahlt werden. Um nur einige Dinge zu nennen, die uns vor dieser Bewegung nicht zugänglich waren.

Das war direkt in Europa vor ungefähr einhundert Jahren. Eine Zeitspanne, die wir als selbstverständlich hinnehmen. Die wir uns kaum noch vor Augen führen können. Wir leben in der ruhigen Gewissheit uns kaum vorstellen zu können, dass es jemals anders als jetzt gewesen ist. Doch wie ist es jetzt?

Es steht außer Frage, dass die Frauen des frühen 20. Jahrhunderts großartige Grundsteine für die Gleichberechtigung der Frauen geschaffen haben, doch auch heute noch stehen wir vor der Herausforderung diese immer wieder neu zu fordern und zu hinterfragen.

Der Feminismus hat sich gewandelt. Konservative Denkweisen sind auch hier modernen Vorreiterinnen gewichen. Als Feministin muss man sich nicht (mehr) verstecken und auch nicht unbedingt durch Äußerlichkeiten abgrenzen. Heute dürfen Feministinnen genauso sexy wie unscheinbar sein, supercool oder zurückhaltend, knallbunt oder graues Mäuschen.  Mit Brüste zeigen oder ohne. Völlig egal. Denn wichtig ist ausschließlich, die Message, die alle eint. Und genau deswegen gibt es heute mehr Frauen denn je, die sich auch öffentlich dazu äußern. Beyoncé, Emma Watson, Lena Dunham, Aurora, Taylor Swift, Malala Yousafzai, Jennifer Lawrence oder auch Selma Hayek – um nur einige der prominentesten zu nennen.

Wenn sich solch große Persönlichkeiten für die Gleichberechtigung der Frau 2016 immer noch einsetzen, dann scheint doch noch nicht alles Friede Freude Eierkuchen. Dann scheint es nicht zu reichen, dass wir heute am Weltfrauentag Blumen geschenkt bekommen.

Doch was läuft denn hier noch schief?

Zunächst einmal: Feminismus bedeutet nicht die Bevorzugung der Frau gegenüber dem Mann und schon gar nicht Männerhass, wie es oftmals fälschlicherweise ausgelegt wird. Viel mehr geht es um Menschenrechte. Frau und Mann sind gleichwertig. Und Männer können genauso gut Feminist sein und sich dafür einsetzen, dass Frauen gleichberechtigt behandelt werden. So wie sich z.B. die Kampagne von Emma Watson „HeForShe“ dafür stark macht.

Es ist alles gar nicht so weit weg. Erst 1949 wurde in Deutschland der Satz „Männer und Frauen sind gleichberechtigt.“ in das Grundgesetz aufgenommen. Und doch haben wir alle noch das Frauenbild der 50er Jahre im Kopf. Die mütterliche Hausfrau, die die Wäsche blitzeweiß bekommt, abends schon immer das Essen auf dem Tisch stehen hat und die lieben Kleinen gut versorgt. Hingegen der Mann arbeiten geht und das Geld für die Familie nach Hause bringt. Erst in den 70er und 80er Jahren kam es zu grundlegenden Veränderungen im Familienrecht, was der Frau, auch im Bezug auf das Sorgerecht, gleiche Rechte einräumte. Es kam zur Gründung von Frauenhäusern für misshandelte Frauen. Ein neues Aufbegehren wurde deutlich. Erst 1997 wurde die Vergewaltigung innerhalb der Ehe als strafrechtlich anerkannt.

Und doch, es bleiben Frauenbilder in unseren Köpfen, die über Jahrzehnte, wenn nicht sogar Jahrhunderte geprägt wurden. Dass eine Frau nicht unbedingt für die Kindererziehung zuständig ist, ist immer noch nicht selbstverständlich. Eine Frau, die beides will, Karriere und Kind, hat es selbst in Deutschland immer noch schwer alles unter einen Hut zu bekommen ohne an Grenzen zu stoßen. Alltagsseximus ist noch immer Gang und Gebe. Schöne Frauen sind gleichzeitig auch immer noch ein Zeichen dafür als Sexobjekt verwendet werden zu dürfen – ohne eben zu fragen, ob diese das so möchte oder nicht. ‚Sex sells‘ ist in der Werbung noch immer gängige Machart.  Es gibt immer noch Berufszweige, in denen Frauen für die gleiche Arbeit schlechter bezahlt werden. Schauspielerinnen wie Jennifer Lawrence beklagen sich darüber, dass ihre männlichen Kollegen für ähnliche Rollen mehr Geld bekommen. Oder gar Berufe, die für Frauen gar nicht in Betracht gezogen werden, obwohl das Interesse da ist.

Auch, wenn viele Rollenbilder durch moderne Denkweisen abgelöst wurden, sind wir noch lange nicht an dem Punkt, dass Frauen und Männer grundsätzlich und vor allem bedingungslos gleichberechtigt und gleichwertig sind. Auch, wenn wir für uns selbst diesen feministischen Gedanken vielleicht schon längst verinnerlicht haben und den Mund aufmachen, wenn mal wieder ein sexistischer Spruch eines Kollegen kommt, gibt es da draußen noch genug Frauen, die ausschließlich deswegen unterdrückt werden, weil sie weiblichen Geschlechts sind. 

Wenn ich lese, dass noch immer 15 Millionen Mädchen jedes Jahr auf der ganzen Welt zwangsverheiratet werden. Wenn Demonstrationen anlässlich des Weltfrauentages in der Türkei gewaltsam aufgelöst werden. Wenn Frauen ihre Brüste nicht zeigen können ohne dass gleich jemandem hechelnd die Zunge raushängt. Wenn Frauen im Profisport noch immer benachteiligt werden und teilweise Nebenjobs ausüben müssen, um den Sport in der Profiliga überhaupt ausüben zu können. Wenn Frauen sich immer noch schämen sexuelle Gewalt anzuzeigen. Wenn weibliche Beschneidung in Teilen dieser Erde noch immer gängige Praxis ist. Wenn all dies und noch viel mehr immer noch zutrifft, dann brauchen wir dringend mehr als nur einen Weltfrauentag. Dann brauchen wir Feminismus.

Es geht nicht darum, dass ein Geschlecht besser oder schlechter, stärker oder schwächer, dümmer oder klüger ist. Es geht einzig und allein darum, dass wir alle Menschen sind. Im Grunde genommen ist Feminismus doch nichts anderes als Humanismus. Denn wenn wir uns alle als gleichwertig sehen – egal welcher Rasse, welches Geschlechts, welcher sexuellen Orientierung, dann sind wir alle Feministen. Und dann sind wir alle frei das zu tun, was wir möchten und so zu leben, wie wir wollen.

In diesem Sinne, heute umso lauter, bin ich stolz Feministin zu sein. Nicht nur für mich, sondern vor allem für die Frauen dieser Welt, die keine Stimme haben, weil sie nach wie vor von Männern unterdrückt werden, in finanziellen Abhängigkeiten leben oder unter Gewalt leiden müssen. Diesen Frauen soll heute meine Stimme gelten. Ich verneige mich vor euch, die ihr jeden Tag so viel aushaltet.