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BEALE STREET: Poesie zwischen Gewalt und Grausamkeit

»Nicht alles lässt sich ändern, aber nichts ändert sich von selbst.« – James Baldwin

Zwei Jahre nachdem Regisseur Barry Jenkins den Oscar für „Bester Film“ und „Bestes adaptiertes Drehbuch“ für MOONLIGHT gewann, bringt er nun die Verfilmung von James Baldwins Roman BEALE STREET auf die Kinoleinwände. Und zeigt erneut, wie eng Licht und Schatten beieinanderliegen.

“Every black person born in America was born on Beale Street, born in the black neighborhood of some American city, whether in Jackson, Mississippi, or in Harlem, New York. Beale Street is our legacy“, heißt es im Vorspann von BEALE STREET (Original: IF BEALE STREET COULD TALK. Drehbuch und Regie: Barry Jenkins, 2018). Das Zitat entstammt der Romanvorlage des Schriftstellers und Bürgerrechtlers James Baldwin (1924-1987), der in seinen Romanen, Essays und Theaterstücken Themen wie Rassismus und Homosexualität verhandelt hat – inmitten eines politischen Klimas der Rassentrennung und strafrechtlichen Verfolgungen von Schwulen in den USA.

Trotz weltweiter Bekanntheit schien James Baldwins literarisches Erbe nach seinem Tod in Vergessenheit zu geraten – doch dann wurden seine Zitate zu Aushängeschildern der Black Lives Matter-Bewegung, sein unvollendetes Manuskript REMEMBER THIS HOUSE bildete die Vorlage der gefeierten Dokumentation I AM NOT YOUR NEGRO (Drehbuch und Regie: Raoul Peck, 2017) und mehr als 30 Jahre nach Baldwins Tod erscheinen seine Werke nun in einer deutschsprachigen Neuübersetzung. Für Regisseur Barry Jenkins war James Baldwin seiner Zeit stets voraus und thematisierte gesellschaftliche Probleme, die wir noch immer nicht für uns lösen konnten.

© DCM Film Distribution GmbH

BEALE STREET spielt in den 1970er Jahren in Harlem, New York. Fonny und Tish kennen sich bereits seit ihrer Kindheit und haben jetzt mit Anfang 20 als Liebespaar zueinandergefunden. Eines Tages wird Fonny der Vergewaltigung beschuldigt und trotz Alibi verhaftet – das Opfer identifiziert ihn bei der Gegenüberstellung als einzigen Schwarzen inmitten von weißen Männern als Täter. Zwischen Gefängnisbesuchen, Terminen mit Fonnys Anwalt und ihrem Job als Verkäuferin erfährt Tish, dass sie von Fonny schwanger ist und entscheidet sich entgegen der Umstände dazu, das Kind zu bekommen. Unterstützt wird sie dabei von ihrer Familie. Als Fonnys Anklägerin nach Puerto Rico flüchtet und sich der Prozess somit verzögert, beschließt Tishs Mutter (gespielt von Oscar-Gewinnerin Regina King), die Frau aufzusuchen und zur Rückkehr zu überzeugen.

Barry Jenkins trotzt der Gewalt und Grausamkeit, die Tish und Fonny erfahren, mit einem schon fast poetischen Film. Noch unaufgeregter als MOONLIGHT (Drehbuch und Regie: Barry Jenkins, 2016) und voller Zärtlichkeit, hüllt BEALE STREET das Erzählte in trostspendendes Licht, als möchte er sagen: „Alles wird gut.“ Die einzige Konstante im Chaos ist dabei die Familie. BEALE STREET ist sehr nah an seinen Figuren und konzentriert sich auf eine kleine Erzählwelt. Viele Szenen sind dabei als Kammerspiel inszeniert – die Räume sind eng, die Gesichter in Großaufnahmen zu sehen und die Figuren direkt in die Kamera sprechend. Gebrochen wird diese intime Stimmung durch dokumentarische Elemente in Form von Fotos von Polizeigewalt gegenüber Schwarzen und dem wiederkehrenden Voice-over von Tish.

© DCM Film Distribution GmbH

Genauso wenig wie James Baldwin seinerzeit Protestliteratur schrieb, inszeniert Jenkins anklagende Gesellschaftsdramen. Jenkins ist ein großer Ästhet und hat ein Gespür für das Subtile. Und so ist BEALE STREET bis ins kleinste Detail durchkomponiert – von den Kostümen, über das Setting bis hin zum Licht und zur Musik. Nur hin und wieder erkennt man beim Herauszoomen der Kamera, dass die schön ausgeleuchtete Badewanne in Wahrheit ein Stück Rost in einer heruntergekommenen Wohnung ist. Gerade dieser thematische und stilistische Kontrast verstärkt die vorherrschenden strukturellen Diskriminierungen, gegen die  Fonny und Tish kämpfen, und verleiht BEALE STREET eine große Kraft. Jenkins verhindert so Betroffenheit und schafft Raum für Mitgefühl. Etwas, das uns mit Blick auf die Ereignisse in der Welt immer mehr abhanden zu kommen scheint.

BEALE STREET läuft seit dem 07. März in den deutschen Kinos.

Titelbild: © DCM Film Distribution GmbH