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Alina und Steph von MyUrbanology: „Wir alle können Role Models sein!“

Alina und Steph schaffen mit MyUrbanology einen Wohlfühlort für People of Color in Deutschland. Sie selbst haben als afrodeutsche Frauen erlebt, warum es diese Räume braucht und wie Zusammenhalt und Austausch zu wahrer Stärkung und einem echten Healing Mindset führen kann. Gemeinsam sind sie jetzt in großer Mission unterwegs das Internet, und auch Offline-Räume, zu einem besseren Ort zu machen. Wir haben mit den beiden Powerfrauen über den Status Quo in Deutschland für Schwarze gesprochen und warum es gerade für Frauen wichtig ist sich zu vernetzen. Lest selbst!

Ihr sagt, dass ihr mit MyUrbanology einen Wohlfühlort schaffen wollt.
Warum brauchen wir diese Wohlfühlorte?

Die Frage ist toll, weil sie sehr elementar ist, um zu verstehen, warum wir MyUrbanology überhaupt ins Leben gerufen haben. Wir haben selbst im Laufe unseres Lebens die Erfahrung gemacht, dass es Orte, Menschen und Dinge gibt, mit welchen wir uns sehr stark verbunden fühlen und mit denen wir uns sehr gut in der eigenen Wesensart und den eigenen Interessen gesehen und aufgehoben fühlen. Das sind Orte und Menschen, die es uns als Personen erlauben, authentisch zu sein, zu lernen, zu wachsen, zu strahlen, kurzum unser ganzes Potential zu entfalten.

Wir haben beide so einige Stationen, sowohl privat, als auch beruflich hinter uns und wissen, dass es längst nicht immer selbstverständlich ist, solche Menschen und Räume um sich herum zu haben. Es ist vielmehr oft eine bewusste Entscheidung, sozusagen eine Selbsterlaubnis und etwas Mut nötig, sich aktiv diese Räume und Menschen zu suchen und sie gegebenenfalls auch selbst zu erschaffen. Auf MyUrbanology möchten wir genau diese Wohlfühlorte, Menschen, Institutionen, Literatur, Events und Vernetzungsmöglichkeiten sichtbar machen, teilen und selbst erschaffen, die uns dabei supporten unser daily Living selbstbestimmt zu gestalten.

Warum ist es insbesondere wichtig, dass sich Schwarze Frauen und Frauen of Color off- und online connecten?

Wenn wir von Wohlfühlspaces und -orten sprechen, meinen wir die Orte und Menschen, die wir beide als Schwarze Menschen und Schwarze Deutsche Frauen für unser eigenes Leben als Bereicherung kennengelernt und empfunden haben, beziehungsweise uns immer gewünscht haben.

Damit meinen wir natürlich nicht, dass wir für das Bedürfnis dieser so großen heterogenen Gruppe von Frauen und Schwarzen Menschen sprechen können. Aber was wir zum Beispiel bei unseren bisherigen ‘SchwarzeBusinessFrauen’ und ‘SchwarzeEltern’ Events erfahren durften, ist, dass diese Treffen uns allen sehr gut tun.

Neben vielen anderen Herzensmenschen und Wohlfühlorten in unserem Leben, bereichert und stärkt uns die Vernetzung mit Schwarzen Frauen, Frauen of Color und Schwarzen Menschen deshalb so sehr, weil eben diesem einen Aspekt unserer Identität, nämlich unsere Selbstzuschreibung als Schwarze Frauen/Frauen of Color auch Rechnung getragen wird. In diesem Kontext können wir bewusst Aspekte besprechen, die von außen an uns herangetragen werden, zum Beispiel das ‘othering’ und wir können sie in diesen Kontexten bewusst sehen, besprechen, teilen und anerkennen.

Steph: Ich sage oft, dass es sich für mich so anfühlt, als habe sich der Kreis in meinem Leben mit MyUrbanology geschlossen, da ich selbst diesem Teil meiner Identität die Erlaubnis gegeben habe, kraftvoll zu sein.

Alina: Und für mich spielt der Aspekt des “Erbes” eine wichtige Rolle. Ich denke oft daran, dass diese Kraft- und Wohlfühlorte für manche Gruppen jetzt notwendig sind, damit sie ihre eigene Rolle stärken und so für die Generationen, die kommen eine friedlichere Gesellschaft bauen können.

Ihr seid auch offline super aktiv. Zum Beispiel mit euren Black Business Women Events oder auch Workshops zu bestimmten Themen.
Woher nehmt ihr die Energie für all diese aufregenden, tollen und vor allem wichtigen Projekte?

Manchmal fragen wir uns das selbst, da wir noch einige andere berufliche Projekte parallel dazu machen. Aber genau das meinen wir in unseren Beschreibungen. Das Geheimnis liegt eben genau in den vorher ausgeführten Punkten. Wir haben so tolle Menschen, Ideen, Orte und vieles mehr auf unserer kleinen Founderreise, die nun auch schon drei Jahre gemeinsam geht, kennengelernt. Das erfüllt uns und gibt uns das Gefühl, dass es sich lohnt an unserer Idee festzuhalten. Wir selbst schöpfen viel Kraft aus unserer Arbeit.

Steph & Alina bei ihrem Black Business Women Cook&Connect Event im Oktober 2018.

Steph, du beschäftigst dich als Psychologin auch beruflich mit den Auswirkungen rassistischer Erfahrungen. Gerade im vergangenen Jahr wurde Rassismus in Deutschland nochmals neu diskutiert.
Machen euch dabei aktuelle Entwicklungen Mut, weil mehr gesprochen wird?

Steph: Ich finde dieses Thema lässt sich aus verschiedenen Blickwinkeln betrachten. Auf der einen Seite bin ich etwas befriedigt, aber nur etwas, dass durch die ganzen Vorkommnisse der letzten Zeit wieder sichtbarer wird, was sehr lange unter dem ‘Teppich’ lag. Es überrascht mich deutlich weniger als viele andere Menschen in meinem Umfeld, dass Rassismus wirklich real ist in unserem Land, da ich ihn ja durchaus in der Vergangenheit kennenlernen durfte. Diese Erfahrungen werden und wurden leider sehr oft heruntergespielt oder als Individualprobleme Einzelner oder konstruierter Gruppen besprochen. Das führt oftmals dazu, dass Menschen, die Rassismus erfahren, beginnen an ihren eigenen Wahrnehmungen zu zweifeln oder eben auf Kosten der eigenen Kräfte Strategien entwickeln müssen, diese ‚runter zu schlucken’, damit sie einfach weiter gut ‘funktionieren’ können.

Was die ganze Debatte leider verzerrt, ist, dass viele Menschen nun weiterhin glauben, dass hetzende Glatzen oder alte Männer wie Gauland den verkörperten Rassismus darstellen. Andere, auch deutlich stillere Formen des Rassismus, Alltagsrassismus, in Form von Mikro-Aggressionen, der so vielen Menschen tagtäglich begegnet, wird nach wie vor deutlich weniger als ‘Problem’ anerkannt und konstruktiv besprochen. Ich finde es wichtig, dass gesprochen wird, aber meines Erachtens ist die Besprechung nicht differenziert genug. Alltagsrassismus, struktureller und institutioneller Rassismus sind allgegenwärtig und bedürfen mehr Reflexion.

Hat sich dann Rassismus in Deutschland eher intensiviert?

Ich habe nicht das Gefühl, dass sich Rassismus als gesamtgesellschaftliches Phänomen intensiviert hat. Ich denke dass Rassismen, zum Beispiel gegenüber Schwarzen Menschen/People of Color oder antimuslimischer Rassismus, nie weg waren, sondern vor sich hin gärten und nur zu wenig besprochen wurden. Aber ich habe schon das Gefühl, dass sich die normativen Grenzen dahingehend verschoben haben.

Menschen trauen sich wieder, sich deutlich mehr, hinsichtlich rassistischer Äußerungen, ‚raus zu nehmen’, andere lautstark auszugrenzen, anzupöbeln, zu bedrohen oder tatsächlich zu verletzen. Und diese Dynamik macht mir schon öfter Sorgen, weil es letzten Endes ja im Alltag vor allem die ‘Normen’ sind, die uns davon abgehalten haben, uns gegenseitig auf die Köppe zu schlagen. Allerdings sehe ich auch so viele engagierte Menschen, die sich dagegen einsetzen und auch überhaupt keinen Bock auf diesen Hass und das ‘Bruddlertum’ der ‘Besorgten Bürger’ haben und das gibt Kraft und nimmt Angst.

Könnt ihr uns konkrete Tipps an die Hand geben, was wir tun können, wenn wir rassistische Bemerkungen im Alltag mitbekommen?
Was können wir selbst tun, um für andere einzustehen?

Diese Frage ist nicht ganz einfach zu beantworten, weil es einen großen Unterschied macht für wen ich antworte. Jedes Jahr gibt es sehr viele Menschen und Institutionen, die wir übrigens auch auf MyUrbanology zeigen, die stärkende Workshops für Rassismusbetroffene anbieten. In diesen werden meist über mehrere Tage oder Wochen zusammen in geschütztem Rahmen Erfahrungen und Strategien für verschiedene Situationen miteinander erarbeitet.

Und dies ist auch gleichzeitig mein Tipp an diejenigen, die Rassismuserfahrungen machen: vernetzt euch, nutzt Beratungsstellen, stärkt euch gegenseitig und probiert zusammen in sicherem Rahmen Strategien aus, mit denen ihr euch identifizieren und somit auch selbstsicher fühlen könnt.

Für diejenigen, die rassistische Handlungen miterleben, aber nicht die Empfänger*innen sind, schaut nicht weg. Hört nicht weg und lacht nicht weg, wenn Menschen Mist widerfährt. Sondern seid mutig und tut das, was ihr euch selbst in einer solchen Situation für euch wünschen würdet.

Ihr habt die Kategorie Role Models bei MyUrbanology.
Wer sind eure ganz persönlichen Role Models?

Alina: Für mich ist der Begriff des Role Models sehr dehnbar. In gewisser Weise habe ich oft das Gefühl, dass wir alle Role Models sind und füreinander sein können, weil jeder Mensch in seinem Leben andere Herausforderungen erlebt. Diese individuellen Prozesse, und die Ansätze, sie zu überwinden, formen in uns besondere Kenntnisse, machen unseren Weg aus und machen uns letztlich zu den Menschen, die wir sind.

Somit ist für mich jeder Mensch ein Role Model. Auf MyUrbanology stellen wir gezielt Menschen vor, die für die Community der People of Color beziehungsweise Schwarze Menschen, in dem Sinne als Role Model dienen können. Die zeigen, was, beziehungsweise wer man sein kann, wenn man Schwarz ist und in Deutschland lebt. Es geht uns viel mehr darum, ein diverses Bild der Gesellschaft zu zeigen.

Alina, du bist nicht nur Marketing-Expertin sondern auch ausgebildete Meditationslehrerin und damit absoluter Achtsamkeits-Profi.
Was ist dein Top-Tipp, um im Alltag achtsamer zu werden?

Alina: Achtsamkeit hat sehr viel damit zu tun, sich seiner Selbst, der eigenen Kraft und Energie bewusster zu sein. Diese auch bewusst und als Grundlage für eine liebevolle und friedliche Umgebung einzusetzen. Wir sind es im Alltag sehr gewohnt, alles, was uns als Menschen wirklich verbindet, wegzudrücken, zu überhören oder gar zu ignorieren.

Wenn wir aber ein besseres Gespür für unser Herz, als wahrnehmendes und handelndes Organ entwickeln, gibt es nicht mehr nur lineare oder eindimensionale Betrachtungen und Lösungen. Wir setzen den Fokus dann viel stärker auf Verbundenheit, auf Gemeinschaft, auf Potentiale und auf gesellschaftliche Entwicklung. Und erkennen, dass wir alle etwas davon haben, wenn wir Räume schaffen, in denen sich viele verschiedene Menschen begegnen und entfalten können.

Der erste Schritt dahin ist dieser Bewusstseinsebene von uns Selbst, dem Herzen und damit der Liebe, nicht im romantischen sondern im integralen Sinne, mehr Raum in unserem Leben zu geben. Indem wir einfach üben , zum Beispiel durch Meditation, diese innere Ebene und das damit verbundene Wissen wieder zu erinnern und in unserem Alltag Raum zu geben.

Unter Bücher & Magazine finden wir schon ganz wunderbare Empfehlungen bei euch.
Welches Buch dürfen wir aber unter keinen Umständen verpassen zu lesen?

Eines der wichtigsten Bücher letztes Jahr war sicherlich ‚Exit racism‘ von Tupoka Ogette, welches ich auch gern verschenkt habe. Ohne anzuklagen erklärt sie, wie wir sensitiver werden und rassismuskritischer denken und handeln lernen können. Hört sich trocken an, ist aber tatsächlich sehr spannend und unterhaltsam geschrieben!

Screenshot MyUrbanology

Was sind eure drei liebsten Instagram-Accounts?

Wir sind gerade absolute Fans von Atina Cosmetics, von elfenkindberlin und von befrolicious.

Was wünscht ihr euch für Frauen 2019?

Alina: Wir wünschen uns, dass Frauen noch reflektierter und sich bewusster bezüglich ihrer Macht in der Gesellschaft werden. Die letzten Jahre waren sehr kraftvoll und voller Umbrüche im Bezug auf das, was Feminismus erreicht hat. Ich habe jedoch auch das Gefühl, dass die weiblichen Bewegungen mehr von dem Wert, den sie für die Beteiligten und die Gesellschaft bringen, sichtbar machen können. Die Antworten auf Fragen wie: “Was bringt uns Vernetzung, gegenseitige Hilfe?”, “Was bringt uns allen Female Empowerment?” und “Was können wir alle gesamtgesellschaftlich davon lernen?”

Liebe Alina, liebe Steph, vielen Dank für eure spannenden Antworten und den tollen Weg, den ihr mit MyUrbanology eingeschlagen habt. Wir bleiben dran und wünschen euch viel Erfolg für die Zukunft.

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