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5 Fragen an 5 Mütter – Von Zukunftsängsten, Selbstbestimmung und glücklichsten Mama-Momenten

Wenn wir über eine Sache in unserer Gesellschaft sprechen müssen, dann auf jeden Fall über die Tatsache, dass Eltern, und insbesondere Müttern, noch immer alle möglichen Stolpersteine in den Weg gelegt werden. Sei es die verzweifelte Suche nach einer Hebamme, eine selbstbestimmte Geburt, die Vorurteile gegenüber Working Moms oder Mamas, die zuhause bleiben, die schwierige Suche nach einem Kitaplatz, Vereinbarung von Job und Familie, die Elternzeit, wie Alleinerziehende im Stich gelassen werden oder oder oder.

20 Prozent der Eltern in Deutschland sind alleinerziehend. Tendenz steigend. 91 Prozent davon sind Frauen. Etwas mehr als zwei Drittel der erwerbstätigen Mütter sind in Teilzeit angestellt. Im Vergleich dazu gehen 94 Prozent aller Väter einer Vollzeitstelle nach. Während in einer Studie lediglich 19 Prozent aller Väter angeben in, der ohnehin schon weniger vorkommenden Teilzeit aufgrund von Kinderbetreuung tätig zu sein, liegt dieser Prozentsatz bei Müttern bei knapp 60 Prozent. Gleichzeitig steht in der gleichen Auswertung, dass die Zahl erwerbstätiger, gleichgeschlechtlicher Elternpaare zu gering wäre (0,1 Prozent 2016), um überhaupt in der Studie Beachtung zu finden. Bei lediglich 3 Prozent aller Elternpaare ist die Mutter Alleinverdienerin. (Zahlen des Statistisches Bundesamt 2016, veröffentlicht 2018)
In einer 2017 veröffentlichten Studie der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) fällt auf, dass Mütter im Schnitt lediglich 22,6 Prozent des Haushaltseinkommens beisteuern. 

Dies alles sind Zahlen und Fakten, über die wir diskutieren müssen. Für die es vielfältige, aber vor allem auch abschaffbare Gründe gibt. Für heute ist es uns jedoch wichtig die zu Wort kommen zu lassen, die wirklich betroffen sind: Mütter. Wir haben fünf Müttern die gleichen fünf Fragen gestellt und so sorgsame, liebevolle und drängende Antworten bekommen. Lest selbst!

© Bild von Andrea: Lea Bräuer

A N D R E A  –  33  MIT  L A S S E   2
verheiratet – selbstständige Grafikdesignerin

Was sind die größten Schwierigkeiten, denen du begegnest?

Da gibt es sehr unterschiedliche. Ganz praktisch finde ich es schwierig eine gute Hebamme, einen Kinderarzt oder Frauenarzt zu finden. Es gibt so einen extremen Mangel, deshalb haben die vorhandenen sehr wenig Zeit. Das wirkt sich natürlich auf Qualität und Wohlbefinden aus. 

Kannst du uns von deinem schönsten Mama-Moment erzählen?

Da gibt es tatsächlich soooo viele und ich weiß ehrlich gesagt nicht, wo ich anfangen soll. Aber der Moment als Lasse mit seinen wenigen Worten „lieb Mama“ gesagt hat, also übersetzt „ich hab dich lieb Mama“, das war schon sehr emotional für mich. 

Was würdest du gerne Politiker*innen sagen, die über Vereinbarkeit & Familie diskutieren?

Ich mache mir sehr viele Gedanken zu dem Thema und meine Gedankengänge sind noch lange nicht bis zu Ende gedacht. In meinem Fall als selbständige Grafik-Designerin läuft das relativ gut, da mein Mann auch selbständig ist und wir selbst entscheiden können wieviel, wann und wie wir uns aufteilen. Da ist eher die Herausforderung, dass man sich möglichst gut abspricht, damit keiner in seiner Leidenschaft zu kurz kommt. Das kostet schon viel Kraft, gibt uns aber auch viele Freiheiten. Deshalb wollte ich tatsächlich schon immer selbständig sein. Dieses Modell ist, obwohl es immer häufiger vorkommt, noch nicht durchdacht. Sei es im Bezug aufs Elterngeld, steuerlich, in der Kinderbetreuung und so weiter.

Wenn du dir eine Sache, für die Zukunft deines Kindes wünschen könntest, was wäre das?

Dass er noch eine Zukunft erleben kann. Das klingt jetzt sehr krass. Aber ich mache mir schon super viele Gedanken über unseren Planeten und was noch passieren muss, dass auf politischer Ebene einfach mal eine Rakete zur „Rettung der Welt“ gestartet wird. Konkret für ihn wünsche ich mir, dass er Dinge nicht so hinnimmt wie sie schon immer waren, sondern den Mut hat Dinge, die er ändern will auch ändern kann. Aber wenn es nur eine Sache sein soll dann: „Einen tiefen inneren Frieden und eine tiefe Gewissheit, dass er unendlich geliebt ist.“ Das waren jetzt ein paar mehr Wünsche. (lacht)

Was wünscht du dir für Mütter 2019?

Dass sie Mama sein in erster Linie genießen können und sich in zweiter Linie dabei nicht selbst vergessen. 

M A R L E N E   52  MIT  L A U R A 29
verheiratet, anfangs alleinerziehend, Mitarbeiterin bei der Deutschen Bahn

Da ich eine „alte Mama“ mit einer erwachsenen Tochter bin, werde ich die ersten Fragen vor allem rückblickend beantworten:

Was sind die größten Schwierigkeiten, denen du begegnest?

Zuallererst waren es finanzielle Schwierigkeiten. Ich war die ersten zehn Jahre alleinerziehend und habe mich mit ALG und Umschulungen, Weiterbildungen und befristeten Jobs über Wasser gehalten. Daher waren die gesamten Jahre geprägt durch große finanzielle Ängste und dem gefühlten Druck meiner Tochter trotz geringem, alleinigem Einkommen alles bieten zu wollen oder müssen, was andere auch haben.

Meine Tochter wurde zwar noch in der DDR geboren, was übrigens ein traumatisches Geburtserlebnis war, aber dann kam bald die Wende. Ich war von Anfang an ungeplant in einem existenzbedrohenden Zustand, der vorher nicht ansatzweise denkbar gewesen wäre. Aus der gefühlten, kompletten Absicherung jeder Mutter in der DDR und der gesicherten Arbeitsplätze kam ich mit 23 plötzlich in eine kapitalistische, sozial nicht-abgesicherte, völlig unbekannte Welt.

Außerdem gab es emotionale Überforderungen. Als Alleinerziehende hatte ich die ersten zehn Jahre nie einen Partner und leider auch keine anderen Verwandten, die gleichsam für meine Tochter empfanden und besorgt waren. Daher war ich sehr oft am Rande der emotionalen Überforderung. Besonders in Erinnerung bleiben mir die Krankenhausaufenthalte meiner Tochter, die zu Konflikten mit den Ärzten führten, denen ich oft nicht gewachsen war und meine Tochter nicht so beschützen konnte, wie ich es gewollt hätte. Dazu dann die Einzige zu sein, die alles und die Sorge um die Gesundheit ihrer Tochter interessierte, war teilweise extrem schwer auszuhalten.

Kannst du uns von deinem schönsten Mama-Moment erzählen?

Der schönste Mama-Moment war, trotz traumatisierender Geburt, der Moment, in dem ich meine Tochter das erste Mal gesehen habe. Da in der DDR keiner wusste, welches Geschlecht das Kind haben wird, aber mein innigster und geheimster Wunsch eine Tochter war, war die Freude immens. Natürlich auch, dass sie rundum gesund und vollkommen war. Diesen Moment werde ich mein ganzes Leben nicht vergessen und hole ihn auch regelmäßig in meine Tagträume.

Was würdest du gerne Politiker*innen sagen, die über Vereinbarkeit & Familie diskutieren?

Aus meiner Sicht benötigen immer noch die alleinerziehenden Mütter und Väter die größte Unterstützung – finanziell, organisatorisch und emotional. Ich kann mir vorstellen, dass diese immer noch häufig am Rande der Gesellschaft stehen und dadurch ggf. auch ihre Kinder.

Wenn du dir eine Sache, für die Zukunft deines Kindes wünschen könntest, was wäre das?

Für alle Kinder dieser Welt wünsche ich mir, dass alle anderen Menschen, aber vor allem ihre Eltern, begreifen, dass sie diejenigen sind, die verantworten werden, welche Welt sie ihren Kindern hinterlassen und ob diese Kinder überhaupt eine Zukunft auf diesem Planeten haben. Also Autos abschaffen oder elektrisieren, bewusst einkaufen, konsumieren und vor allem auch essen. Es ist keine Zeit mehr übrig, um darüber zu diskutieren. Alle müssen jetzt und sofort handeln! Und natürlich Weltfrieden!

Was wünscht du dir für Mütter 2019?

Eigentlich das Gleiche. Dass jede/r begreift, wie ernst es ist und handelt. Erst im Kleinen für sich und dann hoffentlich auch die Politiker*innen und Wirtschaftsimperien weltweit. Sodass so schnell wie möglich eine Chance besteht den Planeten zu retten und für unsere Kinder zu erhalten.

Ansonsten sollen alle die Zeit in jedem Moment genießen und ihre Kinder wahrnehmen könne ohne große Sorgen. Legt eure Handys weg und guckt eure Kinder an und genießt die Zeit, die ihr gemeinsam habt. Jeder Moment zählt und ist wertvoll. Now!

Y U  B I N    27  MIT  Y U N A    4
verheiratet, Studentin & Webdesignerin

Was sind die größten Schwierigkeiten, denen du begegnest?

Die richtige Work-Life-Balance zu finden. Ich befinde mich gerade noch im Vollzeit-Studium und arbeite als Teilzeitkraft, gleichzeitig bin ich aber natürlich auch Mutter und Ehefrau. Man muss Prioritäten setzen und ohne Abstriche geht es nicht. Dabei enttäuscht man natürlich zwangsweise immer die ein oder andere Partei. Was dabei besonders frustrierend ist, ist die immer noch vorherrschende gesellschaftliche Stimmung, dass eine Mutter in erster Linie Mutter sein soll. Frei zu äußern, dass einem auch ein eigener Job und Karriere wichtig sind, stößt immer noch auf viel Unverständnis. Auch unter Frauen. Ich habe mich immer selbstbestimmt gefühlt, aber häufig fühlt sich dieses Unverständnis wie eine Schuldzuweisung an.

Kannst du uns von deinem schönsten Mama-Moment erzählen?

Der Moment, wenn ich sie von der Kita abhole. Sie strahlt, springt teilweise förmlich auf mich und umarmt mich. Diese Momente sind für uns wahrscheinlich wesentlich intensiver, als wenn ich den ganzen Tag mit ihr zu Hause wäre und man sich permanent sieht.

Was würdest du gerne Politiker*innen sagen, die über Vereinbarkeit & Familie diskutieren?

Das Thema Gendergap ernster anzugehen. Quoten sind ein Ansatz. Es ist aber offensichtlich, wie unterschiedlich Väter im Vergleich zu Müttern noch immer wahrgenommen werden. Das ist ein gesellschaftlich tief sitzendes Problem. Hier muss in der Bildung und Pädagogik angesetzt werden. Nordeuropa geht da vorbildlich voran.

Wenn du dir eine Sache, für die Zukunft deines Kindes wünschen könntest, was wäre das?

Am wichtigsten ist die Gesundheit. Alles andere kommt danach.

Was wünscht du dir für Mütter 2019?

Dass sie unperfekt sein dürfen. Dass sie einfach so sein dürfen, wie sie vor Geburt des Kindes waren.

A N N A    37  MIT  F L O R A    7 Monate
liiert, freie Journalistin

Was sind die größten Schwierigkeiten, denen du begegnest?

Zum einen die selbstgemachten. Wenn aus einer Beziehung eine Familie wird, dann öffnen sich oft schon zu Hause ganz ungeahnt große, neue Anti-Feminismus-Fettnäpfchen. Und es liegt auch an uns selbst, da nicht andauernd kopfüber rein zu springen. Das empfinde ich in einem Haushalt mit zwei Selbstständigen als persönliche Herausforderung, aber auch als gute Challenge. Da bietet sich noch mal die Möglichkeit allerhand zu lernen. Vor allem nach Hilfe von Freund*innen und Familie zu fragen. Als Frau und Mutter nachsichtig mit sich selbst zu sein, bei sich selbst zu bleiben – und unbedingt für sich selbst und die eigen Bedürfnisse einzustehen!

Darüber hinaus sehe ich natürlich auch Schwierigkeiten von außen. Dazu gehören für mich nicht nur die auf der Hand liegenden, wie das politische Festklammern am alten Alleinverdiener-Modell. Sondern auch allgemeine, gesellschaftliche Erwartungen, sowie Wertungen und Bewertungen anderer. Fast alle Mütter, die ich kenne, haben das Gefühl nicht der Norm zu entsprechen. Egal, ob sie stillen oder nicht stillen, kochen oder fertig füttern, schieben oder tragen, arbeiten oder nicht arbeiten, früh oder spät Kinder bekommen, welche adoptiert, unverheiratet oder mit einem gleichgeschlechtlichen Partner beziehungsweise einer Partnerin bekommen haben. Gleichzeitig lastet auf uns allen noch immer der gesellschaftliche Druck, Kind und Job und tausend andere Dinge perfekt unter einen Hut zu bekommen – möglichst ohne Unterstützung, teilweise nicht mal vom eigenen Umfeld. Das kann doch nicht sein!

Kannst du uns von deinem schönsten Mama-Moment erzählen?

Klingt cheesy, aber stimmt: Der schönste Mama-Moment ist für mich fast immer der aktuelle. Ich find’s super schön Mutter zu sein, halte die Tatsache allein für alles andere als selbstverständlich und die Umstände, unter denen ich mein Kind begleiten darf, für privilegiert. Abgesehen davon geht mir immer dann besonders das Herz auf, wenn ich meine Tochter heimlich dabei beobachte, wie sie sich ganz allein und mit sich selbst an etwas erfreut.

Was würdest du gerne Politiker*innen sagen, die über Vereinbarkeit & Familie diskutieren?

Beruhigt euch mal! Das geht. Das muss. Das darf nicht mehr so ein Riesen-Drama-Thema sein. Ich wünsche mir da ein bisschen mehr Mut zur Modernität! Auch zugunsten der Männer beziehungsweise eben zugunsten echter Gleichberechtigung. Warum stehen in der Debatte immer die vermeintlichen Probleme der Frauen beziehungsweise die Frauen als Problem im Fokus? Und was ist denn jetzt mit der festgeschriebenen gleichmäßigen Verteilung des Elterngelds?

Wenn du dir eine Sache, für die Zukunft deines Kindes wünschen könntest, was wäre das?

Eine gesunde Welt, in der sie leben kann – und möchte. Means: Klimawandel stoppen, Meere und Bienen in Ruhe lassen, Toleranz, Respekt und Menschlichkeit stärken. Schnell!

Was wünscht du dir für Mütter 2019?

Weniger Verurteilung von außen, mehr Selbstbewusstsein von innen und genügend passende, erschwingliche Betreuungsplätze von allen erdenklichen Seiten.

A N N  C A T H R I N   28  SCHWANGER MIT T I E T E (Working Title)
verheiratet, selbstständige Bloggerin und Unternehmerin

Was sind die größten Schwierigkeiten, denen du begegnest?

Wir sind beide selbstständig und in Deutschland scheint es nicht wirklich vorgesehen als Selbstständige Kinder in die Welt zu setzen.

Kannst du uns von deinem schönsten Mama-Moment erzählen?

Ich kann keinen einzelnen Moment bestimmen. Es ist eigentlich jedes Mal, wenn man mitbekommt, dass Tiete etwas Neues gelernt hat oder etwas Neues kann, was man jetzt schon sehr aus dem Bauch heraus mitbekommt. Es ist jedes Mal wunderschön. Ich kann mir gar nicht vorstellen, wie es erst wird, wenn sie oder er dann da ist. 

Was würdest du gerne Politiker*innen sagen, die über Vereinbarkeit & Familie diskutieren?

Bitte 50/50. Es muss selbstverständlich werden, dass Männer ganz genauso Elternzeit nehmen und auch dazu ermutigt werden. Da könnten wir uns ein Beispiel an Schweden nehmen.

Wenn du dir eine Sache, für die Zukunft deines Kindes wünschen könntest, was wäre das?

Ich wünsche mir, dass sie oder er überhaupt eine Zukunft haben kann. Dass die Politik sich mehr mit Umweltthemen und Naturschutz beschäftigt.

Was wünscht du dir für Mütter 2019?

Ich wünsche mir für Mütter, dass sich in der Geburtshilfe etwas ändert. Dass Hebammen gestärkt werden. Dass es aufhört, dass Angst vor der Geburt verbreitet wird und dass Frauen lernen können selbstbewusster mit dem Thema umzugehen und spüren wie stark sie sind.