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108 Jahre Weltfrauentag – Es gibt viel zu tun

Schon über ein Jahrhundert ist es her, dass Clara Zetkin in Kopenhagen die Einführung eines internationalen Frauentags vorschlug und forderte: „Keine Sonderrechte, sondern Menschenrechte!“ Der erste Frauentag fand im darauffolgenden Jahr 1911 statt, also vor genau 108 Jahren. Die Welt war 1911 eine andere; die Forderung bleibt aber bis heute die gleiche. Und es stellt sich vor allem eine Frage: Haben wir nochmal 108 Jahre? Denn genauso lange wird es dauern, bis weltweit wirklich Gleichberechtigung herrscht – zumindest, wenn es in dem aktuellen Tempo weitergeht.

Vieles wurde erreicht: Mittlerweile dürfen Frauen in den meisten Ländern an Wahlen teilnehmen und sich auch zur Wahl aufstellen lassen. In einigen Staaten wurde die Geschlechtergleichheit in die Verfassung geschrieben. Allmählich werden diskriminierende Gesetze abgeschafft, zuletzt beispielsweise das Autofahrverbot für Frauen in Saudi-Arabien. Im vergangenen Jahr zogen in den USA so viele Frauen wie noch nie in den Kongress ein. In Ruanda sind über 60 Prozent der Parlamentsabgeordneten Frauen. All das ist nicht zuletzt mutigen Vorreiter*innen und Aktivist*innen zu verdanken, die sich zum öffentlichen Protest zusammenschlossen und einen Systemwandel bewirken konnten.

Das heißt aber nicht, dass wir uns zurücklehnen und uns gegenseitig auf die Schultern klopfen können. Es gibt noch viel zu tun.

Auch wenn vielerorts die Gleichstellung der Geschlechter auf dem Papier existiert, sieht die Realität meist anders aus.

Die Probleme, mit denen sich Frauen und Mädchen heute konfrontiert sehen, sind vielfältig. Sie sind in verschiedenen Gesellschaften unterschiedlich stark ausgeprägt und können auch innerhalb dieser Gesellschaften für jede Frau anders aussehen. Aber eines haben sie gemein: Es handelt sich um strukturelle Probleme, die in verschiedenem Ausmaß in fast jedem Land existieren. Schließlich herrscht laut Weltbank in nur sechs Ländern wirkliche Gleichberechtigung. (Deutschland landete in diesem Report übrigens auf dem 31. Platz.)

Das zeigt sich gerade im Bereich der wirtschaftlichen und politischen Partizipation: 150 Länder haben Gesetze, die Frauen in ihren wirtschaftlichen Entfaltungsmöglichkeiten einschränken. In 104 Ländern ist es Frauen per Gesetz nicht möglich, bestimmte Berufe auszuüben und in 18 Ländern können Männer es ihren Ehefrauen ganz verbieten, arbeiten zu gehen. Und selbst wenn keine diskriminierenden Gesetze bestehen, arbeiten Frauen oft in Positionen und Arbeitsbereichen mit schlechterer Bezahlung. Daher verdienen Frauen in den meisten Ländern nur zwischen 60 Prozent und 75 Prozent dessen, was Männer verdienen. Und auch wenn Frauen in den meisten Gesellschaften in etwa die Hälfte der Bevölkerung darstellen, sind nur 23 Prozent der Parlamentarier*innen weltweit Frauen.

In den vergangenen Jahren haben uns Bewegungen wie #aufschrei oder #metoo gezeigt, dass Sexismus und sexuelle Belästigung grassierende Probleme darstellen, die alle Gesellschaftsebenen durchziehen. Gewalt gegen Frauen ist so verbreitet, dass sich sogar der spezielle Begriff des Femizids herausgebildet hat und Vergewaltigungen in kriegerischen Konflikten als Kampfstrategie eingesetzt werden. Eines von drei Mädchen wird in seinem Leben sexuelle oder physische Gewalt erfahren.

Inzwischen wissen wir auch: Armut ist sexistisch. Frauen und Mädchen, die in extremer Armut leben, sind von deren Auswirkungen besonders stark betroffen: Rund 650 Millionen Frauen auf der Welt wurden bereits als Kinder verheiratet. Über 130 Millionen Mädchen gehen nicht zur Schule; insbesondere in den ärmsten Ländern bleibt ihnen der Bildungsweg – und damit eine Möglichkeit, aus dem Armutskreislauf auszubrechen – häufiger verwehrt als Jungen. Jeden Tag infizieren sich rund 1.000 Frauen weltweit mit HIV. Ihr Infektionsrisiko ist dabei doppelt so hoch wie bei Männern. Aufgrund mangelnder medizinischer Vorsorge sind typische Armutskrankheiten wie Malaria insbesondere gefährlich für schwangere Frauen in Subsahara-Afrika. 20 Prozent der dortigen Totgeburten stehen im Zusammenhang mit Malaria. 

Die gute Nachricht ist: Obwohl Frauen am stärksten von extremer Armut betroffen sind, sind sie gleichzeitig auch die stärkste Waffe im Kampf dagegen. Erhielten Mädchen den gleichen Bildungszugang wie Jungen, hätten Entwicklungsländer mindestens 112 Milliarden US-Dollar mehr in den Staatskassen. Hätten Frauen in Afrika den gleichen Zugang zu Land oder landwirtschaftlichen Produktionsmitteln, könnten die Erträge um 20-30 Prozent steigen. Damit könnten 100-150 Millionen Menschen von chronischem Hunger befreit werden. Diese Zahlen geben Hoffnung. Es ist also nicht nur gerecht, wenn Frauen die gleichen Chancen und Rechte bekommen wie Männer. Die einzelnen Gesellschaften – und die Weltgemeinschaft als Ganzes – profitieren davon.

Der internationale Frauentag ist deshalb auch 108 Jahre nach seiner Einführung noch wichtig; in Berlin ist er mittlerweile sogar zum Feiertag ernannt worden. Er erinnert uns daran, dass es in die richtige Richtung geht. Er erinnert uns daran, dass sich Mut und Entschlossenheit auszahlen. Er erinnert uns aber auch daran, dass wir noch nicht am Ziel sind.

Die Aufgaben, die uns erwarten, dürfen uns nicht lähmen. Empörung und Ärger angesichts der aktuellen Situation sind verständlich und wichtig. Wut kann auch der Motor sein, selbst zu handeln.  Daher heißt es: Turn your outrage into action! Unterschreibt den offenen Brief von ONE und setzt politische Entscheidungsträger*innen unter Druck, endlich dafür zu sorgen, dass Frauen weltweit die gleichen Rechte bekommen wie Männer.

Lasst uns nicht weitere 108 Jahre warten!

Zu den Autorinnen:

Uns, Luisa Kern (Politikstudentin an der FU Berlin) und Natalia Loyola Daiqui (Jura- und Philosophiestudentin an der LMU München), liegt dieses Thema besonders am Herzen. Deshalb sind wir als Jugendbotschafterinnen bei ONE aktiv, einer entwicklungspolitischen Organisation, die sich für das Ende extremer Armut und vermeidbarer Krankheiten einsetzt.

Weil wir wissen: “Armut ist sexistisch”, setzen wir bei ONE einen besonderen Fokus auf die Stärkung von Frauen und Mädchen. Dabei legen wir Wert auf eine Partnerschaft auf Augenhöhe. Denn wir sind überzeugt: Frauen müssen ihr Leben selbst bestimmen können und ein Mitspracherecht bei politischen Entscheidungen haben, die sie betreffen.