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Wilde Reisegedanken: Bali, Smoothiebowls und viel Gezeter!

Wochenlang habe ich mit mir gerungen. Soll ich? Soll ich nicht? Konnte tagelang kaum schlafen und habe mich selbst als Heuchlerin bezeichnet. Jetzt fragst du dich zurecht, warum.
Ganz einfach: Schon länger planten mein Mann und ich eine Reise, die dieses Mal anhaltender und einschneidender sein sollte. Mit ein wenig Leben im noch fremden Land. Mit einem Eintauchen in die Kultur, den Flow und die Menschen drum herum. Unklar, wo es uns wohl hintreiben wird, besprachen wir 2017 nahezu jede erdenkliche Möglichkeit. Von einem Roadtrip durch die USA, Backpacking in Costa Rica oder Mexiko, große Entdeckungstour durch Europa oder doch australischer Sehnsuchtstraum, war alles dabei. So recht entscheiden konnten wir uns nicht. Doch irgendwann war klar: es muss etwas Festes sein. Nicht schon wieder dieses ständige Hin- und Herfahren. Wir sehnten uns nach einem festen Ort, einer Base, die für geraume Zeit auf wundersame Weise ein Zuhause wird. 

Und oftmals ist es ja so: Wenn man sich etwas wünscht, wenn man fest an etwas denkt, dann passiert genau das. Nur einige Wochen später kam mein Bruder mit der zunächst irrwitzigen Idee um die Ecke gemeinsam nach Asien zu gehen. So ein richtiges Familiending, mit geliebter Schwägerin und herzzerreißend knuffigem Neffen. Und dann stand auf einmal dieser Ort im Raum, der mich so doll zweifeln ließ: Bali. Sehnsuchtsland aller digitalen Nomad*innen, die ihre Smoothiebowls genüsslich im Halbschatten ihres MacBooks schlürfen und nach den harten vier Stunden Arbeit in der Woche die Seele auf dem Surfbrett oder im herabschauenden Hund baumeln lassen. 

Nach einem ersten Seufzer im Hinblick auf ein paar verheißungsvolle Wochen unter Palmen ging ich sofort in Abwehrhaltung. Mein Verstand sagte mir, dass Bali ganz und gar nicht eine gute Idee sei und plötzlich schalteten sich all meine aktivistischen Zellen an. Ich ratterte Fakten über den exponentiell gestiegenen Wasserverbrauch, die Menschen in zusammengerotteten Co-Working-Spaces und die fürchterliche Plastikverschmutzung auf der Insel runter und wusste, das kann ich niemals nie mit meinem Gewissen vereinbaren. Jeden Tag ging das dann so. Ich las ein wenig über die aktuelle Situation und diskutierte stundenlang mit Freund*innen, was sie an meiner Stelle tun würden. Und wisst ihr was? Irgendwann hatte ich einfach die Schnauze voll. Macht eure blöde Reise doch alleine. So! 

War das die Lösung meines Konflikts? Natürlich nicht! Ich schaute mich weiter um und entdeckte tolle Initiativen, die sich sowohl vor Ort als auch andernorts für mehr Nachhaltigkeit auf Bali engagieren. Ich versuchte mich in die Menschen hineinzuversetzen, die aus dem kalten Europa flohen, um ihre Arbeitsstunden auf der tropischen Insel zu verbringen. Nach und nach fing ich an sie zu verstehen. Ich malte mir aus, wie es wohl sein würde so zu leben und was ich tun würde, wenn ich vor Ort die Umwelt schützen könnte oder was mein Beitrag wäre. Und so schloss ich langsam Frieden mit der Vorstellung in ein südostasiatisches Land zu reisen (und auch mit meinen potentiellen Mitreisenden, mussten sie sich doch auch mein Meckern die ganze Zeit anhören).
Na klar ist es umwelttechnisch gesehen alles andere als geil eine Fernreise mit dem Flugzeug zu machen. Ja, auf Bali gibt es ein immenses Problem, was Müll anbelangt. Und ja, scheiße noch eins, dieses digitale Nomadentum nagt schon manches Mal an meiner Geduld.

Aber, und natürlich ist das egoistisch, ich werde immer neugierig bleiben und ganz sicher noch viel mehr Länder entdecken wollen, in die ich mit einem Flugzeug fliegen muss/will. Dafür kann ich in meinem regulären Alltag aber z.B. auf Transportmittel achten, die einen wesentlich geringeren CO2-Ausstoß haben und wenn möglich immer den Zug zum nächsten Reiseziel nehmen. 
Die Müllproblematik betrifft nicht alleine Bali, sie ist global und das sehr, sehr radikal. Der Unterschied? In unserem Teil der Erde sehen wir den Müll kaum noch. Wir recyceln was das Zeug hält und Mülltrennung scheint unsere leichteste Übung. Aber auch in unserem Teil der Welt ist Müllverschmutzung ein Problem. Wir haben viel zu viel davon, um alles in eine Aufbereitungsanlage geben zu können und so wird das Zeug verschifft nach… Überraschung, Asien! Oftmals leben wir so als würden wir mit unserem Gelben Punkt und den 50 Energiesparlampen in unserer Wohnung die Erde retten, doch in Wahrheit verbergen wir sehr viel vor uns, um uns nicht weiter damit beschäftigen zu müssen. Eine wirkliche Veränderung schaffen wir doch nur, wenn wir tatsächlich radikal und konsequent unseren Müll reduzieren. Auch ich versuche dies mehr und mehr im Alltag umzusetzen. Mal gelingt das Zero Waste Projekt ganz gut, mal scheitere ich. Und das oftmals auch aus purem Egoismus.

Mit der finalen Entscheidung zu Bali habe ich mir also auch ganz klar vorgenommen, dass mein Abdruck auf der Insel so gering wie nur möglich sein soll. Dabei helfen kann nur eine gute Vorbereitung. Ich versuche möglichst viele verpackungsfreie Dinge einzuplanen. Alle Verpackungen, die leer werden,  nehme ich wieder mit zurück(das gilt übrigens für alle Länder mit schlechter Müllaufbereitung als Reisetipp!) und vor Ort versuche ich wann immer es geht keinen Müll aktiv zu produzieren. Jutebeutel, Trinkflasche und Metall-Strohhalm stehen schon auf der Packliste!

Nun gut und was meine Abneigung gegenüber dem digitalen Nomadentum auf Bali angeht? Ich hatte einfach keine Lust auf diese scheinbar sorglose, freie, Instagram-Dauerhappy-Welt. Auf Gespräche, die sich nur um e-Commerce-Start-Ups drehen und Kreativität, die genauer betrachtet nur auf der Unzulänglichkeit anderer aufbaut. Aber dann hat meine Schwägerin etwas ganz Wichtiges gesagt: Wenn mich etwas so gewaltig stört, dann sollte ich eher zu mir selbst schauen. Warum triggert mich dieses Thema so? Und das tat ich. Ich schaute in mich hinein und erkannte, was ich eigentlich schon vorher wusste, nur mit der Ablehnung total von mir geschoben hatte. Natürlich finde ich digitales Nomadentum super und natürlich würde ich letztendendes gerne selbst so leben und ja, verdammt, ich hätte auch gerne ein florierendes Onlineprodukt, das meine Miete zahlt. Was mich eigentlich so ablehnen ließ, war der Gedanke, dass die Menschen, die dort auf Bali für kleines Geld lebten, in meinen Augen sich eben nicht mit Themen wie Umweltproblematik, Trinkwasserknappheit, Globalisierungs- und Tourismusproblemen auseinandersetzen und deswegen, meiner Meinung nach, weniger „Anrecht“ hatten ihren Lebensstandard dort so zu führen. Was, rein logisch betrachtet, natürlich totaler Quatsch ist, denn ich habe noch nicht eine Person vor Ort kennengelernt (wie auch, wenn ich erst noch hinfahren muss). Und da dämmerte es mir: Ich verurteilte Menschen lediglich aufgrund einer Sache, von der ich sogar selbst Teil war. Niemand gab mir das Recht zu dieser Beurteilung und so musste ich im weiteren Prozess lernen davon loszulassen. Was richtig gut tat und mich nun mit offenem Herzen und geöffneten Augen auf die bevorstehende Zeit schauen lässt.

Und wisst ihr was? Ich freue mich einfach riesig darauf, denn letztendlich wird uns Bali nun genau das geben, wonach wir uns gesehnt haben: die Möglichkeit für mehrere Wochen an einem Ort zu leben und zu arbeiten und dabei zu schauen, was es mit uns macht. Es ist mir völlig egal, ob Bali gerade im Trend ist. Ist Island doch auch und dennoch würde ich immer und immer wieder dorthin fahren. Und ich freue mich so sehr auf die Zeit, wenn ich mit meiner Smoothiebowl im Halbschatten meines MacBooks meine erste Vier-Stunden-Woche ausprobiere, um danach meine Seele im herabschauenden Hund baumeln zu lassen. Namasté!

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