310 Views |  Like

Violet Skies: „Moderner Feminismus in der Popmusik muss noch einiges aufholen.“

There’s an English version on page 2.

Mit wachen, aufmerksamen Augen schaut mich Violet an während draußen der Regen auf die Straßen peitscht und ich noch einmal an meinem Kaffee nippe ehe ich gespannt der walisischen Sängerin und ihren Geschichten lausche. Violet ist seit einiger Zeit in Berlin, um hier ihre neue EP aufzunehmen und kurz vor ihrem Rückflug finden wir ein wenig Zeit, um in einem wuseligen Café in Mitte ein paar Worte auszutauschen. Der wache Eindruck soll mich getäuscht haben. Eigentlich ist Violet ganz schön müde nach wochenlanger, aufwendiger Studioarbeit, aber das merkt man ihr kein bisschen an. Vielleicht auch, weil sie eine absolute Sympathieträgerin ist und ihr einladendes Lächeln direkt das Eis bricht.

Violet Skies - IslandFoto: © Facebook Violet Skies

Violet, an was arbeitest du im Moment?

An meiner nächsten EP. Es sollen sechs Songs werden. Ich habe seit letztem März nichts mehr veröffentlicht. Meine letzte EP kam in 2014 raus und dazwischen nur einige Singles. Ich habe sehr hart gearbeitet und viele Stücke für diese neue EP geschrieben. Es wird eine sehr persönliche Sammlung von Songs, die von Dingen handeln, die mir selbst passiert sind.

Und was ist das zentrale Thema?

Eine Beziehung. Eine sehr spezifische sogar. Also wird es sehr persönlich. Auf eine gute Art und Weise. Es war wirklich sehr hilfreich.

Warum produzierst du deine neue EP in Berlin?

Abgesehen davon, dass ich einfach mal aus South Wales oder London, wo ich die meiste Zeit verbringe, raus wollte, ist Berlin einfach sehr praktisch, weil ich hier die richtigen Leute treffe. Ich habe im letzten Jahr mit wunderbaren Menschen und Co-Producern zusammengearbeitet, aber am Ende brauchst du einfach eine Top-Produktion. Jemanden, der alle Teile zusammenfügt. Felix und Charly sind ein großartiges Duo. Charly ist ein toller Produzent und ebenso ein großartiger Gesangs-Produzent. Felix ist im technischen Bereich grandios und ein toller Musiker. Sie sind auch der Grund, dass ich in Berlin echt Freunde gefunden habe. Es war toll hierher zu kommen und das hier zu machen.

Violet Skies – Island – die erste Single-Auskopplung der kommenden EP.

Wie sieht dein kreativer Prozess aus? Schreibst du die Songs selbst oder machst du das mit den Produzenten oder anderen Leuten zusammen?

Ich liebe Co-Writing. Abgesehen von zwei Songs habe ich alle Songs auf der EP mit jemandem zusammen geschrieben. Letztes Jahr war ich in der glücklichen Positionen in L.A. sein zu können. Dort habe ich Songs mit Freunden geschrieben. Das waren einfach Leute, die ich getroffen habe, um Musik zu machen und Songs zu schreiben. Auch zuhause habe ich mit Freunden an Songs gearbeitet. Leute, mit denen ich auch vorher schon Lieder geschrieben habe. Das ist sehr hilfreich. Entweder bringe ich Songideen mit und wir arbeiten daran oder wir fangen etwas ganz Neues an. Dieses Jahr hatte ich sehr viel Inspiration. Es fiel mir sehr leicht Lieder zu schreiben. 

Du hast bereits gesagt, dass es um Beziehungen geht. Hast du ansonsten eine tiefere Bedeutung, die du über deine Songs vermitteln willst? 

Ich würde nicht sagen, dass es um eine konkrete Message geht. Aber ich denke, es geht vor allem um Erfahrungen, die jeder nachvollziehen kann, weil so etwas jeder schon einmal erlebt hat. Es geht um eine Beziehung, die beendet wurde und ich wollte die tolle Zeit würdigen, die man zusammen hatte. Aber eigentlich ist auch viel passiert. Auch viel, was nicht cool war. Es ist im Endeffekt wie ein Tagebucheintrag.

Wenn du mit irgendwem auf der Welt ein Duett singen könntest, wen würdest du wählen?

Joni Mitchell. Joni ist meine größte Inspiration und um ehrlich zu sein, würde ich vermutlich noch nicht mal singen. Ich würde ihr einfach nur zuhören. Ich wäre bei der Aufnahme einfach nur mit im Raum. Sie hat mein Lieblingsalbum geschrieben: Blue. Ich liebe einfach alles, was sie gemacht hat. Sie ist eine große Inspiration und alles, was sie je geschrieben hat. Sie hat ihre besten Songs immer über persönliche Dinge geschrieben. Bei allem, was sie geschrieben hat, denke ich: „Oh mein Gott. Genau so fühle ich mich gerade.“ Ich denke dies einzufangen, ist wirklich sehr schwer. 

Heutzutage sind Künstlerinnen wie Beyoncé, Taylor Swift oder Aurora Symbole einer neuen Welle des Feminismus. Was denkst du über modernen Feminismus in der Popmusik oder in der Popkultur generell?

Einige Leute sagen sehr schnell, dass Feminismus nicht mehr angesagt ist. Und dass moderner Feminismus in unserer sogenannten „First World“ nicht relevant ist. Viele denken, dass Feminismus nur in Entwicklungsländern gebraucht wird. Aber ich denke, dass das nicht stimmt, denn es gibt noch immer Ungleichheit bei uns. Für mich bedeutet moderner Feminismus, dass auch neu bewertet werden muss, wie die Welt auf Männer schaut. Es geht nicht ohne die Männer. Es gibt einige Länder, wie Schweden zum Beispiel, wo Feminismus wirklich funktioniert und damit zum Beispiel auch Männer gleiche Elternrechte für ihre Kinder bekommen. Es herrscht immer noch das Gerücht, dass Väter nicht so gut wie Mütter wären. Dass Mütter und Väter ihre entsprechenden Rollen haben. Moderner Feminismus in der Popmusik macht also noch einiges falsch, gerade im Bezug darauf, wie Frauen wahrgenommen werden. Gleichberechtigung existiert nicht immer. Ich habe das definitiv erlebt. Aber es muss wirklich gesagt werden, dass es im Feminismus mehr um Gleichberechtigung als nur um Frauen geht. 

Glaubst du denn, dass Popkultur dafür etwas tun kann?

Definitiv. Die Spice Girls waren sozusagen die Prototypen des modernen Pop-Feminismus. Bei ihnen drehte sich alles um Girlpower. Dieses Album veränderte mein Leben, Ich war erst 4 oder 5 Jahre alt oder vielleicht sogar noch jünger. Es machte mir bewusst, was Girlpower bedeutet und das war damals gewaltig für mich. Ich wüsste nicht, warum Popmusik nicht heutzutage auch noch einen solchen Einfluss haben könnte. Ich bin mir ziemlich sicher, dass 10-jährige Mädchen und auch Jungs das heutzutage auch brauchen. Es ist wirklich wichtig, dass Feminismus in der Popmusik sich nicht nur an junge Mädchen richtet. Jungs sollten genauso bestärkt werden. Die Selbstmordraten von Männern sind zum Beispiel extrem hoch. Es ist eine der Haupttodesursachen für Männer, sogar mehr noch als Krankheiten wie Krebs. Das ist unfassbar. Und das geschieht oft, weil Männer nicht über ihre Gefühle reden und denken, sie können es auch auch nicht. Da muss Feminismus eine Rolle spielen. Es geht nicht nur um Frauenrechte. Es geht um Frauenrechte und im Ergebnis genauso um Männerrechte. 

Es stimmt, dass manchmal tatsächlich vergessen wird, dass es um alle geht. Es geht um Menschen.

Das Patriarchat ist nicht nur Pro-Mann. Eigentlich schließt es sogar viele Männer aus. Das Patriarchat hat viel mit Klassensystemen und Eliten zu tun. Und hier setzt Feminismus an.

Auch in deinem Künstlernamen verbirgt sich eine starke Frau. Ich habe gelesen, dass es sich dabei um deine Urgroßmutter handelt. Was inspiriert dich an ihr?

Sie war jemand, den ich schon seit ich denken kann, gekannt habe. Erst als ich älter wurde, fing ich an Fragen zu stellen, wer sie war und was sie gemacht hat. Sie kam aus der absoluten Arbeiterklasse in South Wales und bekam neue Lebensansichten, als sich ihr Leben veränderte und sie ihren Ehemann verlor. Dann kam der ganze Familienkram dazu und alles, was dazu gehört. Als ich erfahren habe, was sie alles durchgemacht hat und dass sie vier Kinder quasi allein groß gezogen hat, wusste ich sie ist eine der stärksten Frauen aus meiner Familie. Und ich fand es großartig, dass sie ihr Leben dennoch veränderte. Es gibt diese eine Geschichte. Eines Tages war sie auf einmal verschwunden. Als sie zurückkam, war klar, dass sie nur einen kurzen Trip gemacht hatte und sie trug diesen Hut auf dem stand „Kiss me quick“ [Küss mich schnell.] Sie hatte einen verrückten Urlaub hinter sich und keiner wusste, wo sie gewesen ist. Sie war einfach eine Frau, die im hohen Alter noch mal so richtig genossen hat. Diese Neuerfindung hat mich wirklich inspiriert. 

Gibt es noch andere Frauen, die dich inspirieren?

So viele Frauen. Zuallererst meine Mutter. Meine Schwester, meine Großeltern. Ich habe aber auch jede Menge großartiger Freundinnen, die mich ständig mit ihrer harten Arbeit und den Dingen, die sie erreichen, inspirieren. Oft auch, wenn eigentlich alles gegen sie spricht. Ich habe immer noch, ganz ehrlich, eine große Vorliebe für Beyoncé. Sie hat viele Brücken geschlagen, die es vielen Menschen erleichtert hat bestimmte Dinge tun zu können. Ich bin ein großer Fan von Emilie Nicolas. Sie ist eine norwegische Songwriterin. Sie ist wunderbar. Ich supportete sie vor über einem Jahr in London. Ihre Show war eine der besten Liveshows, die ich je gesehen habe. Eine der besten Stimmen, beste Produktion, alles war einfach perfekt. Es war super inspirierend nach dem Motto: Scheiße, jetzt muss ich aber ganz schön ranklotzen. Sie ist einfach so gut.

Was war dein bester Bühnenmoment?

Bei SXSW (South By Southwest) letztes Jahr. Wir kamen erst in der Nacht davor an und hatten den Gig schon am nächsten Tag. Wir hatten alle einen Jet Lag.  Es war unsere erste Show bei der British Music Embassy an einem Montagabend. Wir wussten nicht, wie es werden würde, da es Montag war, aber wir wussten, dass das Line Up toll war. Als wir ankamen, war ziemlich viel los. Und als wir auf die Bühne konnten, wurde es immer mehr. Doch während des Soundchecks ging unser Keyboard kaputt. Es war schrecklich. Wir hatten dieses gigantische Keyboard und alle meine Songs sind davon abhängig. Also konnten wir auch nicht ohne spielen. Wir versuchten einiges zu tauschen, aber die Kabel waren kaputt und damit hatten wir das ganze Keyboard geschrottet. Die Band vor uns hatte ein ganz, ganz kleines Keyboard. Wirklich! Ich weiß nicht mehr, wie viele Tasten es hatte, aber es waren nicht mehr als zwei oder drei Oktaven. Mein Keyboarder musste die komplette Show auf diesem winzigen Keyboard spielen und alle Sounds entsprechend umprogrammieren. Das schaffte er auch. Es war einfach unglaublich, wie er das machte. Und ja, das war unsere beste Show, die wir je gespielt haben. Das Publikum war umwerfend und es war richtig voll. Die Zeit wurde langsam knapp. Also wurde aus der eigentlichen halben Stunde, die wir hatten, nur noch 10 Minuten. Als wir endlich auf die Bühne gingen, wurde uns gesagt, dass wir lediglich zwei Songs spielen können. Ich dachte nur „Scheiße, wir sind dafür extra nach Texas geflogen.“ Aber die Songs liefen super und die Leute beschwerten sich neben der Bühne beim Stage Manager. Also spielten wir am Ende sechs oder sieben Songs. Es war sogar jemand extra aus Tokio da, um uns zu sehen. Das war echt abgefahren.

War es das erste Mal, dass du in den USA gespielt hast?

Es war das allererste Mal und auch die erste Show, die ich jemals außerhalb von Europa gespielt hatte und ich machte mir echt in die Hosen. Aber es war einfach so gut.

13522065_1031984070172812_2196998460089442224_nFoto: Facebook Violet Skies taken from @verobielinski

Gibt es auch irgendwelche peinlichen Momente, die du mit uns teilen möchtest?

Wenn ich auf die Bühne gehe, kann ich mich danach an nichts erinnern, was ich gesagt habe.Ich sage Dinge, die ich nicht sagen sollte. Ich vergesse auch manchmal die Zeilen meiner Songs, weil ich so im Moment bin. Aber mir fällt nichts wirklich Peinliches ein. Ich habe so viele dumme Sachen gemacht, da ich da eine sehr hohe Toleranzschwelle habe. Wenn irgendwas schief geht, denke ich nur, das wird schon wieder. 

Hast du das Gefühl Wales auf irgendeine Art und Weise zu repräsentieren?

Sehr sogar. Am meisten wahrscheinlich, weil ich diese Sache gemacht habe, die sich „Horizons“ nennt. Dabei werden 12 walisische Künstler ausgewählt und BBC kümmert sich ein ganzes Jahr um dich und helfen dir mit allen Sachen. Es gibt ein walisisches Team, das walisische Künstler unterstützt. So konnte ich SXSW, Eurosonic und die Canadian Music Week machen. Ich werde dieses Jahr eine Asien-Tour machen, was ziemlich cool ist. Ich wurde so stark von dem Welsh Art Council und dem walisischen BBC Team unterstützt. Das ist unglaublich. Ich wäre nicht dort, wo ich bin ohne sie. Meine erste EP heißt „Dragon“. Die walisische Flagge ist ein Drachen. Ich singe nicht walisisch, aber ich bin sehr stolz darauf wo ich herkomme auch wenn ich mehrere Male in meinem Leben in England gewohnt habe und in vielen anderen Ländern war. 

Du hast letztes Jahr zum Beispiel einige Zeit in Kalifornien verbracht. Wenn du dich zwischen Europa und den USA entscheiden müsstest, wo würdest du lieber leben?

Ich wünschte, ich könnte meine Zeit auf beides aufteilen. Glücklicherweise spielte ich in den USA nicht nur Shows, sondern konnte auch reisen, Freunde treffen und Musik machen. Aber wenn ich dort hinziehen würde, würde ich schon das Grün und den Regen vermissen. Kalifornien, New York und Nashville sind großartig. Es ist toll und die Musikkultur ist einfach der Wahnsinn. Ich mag aber eben auch Städte wie Berlin oder London und das Grün sehr. Das würde ich nicht aufgeben wollen. Meine Familie lebt auch hier. Ich bin so ein Weichei. Also wenn ich meine Zeit aufteilen könnten, dann 6 Monate hier und 6 Monate da.

Liebe Violet, vielen Dank für deine Zeit und die schöne Kaffeepause. Wir wünschen dir auf deinem Weg nur das Beste und sind uns sicher eine der wichtigen zukünftigen Stimmen Europas interviewt zu haben. Du wirst deinen Weg gehen und wir bleiben dran! Alles Liebe. 💓

Ihr findet Violet auf folgenden Kanälen und wir empfehlen euch auf jeden Fall reinzuhören. Wir durften bereits weitere Songs der kommenden EP hören und sind schon jetzt absolut begeistert.

Violet Skies auf Facebook
Violet Skies auf Instagram

steckbrief-violet-skies