837 Views |  2

Kolumne ♡ Verliebtsein ist wie Staffellauf

In ihrer heutigen Kolumne schreibt Johanna über das Gefühl der Verliebtheit und dem ständigen Auf und Ab im Chaos der Partnersuche. Eine Woche verliebt und zurück.

Vor Kurzem traf ich auf ein männliches Wesen, das bereits in der ersten Sekunde ein Feuer in mir entflammte. Ich fühlte mich wohl, gemocht, gut aufgehoben, ich wollte zuhören, und mir wurde zugehört. Beinahe bekam ich Angst davor, meine Ära als emotional verbitterte Frau beenden zu müssen – und jetzt kommt’s: Wir lernten uns in einem Singleforum kennen (dass ich meine erste, letzte und einzige erwiderte Liebe ebenfalls in einem Singleforum traf, verschweige ich an dieser Stelle – ich liebe es, gegen eigene Regeln zu verstoßen). Ganz klassisch, zumindest so wie ich mir das Verlieben vorstelle, lösten sein Lächeln und sein übercooler „Was kostet die Welt“-Blick auf seinen Bildern, bereits beim ersten Betrachten, den Knoten in meinem Höschen. Meine Mutter sagt beim Einkaufen immer, dass ihr die Ware direkt gefallen muss, ansonsten kommt es ihr nicht in die Tüte. Das gleiche Prinzip gilt bei Männern – jeder hat sicherlich schon mal diese wissenschaftliche (eigentlich abgesicherte?) Erkenntnis gehört, dass Frau in den ersten Sekunden, wenn sie einen Mann sieht, weiß, ob sie mit ihm schlafen möchte. Ich unterschreibe diese Aussage. Aus „Ach, das ist schon ein ganz Netter“ wurde noch nie ein „Oh Gott, ich verzehre mich nach ihm“.

Da alle hochmodernen Singlebörsen so aufgebaut sind, dass mittels etlicher Fragen ein Übereinstimmungsfaktor ermittelt wird (im Nachhinein hätte ich diesen Faktor gerne für die Männer, in die ich mich dann tatsächlich verliebt habe), zeigte sich, dass wir einen Prozentwert von rund 90 hatten. Wow! Musik, Filme, Kinderwunsch, all die essentiellen Dinge stimmten – und er schrieb mich an. Ich schwebte direkt auf Wolke Sieben. Als wir dann wenige Tage später merkten, dass wir am Mittwochabend zufällig auf demselben Konzert sein würden, war die Aufregung – und die Erwartungen – groß. Am Ende der Nacht flog ich durch die Straßen von Berlin und grüßte jeden mir Entgegenkommenden herzlich (ein Symptom an dem ich immer merke, dass ich mir was eingefangen habe). Dann kam das erste Date – Filmnacht. Die Welt war perfekt und die Hälfte der Zeit grinsten wir uns an wie zwei geistesgestörte Teenager. Wenn bestenfalls geschmacksneutrale Küsse süß sein sollen und man das nicht symmetrische Gesicht des anderen als das schönste der Welt betrachtet, grenzt das eindeutig an eine Geistesstörung. Abartig.

Doch so stand es im Buch des Lebens nicht geschrieben und meine Angst, meine kostbare zehnjährige Einsamkeit aufgeben zu müssen, wurde nicht zur Realität. Bereits beim zweiten Tête-à-Tête war das Feuer erloschen, und das Bett blieb kalt. Von Jetzt auf Gleich war sämtliches Verliebtsein und jedes Interesse weg, das Feuer bis auf den Grund erloschen. Er beschrieb mich danach als „anti“ (Zitat: „Wie kann man denn beim zweiten Date schon SO ANTI sein??!!“), und trotz des kräftezehrenden innerlichen Kampfs konnte ich den emotionalen Keimling nicht mehr retten. Die psychologische Reaktanz, die daraufhin einsetzte („Ohhh, ich will aber essen, was Du da hast!“), konnte aber auch nichts mehr geradebiegen. Erklär mal einem Typen, warum du wieder Bock auf ihn hast, wenn er keinen mehr auf dich hat. Das funktioniert bei Frauen, aber nicht bei Männern. Zerknirscht musste ich mir eingestehen, dass mein einwöchiges Verliebtsein passé war.

Liebeschaos3

Gleichzeitig musste ich mir aber auch noch etwas ganz anderes eingestehen. Denn der wahre Grund dafür (der mir natürlich, noch bevor ich meine Eine-Woche-Liebe überhaupt traf, schon völlig bewusst war, denn als Single lernt man schließlich auch das Wahrsagen) war, dass mir Mister X nicht mehr aus dem Kopf wollte. Mister X, der mich von heute auf morgen fallen ließ und mich halbherzig mit halbgaren „Vielleicht“- und „Später“-Aussagen warm hält. Der Typ, bei dem die ehrgeizige Karrierefrau zum quiekenden Angsthäschen wird („Schreibe ich heute? Nein, lieber morgen. Der letzte Kontakt ist ja erst einen Monat her.“, „Natürlich habe ich Verständnis dafür, dass er gerade seine Ruhe braucht. Er ist ja so schrecklich beliebt, und das laugt ihn doch aus.“). Unter der Brille der Wahrnehmungsverzerrung liest sich das folgendermaßen: Er hat einen eigenen Willen, Durchsetzungskraft und steht mitten im Leben. Hach, endlich mal ein richtiger Mann. Mister X kommt natürlich nicht aus Berlin, und ist physisch, wie auch emotional, so gut wie unerreichbar („Was ich haben will, das krieg ich nicht, und was ich haben kann, das gefällt mir nicht.“) – eben der perfekte Mann. Und Musiker. Musiker sind die Besten. Geben dir immer das Gefühl, dass du die Eine sein könntest, die sie aus ihrer misslichen Lage befreien könnte. Musiker, die dir erst die großen Gefühle vorgaukeln („Weisst du, es gibt nur wenige Menschen, mit denen ich über so etwas so offen reden kann.“), dich dann auf Abstand halten und in dem Moment, in dem du wegrennen willst, wieder heranziehen, sodass du verliebter bist als vorher. Doch das Musikerthema ist eine ganz eigene Geschichte.

Verliebtsein ist wie Staffellauf. Das Herz wird ohne Umschweife einfach weitergereicht. Doch meine Eine-Woche-Liebe bekam erst gar nicht die Chance, zuzugreifen. Am kommenden Wochenende werden Mister X und ich zur selben Zeit am selben Ort sein. Für die darauffolgende Woche plane ich mein Arbeitspensum maximal niedrig an, der Vorrat an Taschentüchern liegt schon bereit. Der pochende Muskel in meiner Brust ist noch nicht zum Weiterreichen bereit…

Johanna