Und plötzlich bist du ein Flüchtling…

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Seit mehreren Wochen, Monaten, eigentlich Jahren steht ein Thema immer wieder im Raum und wird Ausgangspunkt für politische, sich im Kreis drehenden Debatten und emotionaler Ausbrüche von Menschen, die entweder komplett gegen sie sind oder endlich etwas für sie tun wollen: Flüchtlinge.

Ein Thema, das wir hier in Europa selbst kaum greifen können, da uns z.B. Krieg und Hunger in diesem Ausmaß seit vielen Jahrzehnten nicht mehr begegnet ist und doch bewegt es uns, nistet sich in unsere Köpfe und lässt uns nicht mehr los.

Und wenn wir es ganz genau betrachten, sind wir gar nicht so weit weg: Schon in Kindheitstagen in der direkten Nachbarschaft eines Asylheims zu wohnen, in dem es des Öfteren brannte. Später in der Schule neue Schulfreunde kennenzulernen, die aus anderen Ländern stammten und die versuchten in Deutschland eine neue Heimat zu finden. Oder beinahe auch selbst Flüchtling aus der ehemaligen DDR gewesen zu sein… all diese Erfahrungen zeigen uns, wie nah wir mit diesem Thema schon seit jeher in Berührung gekommen sind UND NOCH VIEL WICHTIGER: WIE SCHNELL SICH DAS BLATT AUCH FÜR UNS MAL WENDEN KÖNNTE.

Ja klar, nun mal Butter bei die Fische: Uns geht es hier in Deutschland doch gut. Wieso denn an Flucht denken? Hm, genau! Wieso eigentlich? Lieber die Tür zu machen, Thema ausblenden. Und sich ganz feste wünschen, dass doch bitte bloß kein Flüchtlingscamp oder Containerdorf in der unmittelbaren Nachbarschaft entsteht.

Ganz treffende Worte dazu fand diese Woche Die Zeit:

„Wir wollen nicht, dass sie ertrinken.

Wir wollen nicht, dass sie kommen.

Was wollen wir tun?“

Wir fragen uns, warum wollen nur so wenige, dass Flüchtlinge hierher kommen? Wovor haben sie denn Angst? Warum fragt man nicht, wovor die Flüchtlinge Angst haben und kommt ihnen vielleicht etwas entgegen? Wo bleibt die Empathie?
Oder sind es vielleicht gar nicht wenige und wir bekommen nur einen Bruchteil des Bildes zu sehen, das hinter Politik und medialer Berichterstattung verschleiert wird?

Der Spot mit dem Titel „When you don’t exist“, den Amnesty International bereits 2012 veröffentlicht hat, dreht gerade aus aktuellen Anlass im Netz wieder die Runde. Hier wird das Blatt tatsächlich einmal gewendet und aufgezeigt, was wäre, wenn wir aus Deutschland auf der Flucht wären und wovor wir als Flüchtlinge Angst hätten.

Der Spot wurde vornehmlich aus der Perspektive eines kleinen Jungen inszeniert. Aber denkt mal weiter, was wäre, wenn wir, junge Frauen, auf der Flucht wären. Welche Ängste hätten wir?

Folgende Gedanken kommen uns in den Sinn:

  • Werde ich jemals meine Familie, Freunde, Bekannte, Lebenspartner wiedersehen? Wie geht es ihnen? Hoffentlich leben sie noch und es geht ihnen gut.
  • Wo und wie werde ich unterkommen?
  • Hoffentlich werde ich nicht überfallen oder mir Gewalt angetan? Wie kann ich mich schützen?
  • Wie kann ich meine Anliegen und Bedürfnisse kommunizieren, wenn mich doch keiner versteht?
  • Wie ist die hygienische Versorgung? Was ist, wenn ich auf dem Schiff mal auf die Toilette muss, meine Regel bekomme, krank oder z.B. schwanger bin?
  • Werde ich in dem neuen Land Anschluss finden?
  • Wird meine Ausbildung akzeptiert und kann ich darin arbeiten? Bzw. werde ich eine Ausbildung/ Job bekommen, der mich interessiert und meinen Qualifikationen entspricht?
  • Werde ich jemals wieder zurück in mein Land, mein Umfeld, meinen Beruf kommen? Natürlich würde ich immer wieder zurück wollen in dieses Land, das ich vielleicht Heimat nenne.
 2014-06-02_Sudan_Flüchtlinge_Protest_gegen_Abschiebung,_Weißekreuzplatz_Hannover,_(46)_Mahnmal_für_die_Opfer_von_Mauer_und_Stacheldraht,_Refugees_..

Vielleicht sind dies aber gar nicht die unmittelbaren Ängste von jungen Frauen. Vielleicht bewegt sie auch etwas völlig anderes.
Wenn wir nicht anfangen mit den Menschen zu reden, die es betrifft, wenn wir nicht anfangen ihre Gedanken verstehen zu lernen, werden wir dies nie erfahren. Denn für uns bleibt es Fiktion, Fantasie.

Das stimmt uns nicht nur sehr nachdenklich, sondern bewegt uns so sehr, dass wir anfangen wollen etwas daran zu ändern, einen Perspektivwechsel einzugehen.

Aus diesem Grund wird dies heute nicht der letzte Artikel zu diesem wichtigen Thema gewesen sein. Vielmehr ist es uns eine Herzensangelegenheit unseren Fragen auf den Grund zu gehen und die verschiedenen Perspektiven zu spiegeln, um letzten Endes hoffentlich dazu beitragen zu können, dass einige Barrieren abgebaut werden.
NAWM Ehrenwort!

Foto Credits:
Titelbild „Flüchtlinge aus Bangladesch“ © Mohamed Ali Mhenni
Artikelbild „Sudan Flüchtlinge Protest gegen Abschiebung in Hannover 2014“ © Bernd Schwabe

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2 Responses to “Und plötzlich bist du ein Flüchtling…”

  • Oh wow, das berührt mich gerade zutiefst.
    Ich finde es richtig gut, schwierige Themen auch mal aus einer anderen Perspektive zu betrachten, deswegen ist das Video von Amnesty International super!
    Ich wohne gerade in Wilhelmsburg (Hamburg) und wir wollen auch mehr dafür machen, dass sich die hier ankommenden Flüchtlinge akzeptierter und integrierter fühlen.
    Ich freue mich auf mehr Beiträge zu diesem Thema.
    Alles Gute euch, Noemi.