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Tiaji Sio: „Es geht nicht mehr darum Frauen zu helfen. Es geht darum, sie zu stärken.“

Erinnert ihr euch noch an Tiaji, unserer Gastautorin, die Anfang August ihr Plädoyer „Der junge Feminismus braucht dich!“ bei uns veröffentlichte?

Tiaji ist mehr als nur eine GRL-PWR-Frau. Sie bezeichnet sich nicht nur als Feminstin, weil es mal eben gerade Trend ist. Vielmehr kämpft sie seit vielen Jahren aktiv für die Gleichstellung der Geschlechter und gegen sexistische Stereotypen, veraltete Rollenverteilungen. Dafür ist sie organisiert in Gruppen und Organisationen und erhebt ihre Stimme. Tiaji ist eine waschechte Aktivistin. Dies blieb nicht unerkannt.

Keine geringere Organisation als die UN wählte im Frühjahr diesen Jahres Tiaji aus und sendete sie als Jugendbeobachterin nach New York. Dort durfte sie, neben Eva Ritte, als einzige Deutsche bei der UN Frauenrechtskommission die Anliegen und Perspektiven junger Menschen im Kampf für eine gendergerechte Welt darstellen. 

Das beeindruckte mich wirklich. Und weil ich das so spannend fand, dass eine noch so junge Frau (Tiaji ist erst 20 Jahre alt) sich so aktiv für Gendergerechtigkeit einsetzt, wollte ich nach ihrem Gastbeitrag noch unbedingt ein Interview mit ihr. Ich wollte mehr über ihren Einsatz in New York wissen und erfahren, was sie dazu bewegte sich zu engagieren. Und vor allem wollte ich euch Tiaji noch ein Mal genauer vorstellen. 

Butter bei die Fische: Als du die Einladung erhalten hast, die Deutsche Delegation zur 61. Frauenrechtskomission bei den Vereinten Nationen (UN) in New York zu begleiten, welches Gefühl überwog: Angst oder Vorfreude? 

Definitiv Vorfreude! Einmal bei den Vereinten Nationen in New York zu sein, war schon lange ein großer Traum von mir; und dann auch noch bei der Frauenrechtskommission zum Thema wirtschaftliche Stärkung von Frauen – meinem Lieblingsthema. Besser hätte es wirklich nicht kommen können. 

Eva Ritte & Tiajo Sio

In New York bist du mit vielen jungen Menschen aus der ganzen Welt zusammengekommen, um für Gendergerechtigkeit zu kämpfen. Dabei bist du sicherlich auf verschiedene Perspektiven gestoßen. Welche Diskussion ist dir dabei besonders in Erinnerung geblieben und was hast du daraus gelernt?

Besonders in Erinnerung geblieben ist mir eine große Diskussion zum Thema „generationsübergreifende Konflikte“. Ich glaube, dass junge Frauen und Mädchen Feminismus und Aktivismus anders wahrnehmen und ausleben als die ältere Generation. In New York waren Frauen und Mädchen jeden Alters vertreten und ich habe gemerkt, wie wichtig es ist, auch generationsübergreifend zusammenzuarbeiten, um einerseits von den Erfahrungen der Älteren zu lernen, aber auch gleichzeitig die neuen Ideen der jüngeren Generation zu berücksichtigen. Es geht nicht mehr darum Frauen zu helfen, was immer eine gewisse Unfähigkeit impliziert, es geht darum, sie zu stärken, zu ermutigen und Möglichkeiten zu schaffen, ihre Potentiale zu entfalten. Die feministische Szene sollte sich nicht spalten, sondern gemeinsam an dem übergeordneten Ziel der Gendergerechtigkeit arbeiten. 

Wie hoch war der Frauenanteil bei den ganzen Veranstaltungen? Lass mich raten: 80 – 90 %? Bist du auf feministisch aktive Männer gestoßen? Was sind ihre Ambitionen?

Der Frauenanteil bei den meisten Veranstaltungen war tatsächlich sehr hoch, in der deutschen Regierungsdelegation sogar bei 100%. Insbesondere beim Jugendforum, das der FRK vorausging, ist mir aufgefallen, dass ironischerweise relativ viele Männer auf dem Podium vertreten waren bzw. bei Publikumsfragen Männer und Jungen einen hohen Redeanteil hatten.

Eines der Themen des Jugendforums beschäftigte sich mit der Frage, wie wir Männer und Jungen für den Kampf um eine gendergerechte Welt mit ins Boot holen können. Insbesondere die „He for She“ – Kampagne hat eine große Reichweite erzielt und das Ziel erreicht, auch Männer und Jungen für den Feminismus zu begeistern. Nach wie vor ist das aber schwierig, weil zum einen noch zu viele unzutreffende Konnotationen mit dem Feminismus verbunden sind, und es zum anderen natürlich bedeutet von einer gewissen Machtposition abzutreten. 

Tiaji beim Jugendforum

Im Vorgespräch erwähntest du, dass du sehr begeistert warst, wie ernst ihr als JugendbeobachterInnen genommen wurdet. Über welche Vorschläge freust du dich besonders, dass sie mit in die Abschlusserklärung mit aufgenommen wurden? Und worüber bist du traurig, dass sie es nicht geschafft haben?

Mich hat gefreut, dass die agreed conclusions, das Abschlussdokument der FRK, sich durchweg ausdrücklich auf Frauen und Mädchen bezog. Damit wurde die Wichtigkeit der jungen Generation betont und die besonderen Bedürfnisse von Mädchen und jungen Frauen in Betracht gezogen. Ich persönlich hätte mir konkretere Forderungen in Bezug auf die sexuellen und reproduktiven Rechte bzw. die Selbstbestimmung von Frauen und Mädchen gewünscht. 

Sich zu engagieren, nimmt einen großen Stellenwert in deinem Leben ein. Wie kam es dazu?

Während meiner Schulzeit hatte ich oft die Möglichkeit meine Schule bei Wettbewerben oder Seminaren zu vertreten. Dadurch bin ich viel gereist, um mich mit anderen Jugendlichen auszutauschen. Während des Studiums ist es ein wenig schwieriger Zeit dafür zu schaffen, aber mir macht es einfach super viel Spaß engagiert zu sein und gleichzeitig auch noch etwas zu bewirken. 

Welches Statement würdest du gern öfter auf T-Shirts sehen? Und damit einhergehend, was ist deine feministische Anforderung an (deine) Mode/Outfits? 

In New York habe ich ein ziemliches cooles Plakat gesehen auf dem „Smash Power Structures“ stand und auf dem ein rosafarbener Hammer abgebildet war; das würde ich auch als Shirt tragen. 

Feminismus bedeutet für mich Freiheit. Auch in Bezug auf meine Mode heißt es, egal ob lang oder kurz, bunt oder schwarz-weiß, ich ziehe das an, worauf ich Lust habe. 

Welche Frau hat dich zuletzt am meisten inspiriert? 

Das ist eine super schwierige Frage. Ich treffe fast täglich Frauen, von denen ich mir etwas abschauen möchte oder bei denen ich mir denke: Wow, solche Frauen braucht die Welt! Zuletzt waren es meine Freundinnen, die ich hier in Shanghai kennengelernt habe. Die meisten sind hier für ein Auslandssemester oder Praktikum. Ich bin immer total fasziniert und inspiriert, wenn ich junge, ehrgeizige, intelligente Frauen treffe, die schon jetzt einiges reißen, an super Unis studieren und hoffentlich die nächsten CEOs von irgendwelchen Firmen werden. Mit denen man abends aber auch ganz normal in einer Bar schnacken kann. 

Zurzeit lebst du für ein Praktikum in Shanghai. Sicherlich hast du gute Einblicke in den Alltag der Frauen vor Ort. Was wünschst du dir für die Frauen in Shanghai?

Viele Frauen hier haben als Schönheitsideal eine möglichst helle Haut und ein möglichst „westliches“ Aussehen zu haben. Dieses von den Medien perpetuierte Bild ist falsch und sollte sich ändern. 

Eva Ritte & Tiajo Sio bei den UN Women

Und was für die Frauen in Deutschland?

Eigentlich genau das gleiche. Ich glaube, dass uns Frauen, egal aus welchem Land oder welcher Herkunft, grundsätzlich die gleichen Themen beschäftigen. Seien es bestimmte Schönheitsideale oder auch deutlich schlechtere Chancen auf hochrangige Positionen. Im Kampf um Gendergerechtigkeit sollten wir Solidarität zeigen und uns gegenseitig unterstützen. 

Wen sollten wir demnächst auch mal interviewen?

Eva, mit der ich zusammen in New York war sowie Farnaz eine großartige Journalistin und Safiyye, Autorin des Denkerinnen-Blogs. Mit diesen Frauen habe ich zusammen diesen Post veröffentlicht.

Steckbrief von Tiaji Sio

Liebe Tiaji, vielen Dank für das Interview. Ich finde, dass auch du einiges reißt. Sicher wirst du zukünftig eine starke Position haben, mit der du noch viel mehr bewegen kannst. Das würde ich dir und uns alle sehr wünschen. #tiajiforpresident ✌🏼

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Photo Credits: Titelbild © Jai Lennard, das erste Portrait von Eva Ritte und Tiaji Sio © YWCA, die restlichen Bilder stammen von Tiaji Sio selbst.