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Svenja Gräfen: Für mich ist sowohl das Schreiben als auch die Tatsache, dass ich Feministin bin, selbstverständlich.

Als Svenja an diesem Abend zusammen mit Stefanie Lohaus vom Missy Magazine die Bühne betritt, wirkt sie recht gelassen, obwohl ihre ersten Worte dem Publikum mitteilen, dass sich eine gewisse Nervosität in ihrem Körper breit gemacht hat, die jedoch innerhalb der nächsten sieben Minuten verschwinden sollte. Sofern denn alles nach Plan läuft. Mit klug ausgewählten Worten catcht Svenja ihr Publikum. Es ist ihre Buchpremiere. Und dazu auch noch Buchpremierenpremiere. Ihr erstes Werk. Ein Roman, der mich so in den Bann gezogen hat, dass ich eine Woche lang gerne Bahn gefahren bin. Sogar mitten im Feierabendverkehr, wenn klebrige Hände jede Haltemöglichkeit schon kontaminiert haben. Aber ich hatte ja mein Buch zum Festhalten. Das Rauschen in unseren Köpfen. Der Titel verrät, warum ich so gerne noch eine Station weiter gefahren bin, um dann vergnügt zurückzufahren. Die Geschichte einer Liebe. Eine, die nicht so recht weiß wohin und überhaupt scheinen Lene und Hendrik nicht wirklich für die Ewigkeit gemacht. Ich lese eigentlich vor allem Thriller. Bücher, bei denen man sich vor Anspannung kaum traut die nächste Seite umzuschlagen oder bei denen so verzwickte, verschlungene Geschichte entstehen, dass man noch mal ein paar Kapitel weiter vorne die Fakten nachlesen muss, um wirklich zu verstehen, warum jetzt wer mit wem und überhaupt. Das Rauschen in unseren Köpfen hat nichts von alledem. Und das ist verdammt gut so. Svenja Gräfen wählt ihre Worte bewusst, nicht nur an diesem Abend auf der Bühne, auf der sie knapp hundert Menschen ihr Werk der letzten Jahre vorstellt. Auch in dem Buch wird deutlich, mit welch einem schönen Schreibstil Svenja ausgestattet ist. Banalitäten wirken auf einmal wie die schönsten Dinge der Welt. Ein einfacher Weg vom Supermarkt nach Hause erblüht farbig und wird in meiner Fantasie lebendig. Die Charaktere sind so gut gezeichnet, als dass ich mich schnell in die einzelnen Situationen hineinversetzen kann, in denen sich die jeweiligen Protagonist_innen gerade befinden. 

Die Nervosität hat sie schon nach weniger als sieben Minuten abgelegt. Die Bühne ist ihr nicht fremd. Das spürt man. Bevor sie munter Romane in die Welt setzte, nannte Svenja vor allem Poetry Slam Bühnen ihr Zuhause. Dort erzählt sie nicht nur von Liebesbeziehungen, sondern wird auch politisch, spricht über Feminismus und unsere Zeit. Svenja hat einen Standpunkt und den vertritt sie nicht nur analog, sondern vor allem auch digital mit ihrer Arbeit auf diversen Blogs (in anbetracht), Magazinen (kleinerdrei), als Social Media Redakteurin und in Vereinen (Slam Alphas). 

Ich zitiere: Sie mag Feminismus, das Internet und Kommasetzung. Twitter und Instagram mag sie auch.  

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1. Was rauscht heute durch deinen Kopf?
Superviel! Ich verarbeite immer noch die Buchpremiere und bereite mich gleichzeitig schon wieder auf die nächsten Auftritte vor. Leider neige ich oft dazu, die Dinge zu zerdenken und perfektionistisch zu sein – deswegen muss ich mich gerade auch immer wieder daran erinnern, die momentane Situation zu genießen: Menschen können jetzt tatsächlich mein Buch kaufen und lesen, das ist großartig! Und ich freue mich auch sehr auf die kommenden Lesungen.
2. Du schreibst bereits seit du ein junges Mädchen bist. Gab es dafür schon als Kind einen Auslöser?
Einen richtigen Auslöser gab es nicht. Bevor ich überhaupt schreiben konnte, hab ich mir schon kleine Geschichten ausgedacht. Und später wurde es dann einfach ein Hobby. Während andere Kinder Fußball gespielt oder ein Musikinstrument gelernt haben, habe ich stundenlang am Computer meines Vaters gesessen und getippt. Ich fand das total cool, ich meine: ich konnte mir einfach irgendwelche Leute ausdenken und sie erleben lassen, was immer ich wollte. Das hat sich dann nicht mehr geändert, Schreiben hat mich immer begleitet – auch, wenn die Form und Art oft wechselte, als Teenager hab ich viele Romananfänge geschrieben, später dann viel Tagebuch, noch später Texte für die Bühne.
 
3. In deinem Trailer zum Buch liest du eine Szene über das Wetter. Es gibt wohl keinen Menschen, mit dem ich mich lieber über das Wetter unterhalten würde. Du schaffst es aus Belanglosigkeiten Fantasie entsehen zu lassen. Ruht diese allumfassende Sinneswahrnehmung in dir selbst? Gehst du so durchs Leben? 
Vielen Dank erstmal. Und ja, ich denke schon, dass ich so durch’s Leben gehe. Ich bin ziemlich sensibel für äußere Reize und dann auch schnell mal überfordert, kann mich schwer konzentrieren und fokussieren. Manchmal ist das ziemlich anstrengend und nervig, andererseits fallen mir so eben auch viele Kleinigkeiten und Zwischentöne auf und für’s Schreiben ist das großartig. Ich glaube übrigens auch, dass Schreiben genau deswegen schon immer so eine Selbstverständlichkeit für mich war: Um zu verarbeiten, um mich ganz in Ruhe nochmal mit allem beschäftigen und filtern zu können.  
4. Bei der Buchpremiere hast du erzählt, dass die Figur von Hendrik zuerst da war. Und dennoch wird aus Lenes Perspektive (in Ich-Perspektive) erzählt. Wie kam es dazu?
Ich fand es total spannend, in einer ganz frühen Version des Buchs aus der männlichen Perspektive zu erzählen. Aber irgendwann wurde mir klar, dass es ganz einfach Lenes Geschichte ist, die da erzählt wird, dass es um Lenes Wahrnehmung der Dinge geht – auch, wenn es sich natürlich viel um Hendrik dreht. Und die weibliche Perspektive war mir dann doch sehr wichtig. Ich wollte, dass Lene selbst erzählt.
5. Wie viel Lene steckt in dir?
Lene ähnelt in manchen Dingen vielleicht einer vier, fünf Jahre jüngeren Version von mir selbst. Meine eigene Wetterfühligkeit hab ich so ein bisschen auf sie übertragen. Ansonsten haben unsere Leben aber nicht so richtige Gemeinsamkeiten. Ich bin auf dem Land aufgewachsen und später dann oft umgezogen, von einer Stadt in die nächste. Lene kommt mir außerdem immer viel ruhiger, viel zurückhaltender vor als ich es selbst bin. Sie ist nicht so impulsiv wie ich, macht viel mit sich selbst aus, ich muss mich immer sofort irgendwem mitteilen. 
6. Im Netz und im Poetry Slam beschäftigst du dich vor allem mit feministischen, politischen Themen. Nun schreibst du einen Roman über eine Liebesbeziehung. Empfindest du das als kontrovers?
Nein, kein bisschen. Aber ich finde es krass, dass ich schon einige Male in eine Art Rechtfertigungsnot gebracht wurde deswegen. Ich weiß gar nicht, woher diese Erwartung kommt, ich hab ja nie gesagt, dass ich ein richtungsweisend feministisches Buch schreiben möchte. Auf mich wirkt das so, als hätte ich mich durch aktivistische Arbeit und feministische Texte im Netz dazu verpflichtet, mich fortan nur noch und ausschließlich mit feministischen Inhalten zu beschäftigen, egal, was ich tue. Dabei empfinde ich gerade das als feministisch, als emanzipiert, mir das Recht herauszunehmen, mich zu verschiedensten Dingen zu äußern. Außerdem ist sowohl das Schreiben, wie ich eben schon sagte, als auch die Tatsache, dass ich Feministin bin, für mich selbstverständlich. Das Schreiben kann ich für den Feminismus nutzen – wenn ich etwas zum Diskurs beitragen, mich über etwas beschweren, andere auf etwas aufmerksam machen will. Und meine intersektional-feministischen Ansichten prägen natürlich mein ganzes Leben, meine Wahrnehmung und dadurch auch wiederum mein Schreiben. Ich schreibe aber eben auch, um mit Sprache zu experimentieren, um Figuren zum Leben zu erwecken, um Geschichten zu erzählen. Und beim Schreiben des Romans stand die Sprache ganz klar im Vordergrund. Das bedeutet nicht, dass der Roman nicht feministisch ist – Feminismus ist bloß einfach nicht das Thema. Sondern, genau, eine Liebesbeziehung und deren Unmöglichkeit – wobei mir auch wichtig ist zu sagen, dass sich Liebesbeziehungen und Feminismus nicht ausschließen. Das wäre ja auch furchtbar!
7. Wie kommt man von Slam zu Belletristik? 
Ich glaube eher, dass man vom Schreiben selbst zu verschiedenen Textformen kommt. Einen Roman wollte ich schon schreiben, bevor ich angefangen hab zu slammen. Und Slam war dann eben eine wunderbare Möglichkeit, auch mal ganz andere Textformen auszuprobieren, lyrischer zu schreiben, rhythmischer, zugänglicher. Wobei ich auch schon oft Erzählungen, Prosa, auf Slam-Bühnen gelesen habe, es ist ja alles erlaubt, so lange es ins Zeitlimit passt. Und mir hat dieses Zeitlimit irgendwann nicht mehr ausgereicht, zumindest nicht für diese Geschichte. Ich denke auch, dass mich Slam noch weiterhin begleiten wird, auch, wenn ich da gerade etwas kürzer trete. 
8. Welche Frauen inspirieren dich?
Boah! Allein in meinem Freund_innenkreis gibt es schon so viele großartige Frauen, die mich inspirieren: Meine besten Freundinnen sind eine Tischlerin und eine Schauspielerin. Dann sind da meine Slam-Kolleginnen und Freundinnen Ninia LaGrande, Pauline Füg, Katja Hofmann. Sehr viele andere Autorinnen, zum Beispiel Judith Hermann oder Abigail Ulman, Nora Gomringer, Künstlerinnen und Filmemacherinnen wie Miranda July, Ilana Glazer, Abbi Jacobsen. Musikerinnen! Sowieso! Jasmyn Burke von den Weaves. Die Gurrls von Gurr. Sookee. Aktivistinnen wie Anne Wizorek, Kristina Lunz, Noah Sow, – ich habe das Glück, viele Frauen zu kennen, die großartige Projekte und Blogs gestartet haben, die sich politisch engagieren, ich folge vielen fantastischen Fotografinnen und Illustratorinnen auf Instagram, @slingaillustration und @frances_cannon, um nur wenige Beispiele zu nennen – ich glaube, ich finde Frauen generell sehr inspirierend (lacht)
9. Du wehrst dich bis dato erfolgreich dein Buch in die Ecke Generationenroman stellen zu lassen. Was glaubst du, warum müssen Menschen Dinge immer in bestimmte Schubladen stecken können?
Da habe ich leider nur die äußerst unkreative Standardantwort parat: Es macht natürlich einiges einfacher, wenn man Dinge irgendwo einsortiert, wenn man sie mit bereits Bekanntem abgleicht. Ich denke auch nicht, dass sich da irgendjemand von ausnehmen kann, ich selbst stecke sicher auch viel zu viel in solche doofen Schubladen. Das Label ›Generation‹ kommt meistens von Menschen, die selbst nicht Teil ebenjener Generation sind – vielleicht gerade deswegen, weil sie durch Texte, Filme, was auch immer das Gefühl haben, eine Generation besser verstehen zu können. Ich frage mich dabei häufig, was und wer diese Generation eigentlich ist und ob es überhaupt möglich ist, ›sie zu verstehen‹ – dafür ist doch jede Generation viel zu heterogen. 
10. Ist (sollte) Liebe nicht ein Thema jeder Generation (sein)?
Ich glaube, das hat nichts mit verschiedenen Generationen zu tun. Man sagt ja auch nicht, dass in irgendeiner Generation keine Wut, keine Traurigkeit zu finden ist. Das sind menschliche Gefühle und die sind immer irgendwie am Start, oder nicht? Sicher hat sich im Lauf der Zeit verändert, wie Beziehungen geführt werden und wie mit dem Gefühl Liebe umgegangen wird – auch Liebe zu Freund_innen oder Familienmitgliedern. Aber ein Thema ist es mit Sicherheit, jetzt gerade und schon immer. 
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11. In Das Rauschen in unseren Köpfen verbindest du viele Handlungsstränge mit Musik, hast selbst viel zu Musik geschrieben. Wie und warum ergänzen sich Musik und Literatur?
Sie funktionieren einfach gut zusammen. Man kann ja zum Beispiel nicht zeitgleich lesen und einen Film schauen – aber lesen und Musik hören funktioniert super, und bei mir ergänzen sich auch schreiben und Musik hören sehr gut. Ich kenne Kolleg_innen, die gar nicht zu Musik schreiben können oder dadurch abgelenkt werden, und auch bei mir funktioniert das sicher nicht zu jeder Zeit mit jeder Art von Musik. Aber so ganz grundsätzlich kann Musik Gefühle intensivieren oder an bestimmte Dinge erinnern, und das ist enorm hilfreich, um Bilder entstehen zu lassen, um sich in Situationen hineinzudenken.
12. Was wünscht du dir für Frauen 2017?
Bei dem konservativ-sexistischen Rollback, den wir zur Zeit erleben, vor allen Dingen: Durchhaltevermögen. Ich wünsche mir, dass Frauen sich gegenseitig unterstützen und feiern – das ist wichtig, um Kräfte zu sammeln, um weiterhin für mehr Gleichberechtigung kämpfen zu können, übrigens nicht nur für Frauen, sondern für alle Geschlechter auch außerhalb des binären Systems. Ich wünsche mir, dass ein intersektional-feministischer Ansatz selbstverständlicher wird, nicht nur in Fem-Filterblasen, sondern auch im Mainstream. 
Liebe Svenja, vielen Dank für all deine großartigen Worte, nicht nur hier, sondern vor allem auch in deinem wunderbaren Debüt „Das Rauschen in unseren Köpfen“ und auf den Bühnen der Republik. Wir halten zusammen durch und haben dich von nun an auf jeden Fall auf dem Schirm.

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Und wer es nicht bis zum 28.04. aushält, der flitze schnell in die nächste Buchhandlung des Vertrauens oder kaufe sich, unverschämter Weise, über diesen Link Das Rauschen in unseren Köpfen*

Titelbild © Melanie Hauke

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