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Sophia Hoffmann: „Weniger Hass. Mehr Mitgefühl.“

Oh Sophia, 

wie lange standest du schon auf unserer Interviewliste? Vermutlich von Anfang an. Warum? Hm, lass uns mal aufzählen:

Weil du unsere Gerichte, die wir zuhause kochen, so viel kreativer und köstlicher werden lässt.
Weil du uns immer wieder so fabelhaft unterhältst und amüsierst.
Weil du uns auch schlauer machst.
Weil du unser täglich Brot so lustig farbenfreudig aufpeppst, dass uns Neider garantiert sind, wenn wir unser Pausenbrot auspacken (gut, nicht täglich, aber hier und da mal ?).
Weil du unsere Gedanken zum Kreisen bringst.
Weil du klare Worte für ungerechte und dumme Tatsachen findest.
Und weil du mit deinen Mitteln dafür kämpfst, diese Ungerechtigkeiten aus der Welt zu räumen. 

Dies sind nur Beispiele. Beispiele, die ganz klar zeigen, dass du als #notanotherwoman auf jeden Fall nicht auf unserem Magazin fehlen darfst! Und nun hast du dir auch noch den nächsten Kracher geleistet. Mit Vegan Queens zelebrierst du neben dir 12 weitere klasse Macher-Frauen und beweist einmal mehr, dass Female Empowerment und Girlpower nicht nur als Patch auf der Brust getragen werden sollten, sondern wenn diese aktiv gelebt und geleistet werden, ganz wundervolle Dinge passieren können.  

Sophia, wir freuen uns sehr über dieses Interview: 

Sophia Hoffmann - Vegan Queens© Zoe Spawton

Wenn man dich online verfolgt, merkt man schnell, dass du sehr viele Facetten hast. Du bist nicht nur Köchin, sondern auch Feministin. Du bist sozial engagiert und setzt dich für vieles ein. Welche drei Adjektive oder Begriffe würdest du dir denn selbst zuschreiben, die dich am besten beschreiben?

Das ist super schwierig. Ich bin auf jeden Fall kreativ. Das ist ganz unmittelbar. Ich kann gar nicht anders. Ich brauche immer irgendeinen Output, den ich so raushaue. Ich bin mutig, mich Sachen zu trauen oder Sachen auszusprechen. Und ich glaube, ich bin auch lustig (lacht sehr laut). Das behaupte ich jetzt einfach mal!
Ich finde Selbstironie ganz wichtig oder irgendwie auch Blödsinn machen, nicht immer nur Ernst. Ich hasse Menschen, die keinen Humor haben.

Wir haben gestern Abend bei der Buch-Veröffentlichung eine sehr entspannte Sophia erlebt.

Ernsthaft? (lacht)

Ja, du wirktest nicht gestresst.

Wow, habe ich das so perfektioniert? (lacht wieder)

Mit Sicherheit warst du aufgeregt, aber man hat es dir einfach nicht angemerkt. Du wirktest sehr gelöst. Auf mich wirkt das immer so als wären Menschen, die in solchen Moment so sind, sehr im Reinen mit sich selbst sind. Und ich würde gerne wissen, ob das schon immer so bei dir war?

Gestern war ich hardcore gestresst. Ich glaube, dass man das trainieren kann. Einfach diesen Schalter umzulegen,  sodass andere das nicht so merken. Es hat natürlich viel damit zu tun, dass du im kulinarischen Bereich arbeitest oder in einem Bereich, wo du irgendwas organisierst oder irgendwas präsentierst. Es ist wirklich reines Training dann eben trotzdem zu lächeln. Ich bin eigentlich fix und fertig. Ich bin komplett im Arsch (Sophia lächelt).
Ich bin schon sehr mit mir im Reinen. Das war sicher nicht immer so. 
Es ist definitiv so, dass ich beruflich mein Thema gefunden und das erste Mal in meinem Leben das Gefühl habe angekommen zu sein und weiter machen zu wollen. Ich kenne das auch von vielen anderen Leuten, die ich so in meinem Umfeld habe, gerade die etwas Kreatives oder was Freies machen. Das ist oft eine wahnsinnige Suche und sich zerfleischen, ob es finanziell klappt und so. Ich glaube, ich habe da schon wahnsinnig Glück gehabt in den letzten Jahren. Dass ich einerseits etwas gefunden habe, was mir so viel Spaß macht, dass ich es offensichtlich auch ganz gut mache, weil ich auch irgendwie süchtig danach bin. Und dann ist man wahrscheinlich auch mehr mit sich im Reinen, wenn man irgendwo ankommt. Aber das war nicht immer so.

Wenn man dich nur äußerlich betrachtet, fallen als erstes deine Tattoos stark auf. Woher kommt diese Leidenschaft und hast du vielleicht auch eins, was dein allerliebstes ist?

Das ist tatsächlich spannend, weil es viel mit diesem Selbstfindungs- und Lernprozess zu tun hat. Ich habe sehr früh angefangen mich tätowieren zu lassen und dann ist die Hemmschwelle irgendwann sehr gering und es kommt immer mehr dazu. Es ist lustig, denn in meinen Zwanzigern, also wirklich zu einer Zeit, wo ich noch gar nicht genau gewusst habe, wer ich sein will oder wer ich bin, war das für mich eine Manifestation. Etwas, das bleibt.  Klar, wenn man das über eine etwas längere Zeit macht, ist das eben ein Teil von dir, das sind alles irgendwelche Erinnerungen und Phasen, die man mit sich herum trägt, von denen man auch nicht alle noch mal machen würde, aber das ist dann so. Und damit muss man auch leben. Ich hatte zwischendurch auch immer Pausen, wo ich mir nicht tätowieren ließ. Jetzt gerade habe ich wieder etwas Gas gegeben, da meine Tätowiererin Ende des Jahres nach Amerika auswandert und da ich sie sehr schätze will ich noch ein bisschen was mitnehmen. Ich kann nicht sagen, dass ich eine Lieblingstätowierung habe. Obwohl – natürlich momentan meine neue. Das Schweinchen.

Warum ein Schwein?

Ich wollte schon lange ein Schwein, weil ich Schweine toll finde und sie nicht mehr esse. Ich hatte immer so ein bisschen nach Motiven geguckt, aber nichts gefunden. Bis jetzt. Das ist diese Freundin von mir, die bildene Künstlerin Marianne Vlaschits.Ich habe auch schon ein paar Bilder von ihr zuhause, darf mich also Sammlerin nennen. Sie hat momentan in Berlin ihre erste Einzelausstellung. Und das Schwein ist ein Still aus einer Video-Installation von ihr. Und das habe ich gesehen und dachte nur, da ist ja das Schwein! Endlich.

Sophia Hoffmann - Vegan Queens© Jana Braumüller

Du hast neulich in einer Kolumne über die Gerüche der verschiedenen Städte geschrieben. Wonach riecht Berlin?

Vor allem an Regentagen ziemlich stark nach frisch geröstetem Kaffee, was ich sehr gut finde, weil ich diesen Geruch wahnsinnig gern mag. Hier in Kreuzberg, Neukölln riecht es auch gerne mal nach Grillhähnchen und Kebab, als ich noch Vegetarierin war, hat mich dieser Geruch manchmal noch gereizt, aber das ist lange her. Ein Geruch, auf den ich mich jedes Jahr freue, ist der Duft der Lindenblüten nach einem Frühsommerregen.

Wenn du wählen müsstest: Was wäre dein liebstes Gemüse und deine liebste Frucht?

Ich würde sagen, es gibt immer phasenweise ein Lieblingsgemüse und eine Lieblingsfrucht. Beim ersten Buch war es definitiv rote Bete, eine späte Liebe. Das habe ich lange wirklich gar nicht gegessen. Ich würde sagen momentan bin ich sehr hart in Blumenkohl verliebt. Es gab auch gestern Blumenkohlpüree und das ist wirklich eins meiner Lieblingsrezepte aus dem Buch, denn ich mag gerade Gemüse, die unterschätzt werden. Etwas, was man immer im Supermarkt rumliegen sieht wie Blumenkohl, Rotkohl oder Karotten und da eben was ganz Neues oder Anderes draus zu machen, indem man zum Beispiel die Konsistenz ändert.
Bei Früchten fällt es mir echt schwer mich auf eine festzulegen. Das ist zwar nicht regional, aber ich mag Ananas wahnsinnig gern und habe manchmal so einen Heißhunger darauf. Wenn ich das Gefühl habe, ich arbeite sehr viel, dann mache ich mir in der Früh eine Smoothiebowl: Einfach eine komplette halbe Ananas in den Mixer schmeißen und darauf dann Nüsse, Kakaonibs, Kokosraspeln und alles mögliche. Dann löffelt man so eine halbe Ananas weg. Ich mag regionale Früchte auch sehr gern. Äpfel und Beeren. Manchmal ist das aber wie so ein Schnellurlaub, wenn man sich etwas Exotisches wie eine Maracuja oder Ananas gönnt. 

Ich bin zur Zeit total verliebt in eine Netflix-Serie. Chef’s Table. Ich weiß nicht, ob du die schon mal gesehen hast.

Das war der Grund, warum ich mich bei Netflix angemeldet habe.

Sehr geil. Ich habe es jetzt erst entdeckt und feiere es total ab, weil es wirklich wahnsinnig inspirierend und super gemacht ist. Was total auffällt, ist dass alle Köche und Köchinnen, leider sehr wenige, immer eine Vision in sich tragen. Es geht nicht nur ums Kochen, sondern man hat das Gefühl, die wollen etwas mit ihrer Küche verändern. Was ist deine Vision?

Für mich sind solche Sendungen genauso wichtig wie auch ab und zu in sehr gute Restaurants zu gehen. Weil ich glaube, dass es total wichtig ist, wenn man selber kocht, seinen Horizont zu erweitern und sich eben auch anguckt, was andere Leute für Visionen haben und man nicht nur so vor sich hin wurschtelt. Meine Vision ist tatsächlich, dass ich… Eigentlich sind es zwei Sachen. Einerseits habe ich schon das Gefühl, dass ich eine eigene Richtung habe, in der Art wie ich koche. Und dass es mir irgendwann einfach zu langweilig wird, dass es immer nur auf vegan reduziert wird. Dass man eben schon eine eigene Handschrift haben kann. Dass „vegan“ als einziger Wiedererkennungswert irgendwann irrelevant wird, weil es normal wird, das wünsche ich mir. Ich bin schon sehr ehrgeizig und ich will an jedem Tag, an dem ich koche, besser werden. Und ich hätte schon Bock irgendwann mein eigenes Lokal zu machen. Ich will, dass pflanzliche Küche noch stärker auf einem gastronomisch höhren Level stattfindet. Es gibt in der Spitzengastronomie sehr viele Köche, die nicht  vegan kochen, aber eben sehr viel Wert auf Gemüseküche legen. Ich habe in sehr guten Restaurants gegessen, wo es überhaupt kein Problem war ein veganes Menü zu bekommen. Das ist auch das, was mich ein bisschen stört. Dass vegan von der Wahrnehmung immer noch so in diesem Junkfood-Bereich stattfindet. Ich glaube, da geht noch viel mehr.  Dazu will ich etwas beitragen.

Aus „Oh Sophia“ wurde „Sophia Hoffmann“. Warum war dir dieser Schritt wichtig?

Weil es irgendwann einfach zu viele Namen waren. Das ist wie, wenn man seinen Kleiderschrank immer mal wieder ausmistest. Man muss eben alle paar Jahre gucken. Irgendwann kennen sich die Leute auch nicht mehr aus und natürlich hat das mit diesem Blog angefangen und ich fand den Namen auch immer lustig. Es sind ganz pragmatische Gründe. Wenn man sich medial mitteilen will, darf man die Leute auch nicht verwirren mit zu vielen unterschiedlichen Präsenzen. Ich habe mich schon etwas schweren Herzens von dem Namen verabschiedet. Aber wie gesagt, es ist wie Schrank ausmisten.

Möchtest du immer noch TV-Köchin werden?

Ja!

Fänden wir total spannend. Aber du meintest ja auchda herrscht viel Skepsis gegenüber solchen Ideen?

Die deutsche TV Landschaft ist  ungefähr so innovativ wie Knödel mit Soße. Ziemlich gähnend langweilig. Boredom. Böhmermann ist das Aufregendste, was die Deutschen sich trauen. Aber ich bin mir sicher, dass ich jemanden finden werde, der sich traut eine VEGAN KOCHENDE FRAU ins TV zu lassen. Verrückt.

Das ist aber nicht nur im TV, sondern leider auch in vielen anderen Branchen in Deutschland so. Jeder hat Angst um seinen Job. Nichts wird sich getraut. Das ist diese typische „deutsche Angst“.

Absolut. Wenn du dir anschaust, was auch in anderen Ländern oder auf Netflix stattfindet. International passieren so coole Sachen. Warum zur Hölle hier nicht? Naja, wenigstens zeige ich in meinem Buch einen ganzen Haufen von Ladies, die sich getraut haben ihre Träume zu verwirklichen. Bit by bit.

Bei dir haben wir tatsächlich das erste Mal bunte Brote gesehen. Mittlerweile tauchen sie auch in anderen Küchen immer mal wieder auf. Würdest du dich selbst als Trendsetterin bezeichnen?

Also die Idee mit dem schwarzen Brot ist tatsächlich nicht von mir. Im asiatischen Raum wird viel mit Kohle gebacken, ich fand es eine tolle pflanzliche Alternative zum Färben mit Tintenfischtinte. Das rote Brot habe ich mir wirklich selber ausgedacht. Ist irgendwann einfach passiert. Und nun gibt es lila Brot, das habe ich mir auch ausgedacht. Sobald man merkt, dass Leute einen kopieren, ist es wahrscheinlich so, dass man ein Trendsetter ist. Das freut mich. Juhu!

Was mich total angesprochen hat, ist deine Reise nach Minsk, um mit Kindern vegan zu kochen. Ich war selbst schon einige Male in Weißrussland und weiß, dass es so gut wie keine Veganer gibt. Was kannst du Kindern und anderen nachhaltig mitgeben, um einen positiven Einfluss auf ihr Essverhalten zu haben?

Ich glaube grundsätzlich, dass es für die Kinder dort vor Ort vor allem sehr aufregend ist, dass jemand drei Gänge kocht, in denen kein Fleisch oder Käse vorkommt. Es ist sicherlich für sie ein Schlüsselerlebnis. Das ist interessant. Ich habe in diesen Kursen natürlich Veganismus thematisiert und gefragt: Was denkt ihr, warum machen das Leute? Es waren ja teilweise auch ältere Schüler und Studenten dabei. Klar habe ich ihnen auch erzählt, dass es hier in Berlin total normal ist, dass es ein veganes Café und einen veganen Supermarkt gibt. Es gibt einen Denkanstoß. Vornehmlich zieht der Gesundheitsaspekt. Dieser Empathie-Gedanke, der in unserer Gesellschaft schon sehr viel weiterentwickelt ist – man weiß ja mehr über die Tierhaltung usw. – ist dort noch nicht so präsent. Ist ja auch ein anderes Setting. Die Kinder wachsen dort teilweise auf dem Dorf auf. Da wird dann halt das Schwein geschlachtet. Am Ende war es für viele sicherlich ein Aha-Erlebnis, als sie erkannt haben, man kann Eierkuchen auch mit Apfelmus statt mir Eiern machen.
Beim letzten Mal hatte ich auch ein sehr tolles  Erlebnis. Es gibt immer großes mediales Interesse wenn ich dort bin. Ich gebe Interviews für die lokale Presse. Eine Journalistin hat den ganzen Kochkurs mit verfolgt und war total geflasht am Ende. Sie hat mir gesagt, ich hätte ihr Leben verändert. Sie hatte Tränen in den Augen. Das hat mich sehr berührt. Wer weiß, vielleicht lebt sie jetzt vegan! Selbst wenn du nur bei einem Menschen etwas ausgelöst hast, ist das doch wunderbar! Und abgesehen davon macht es einfach unheimlich Spaß mit Kindern zu kochen.

Regen, keinen Bock auf große Einkäufe, nicht viel Zeit und Herbst-Blues. Was geht gerade kochtechnisch trotzdem immer?

Na Suppen natürlich. Boah, voll langweilige Antwort. (lacht)

Welche Suppen?

Mh, also meine Antwort, wenn ich gefragt werde, was man kochen könnte, wenn man gar keine Lust oder Zeit hat, lautet eigentlich Ofengemüse. Also Dinge in den Ofen schmeißen und entspannen. In meinem neuen Buch ist eine Suppe, die eine Kombination aus beidem darstellt. Eine Ofensuppe aus Paprika, bei der du das Gemüse im Ofen röstest und dann nur noch pürierst. Dann hat es diesen Röstgeschmack. Also das ist sicher die einfachste Variante, wo man auch nicht lange am Herd stehen muss.

Klingt lecker!

sophia-hoffmann-vq-01zoespawton© Zoe Spawton

Du bist nicht nur eine fabelhafte Köchin, sondern auch Journalistin, Autorin, Bloggerin und ehemalige DJane. Für welchen Bereich dein Herz am lautesten schlägt, brauchen wir nicht mehr fragen. Das ist klar. Aber was konntest du in dem jeweiligen Bereich vielleicht auch für deine anderen Tätigkeiten mitnehmen?

Alles. Das wird einem im Nachhinein auch immer erst klar. Kochen ist das Hauptthema. Und das Schreiben über das Kochen ist mir auch sehr wichtig bzw. generell das Schreiben. Es kann auch gut sein, dass ich mal ein Buch schreibe, dass kein Kochbuch wird. Das steht auch schon auf der Bucket List. Das eine ist das Handwerkliche und das andere das Geistige. Es ist immer wichtig, dass man beides verbindet und macht. Ich habe früher nicht nur aufgelegt, sondern auch Partys organisiert. Und ob man nun ein Dinner organisiert oder eine Party, das nimmt sich nicht viel. Deshalb profitiert man natürlich davon. Was lustig ist, da wir vorhin schon darüber gesprochen haben, dass ich gestern so gestresst war.Ich habe ja auch mit Anfang 20 eine Friseurlehre gemacht. Damals habe ich das Studium geschmissen und das gemacht weil ich dachte, das ist ganz praktisch, da kann man sich immer was dazu verdienen…  Und so habe ich gelernt die Kunst des Smalltalk zu perfektionieren, nach außen hin präsentabel zu sein und Leute zu unterhalten. Alles ist für alles irgendwann gut.

Wie du schon erwähnt hast, veranstaltest du regelmäßig Dinner mit spannenden Themen und unterstützt mit den eingenommenen Spenden wichtige Projekte. Hast du ein Herzensprojekt, auf das wir jetzt aufmerksam machen können?

Richtig, und in Folge der Buchveröffentlichung plane ich eine Dinnerreihe zu den Vegan Queens. Das bietet sich natürlich an, denn die meisten haben ja eigene Läden. Die Termine werden bald kommuniziert. Dafür kann man sich dann gerne anmelden. Und ja, ich habe ein paar Dinner gemacht, wo wir den Reingewinn gespendet haben. Das ging aber nur mit Sponsoren und Leuten, die mir umsonst geholfen haben. Das kann ich aber nicht immer machen, ich muss natürlich auch von etwas leben. Prinzipiell machen wir es jetzt so, dass 5 Euro pro Gast für einen wohltätigen Zweck gespendet wird. Zuletzt habe ich es für einen Verein gemacht, der heißt Jugend rettet e.V. Das ist eine Organisation, die auf eigene Faust ein Boot gekauft haben und Menschen im Mittelmeer vor dem Ertrinken retten. Das finde ich sehr unterstützenswert und mutig. Eine von ihnen, die Sahra, sitzt auch hier in der Blogfabrik und Jule Müller von Im Gegenteil ist da ebenfalls sehr engagiert und war vor kurzem auch mit an Bord und hat es dokumentiert. Ich finde sowas einfach vollkommen selbstverständlich, dass man versucht sowas mitzutragen und sei es nur mit einer kleinen Spende.  

Was uns total beeindruckt hat, ist dass du für dein neues Buch sehr uneigennützig eintrittst. Vielen geht es darum die eigene Person zu pushen. Du holst dir stattdessen 12 weitere Frauen dazu und supportest sie in deinem neuen Buch. Ist das gelebtes #femaleempowerment?

Einerseits ja. Aber das würde ich nicht nur auf Frauen beschränken. Denn es ist ja irgendwie immer der bessere Weg sich gegenseitig zu unterstützen. Und natürlich ist es ein kompletter Gegenentwurf zu diesem Einzelgängertum und „Ich bin der Geilste“. Ich werde in diesem Zusammenhang sicherlich keine Namen nennen (lacht). Aber wie ich es schon im Vorwort geschrieben habe, sind wir auch Konkurrentinnen und das ist auch voll ok. Man kann sich auch gegenseitig ein Feedback geben und dann denken, okay das ist vielleicht ein Anlass etwas besser zu machen. Es ist Quatsch alles allein machen zu wollen. Es war einerseits die Idee, diese Frauen sichtbarer zu machen, weil die Gastronomie immer noch sehr stark männerdominiert ist und ich spürte, dass in meinem Umfeld viele Frauen gründen und einfach machen. Auf persönlicher Ebene war es mir wichtig, sich gegenseitig gut zu vernetzen und zu unterstützen. Das ist meine Philosophie.

Das glauben wir auch, aber das haben noch nicht alle verstanden.

Das ist genau der Punkt. Also wieso sollte man Angst davor haben, jemanden mit in sein Buch einzuladen? Das macht es doch nur cooler! Ich hätte nie gedacht, dass ich dann weniger Aufmerksamkeit bekomme. Das ist ja Quatsch.

Sophia Hoffmann - Vegan Queens© Jana Braumüller

Im Fall Gina-Lisa warst du online sehr engagiert. Auch wir haben einen tollen Facebook-Post von dir geteilt. Möchtest du über deine persönliche Verbindung dazu sprechen?

Ja. Leider habe ich auch mit dem Thema sexuelle Gewalt meine Erfahrung gemacht und hab mich vor allem entschieden dies öffentlich zu machen. Seitdem ist es für mich ein Thema, egal ob ich will oder nicht. Bei mir erzeugen solche Fälle oder Rechtssprechungen, sowie die gesamte Berichterstattung in diesem Kontext, wahnsinnig viel Wut. Und deshalb habe ich das Gefühl, ich muss jetzt darüber reden. Da geht es überhaupt nicht nur darum, was mir passiert ist. Allein in meinem Freundeskreis gibt es ganz ähnliche Fälle von Vergewaltigung, die so krass sind. Ich glaube einfach, dass da ein gesellschaftliches Umdenken erfolgen muss. Was mich am wütendsten macht, ist einerseits, dass Slutshaming 2016 kein Thema mehr sein sollte. Es ist scheißegal ob eine Frau betrunken war, Drogen genommen hat, einen Minirock trug, Pornos gedreht, promiskuitiv lebt oder vorher zweimal „Ja“ gesagt hat. Sobald sie „Nein“ sagt, muss Schluss sein. Aus. Basta. Ende. Sowie dieses erbärmliche Gegenargument gegen die Verschärfung der Strafverfolgung, wo es immer heißt, es würde Frauen einfacher gemacht Männern ihre Existenz zu zerstören indem sie falsche Vorwürfe erheben. Das ist lächerlich. Ich habe an dem Tag, als ich damals meine Geschichte veröffentlicht habe, über 30 Emails bekommen von Frauen, die mir ihre persönlichen Geschichten geschickt haben und fast keine hat Anzeige erstattet. Und wenn ich dann so ein Scheiß höre, dann würden dauernd irgendwelche Frauen aus Jux Männer anzeigen, dann denke ich mir, diese Dunkelziffer an Opfern – es sei mal dahin gestellt, ob Männer oder Frauen, es kann Männern genauso gut passieren – ist so hoch, dass das einfach kein Argument ist. Die Zahl der falschen Beschuldigungen ist im Gegenzug dermaßen gering und noch heute werden Opfer von ihrem sozialen Umfeld, ja selbst von Polizeibeamten eingeschüchtert und angehalten „sich das mit der Anzeige lieber noch mal zu überlegen“, es ist zum Kotzen. Deshalb glaube ich, muss man darüber permanent reden. Es macht keinen Spaß darüber zu reden. Überhaupt nicht. Aber man muss es thematisieren. Immer wieder. Bis sich etwas ändert.

Ja man hat es ja auch unter deinem Post und generell gesehen, dass dann gerade mit der Rechtssprechung viele sagen: Siehste, wir haben es doch gesagt. Doch darum geht es ja im Prinzip erstmal nicht, sondern darum das als Thema auf den Tisch zu bringen, statt still zu schweigen. 

Allein wenn man sich die Fakten anschaut in diesem Fall. Das, was jedem zugänglich ist, nämlich dass dieser Film gegen ihren Willen ins Internet gestellt wurde. Das sie in dem Film „Nein“ sagt. Das allein muss schon reichen. Das überhaupt nicht vor einem Gericht diskutiert wird, ob sie betrunken war oder Drogen genommen hat. Das ist scheißegal. Denn auch das ist keine Legitimation. Und das ist der Punkt. Und deshalb meine ich, muss noch soviel gesellschaftliches Umdenken erfolgen.  

Wir wollten dir jetzt die Frage stellen: Brauchen wir Feminismus? Diese Frage hat sich sicherlich erübrigt. Daher würden wir diese vielmehr konkretisieren und fragen, in welchen Bereichen brauchen wir denn Feminismus?

Ich finde, dass wir einen offenen Feminismus brauchen. Wie gesagt, es geht an keinem Punkt darum, Männer auszuschließen. Das ist mir mit dem Buch auch ganz wichtig. Und ich denke schon, dass der moderne Mann das auch aushalten muss, dass auch mal ein paar Frauen gehuldigt werden. Und das es nicht heißt, dass er überhaupt kein Thema ist. Zum Glück kenne ich auch sehr viele Männer, die es auch genauso sehen. Es geht um das miteinander Reden, gleiche Grundvoraussetzungen – meiner Meinung nach braucht man dafür eine Quote  – und einfach um Austausch. Sich bewusst machen, was noch nicht passt. Was ich oft feststelle, auch in meinem Alltag, da sind einfach gewachsene Strukturen. Auch was Sexismus anbelangt. Manche Männer als auch Frauen merken das gar nicht. 

Ja besonders auch Frauen. Das merkt man, wenn man etwas sagt und die Reaktion lautet: Was denn, das sei doch ganz normal.

Genau, das geht sowohl in eine härtere Richtung, wie sexuelle Belästigung. Zum Beispiel, wenn man als Teenager auf dem Oktoberfest ist und es da ganz normal ist, dass man begrapscht wird. Dass sowas aber nicht normal und nicht cool ist, dass man das auch nicht unter Tradition abstempeln kann, so dass sich da auch mal was ändern kann. Das muss realisiert werden. Genauso das Verbale im Alltag. Ich habe auch erlebt, dass wenn du dann auch jemanden darauf ansprichst: Ja stimmt, das tut mir jetzt voll leid. Ich habe das so gar nicht gemerkt. Ich glaube, der große Fehler ist zu denken, dass es dann keinen Spaß mehr geben könne und uuuuh, man darf der Frau jetzt gar nicht mehr auf den Hintern schauen. Das ist doch Quatsch! Aber manche Sachen dürfen dann doch mal der Vergangenheit angehören und dann schaut man zurück und denkt: Mein Gott damals, ohje echt da gab es sowas noch?  

Wenn du genau in diesem Moment etwas Entscheidendes in dieser Welt ändern könntest, was wäre das?

Tja, da ist die Frage, was am effektivsten wäre. Ich glaube, ich würde mir erstmal einfach weniger Hass und mehr Mitgefühl wünschen, weil das in vielen Bereichen Menschen und Tieren helfen würde. Es ist mir einfach unverständlich, warum irgendwelche Bullshit-Kriege geführt werden, warum Menschen glauben, sie wären etwas Besseres und dafür müssen andere im Meer ertrinken. 

Bitte beende folgenden Satz:
I am not another woman… I am another human and all humans are beautiful!

Steckbrief // Sophia Hoffmann-001

Wer jetzt genauso neugierig auf diese portugiesische Künstlerin ist, wie wir, braucht einfach nur auf den Steckbrief zu klicken. ?

Liebe Sophia, vielen Dank für deine Zeit und den tollen, offenen Austausch mit dir. Du bist eine wahre Vegan Queen, die aber eben noch viel mehr ausmacht als schlicht pflanzliches Kochen. Danke für deinen Input jeden Tag. Wir sind uns ganz sicher, du wirst die Welt weiter verändern und damit viele inspirieren es dir gleich zu tun!