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Sebastian ‚Sushi‘ Biesler: „Gerade im Musikbereich ist es leider Gang und Gebe, dass Frauen oft abgestempelt und objektifiziert werden.“ 

Sebastian Biesler, der eigentlich von allen nur Sushi genannt wird, ist Sänger der kontrovers diskutierten Band ‚Eskimo Callboy‘. Schon der Name dürfte bei einigen Unbehagen auslösen. Schaut man sich die älteren Texte genauer an, wird schnell deutlich, dass diese tatsächlich nicht wirklich politisch korrekt sind. Warum also interviewen wir jemanden wie Sushi? Ganz einfach: Menschen entwickeln sich. Keiner von uns ist perfekt. Und wir alle sind doch auf unserer Reise hin zu einem besseren Selbst. Jede/r mit ihrem/seinem Thema. Sei das nun Nachhaltigkeit, Veganismus, faire Mode, Politik, soziales Engagement oder eben Feminismus. In unserer Gesellschaft ist es schwer als Feminist*in geboren zu werden. Umso schöner, wenn es Menschen wie Sushi gibt, die dem Ganzen eben doch auf den Grund gehen wollen. Warum sich Sushi dennoch ungern als Feminist bezeichnet und warum auch eine Band wie ‚Eskimo Callboy‘ nicht immer nur das ist, was sie vor sieben Jahren für einige zu sein schien, zeigt dieses Interview.

Wie und wann hast du dich selbst als Feminist identifiziert?

Ich tue mich schwer damit, mich direkt als Feminist zu bezeichnen und benutze den Begriff meistens nur, um auszudrücken, dass es meiner Meinung nach zwischen den Geschlechtern immer noch keine wirkliche Gleichberechtigung gibt. Vermutlich könnte man mich unter diesem Begriff irgendwie verbuchen, aber ich würde es mir nicht unmittelbar auf die Fahne schreiben.

Außerdem habe ich irgendwann beschlossen, mich nicht mit irgendwelchen Labels zu schmücken, weil es da draußen einfach zu viele Leute gibt, die diese  nur für ihr persönliches Profil nutzen und oft übers Ziel hinausschießen. Ich selber habe mich eigentlich erst vor ein paar Jahren eingängiger mit der Thematik auseinandergesetzt, weil meine Partnerin selbst als Feministin aktiv ist und wir natürlich gerade wegen meiner musikalischen Vergangenheit viel über Feminismus bzw. dieses Ungleichgewicht diskutiert haben. Mal abgesehen von der daran geknüpften Selbstreflektion, fallen dir auf einmal sehr viele Dinge auf, die man so vorher garnicht auf dem Schirm hatte. Ich muss dazu aber auch sagen, dass ich eigentlich nie der Typ war der großartig zwischen Mann und Frau differenziert hat. 

Was bedeutet Feminismus für dich?

Im Prinzip bedeutet Feminismus für mich nichts anderes als die Gleichberechtigung von Mann und Frau, von der beide Seiten profitieren. 

Was sagen Freunde und Familie zu deinen feministischen Ambitionen?

Einige verstehen meine Ansichten, aber es gibt auch heftige Gegenbeispiele, wo es dann tatsächlich auch mal ungemütlich werden kann. Leider fühlen sich viele Frauen und Männer, immer noch vom Begriff Feminismus bedroht und deshalb ist es oft schwer, vernünftige Konversationen über diese Thematik zu führen. 

Die einen empfinden sie als überflüssig und andere tangiert es einfach nicht, weil sie irgendwie gelernt haben, mit einer gewissen gesellschaftlichen Konditionierung und den vermeintlich daran geknüpften Limitierungen glücklich oder zumindest zufrieden zu sein. Es ist schwer Leuten einen neuen Horizont zu eröffnen, wenn sie sich selbst nicht benachteiligt fühlen. Die meisten sehen ohne Nachteile eben auch keine Vorteile. 

Dann hast du noch die Leute, die eine Gleichberechtigung sowieso dementieren, weil ein bestimmtes Rollenbild oft das Fundament ihres Profils darstellt. 

Wie setzt du selbst Feminismus im Alltag um?

Auch wenn ich mich nicht aktiv in einem bestimmten Bereich betätige, versuche ich trotzdem meinen Standpunkt klarzustellen und den Leuten auch eine andere Sichtweise zu vermitteln. Man muss meistens nicht lange warten, bis sich eine Konversation ergibt, die genau in diese Richtung geht. Manchmal beteilige ich mich auch online an Diskussionen, wenn mir gewisse Kommentare oder Artikel richtig gegen den Strich gehen. 

Unabhängig davon, versuche ich natürlich selbst genau nach diesen Maßstäben zu leben und mich nicht, oder jemand anderen, in ein geschlechtsspezifisches Rollenbild zu drücken. Ich habe z.B immer schon mehr in der Frauenabteilung eingekauft, weil mir die Klamotten einfach besser gefallen. Das hat jetzt nicht unbedingt was mit Feminismus zu tun, aber man sollte meiner Meinung nach einfach viel öfter über gewisse gesellschaftliche Grenzen hinwegsehen. 

Gerade ist #metoo in aller Munde. Wann und wie hast du dich schon mal aktiv gegen (Alltags-)Sexismus stark gemacht?

Ich weiß zwar worum es bei #metoo geht, habe mich aber jetzt nicht besonders einschlägig damit beschäftigt, um ehrlich zu sein. Trotzdem finde ich die Bewegung sehr gut, weil es unfassbar große Wellen geschlagen hat. Vielen ist oft garnicht bewusst, wie viele Personen sich mit unangebrachtem, sexuellem Verhalten auseinandersetzen müssen. Ich muss gerade auch in diesem Zuge an das Video denken, wo eine Frau mit versteckter Kamera durch New York läuft und am laufenden Band angesprochen und belästigt wird. Gerade als Mann ist es einem, glaube ich, gar nicht bewusst, mit was Frauen eigentlich so tagtäglich zurechtkommen müssen, wo wir wieder beim Thema Gleichberechtigung sind. Ich denke, es ist sehr schwer manchmal einfach nur als „Mensch“ ohne bestimmte Wertung anderer wahrgenommen zu werden, bezogen auf Kleidung, Geschlecht oder was auch immer. 

Ich selber setze mich meistens dafür ein, wenn ich merke, dass man bestimmte Personen degradiert und komplett darüber hinweggesehen wird, dass es immer noch ein Mensch ist über den man gerade redet. Gerade im Musikbereich ist es leider Gang und Gebe, dass Frauen oft abgestempelt und objektifiziert werden. 

Leider reicht es nicht einzelne Personen zu schützen und andere aufzuklären. Es müsste ein allgemeines Umdenken stattfinden, um diesen Zustand zu verändern. 

Eure (alten) Texte strotzen nur so von Sexismus. Wie kannst du dies auf der Bühne und vor euren Fans vertreten?

Wir haben damals solche Texte geschrieben, um irgendwie auf die Kacke zu hauen. Als junge Band, die vor einer Hand voll Leuten spielt, machst du dir erstmal gar keine Gedanken darüber, wie andere das auffassen könnten. Schon gar nicht in englischer Sprache. Dazu kommt, dass Sexismus auch immer ein Bestandteil der Musikszene war und man es dementsprechend vorgelebt bekommt, dass es in der Kunst scheinbar nur wenige Tabus gibt. Gerade im Hip Hop werden Frauen stark objektifiziert. Wenn man jetzt aber dagegen hält, dass genau diese Künstler riesige Hallen füllen und auch ein großes weibliches Publikum ansprechen, ist das meines Erachtens ein Indiz dafür, dass Sexismus eigentlich kaum von der Gesellschaft verstanden wird bzw. ihn niemand wirklich wahrnimmt. Wir haben uns mittlerweile aber auch komplett von solchen Texten entfernt und der Grund, warum wir immer noch ein bis zwei Songs der harten Kost im Repertoire haben, erklärt sich dadurch, dass die Band mittlerweile unsere Existenz sichert , sprich wir einer bestimmten Nachfrage nachkommen müssen. Auch wenn ich mich selber mittlerweile von den alten Sachen distanziere, bin ich unterm Strich auch nur eine von sechs Meinungen, die sich einer demokratischen Entscheidung unterordnen muss. Ich kann aber gut damit leben, dass sich diese Songs bald von der Playlist ersetzen lassen. 

Was können Männer tun, um aktiv für Frauen* einzustehen?

Das ist eine gute Frage. Ich denke, man sollte erstmal damit anfangen darüber nachzudenken, ob so manche stereotype Rollenbilder, die man mittlerweile leider oft instinktiv vermutet, wirklich Sinn ergeben. So kommt man ganz schnell zu dem Punkt, an dem man anfängt gewisse Dinge mit anderen Augen zu sehen. Wenn ich darüber diskutiere, höre ich oft, dass Frauen ja so viele Möglichkeiten haben wie noch nie und meistens frage ich dann, was ist z.B mit der Möglichkeit sich sexuell auszuleben? Warum ist eine Frau, die mit vielen Männer schläft immer noch eine Schlampe und der Mann wird dafür wie ein Held gefeiert? Spielen Männer wirklich besser Fußball als Frauen, weil sie mehr Muskelmasse haben? Oder kann man es eigentlich gar nicht vergleichen, da die Anzahl der Fußball spielenden Männer viel größer ist, die Geschichte des Männerfußballs viel älter und die Förderung um einiges größer? Alles Faktoren, die man so nicht auf dem Schirm hat, aber eine sehr große Rolle spielen. Ich denke, wenn man als Mann einfach mal anfängt über den Tellerrand zu schauen und ein paar Konventionen ablegt, ist das schon ein guter Schritt zumindest im kleinen Rahmen etwas zu bewirken. 

Was würdest du deinem jüngeren Ich mit auf den Weg geben wollen, könntest du die Zeit um 10 Jahre zurückdrehen?

Um ehrlich zu sein, würde ich glaube ich nichts anders machen. Fehler muss man manchmal begehen, um daraus zu lernen und daran zu wachsen. 

Lieber Sushi, vielen Dank für deine offenen und ehrlichen Worte. Es berührt uns tatsächlich, dass du versuchst dich mit dem Thema auseinanderzusetzen – auch, wenn es innerhalb des Genres, in dem du dich bewegst, einige Hürden dafür gibt. 

Und weil wir Sushi und seine Aktion so rebellisch finden, verlosen wir heute zur Feier des Tages ein Exemplar des Buches „Goodnight Stories For Rebel Girls“. Absolut lesenswert und wunderschön anzusehen. Wer es haben möchte, kommentiert einfach hier, bei Facebook oder Instagram, was er/sie schon mal Rebellisches getan hat. 
Das Gewinnspiel läuft bis zum 24.12.17 24 Uhr.

Fotos: © Christian Ripkens

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