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#nomotherhood – Es ist okay, keine Kinder zu bekommen.

„Wie, du willst keine Kinder???“
„Was machst du mal wenn du alt bist?“
„Wer kümmert sich um dich?“
„Aber die Natur hat Frauen doch zum Kinderkriegen gemacht.“
„Du hast nur noch nicht den richtigen Mann getroffen.“
„Warte mal noch ein paar Jahre, dann willst du welche.“
„Ich denke das wirst du bereuen.“
„Und was ist wenn deine innere Uhr zu ticken anfängt?“
„Kann das sein, dass du psychische Probleme hast?“

Es gibt praktisch keinen indiskreten Kommentar, den ich noch nicht gehört habe.
Ich habe mich immer gefragt, wieso die Sache mit dem Kinderkriegen immer zur Glaubensfrage hochstilisiert wird. Sind wir unter all den Emanzipations- und Selbstbestimmungsentwicklungen der letzten Jahrzehnte im Grunde immernoch der Meinung, dass ein kinderloses Leben ein verschwendetes Frauenleben ist?

Nicht selten hatte ich Lust, die gleichen Fragen mal zurückzustellen. Aber das macht man ja nicht. Es ist okay jemanden, der keine Kinder möchte, zu fragen ob er egoistisch ist oder psychiche Probleme hat. Es ist auch offensichtlich okay so jemandem zu unterstellen, dass man viel besser als sie selbst weiß, dass sie diese Entscheidung bereuen wird.
Aber es ist ganz und gar nicht okay, Mütter zu fragen ob sie ihr Kind nur bekommen haben um nicht alleine zu sein, oder damit sich später mal wer kümmert. Es ist ebenfalls nicht okay, Müttern zu sagen dass sie diese Entscheidung mal bereuen werden. (Und ja, nicht wenige Mütter tun dies.)

Als Frau ohne Kinderwunsch fühlt man sich immer ein bisschen wie ein Sonderling und die Gesellschaft tut auch alles dafür, damit man sich irgendwann fragt, ob wirklich was mit einem nicht stimmt. Ich bin über diesen Punkt des Selbstzweifels zum Glück seit Jahren hinweg.
Zwischen all den Willkür-Kritikern gibt es jedoch auch viele Menschen die sich wirklich für eine Entscheidung wie meine interessieren und sie nicht bereits im Vorfeld verurteilen, weil sie ja selbst den Goldenen Weg entdeckt haben.

Es ist mir wichtig, die eigene Absage ans Kinderkriegen von ein paar Dingen klar abzugrenzen und mal einige Sachen richtigzustellen:

Das nicht nur irgendeine „Phase“ in der ich stecke!

Schwer vorzustellen, aber ich hatte tatsächlich nie einen Kinderwunsch. Nichtmal als Teenager, wo man sich noch Mutter-Vater-Kind-Fantasien mit Tobi aus der 10b hingibt. Es hat sich nie ein solcher Wunsch entwickelt.
Mit fortschreitendem Alter und entsprechendem Sexualleben verschärfte sich meine Einstellung insofern, dass ich regelmäßg Schwangerschaftsunfallpanik hatte. Sobald es irgendeine Verzögerung im Zyklus gab, brach die Panik aus und vermutlich habe ich im Laufe meines Lebens hunderte Euros für Schwangerschaftstests ausgegeben, die ich auch benutzt habe, wenn wirklich jedwede Logik gegen eine Schwangerschaft gesprochen hat, sprich im fraglichen Zeitraum gar kein Partner zugegen war.
Es klingt radikal, aber ich habe meine eigene Fruchtbarkeit immer als Fluch und Belastung empfunden, daher lag es nahe, dass ich irgendwann den endgültigen Schritt einer Sterilisation gehen würde.
Als ich mich intensiver damit beschäftigte, machte ich mich auf allerlei Gegenwehr in meinem Umfeld und vor allem seitens der Ärzte gefasst. Sterilisation mit Anfang 30 und ohne Kinder? Unwahrscheinlich dass ich damit irgendwo durchkomme. Ich durchforstete unzählige Internetforen zu dem Thema… es schien relativ aussichtslos.

Bis ich vor 1,5 Jahren wirklich einfach mal einen chirurgischen Gynäkologen fragte, ab wann ich denn mein Anliegen vortragen dürfte, ohne dass man mich mit Gelächter und Aufklärungsheftchen aus der Praxis jagt.
Seine Antwort war so überraschend wie logisch: „Ich bin nicht ihr Vater, Frau Klare, ich traue Ihnen zu dass Sie selbst die Verantwortung für ihr Leben tragen können“.
Und genau das ist es doch auch.

#nomotherhood - my body my choice© links privat Sandra Klare

Es ist MEIN Körper, es ist MEIN Leben, es ist MEINE Entscheidung.

Es gibt keine Entscheidung im Leben, die man nicht tendenziell auch irgendwann mal bereuen könnte. Völlig egal ob es sich hierbei um einen Job, einen Umzug, ein Tattoo, eine Partnerwahl oder eben um eine Sterilisation handelt. Wenn es danach ginge, könnte man auch direkt aufhören zu leben.

Ich hasse keine Kinder!

Es ist mir ein Rätsel, wieso manche Menschen das Nichthabenwollen von eigenen Kindern, als Kritik an den ihrigen auffassen. Das ist doch völlig absurd.
Ich habe mittlerweile einige Freundinnen mit Kindern und ich freue mich für jede Einzelne. Ich habe bei den Geburten mitgefiebert und finde ihre Babys süß. Nein, ich hasse Kinder nicht. Ich möchte nur keine eigenen. Das ist etwas völlig anderes.

Aber ich habe auch viel positives Feedback auf meine Entscheidung bekommen, auch – und vielleicht sogar insbesondere – von Müttern. Aber krass findet es glaube ich irgendwie jeder.
Jeder außer mir. Für mich ist es ein Befreiungsschlag gewesen, ich habe jetzt endlich den Körper in dem ich mich wohl und sicher fühle, dieser Schritt ist für mich die natürlichste und logischste Konsequenz. Vielleicht ist es aber genau das, was so krass wirkt. Das jemand nicht nur redet, sondern wirklich die Konsequenzen zieht. Und vielleicht ist es auch immernoch ein bisschen ein Tabuthema.  Über „untenrum“ sprechen wir ja immer noch so fürchterlich ungern.

Es ist okay.
Es ist okay keine Kinder zu bekommen. Es ist okay keine zu wollen. Man verrät weder seine Natur, noch ist man weniger Frau dadurch. Es ist nur einer von Milliarden möglicher Lebenswege.
Ich wünsche mir einfach nur die gleiche Toleranz und Akzeptanz, die auch Eltern der Gesellschaft ihren Kindern gegenüber abverlangen.
Sich nicht reproduzieren zu wollen, macht mich nicht zu einer Frau 2. Klasse!

Für diejenigen die vielleicht ähnliche Gedanken haben und wie ich nicht wissen, dass man nicht erst 50 Jahre alt werden und 8 Kinder kriegen muss, bis man den Eingriff machen lassen kann, hier noch ein paar Hard Facts:

Ich habe den Eingriff ambulant machen lassen. Die Voruntersuchung und das Beratungsgespräch wird über die Kasse abgerechnet, den Eingriff muss man selber bezahlen. Ich habe 490,- dafür bezahlt, was ich sehr fair finde. Die Nachuntersuchung macht dann wieder der normale Frauenarzt und das wird ebenfalls über die Kasse abgerechnet.
Ich musste am OP-Tag nüchtern 15 Minuten vor Termin erscheinen. Bezahlt wird vorab und nur Bares ist Wahres.
Der Eingriff selbst wird laparoskopisch durchgeführt, also mittels Bauchspiegelung. Es gibt ein kleines Loch im Bauchnabel für Kamera und Licht und ein noch kleineres Loch in Leistennähe für das Operationswerkzeug.

Das ganze Verfahren dauert nicht länger als 30 Minuten. Die Eileiter werden an drei aufeinanderfolgenden Stellen mit Hitze verödet (elektrisches Kauterisieren) und diese Abschnitte sterben danach ab. Nach dem Aufwachen aus der Narkose habe ich mich ein bisschen gerädert gefühlt und hatte etwas Halsweh vom Tubus. Die Schnitte taten auch ein bisschen weh und ich hatte Muskelkater, was vom Aufpusten des Bauches während der OP kam. Alles in allem war ich nach etwa einer Stunde wieder fit und konnte die Ambulanz verlassen.
Insgesamt war das Ganze nicht wirklich strapaziös und keine große Sache.

Ich würde es jederzeit wieder tun.


Dieser Artikel erschien zuerst auf dem Blog von Sandra (Sändy) Klare: sandylicious.blogspot.de.

Vielen Dank, Sandra, für dein Vertrauen an uns und den Mut dieses tabuisierte Thema mit uns zu teilen. Wir wünschen dir weiterhin eine solche Power, die du jetzt schon ausstrahlst, für die Zukunft.