1282 Views |  Like

Mitzi von About a Board: „Ich will mich nicht mehr selbst vertuschen.“

Wer von uns Mädels hat sich nicht schon mal gewünscht, so lässig skaten zu können wie die kalifornischen Skaterboys? Und was ist aus unseren Tagträumen geworden? Hm, vielleicht stand die Eine oder Andere von uns mal kurz auf einem Board und ist ein wenig gerollt, aber Tag ein und Tag aus mit dem Board unterwegs zu sein, können wohl die Wenigsten von uns behaupten. Mitzi schon! Seit sie 19 Jahre alt ist und sie das erste Mal auf einem Skateboard stand, hat sie die Leidenschaft gepackt und nicht mehr losgelassen. Aber Frauen, die boarden? Ist das richtig? Tatsächlich wurde Mitzi oft mit dieser Frage konfrontiert. Einer der Höhepunkte war wohl, als sie zu Weihnachten ein Nageletui geschenkt bekommen hatte, statt „irgendwas mit Skaten“, um sie einmal mehr an ihre Frauenrolle zu erinnern. 

Wir schnappten uns Mitzi, um mit ihr über die Herausforderung als Frau, die skaten möchte, zu sprechen und natürlich um selbst mit einem Board gaaaaanz lässig den Asphalt lang zu rollen.

Skatergirl Mitzi in Action

Not Another Woman Mag: Kann man ein geschenktes Nageletui nicht auch hervorragend zum Reparieren eines Boards benutzen?

Mitzi: (lacht) Stand das noch auf meiner Seite? Ich würde sagen, man kann ein Skateboard gut als Nagelfeile benutzen, aber andersherum kein Skateboard mit einer Nagelfeile. Also nein.

NAWM: Was wolltest du werden als du 10 Jahre alt warst?

Mitzi: Ich glaube, da wollte ich gerade Meeresbiologin werden.

NAWM: Wir haben uns diese Frage in Anlehnung an den neuen Barbie-Werbespot überlegt. 

Mitzi: Oh mein Gott, was kommt jetzt? (lacht)

NAWM: Dieser Spot beginnt und endet mit einer zentralen Frage, die tatsächlich Substanz hat: What happens when girls are free to imagine they can be anything? Wenn man so über deinen Blog liest, scheint das eine sehr wesentliche Frage in deinem Leben zu sein. Was wärest du gerne, wenn du wirklich frei in deiner Entscheidung sein könntest?

Mitzi: Wenn ich träumen kann, dann wäre es später mal ein Printmagazin herauszubringen und bzw. oder in einem zum Office umgebauten VW-Bus durch alle möglichen Länder zu touren. Aber das ist etwas, was für mich gerade noch sehr weit weg ist.

NAWM: Wie ist dein Werdegang und was bist du letztlich geworden?

Mitzi: Oha, längere Geschichte. Ich versuche es kurz zusammenzufassen: Direkt nach dem Abi habe ich, weil ich nicht wusste, was ich machen sollte, in Halle Sport- und Wirtschaftswissenschaften studiert. Ich habe einen Sporttest dort gemacht und bestanden, also hab ich das auch studiert. Allerdings nur ein Jahr, denn das war absolut nicht meins. Anschließend habe ich ein Praktikum bei einem Stadtmagazin gemacht und danach bei der Onlineredaktion einer Zeitung angefangen. Dort habe ich dann auch ein Jahr lang gearbeitet und parallel bin ich in diesem Jahr viel geskatet und das war so mein Jahr. Und dann hieß es wieder: Du musst etwas werden! Du musst was studieren! Du musst etwas machen, sonst biste nichts!

NAWM: Kam dieser Druck von außen, aus deinem Umfeld, oder von dir selbst?

Mitzi: Hm, ich denke sowohl als auch. Aber hätte ich die Unterstützung von außen bekommen, hätte ich weitergemacht. Und ich hätte vermutlich schneller zu mir selbst gefunden. So habe ich schließlich meinen Bachelor in Medien- und Kommunikationswissenschaften sowie in Germanistik gemacht. Doch nach dem Studium stellte ich mir die Frage: Was soll ich jetzt tun? Soll ich mir lieber einen Job suchen und eine schöne Wohnung? Aber irgendwie wollte ich nochmal verreisen, rauskommen und meine Träume leben. Auch wenn das kitschig klingt, aber so war es. Und so habe ich all mein Erspartes genommen und bin unter anderem nach Weissrussland gereist, um dort über die Jugend- und LGBTI-Szene zu recherchieren und Artikel zu schreiben. Dann bin ich wieder gekommen und im April habe ich gemeinsam mit einer Freundin einen Blog gegründet und meine ersten Cruisebuilding-Workshops gegeben. Leider hat es mit uns als Team nicht so gut funktioniert, sodass ich noch mal allein gestartet bin. Und jetzt gebe ich vor allem Workshops, bei denen man Skaten mit dem Longboard und Skateboard lernen kann und schreibe auf dem Blog About a Board.

Interview // Mitzi

NAWM: Was bedeutet es dir, du selbst sein zu können?

Mitzi: Ich glaube das ist mir schon mit das Allerwichtigste, dass ich das Gefühl habe, ja das bin ich! Und ja es ist auch ok so, dass ich so bin. Ich wusste jahrelang nicht so richtig, wer ich bin. Das war immer eine große Frage in mir und ich glaube, ich bin der schon viel näher gekommen. Daher will ich dahin gar nicht mehr zurück. Zu diesem Vertuschen von mir selbst. Heute bedeutet es mir viel, dass ich so sein kann wie ich bin. Dass ich mich kreativ ausleben kann, meinen Blog schreiben kann und mich eben nicht auf einen Begriff festlegen muss.

NAWM: Was hättest du dir von deinem Umfeld gewünscht?

Mitzi: Ich hätte mir gewünscht, dass man mir gesagt hätte: Ok, du bist jung, du probierst dich aus. Du musst dich noch nicht festlegen! Und das, was du machst, kann sich entwickeln, deine Fähigkeiten können sich entwickeln und es gibt nicht nur die Uni oder nur die Ausbildung, die dann feststehen muss. Das hätte mir viel mehr Selbstvertrauen gegeben. Und so war einfach dieser Druck, irgendetwas „Richtiges“ zu werden, da. Und ich hasse es auch, wenn man sagt „das Richtige“ – was war das denn davor? War das etwas „Falsches“?

Interview // Mitzi

NAWM: Welche Schwierigkeiten oder Herausforderungen siehst du bzw. gibt es noch, wenn Frauen und Mädchen von Männern dominierte Sportarten ausüben?

Mitzi: Einerseits fehlen Vorbilder, sodass Mädchen sehen, dass es etwas ganz Normales ist, wenn Frauen und Mädchen Skateboard fahren. Eine weitere Voraussetzung sollte sein, dass Mädchen und Jungen nicht schon bei der Auswahl ihres Spielzeugs beeinträchtigt werden, sondern dass es z.B. auch Skateboards für Mädchen gibt. Und zudem sollte man Kurse direkt für Mädchen anbieten. Ich bin zwar überhaupt nicht dafür, dass man Jungs und Mädchen so strikt getrennt voneinander halten muss. Es kann gern auch gemischte Kurse geben. Allerdings sollten Mädchen dann auch gezielt angesprochen werden, denn wenn es heißt „Wir machen jetzt Skateboard-Kurse“, fühlen sich Mädchen und Frauen davon überhaupt nicht angesprochen. Oder die Eltern. Mir ist es wichtig, Frauen und Mädchen gezielt anzusprechen. Davon sollte es mehr Angebote geben.

NAWM: Du bietest auch Workshops an. Was passiert da genau?

Mitzi: Ich gebe sogenannte Schnupperkurse für Skate- und Longboard fahren, bei denen die Mädels sich ausprobieren können. Ich zeige ihnen die Basics, wie man fährt, bremst und lenkt, um erstmal dieses Grundgefühl für das Board zu bekommen. Es dauert ca. eine Stunde, bis alle ganz gut fahren. Das geht immer recht schnell. Dann informiere ich die Mädels über Theoretisches wie die Erklärung von Begriffen, Boardformen, Disziplinen und was man überhaupt alles mit einem Board machen kann. Man kann nämlich mit einem Longboard so viel mehr machen, als nur rumfahren.

Das ließen wir uns nicht zweimal sagen und schwupps, machte Jana ihre ersten Moves auf einem Longboard.

Skatergirl // Mitzi lehrt Jana das Skaten

NAWM: Next Steps: Du fliegst bald für drei Monate nach Kalifornien, um zu überwintern – was machst du da genau?

Mitzi: Ich habe soviel geplant und ich wette, es kommt doch alles anders. Auf jeden Fall lande ich in Los Angeles und direkt zwei Tage später findet dort ein Skate-Contest statt, den ich besuchen möchte. Ich will mir unbedingt das Land ansehen, aber was mir wichtiger ist, dass ich die Skaterszene vor Ort in San Francisco kennenlerne. Vor allem Mädels, die sich in Organisationen zusammen gefunden haben. Es gibt zwei interessante Organisationen, die sich regelmäßig treffen. Da möchte ich gerne dabei sein. Ich stehe bereits mit der Gründerin von SKATE LIKE A GIRL in Kontakt. Mit ihr möchte ich mich austauschen und ihre Beweggründe kennenlernen, warum sie die Organisation gegründet hat. Welche Herausforderungen es gab und wie sie es geschafft hat, dass sich die Mädels regelmäßig treffen. Ich möchte aber auch weitere Mädels kennenlernen und Interviews und Portraits für meinen Blog mitbringen. Ich habe noch sehr viel mehr Ideen, aber da wird sich zeigen, was sich alles so ergibt.

NAWM: Was wünschst du dir für Frauen?

Gleichberechtigung! Und dass sie das tun können, was sie machen wollen ohne durch ihr Geschlecht beeinträchtigt zu sein.

Skatergirl Mitzi in ihrem Element

NAWM: Beende den Satz: I am Not Another Woman…

… weil ich Skateboard fahre.

Steckbrief

Name: Mitzi
Alter: 27
Beruf: Digital Skate Nomad

Lieblingsmusik: Joy Division
Lieblingsschauspielerin: Tilda Swinton
Lieblingsklamotte: Burton
Lieblingsplätze: Tempelhofer Feld, auf unserem Dach, unter den Weiden am Landwehrkanal

Motto: Do what you want (but with respect)

Lieblings-Emoji: ❤️

Mitzi’s Blog und alle Infos zu ihren Workshops findest du hier: www.aboutaboard.de

Und ganz neu gibt es seit dieser Woche About  a Board auch auf YouTube. Schaut mal rein!

Liebe Mitzi, vielen Dank, dass du so offen warst und auch deine sensible Seite und Gedanken mit uns geteilt hast. Wir wünschen dir einen California Trip voll mit spannenden Abenteuern, interessanten neuen Freundschaften und vielen neuen Skillz. Und mach dein Ding, das Glück folgt dir dann von ganz allein! 

PS: Bitte denke dran uns im Frühling oder Sommer nächstes Jahr zum Workshop einzuladen! ?