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[DE/ENG] Melati & Isabel von Bye Bye Plastic Bags: „Die Zeit für Veränderung war nie besser als jetzt.“

You can find the English version of this interview on page 2.

Bali ist nicht nur paradiesischer Inseltraum und gleichzeitig Sinnbild für eine plastikverseuchte Welt, sondern auch Hoffnungsträger, wenn es um innovative Konzepte geht dem Müll mutig entgegen zu treten und einen Unterschied zu machen. An der Spitze dieser Bewegung stehen zwei Frauen, die ein Drittel ihres Lebens bereits gegen Plastik kämpfen und schon mit 10 und 12 Jahren nicht nur dem Plastik willensstark den Kampf ansagten, sondern auch den Weg in die Regierungsgebäude Indonesiens fanden. Die beiden Schwestern reisten gemeinsam um die ganze Welt, um ihre Idee zu verbreiten und, vor allem bei der Jugend, zu Veränderung anzuregen. Ihre Reden sind gleichermaßen inspirierend wie aufrüttelnd und hat man einmal ihre Leidenschaft erlebt, kann man sich nur noch schwer ihrer Mission entziehen. Und diese klingt so banal, wie radikal: Die Abschaffung von Plastiktüten in ganz Bali. War zu Anfang noch 2015 als Ziel gesetzt, haben die Schwestern mittlerweile das Versprechen der Regierung bis 2018 eine Umsetzung ihrer Forderung zu erleben.

Ich habe mit der 17-jährigen Melati und der 15-jährigen Isabel auf Bali über ihr Projekt Bye Bye Plastic Bags gesprochen, das nun laut Zielstellung seinen Zenit erreicht haben müsste. Dabei habe ich nicht nur sehr viel mehr über die globale Müllthematik gelernt als jemals zuvor, sondern auch neuen Mut für unsere Erde gefasst, in der solch inspirierende, leidenschaftliche Frauen wie Melati und Isabel leben.

Bevor ich nach Bali geflogen bin, habe ich sehr mit dem Fakt gehadert, dass ich als Touristin zur Umweltverschmutzung auf der Insel beitrage. Ist der Tourismus generell eher Segen oder Fluch für Bali – vor allem wenn es um Plastikmüll geht?

Melati: Es ist ein sehr schmaler Grat. Bali ist sehr abhängig vom Tourismus geworden. Die balinesische Kultur wurde aber schön integriert und so auch der Welt präsentiert. Gerade weil diese Insel so einzigartig ist, gibt es eben viel zu zeigen. Wenn man aber über Plastikmüll und Tourismus nachdenkt, wird, um Angebot und Nachfrage gerecht zu werden, durch den Tourismus definitiv mehr produziert. Die meisten TouristInnen, die hier herkommen, agieren nicht als gutes Beispiel. Genau dort sehe ich die Verbindung von Tourismus und Plastik. Was mich wirklich nervt, sind TouristInnen, die hier mit einem iPhone in der Hand durch die Straßen laufen und trotzdem ignorant sind. Es bedeutet, dass sie Zugang zu Informationen haben.  Es bedeutet, dass sie Zugang zu Social Media haben, zu all diesen Artikeln, die erscheinen. Sie wissen um das Plastikproblem und entscheiden sich trotzdem dafür ignorant zu sein und die Plastiktüte im Supermarkt zu benutzen. Sie haben einen massiven Einfluss auf die örtliche Community hier. Wenn Menschen, die die Insel besuchen sie nicht respektieren, warum sollten es die Einheimischen tun? So landet der Müll am Ende am Strand. Es ist leicht zu sagen, ich habe Bali besucht und, oh mein Gott, die Insel ist voll von Plastik. Und dann Fotos aus deinem Urlaub auf Bali zu machen und sie viral gehen zu lassen. Wir alle spielen eine Rolle darin. Und es fängt damit an, dass die TouristInnen unsere Insel respektieren.

Isabel & Melati mit einem ihrer Vorbilder Jane Goodall.

Ich habe gelesen, dass die Inspiration zu Bye Bye Plastic Bags vor allem durch eure Schule kam. Aber woher nahmt ihr diese Riesen Motivation in solch jungen Jahren Eco-Warrior zu werden? Was treibt euch an?

Isabel: Es hat viel damit zu tun, wie wir aufgewachsen sind und auf Bali zu leben. Einer Insel, die komplett vom Ozean umgeben ist. Wir leben in einem Haus nicht mal 100 Meter vom Strand, inmitten von Reisfeldern. Die Umwelt und alles was darin passiert, war schon immer Teil unseres Alltags. Es ist nicht schwer zu sehen, dass Plastik ein Problem ist. Als wir also 10 und 12 Jahre alt waren, liefen wir gemeinsam mit unseren Freunden von der Schule am Straßenrand nach Hause und sahen all dieses Plastik. Es war einfach so präsent, dass wir anfingen die Frage zu stellen: Was wird jemand dagegen tun?

Melati: Unsere Motivation war das Realisieren der Tatsache, dass alles genau jetzt passiert. Wir sind quasi die Generation an der Frontlinie. Wir werden den größten Einfluss darauf haben, was sich in unserem Leben verändert. Die Frage war einfach nur: Was können wir dagegen tun? Und was werden wir tun?

Wenn du einen Klimawandelgegner wie Donald Trump persönlich treffen könntest, was würdest du ihm sagen?

Isabel: Wenn sich AktivistInnen und LeugnerInnen des Klimawandels treffen, gibt es oft nur viele aufeinander zeigende Finger. Das führt nur wieder zu Problemen. Was ich wirklich machen wollen würde, wäre einfach nur da zu sitzen und sie zu fragen: Warum glaubst du nicht daran? Es ist wichtiger ihre Psychologie zu verstehen als meine Antworten an sie. Denn mit dem Finger auf jemanden zu zeigen, bringt einen nirgendwo hin. Man muss den anderen Teil der Geschichte verstehen und daraus ableiten, wie man ihr Mindset zu mehr Bewusstsein verändern kann. 

Melati: Es geht darum zu verstehen, warum sie KlimawandelleugnerInnen sind. Nur so können wir ihnen die richtigen Informationen zukommen lassen, sodass sie es begreifen können und an den Punkt kommen, an dem sie selbst verknüpfen können, warum der Klimawandel real ist und genau jetzt passiert. 

Ich bin nun schon einige Tage in Bali und sehe immer noch so viele Plastiktüten, die mir im Supermarkt und überall sonst angeboten werden. Leider hat mich am Flughafen niemand gefragt: Haben sie irgendwelche Plastiktüten anzumelden? (Anm. d. Red.: Schaut euch ihren ersten TED-Talk an, um zu erfahren, worum es geht.) Ist eine Ende überhaupt in Sicht?

Melati: 2017 war ein großes Jahr für uns, um weiterzukommen und diese Bewegung am Laufen zu halten. Um sicherzustellen, dass die Regierung ihre Versprechungen nicht vergisst. Als echtes People Power Movement, das von ganz unten kommt, hatten wir die Ehre all diese großartigen Meilensteine zu erleben. Wir haben die „Save Nature“ Verpflichtung bei den Vereinten Nationen gefeiert, hatten unsere TED Talks. Wir haben bewiesen, dass es rechtlich möglich ist. Es ist wirtschaftlich mehr als effizient, praktisch und die Öffentlichkeit ist bereit. Unsere nächsten großen Meilensteine sind definitiv Balis Biggest Beach Clean Up an über 100 Locations. Mein absoluter Lieblingstag. Das schlägt sogar Weihnachten und Ostern und alles andere, denn es zeigt, dass diese Insel wirklich vereint ist. Es zeigt, das wir nicht als die Müll-Insel bekannt sein wollen. Es gibt die Paradiesinsel Bali immer noch.

Und politisch?

Melati: Einer unser erst kürzlich erreichten Meilensteine ist die Aufmerksamkeit der lokalen Regierungen, der Regionalregierungen und jetzt haben wir es sogar geschafft, die nationale Regierung auf uns aufmerksam zu machen. Wir arbeiten mittlerweile sehr eng mit drei Ministerien zusammen. Mit dem Ministerium für Entwicklungsplanung, das sich über alle 17.000 Inseln erstreckt. Mit dem Ministerium für Maritime Angelegenheiten und dem Ministerium für Umwelt und Forstwirtschaft. Ich war erst kürzlich für zwei sehr intensive Tage in Jakarta. War bei Anhörungen mit den ausführenden Ministern, habe ihnen von dem Clean Up erzählt und wie die nationale Regierung Bali helfen kann weiterzukommen und die Autonomie dieser Insel zu nutzen, um die Verpflichtungen wirklich einzuhalten. Der letzte Meilenstein, um wirklich zu zeigen, dass der öffentliche Druck da ist, ist tatsächlich Balis Biggest Beach Clean Up. Wir sind super stolz darauf. Es gibt Bye Bye Plastic Bags nun fünf Jahre und wir schaffen es immer noch so viele Menschen auf einmal zusammenkommen zu lassen. Es ist uns sehr ernst damit Bali plastikfrei zu bekommen und diese Leute stehen hinter uns. Jetzt ist die Zeit. Und es ist wirklich an der Regierung uns zu folgen. Die Menschen warten darauf!

In 2014 bzw. 2015 habt ihr von der Regierung schon das Versprechen bekommen, dass sie die Bevölkerung im Hinblick auf Plastik besser bilden wollen. Wie sehen die Pläne dafür aus?

Isabel: Es gibt definitiv Tendenzen einen grüneren Bildungsplan als Teil des Schulsystems in Indonesien zu etablieren. Ich weiß aber nicht, ob sie den nationalen Bildungsplan aktuell ändern. Mit Bye Bye Plastic Bags machen wir jedoch im Bereich Bildung sehr viel. Wir haben unser Booklet, das wir schon über 1000 Mal ausgegeben haben und in dem wir auf indonesisch, vor allem GrundschülerInnen, zu Plastikverschmutzung aufklären. Bildung liegt uns sehr am Herzen.

Melati: Indonesien hat einen grünen Wettbewerb ausgerufen, in dem sich Städte darum bemühen können die grünste Stadt zu werden. Auf dieses Programm sind alle sehr stolz. Viele Städte versuchen also grüner zu werden. Dies führt automatisch zu Bildung und Awareness. Aber in den Schulen direkt fehlt es definitiv an mangelnder Bildung im Hinblick auf: Was ist Klimawandel? Was sind die Lösungen, die ergriffen werden können? Worum geht es bei der Müllproblematik?

Habt ihr das Gefühl, es ist für euch als Mädchen schwieriger mit diesen großen politischen Persönlichkeiten zu sprechen?

Melati: Als wir anfingen, war das überhaupt nicht präsent. Wir waren einfach nur Mädchen. Mit 13 Jahren realisierte ich in den politischen Meetings jedoch einen Unterschied. Ich sagte mir, dass das an meinem Alter liegen muss. Aber jetzt bin ich 17 Jahre und wenn ich in nationale Regierungsmeetings gehe, schaut mir niemand in die Augen. Ich bin schockiert, dass das im alltäglichen Leben zwischen Männern und Frauen noch immer eine Rolle spielt. Es ist 2018. Ich habe mir angewöhnt sehr stark zu wirken. Ein starker Handschlag und ich stelle sicher, dass ich ihnen auf jeden Fall in die Augen schaue. Auch, wenn sie mich nicht ansehen. Für mich ist klar, dass eine Frau zu sein nichts damit zu tun haben sollte, wie wir als PolitikerInnen und AktivistInnen miteinander agieren. Wir sind in unserer Familie drei Mädchen und ein Papa. Da ist die ganze Zeit viel weibliche Energie.

Isabel: Manchmal scheint es als Frau Grenzen zu geben. Aber wir haben das nicht so stark erlebt  wie andere Frauen in anderen Ländern. Das hat sicherlich auch damit zu tun, dass wir so jung sind und die indonesische Staatsbürgerschaft haben.

Melati: Es ist für uns total inspirierend wie Menschen Bye Bye Plastic Bags sehen, weil wir beide Frauen sind. Wir bekommen so viele Nachrichten von jungen Mädchen, die zeigen, dass Führungspositionen, die von anderen Mädchen übernommen werden, einen immensen Einfluss haben. 

Melati and Isabel Wijsen at TEDGlobal London – September 29, 2015, Faraday Lecture Hall, Royal Institution of Great Britain, London, England. Photo: James Duncan Davidson/TED

Ihr habt mittlerweile auf 150 Events gesprochen. Ihr seid so kraftvoll in euren Talks. Woher nehmt ihr dieses Selbstbewusstsein? Und wie kann ich das lernen?

Isabel: Um ehrlich zu sein, ist es vor allem Übung. Ich erinnere mich an eine unserer ersten Präsentationen. Wir hatten ein Wort-für-Wort-Skript und waren backstage total aufgeregt. In den letzten Jahren war es vor allem Training, aber auch der Fakt, dass wir sehr viel Support um uns herum haben. Von unserem Team, vom Publikum, von den jungen Leuten, zu denen wir sprechen. Und die Tatsache, dass wir eine solch große Leidenschaft und Motivation für die Sache haben. Wir wissen genau, was wir sagen wollen. Es ist diese Leidenschaft, die zeigt wie ehrlich und echt unsere Message ist, wenn wir auf der Bühne stehen.

Melati: Es geht auch darum, dass du die Message so rüberbringst, dass du nicht selbst vor der Botschaft stehst. Wenn du hinter solch einer starken Message stehst, geht es nicht mehr um dich, sondern um die Bewegung, die so viele verschiedene Menschen auf so vielen Ebenen verbindet. Es geht um ein Problem, das uns alle etwas angeht. Plastik hat einen massiven Effekt auf uns alle. Es geht um so viel mehr als nur dieses Insel-Projekt.

Ich wohne derzeit in der Nähe von Ubud, inmitten einer Community, in der es viele TouristInnen und Newcomer gibt. Viele Restaurants werden von AusländerInnen betrieben und die meisten schauen darauf nachhaltiger zu sein, vor allem im Bezug auf Plastik. Jedoch bekomme ich in den ansässigen Warungs (Anm. d. Red.: kleine, lokale Restaurants, die i.d.R. von Locals betrieben werden) immer das Gefühl, dass sie noch gar nichts über die Plastikproblematik wissen. Wie schafft ihr es all diese verschiedenen Menschen an Bord zu bekommen – Locals, TouristInnen und ausländische EinwohnerInnen?

Melati: Wir denken oft darüber nach, wie wir die Locals in dieses 2018-Nachhaltigkeits-Mindset bekommen können. Ein Weg geht über die Bildung an Schulen, um die Jugend zu stärken. Ende letzten Jahres haben wir außerdem zusammen mit 40 einheimischen Frauen in den Bergen Balis unser Soziales Unternehmen gegründet, das alternative Taschen aus recyceltem oder gespendetem Material produziert. Durch diesen sehr praxisbezogenen Ansatz bestärkt es sie darin, dass Plastik nicht die Lösung ist. Sie erfahren die Umweltfreundlichkeit, übernehmen soziale Verantwortung, kurbeln die Wirtschaft an und erhalten ein Einkommen. Wir nennen sie Mountain Mamas. Jede dieser Frauen wird unabhängig bezahlt. Wir verkaufen die Taschen an Einzelhändler in ganz Bali. 50% des Gewinns geht zurück in die Community. Dieses Geld können sie wiederum investieren und verwenden, um Müll-Management-Systeme zu etablieren, Bildung für die Kinder oder auch öffentliche Gesundheitsversorgung zur Verfügung zu stellen. Das ist ein völlig neues Konzept für die BalinesInnen, aber es geht auf die Tradition zurück, dass jede/r Einzelne ihren/seinen Teil in der Gemeinschaft beiträgt. Kreislauf-Lösungen aufzuzeigen, die die Kreislauf-Wirtschaft einbeziehen, bringt die örtliche Gemeinschaft wirklich an Bord. In unserem Pilot-Dorf involvieren wir also die Frauen, wir haben Schulprogramme für die Kinder und wir bringen die örtlichen Behörden, die meist männlich besetzt sind, mit ein, um alles zu genehmigen und z.B. Müll-Management-Systeme zu implementieren.

Ich habe trotzdem oft das Gefühl, dass Umweltschutz ein sehr privilegiertes Thema ist. Was könnten wir tun, um diese verändernden Gedanken in allen sozialen Schichten zu etablieren?

Isabel: Ein Weg ist es, ihnen dies zugänglich zu machen. Wenn wir über die Plastikproblematik sprechen, werfen wir oft große Zahlen und Fakten in den Raum. Man weiß dann zwar, dass es ein Problem ist, aber was hat das mit mir zu tun? Hier in Indonesien haben die Einheimischen oft keinen Zugang zu Informationen oder Lösungen. Im Westen werden Müllbeseitigungsanlagen von der Regierung zur Verfügung gestellt. In Bali gibt es noch nicht mal eine Abholmöglichkeit, kein Müll-Management, keine Recycling-Anlagen.

Ich dachte, ich hätte welche gesehen?

Isabel: Es gibt welche, aber die sind alle privat. Man muss für diesen Service aus eigener Tasche zahlen. Diese Lösung können sich viele Einheimische nicht leisten. Bildung und der breiten Öffentlichkeit Lösungen zugänglich machen, ist so wichtig. Denn am Ende des Tages nutzen wir Plastik aus zwei Gründen. Es ist billig und es ist leicht. Wenn du also Lösungen kreierst, die jede/r haben kann, die so leicht zu nutzen sind wie Plastik und bezahlbar sind, ist es auch leicht zu diesen zu wechseln, richtig?

Melati: Für diejenigen, die privilegiert genug sind sich mit solch verändernden Gedanken auseinandersetzen zu können, ist es nicht mehr genug nur drüber zu reden. Es geht darum raus zu gehen und etwas damit zu machen. Sich mit dem Problem beschäftigen zu können, ist auch ein Segen, da es bei diesen Leuten etwas triggern kann, das dazu führt, dass etwas erfunden wird, das zur Lösung beiträgt. Genau dort müssen wir die einheimische Community, die hiermit Tag für Tag leben muss, mit den anderen verbinden. Wir können die Brücke sein. Gerade junge Menschen und Bewegungen, die durch junge Menschen geführt werden, können dies sein. Wir verbinden die Regierung mit der Öffentlichkeit, die Firmen mit der Regierung und arbeiten wirklich zusammen. Aber um die local Community wirklich zu bestärken an der Lösung mitzuarbeiten, muss man ihnen diese Lösungen auch bereitstellen. Wir haben einen Punkt völliger Hilflosigkeit erreicht. 

Wie äußert sich das?

Melati: Wir leben sehr nah am Strand und gehen alle paar Tage dorthin, um den Sonnenuntergang anzuschauen. Eines Tages war dort dieser ältere Mann, der eigentlich fast jeden Tag kommt. Er sammelte Müll am Strand und wir folgten ihm während wir uns unterhielten. Am Ende des Tages, als wir alle gehen wollten, nahm er all den Müll, machte einen Stapel, schüttete Benzin drüber und zündete alles an. Zuerst dachten wir sofort, dass wir das Feuer stoppen müssen, aber wir nahmen diese Situation als Möglichkeit. Also gingen wir zu ihm und, wie die KlimawandelgegenerInnen, fragten wir ihn: Warum verbrennst du es? Er schaute uns an und sagte: Was soll ich denn sonst machen? Das war solch ein augenöffnender Moment, denn ja, was sollte er denn sonst machen? Ich realisierte, dass ein 45-jähriger Mann, an unserem örtlichen Strand, der selbst zwei Kinder hat und alles über das Problem weiß, genau wusste, dass es falsch war den Müll zu verbrennen. Die Awareness war da, aber er konnte nur so weit gehen wie es ihm möglich war. Wir und unser Team fokussieren uns darauf genau solche Veränderungen mithilfe der Regierung zu schaffen und Umweltpolitik zu verändern. Wir müssen von ganz unten nach oben gehen und die da oben müssen uns irgendwo in der Mitte treffen.

Was passiert mit dem Müll, wenn ihr ein Beach Clean Up macht?

Isabel: Letztes und auch dieses Jahr haben wir uns mit genau diesem privaten Sektor und anderen Organisationen zusammen getan. Kleine, örtliche Recycling-Betriebe, die jeweils aus ihrer Region den Müll einsammeln und verwerten.

Sind Beach Clean Ups nicht nur ein Tropfen auf den heißen Stein?

Melati: Beach Clean Ups sind und können gar nicht die finale Lösung sein. Aber es ein großartiges Tool, um Bewusstsein zu schaffen und alle mit einzubeziehen. Wir haben so viele Menschen, die mitmachen und uns beipflichten, dass etwas passieren muss. Es ist ein großartiges Bildungs-Tool und ermöglicht den Menschen Teil der Lösung zu sein. Und es zeigt, dass alle einen Unterschied machen können.

Isabel: Das Plastikproblem ist so komplex. Es gibt nicht diese eine Lösung. Du musst aus vielen verschiedenen Richtungen ansetzen.

Melati: Gerade heutzutage haben wir uns angewöhnt Bilder auf Social Media zu posten, auf denen wir zu sehen sind, wie wir Beach Clean Ups machen. Es ist ein schönes Tool, um Bewusstsein zu schaffen. Die Leute fangen an nachzudenken und verändern ihr Mindset. Aber wir dürfen nicht dort stehen bleiben und denken, das ist die Lösung. Erst kürzlich hat die Regierung bzw. das Umweltministerium eine Art Beschluss mit einem Drei-Monats-Clean-Up-Plan veröffentlicht. Das ist natürlich toll, aber es ist auch leicht für die Regierung zu sagen, jetzt haben wir etwas getan. Wenn man weiter denkt, weiß man, dass dies einfach nur ein Awareness-Tool und keine Lösung ist.

Was sind eure besten Tipps um Plastikmüll zu vermeiden?

Isabel: Zunächst einmal sollte man immer eine alternative Tasche dabei haben – eine Lifetime Bag, denn man verwendet sie mehr als nur einmal. Benutze eine wiederverwendbare Wasserflasche und deinen eigenen Metall-, Glas- oder Bambusstrohhalm, den du wieder reinigen kannst. Bring deinen eigenen Löffel/Gabel mit. Schaue wirklich, was es für Alternativen gibt und vor allem, was bei dir überhaupt verfügbar ist. Nicht nur für dich, sondern auch für deine Familie und Freunde, um zu zeigen, dass es weitere Optionen gibt.

Melati: Es fängt alles bei der Veränderung deines eigenen Mindsets an. Als gutes Beispiel voranzugehen, ist so wichtig. Seit wir mit der Kampagne angefangen haben, haben wir nicht eine Plastiktüte verwendet und unser Leben hat sich trotzdem nicht drastisch verändert. Es ist nicht unmöglich. Auch unsere Freunde werden davon beeinflusst. Sie sehen, die können das? Oh, dann kann ich das vielleicht auch. Es verändert auch ihr Mindset hin zu: No excuse for single use.

Melati (links) & Isabel bei unserem Treffen im Februar vor dem Büro von Bye Bye Plastic Bags in Canggu, Bali

Ihr wart auf der Forbes-Liste der 10 inspirierendsten Frauen des Jahres und seid mit eurer Kampagne um die ganze Welt gereist. Spürt ihr einen gewissen Druck eure Mission zu erfüllen?

Melati: Bali plastikfrei zu bekommen? Ja! Als 17-Jährige empfinde ich persönlich besonderen Druck, weil noch so viel mehr dazu kommt. Ich mache meinen Schulabschluss ein Jahr früher. Das soziale Leben. Ich werde Aktivistin und Change Maker. Es war wirklich spürbar, dass die Augen der Welt auf Bali und Bye Bye Plastic Bags gerichtet sind. Aber andererseits denke ich auch an all die Dinge, die wir erreicht haben. All die Bildung, die verschiedenen Mindsets, die wir verändert haben. Die Projekte, die entstanden sind, weil andere durch uns gesehen haben, was möglich ist. Das wäre alles nicht möglich gewesen, hätten wir nicht vor fünf Jahren damit angefangen. Dafür bin ich so unfassbar dankbar. Die Zeit für Veränderung war nie besser als jetzt. Als wir anfingen, hatten wir absolut keinen Plan, keine Strategie. Wir arbeiten daran länger als eine Schullaufbahn. Und es hat noch keine von uns überhaupt ihren Abschluss gemacht. Das ist Wahnsinn und gleichzeitig so intensiv. Aus dieser Perspektive herrscht also tatsächlich viel Druck, aber der Ball ist aktuell in der Hand der Regierung. Jetzt ist die Frage: Worauf warten wir? Und wann werden wir endlich Aktionen sehen? Wir haben 2018 noch zehn Monate übrig. Und ich werde die Hoffnung nicht aufgeben oder pessimistisch werden, denn ich glaube sehr stark daran, dass Bali als Insel-Beispiel für den Rest Indonesiens vorangehen kann.

Ich kann mir vorstellen, dass es ziemlich cool ist die eigene Schwester an der Seite zu haben, wenn man die Welt verändert. Da ihr die letzten Jahre jedoch so eng zusammenlebt und arbeitet, entstehen sicherlich auch mal Probleme. Wie geht ihr damit um?

Melati: Wenn du gestern mit uns gesprochen hättest, würden wir jetzt wahrscheinlich anders antworten. (lacht) Nein ernsthaft, wir hatten so eine wunderschöne Kindheit, die es uns ermöglicht hat genau das zu sein, was wir heute sind. Mit einer Mutter aus Holland, einem Vater aus Java und einem Aufwachsen auf einer Insel wie Bali. Wir hatten solch einen offenen Raum, um aufzuwachsen. Und das zeigt sich auch in unserer Beziehung als Schwestern. Wir waren einander immer beste Freundinnen, haben uns die Hand gehalten.

Isabel: Waren?

Melati: Wir SIND einander beste Freundinnen und wir halten uns immer noch die Hand  seit wir Babys sind bis jetzt in der High School. Es wird das Schwerste für uns werden, wenn ich erstmal meinen Abschluss gemacht habe.

Isabel: Auch schon vor Bye Bye Plastic Bags, waren wir wesentlicher enger als andere Geschwister. Wir lieben einander mit all unserem Sein. Ohne Melati wäre Bye Bye Plastic Bags nicht die Bewegung, die es heute ist. Und auch wenn wir uns lieben, schreien wir uns manchmal an. Aber so wie wir aufgewachsen sind, können wir nie wirklich länger als eine Stunde böse aufeinander sein. Wir sind super eng und wie Melati sagte, wir sind beste Freundinnen.

Welche drei Worte beschreiben deine Schwester am besten?

Isabel: Leidenschaftlich. Melati ist verrückt, aber total geerdet.

Melati: Königin, kreativ und Erde.

Und was sind eure Pläne nachdem ihr die Schule beendet habt?

Melati: Ich werde ein Jahr früher den Abschluss machen. Es sind jetzt also noch weniger als vier Monate. Ich möchte mich richtig auf meine Herzensprojekte fokussieren. Durch Bye Bye Plastic Bags haben sich so viele Möglichkeiten aufgetan. Wir haben ein tolles Netzwerk geschaffen. Ich möchte daraus jetzt meine Vorteile ziehen und so schnell wie möglich damit anfangen. Ich werde mich danach noch viel stärker auf unser neues Projekt konzentrieren, bei dem es vor allem um Jugend Empowerment geht. Wir wollen sicherstellen, dass die junge Generation alle Tools kennt und jeglichen emotionalen Support hat, um die nächsten Leader zu werden und die sich entwickelnden Projekte anzuführen.

Isabel: Ich werde definitiv Teil dieses Projekts sein. Aber die nächsten Jahre möchte ich vor allem einfach nur durch die Schule kommen und ein ganz normaler Teenager sein. So normal, wie es eben bei uns geht.

Melita und Isabel Wijsen, Verleihung des BAMBI 2017 im Theater am Potsdamer Platz in Berlin. Copyright: Eventpress Fuhr für Hubert Burda Media, Datum 16.11.2017

In Berlin wart ihr letztes Jahr bei eurem ersten Red Carpet Event und habt einen Award für euer Engagement erhalten. Der Bambi steht dabei für Menschen mit einer Vision und Kreativität, die mit ihren Erfolgen in diesem Jahr in den Medien herausgestochen sind. Habt ihr das Gefühl, dass dieser Erfolg, den die Medien darstellen eure Situation vor Ort richtig einfängt?

Melati: Es ist heutzutage wirklich interessant Teenager zu sein, denn wir wurden in eine technologisierte Welt geboren. Social Media ist so ein großer Teil unseres täglichen Lebens. Gerade durch Bye Bye Plastic Bags und dieser globalen Aufmerksamkeit, die wir bekommen, habe ich manchmal fast Angst vor der Macht, die soziale Medien und Medien im Allgemeinen mittlerweile haben. Sie können die Geschichte immer so erzählen, wie sie sie erzählen möchten. Egal wie oft wir unsere Geschichte mitteilen, Reporter, JournalistInnen und Medienschaffende werden hören, was sie hören wollen. Damit haben sie so einen Einfluss auf LeserInnen auf der ganzen Welt. Durch die Fokussierung auf 2018 wurde Bali in den Medien sehr einzigartig hervorgehoben und alle waren überzeugt davon, dass die indonesische Regierung es umsetzen wird. Auch wenn die Balinesische Regierung gar nichts gesagt oder getan hat. Es war also sehr einfach für sie eine große Aufmerksamkeit für das Land zu bekommen. Jetzt haben wir 2018 und die Medien helfen insofern, dass die Leute wirklich danach fragen. Je mehr Fragen gestellt werden, desto mehr zeigt dies, dass der öffentliche Druck wächst. Dieses Mal müssen wir es aber wirklich kanalisieren und die Medien dazu benutzen den öffentlichen Druck weiter zu erhöhen, um dies an die Regierung zurück spielen zu können. Denn, wie gesagt, es kommt jetzt wirklich nur noch auf sie an. 

Isabel: Medien haben immer zwei Seiten. Sie haben definitiv die Macht Themen wie die Plastikproblematik hier in Bali auf ein internationales Level zu heben. Doch manchmal, wenn man solche großen Schlagzeilen wie „Bali wird 2018 plastikfrei sein“ liest, fühlt sich das an als würde es tatsächlich gerade passieren. Das, was danach folgt, fehlt. Wenn örtliche NGO’s etwas auf internationalem Niveau sagen, ist es das Wichtigste da nachzuhalten. Aber die Welt, in der wir leben und die Aufmerksamkeitsspanne der Menschen erlaubt dieses Nachhalten oft nicht. Deswegen ist die Überschrift alles was zählt und „Bali 2018 plastikfrei“ war definitiv eine ganz heiße.

Was wünscht ihr euch für Frauen* 2018?

Isabel: Mein größter Wunsch ist es, dass wir nicht nur vom anderen Geschlecht respektiert werden, sondern uns auch untereinander respektieren. Wir als Frauen. Wir müssen zusammenarbeiten, wenn wir die Ordnung zwischen den Geschlechtern verändern wollen. Ich wünsche mir diesen Respekt zu kreieren und zu finden – egal welches Geschlecht, welche Sexualität oder Ethnie man hat. Dass wir wirklich eins werden, gleichwertig. Das würde ich wirklich gerne erleben. Es ist egal, wie alt du bist, wo du wohnst oder herkommst, du bist ein menschliches Wesen. Und das ist alles.

Melati: Du hast den Nagel auf den Kopf getroffen. Ich als weibliche Führungsperson möchte mehr über Politik lernen. Ich hoffe, dass Frauen in 2018 das tun, was sie tun wollen und nicht, weil sie eine Frau sind, davon abgehalten werden oder sich sagen lassen, dass dies der Grund ist es nicht zu tun. Ich wünsche mir, dass wir uns in unserer eigenen Haut, mit unseren Vaginen, unseren Brüsten und allem, was dazu gehört, bestärkt fühlen. Dieses Selbstvertrauen, das uns als Frauen mitgegeben wurde, die Fürsorge, die Liebe, alles, was mit Frau sein einhergeht. Benutzt das und kanalisiert es, um wirklich die Welt zu beherrschen.

Melati und Isabel, vielen Dank für dieses aufschlussreiche und lehrreiche Gespräch, das mich seit unserem Treffen im Februar nicht mehr losgelassen hat. Ihr lebt Veränderung! Danke dafür.

Weiterführende Informationen:

Alles rund um die Organisaton Bye Bye Plastic Bags

Bye Bye Plastic Bags bei Facebook und Instagram

Alles rund um One Island One Voice, bei dem die Schwestern mehrere NGO’s und Menschen zusammenbringen.