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Meinen Böhmermann bekommt ihr nicht

Ein Kommentar

Böhmermann is back! Und das weiß ich nicht, weil ich, Fangirl wie ich bin, immer fleißig seine Social-Media-Aktivitäten verfolgt und das Neo Magazin Royale beschattet habe. Nein, mir klatschte eine Flut von geteilten Videos auf meiner Facebook-Pinnwand entgegen, die ich kaum ignorieren konnte. 

Böhmermann, ein gefeierter Held einer ganzen Generation. Aber Moment mal! Irgendwas läuft hier doch verkehrt. Das ist doch mein Böhmermann, der Böhmermann, dessen Witze teilweise so schräg kommen, dass nur ein intellektuell versierter Mensch sie begreifen kann. Der Böhmermann, der stets von Künstlern, Musikern und Autoren erzählt, die ein RTL-Zuschauer noch nicht mal ergooglen könnte. Und der Böhmermann, der mich immer wieder auf den Boden der Ernährungs-Tatsachen holt, sodass ich getrost in mein Weizenbrötchen beißen kann, während er in seinem Lieblings-China-Restaurant sitzt und glutamathaltige Peking-Ente schnabuliert. Das ist doch alles Insiderwissen. Das weiß nur ich und eine Handvoll Menschen, die schon jahrelang Fan sind, weil sie schon immer auf den großgeistigen Humor von Janni standen und alles verschlungen haben, was er anfasst – sei es im Radio, Fernsehen oder Internet. 

Und dann kommt auf einmal diese unfassbar laute Meute, die auch über Bülent und Barth lachen und nehmen mir meinen Böhmermann einfach so weg. Nicht, dass ich es ihm nicht gönnen würde, dass er nun im Mainstream angekommen ist. Im Gegenteil, ich finde es grandios, dass ein erstklassiger Komödiant endlich den vernebelten Humorhimmel Deutschlands erhellt. Doch was mir sauer aufstößt, sind die neuen Anhänger, die jeden zweiten Witz gar nicht zu verstehen scheinen. Die, die in ihrer Timeline neben „Made my day“-Sprüchen genauso Jan Leyk-Zitate teilen. Die Politik nur aus Serien kennen und die David Guetta bei Lieblingsmusiker im Freundebuch eintragen.

böhmermann - zeitgeist - neon magazine royale

Wenn ich das Blatt jedoch wende, muss ich anerkennen, dass so ein wenig Böhmermann-Bildung doch genau da gut tut. Quasi in der Mitte der Gesellschaft. Wohlig verpackt im Bürgertum der Kleingeistigkeit. Ist das deine Invasion von innen, Jan? Suhlst du dich jetzt wie die Made im Speck und frisst auf, was du erschaffen hast?

Und dann wäre da noch #verafake. Eine grandiose Sache, die sich Böhmermann wieder einfallen lassen hat. RTL mit den eigenen Waffen schlagen und das so kokett, dass das ganze Land nur nickend applaudieren kann. Aber Moment mal! Das ganze Land? Schaut nicht auch das ganze Land RTL? Wer lacht hier eigentlich über wen?
War es doch genau dieser #verafake, der mich eigentlich so in Rage brachte. Wie gesagt, meine gesamte Timeline war voll davon. Im Prinzip ja eine schöne Sache, wäre da nicht die Krux, dass eben jene Leute, die jetzt ganz laut applaudieren, eigentlich die sind, die sonntags vor ihrem Fernseher hängen und armen Schildkrötensammlern beim Lächlichermachen zugucken. Die dabei vielleicht sogar noch auf Facebook über Kandidat XY ablästern oder ihren zehn liebsten Whatsapp-Kontakten laut lachende Emojis schicken, während der rollige Ralf oder der einsame Eric noch immer ihre Traumfrau suchen. Klickert da was?

Es ist erbärmlich, wie der Mainstream alles und jeden in die Knie zwingt. Heute lachen wir synchron über den einsamen Eric und morgen im Akkord mit Böhmermann. Und das alles nur, weil wir das Gefühl haben das restliche Land, oder gleich die ganze Welt, tut es auch. Erst als bei RTL & Co. über Böhmermann berichtet wurde, wurde doch dem geneigten TV-Zuschauer klar, mit welch einer Persönlichkeit er es hier zu tun hat und zack war das Facebook-Like gesetzt und die offenkundige Mögenserklärung der Öffentlichkeit kund getan. Jetzt noch ein, zwei (aber das reicht dann auch!) Videos des guten Herrn teilen und schwupps hat man allen (oder seinen 54 Freunden) gezeigt, dass man ganz klar weiß, was medial so abgeht. Ob man sonntags weiter heimlich über den einsamen (oder war er jetzt doch ehrlich?) Eric lacht, ist doch völlig egal, so lange sich das mediale Rad immer schön weiter dreht. 

Ertappt? Dann bleibt nur noch zu sagen: schämt euch – und dieses Mal wirklich. Denn genau an euch war #verafake gerichtet. Und ihr werdet meinen Böhmermann niemals nie genau so lieben wie ich es schon immer tue.

Titelbild: (c) Jens Oellermann, Artikelbild: Facebook Jan Böhmermann