2826 Views |  Like

Lydia Maurer von Phylyda: „Wir als DesignerInnen können Frauen eine andere Körpersicht mitgeben.“

Als Phylyda gelauncht wurde, war die Aufregung groß. Wow, ein Bademoden-Label für ALLE Frauen* – egal welcher Größe. Keine Plus-Size, keine Skinny-Plakatierung und dazu auch noch jede Menge Sinn für Design. Dass so etwas noch immer wie ein Lauffeuer durch die Modewelt geht, ist gleichermaßen faszinierend wie erschreckend. Denn dass Mode für Frauen noch immer nicht für alle Frauen gemacht wird, sollte 2018 doch nun endlich mal vorbei sein, oder? Aber so leicht ist es eben nicht und genau deswegen braucht es Frauen wie Lydia Maurer, die mit Phylyda etwas geschaffen hat, was nicht nur Mut macht, sondern eben auch richtig, richtig anziehend ist. Wir haben mit Lydia über genau diesen Mut, unbequeme Modewahrheiten und Selbstliebe gesprochen. Und noch dazu einige Teile der wunderschöne Kollektion an- und ausprobieren dürfen. 

Disclaimer: Wir haben uns dazu entschieden kein Photoshop im Sinne von “ Schönheitskorrekturen“ für die Fotos zu benutzen. Es wurden einzig Lichtkorrekturen oder Sättigungsveränderungen vorgenommen. Alle Narben, Pickel, Abdrücke (Oh, sieht man, dass vorher geschnorchelt wurde!?), Leberflecke, Falten bleiben, denn sie gehören zu uns. Die gezeigten Teile wurden uns kostenfrei von Phylyda zur Verfügung gestellt.

Du bist schon sehr lange in der Modebranche unterwegs, vor allem auch bei größeren Labels wie Givenchy, Yves Saint Laurent und Paco Rabanne. Woher kam der Anstoß Bademode zu machen?

Ich habe mich schon immer gerne mit elastischen Stoffen beschäftigt, auch bei Yves Saint Lauren, Givenchy und Paco Rabanne. Was mich am meisten gestört hat, war, dass wir eigentlich nur Sachen gemacht haben für sehr jugendliche Körper, wirklich Teenager-Körper. Dadurch, dass die Models so jung sind, war es auch immer etwas entfremdend für uns darüber nachzudenken, wie wirkliche Kundinnen in den Teilen aussehen würden. Und die Kundinnen im Luxus-Segment sind häufig nicht 20 oder 30 Jahre. Das sind Frauen, die keine Zeit haben. Frauen, die sich im Beruf gut fühlen möchten und die keine Lust haben in einen Laden zu gehen und sich dann schlecht darüber zu fühlen, wie sie aussehen. Aber das tun sie immer.

Als Frauen sind wir daran gewöhnt zu denken, es ist unser Fehler, wenn uns etwas nicht passt. Wir kommunizieren nicht mehr, dass wir andere Sachen tragen möchten. Wir kommen nicht an die Designer ran, um ihnen zu sagen, was wir brauchen. Brauchen ist gerade im Luxusbereich auch nie ein Thema gewesen. Das muss sich ändern. Vor allem wenn wir über Nachhaltigkeit nachdenken. Das Luxussegment ist eigentlich der einzige Ort, wo es wirklich machbar ist, dass man sagt, wir produzieren nah, wir produzieren unter guten Konditionen. Wir achten darauf, dass die Materialien aus guter Herkunft sind. Das ist eigentlich das Allerwichtigste. Und dennoch ist der Luxus eigentlich der Sektor, wo man gar kein Verständnis für Frauen hat. Das wollte und musste ich ändern.

Wie kam es zu dieser Veränderung?

Ich war knapp 30 Jahre als ich Kreativdirektorin wurde und wollte unbedingt was bewegen und das war in einem solch großen Haus (Anm. d. Red.: Paco Rabanne)einfach nicht möglich. In dieser ganzen französischen Tradition von Couture ist es eigentlich überhaupt nicht vorgesehen an die Frau zu denken. Da wusste ich, ich muss was Eigenes machen. Ich habe gespürt, dass ich nicht in diese Muster reinpasse. Ich habe als junge Designerin immer alles getan, um irgendwie reinzupassen. So wie es alle anderen auch getan haben. Da war so ein Druck schlank zu bleiben. Ich habe mir so viel nicht gegönnt. Man kann das mal für ein Jahr machen, aber das ist eben kein Leben und so sollte es auch nicht sein. Wir sollten frauenfreundlicher sein und nicht Frauen das Gefühl geben, dass sie nicht genug sind. Denn Frauen spüren genau das. Ich bin nicht gut genug, ich bin nicht groß genug, nicht schlank genug, nicht weiß genug, nicht schwarz genug, was auch immer. Das sind Dinge, die man in der Mode beeinflussen kann. Wir als DesignerInnen können Frauen eine andere Art zeigen. Wir können ihnen eine andere Körpersicht mitgeben. 

Woran liegt es, dass es uns die Industrie so schwer macht?

Traditionell hat der Handel immer versucht so viel wie möglich Menschen einzuteilen, damit es einfacher ist Produkte in großen Massen zu produzieren. Wenn man weniger Größen anbietet, muss man weniger produzieren. Wenn Frauen da nicht reinpassen, kaufen sie es trotzdem, weil sie irgendwas brauchen. Schon in den Dreißigern, speziell in Amerika, gab es Marken, die sich um große Größen gekümmert haben. Im Handel hat es sich dann so eingespielt, dass die meisten Luxushändler sagen, wir hören bei Größe 42 auf und wer nicht reinpasst, hat Pech.

Kulturell hat es sich so entwickelt, dass man dachte, Frauen, die große Größen tragen, haben kein Geld. Das war immer ein Gerücht in der Branche, was eigentlich aus Einfachheit entstanden ist. Deswegen bekommen Frauen Komplexe, weil von ihnen so viel erwartet wird. Man muss immer in diese Schubladen reinpassen. Du bist das oder das. Dazwischen gibt es nichts. Es gibt schon schöne Marken, die Plus-Size machen und natürlich noch viel mehr schönere Marken, die kleine Größen machen. Aber was ist mit den Frauen dazwischen? Sollen die sich jetzt zweiteilen? Da spielt auch viel Scham mit hinein. Frauen wollen oft gar nicht in Department-Stores wie das KaDeWe gehen, weil sie nicht fragen wollen, ob sie ihre Größe haben. Das gibt einfach kein gutes Gefühl, weil die Sachen meistens auch nicht draußen hängen. Wenn die Stores größere Größen haben, werden diese versteckt. Aber die Menschen heutzutage wollen endlich was anderes sehen und anders angesprochen werden. Das merke ich auch bei mir. Ich möchte nicht, dass mir jemand preskripiert, wie ich mich fühlen soll. Es ändert sich gerade, dass Marken auch andersrum denken.

Gerade in der Modeindustrie arbeiten jedoch auch selbst viele Frauen. Woran liegt es denn, dass diese in dem System so mitspielen und nicht empowernd sind und was ändern wollen? Arbeiten hier nicht bewusst auch Frauen gegen Frauen?

Das ist absolut wahr. Es ist aber trotz allem eine sehr männlich dominierte Welt. Es gibt insgesamt mehr Frauen, aber es gibt in der Mode mehr Männer in Führungspositionen. Es ist ähnlich einer Hofgesellschaft. Es gibt den König und das Entourage und wenn man dazu gehören möchte, muss man sich irgendwie anpassen und nichts wollen, was nicht gemacht wird. Deswegen ist es auch eine Ja-Sager-Gesellschaft. Die meisten machen das mit, egal wie. Sie möchten auch selbst reinpassen. Immer zwischen Kommerz und Kunst. Es wird sehr viel mit Unsicherheit gearbeitet. Es ist sehr schwierig, dass man objektiv der/die Beste ist oder dass man so hoch kommt. Deswegen sind sehr viele bereit alles zu geben und auch nichts zu sagen, wenn es eigentlich was zu sagen gibt.

Hast du denn Reaktionen aus der Branche bekommen, als du beschlossen hast etwas anders machen zu wollen und daraus Phylyda entstanden ist?

Ja, auf jeden Fall. Ich wollte eine Marke machen, in der es keine Einteilung gibt. In der es große Größen neben kleinen Größen gibt. Mir wurde dann gesagt, warum machst du etwas für hässliche Frauen. Es ist alles sehr schwarz-weiß, sehr alteingesessen. Es herrscht diese Ideologie von hässlich und schön, akzeptabel und inakzeptabel. Als LuxusdesignerIn sollte man sich darum gar nicht scheren. Aber ich glaube, das bricht gerade um. Wenn ich es heute nochmals präsentieren würde, würden einige Leute wahrscheinlich anders reagieren. 

Gab es denn auch von anderen Leuten negative Reaktionen?

Von KundInnen gab es immer nur positives Feedback. Ich weiß nicht, wie es wäre, wenn ich mit Fremden darüber sprechen würde und erklären würde, dass wir Größen von 34 bis 54 machen. Es gab aber eher Reaktionen von EinkäuferInnen, die sich dann voll auf die großen Größen fixiert haben und meinten, Plus-Size kaufen wir nicht. Da muss man dran arbeiten. Es ist hart sie zu erziehen und zu versuchen für eine andere Sache zu öffnen. Und dass sie in einem Lookbook dann nur die Frauen sehen, die größere Größen tragen und nicht sehen, dass es alles Mögliche gibt. Und dass dies sogar gerade der Punkt ist, da es eben nicht polarisierend ist. Das wird noch eine Weile dauern, aber es wird, nein es muss sich ändern.

Bademode ist für viele ein großes Unsicherheits-Thema. Was macht deine Bademode anders und woher kommt dieses Wohlfühlgefühl?

Ich arbeite mit einem Lingerie-Größensystem. Das machen die anderen Bademodenmarken eigentlich nicht. Die machen XS bis XL vielleicht. Und dann kauft man ein Set und man muss damit zufrieden sein. Die meisten Frauen passen nicht in so was. Egal was für eine Größe man trägt. Die meisten Frauen sind nicht homogen im Ober- und Unterteil. Wenn man merkt, dass eins von den beiden Teilen zu klein oder zu groß ist, fühlt man sich automatisch nicht wohl, aber man kauft es trotzdem, weil man denkt, es gibt nichts anderes. Ich habe viele Designs gemacht, die auf verschiedene Körperformen eingehen. Ich habe kleine Teile – Triangels, kleine Bottoms. Aber es gibt eben auch große BH-Größen und Dinge, die bis auf die Taille oder noch höher gehen. Man kann es sich aussuchen und es passt sich an. Und nicht andersrum.

Du bietest zwar Größe 34 bis 54 an, proklamierst in deiner Kommunikation aber nicht Begriffe wie „Übergröße“ oder „skinny“. Das ist sehr ungewöhnlich und schön. Was ist dir bei deiner Kommunikation wichtig? Und wie schaffst du es trotzdem deine Botschaft zu kommunizieren?

Es ist eine Schwierigkeit. Aber mir ist es wichtig nicht darauf fokussiert zu sein, welche Größen wir verkaufen. Davon möchte ich mich wegbewegen. Dass Menschen sich nicht diese Namen aufstempeln lassen. Ich möchte, dass Freundinnen und Geschwister zusammen einkaufen gehen können, auch wenn sie verschiedene Größen tragen. Es sollte sich die Frage nicht mehr stellen, ob man rechts oder links geht, weil es die eigene Größe nicht gibt. Mir ist es wichtig, dass Frauen wissen, hier  gibt es schöne, designte, sustainable Bademode, bei der du dich nicht fragen musst: Bin ich richtig? Ist mein Körper ok? Passe ich da rein? Wenn man mit Menschen spricht und ihnen erzählt, dass man etwas macht, was für sie ist und ihnen passt, kann man sehr viel erreichen.

Stichwort sustainable. Aus welchem Material sind die Teile und wo produzierst du?

Für mich bedeutet Nachhaltigkeit vor allem „Social Responsibility“. Meine Sachen sind alle in Europa hergestellt. Sie werden alle in Fabriken gemacht, von denen ich weiß, wie sie arbeiten. Es sind kleine Fabriken, in denen Frauen gut behandelt werden. Die geregelte Arbeitszeiten haben, die Ferienzeiten haben, Mittagessen usw. Das sind alles Dinge, die leider heutzutage in der Mode nicht mehr so selbstverständlich sind. Die Stoffe und Materialien sind alle Ökotex-zertifiziert. Das sind also alles Sachen, die keine Chemikalien haben. Das ist mir wichtig, weil es ein Kleidungsstück ist, was sehr nah am Körper ist.

Wir mussten im Laufe der Jahre feststellen, dass Frauen ab Größe 42 auch im fairen Modebereich kaum wahrgenommen werden. Woran liegt das? 

Faire Mode ist automatisch auch immer teurer. Bzw. nein, sie ist nicht teurer. Sie hat den richtigen Preis und preismäßig gibt es heutzutage einfach so viel Druck bezüglich des Preises. Es wird nicht in große Größen investiert, weil Anbieter denken, es gibt kein Geld. 

Also ist es ein kapitalistisches Problem?

Meiner Meinung nach schon. Es ist aber auch eine Image-Frage. Einige Marken denken, wenn sie große Größen machen, ist ihr Image dahin.

Wie können wir uns gegenseitig als Frauen stärken?

Es ist wichtig mehr Empathie für andere Frauen zu haben und zu verbreiten. Das war auch immer mein Ziel, da ich in der Mode immer dieses destruktive Konkurrenzverhalten mitbekommen habe. Man versucht andere auszublenden, auszulöschen, um voranzukommen und sichtbar zu sein. Das ist leider ein Resultat davon, dass Frauen zu selten an die Spitze kommen und es sehr, sehr schwierig für sie ist gesehen und gehört zu werden. Wenn Frauen immer mehr Dinge selbständig machen und damit auch anderen helfen, werden sie andere Strukturen aufbauen. Dadurch kann man etwas ändern. Es ist immer schwierig etwas in alten Firmen zu verändern. Wir können uns unsere eigene Welt schaffen und die von Grund auf richtig aufbauen und darauf achten, dass man jüngeren Frauen hilft und sie vorankommen. Dass sie etwas lernen und sich geschätzt fühlen. Und dass man das auch mit Männern tut, damit sie lernen, wie das Zusammenarbeiten auf gleicher Ebene aussehen könnte.

Hast du noch einen Tipp für uns, wie für uns in Selbstliebe üben können?

Als ich mit Phylyda angefangen habe, habe ich ganz viele Umfragen gemacht und ich habe gemerkt, dass es nichts mit der Größe, dem Gewicht oder der Schönheit zu tun hat. Alle Frauen haben dieses Problem. Das kommt aus diesem jahrzehntelang existierendem, engen Schönheitsbild. Wir können einander mehr schätzen und das auch zeigen und sagen. Wir sind häufig mit Menschen zusammen, die Angst haben jemand anderem Komplimente zu machen oder einander was Gutes zu wollen und das auch zu sagen.

Was wünscht du dir Frauen 2018?

So viel. Es bewegt sich aber auch gerade so viel. Ich wünsche mir vor allem, dass es nicht nur ein kurzer Trend ist, dass Frauen sagen, was ihnen geschieht, was sie wollen oder was sie nicht wollen. Dafür muss es weniger Sensationalismus geben. Es ist wichtig, dass Frauen sehen, wir haben jetzt unseren Moment und den müssen wir wirklich nutzen und schätzen, um voranzukommen und nicht nur Lärm zu machen. Man muss jetzt Sachen aufbauen, die stabil sind, die bleiben und wirklich was verändern.

Liebe Lydia, vielen Dank für den spannenden Austausch und deine wirklich toll designten Stücke. Danke für deine Ermutigung und dieses Gefühl, was du mit einem Phylyda-Teil mitgibst. Wir sind Fans!

MerkenMerken

MerkenMerkenMerkenMerken

MerkenMerkenMerkenMerken

MerkenMerken

MerkenMerken