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Kolumne ♡ Diese verdammte Suche nach Zuneigung

Nachdem sich Johanna beim letzten Mal gehörig vor ihrem Lidl-Verkäufer blamiert hat, dreht sich heute wieder alles um Mister X und Mister Y, die beiden Männer in ihrem Leben, die beide irgendwie nicht hundertprozentig das sind, was sie sucht. Aber loslassen kann sie auch nicht. Und dann noch dieses Problem, dass der eine nicht von dem anderen wissen soll…

Kurze Zeit später hatte ich ein ausgewachsenes Problem. Mister Y und ich schrieben uns viel, ausgelassen und sehr angeregt. Schrieb er nachts um 1 Uhr ein einfaches „Hey“, interpretierte ich das als Zeichen absoluter Zuneigung. Wow, er denkt nachts an mich. Meine Freundin erklärte mich für geisteskrank. Er fragte mich, wie es mir geht. Mister X hat dies kein einziges Mal getan. Problematisch wurde es jedoch, als er mich wiedersehen wollte und der Krieg in meinem Kopf begann.

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Da ich mich zu einsam fühlte, um diesen starken Armen zu entsagen, war das Date gesetzt und von nun an suchten mich wochenlang latente Alpträume heim.
Bandkollegen! Mister X würde es zwangsläufig herausbekommen, auch wenn mir Mister Y noch so oft versicherte, dass er keiner Fliege von uns erzählt. Dasselbe Versprechen hatte ich Mister X gegeben und  gebrochen, was der Grund dafür ist, warum es ein „uns“ an dieser Stelle nicht mehr gab. Die Chancen, dass Mister Y es im Suff hinausprahlte, waren fast perfekt. Dann hätte ich bei Mister X für immer verloren und beide würden mich für eine Schlampe halten. Aber konnte es mir nicht egal sein, was Mister X von mir dachte? Immerhin war er doch das Arschloch in diesem Spiel und interessierte sich niemals die Bohne für mich. Letzteres konnte ich aber meisterhaft ignorieren. Mister Y mochte ich wirklich und ich wollte nicht, dass er mich für ein leichtes Mädchen hält. Zugleich wollte ich auch nicht, dass er sich im Fall der Fälle als zweite Wahl fühlt. Sollte ich es ihm erzählen? Um Gottes Willen!!!

Warum ist es denn so schwer, einfach mal nur in den Arm genommen zu werden, ohne gleich eine Schlampe zu sein? Am Ende interessiert es beide nicht und jeder Gedanke sind sinnlos verfeuerte Neuronen. Ich war dem Wahnsinn nah. Das ging so weit, dass ich erstarrte, als Mister X mir die nächste Voicemail schickte, die sich nur als Arbeitsmitteilung entpuppte. Ich beschloss, Mister Y abzusagen, doch in dem Moment, als ich es schreiben wollte, kam nur noch ein ‚ich freu mich‘ aus meinen Fingern – worauf ich Herzen von Mister Y zurückbekam. Na, das klappt ja wie am Schnürchen. Ich begab mich also in mein Schicksal. Sollte mir die nahende Katastrophe bevorstehen, wollte ich wenigstens das direkt auf mich Wartende genießen. Und so freute ich mich auf Mister Y…

Im Fernbus war es totenstill. Alle schliefen und waren völlig erschlagen. Ich hingegen strahlte und war putzmunter. Die Sonne blendete mich, der Himmel war azorenblau – zumindest so lange, bis ich merkte, dass es grau in grau war und regnete. War ich so vorfreudig, dass ich mich in Halluzinationen verlor? Ekelhaft. İch beschloss, damit aufzuhören und lieber die Unnahbare zu spielen. Am Ziel angekommen, fielen wir uns wie verliebte Teenager in die Arme. Rückblickend bin ich der Meinung, dass er sich tatsächlich freute, mich zu sehen. Alles war vertraut und unkompliziert. Er war stark und gab mir genau das, was ich wollte. Ich habe mir jedoch erspart ein Gedächtnisprotokoll anzulegen, so wie ich es nach der ersten Nacht mit Mister X tat. Zu kostbar war jeder einzelne Moment, den ich nie wieder vergessen wollte. Heute möchte ich nichts lieber als das. Fakt ist, ich verstehe nun, warum Menschen Zweisamkeit mögen und nach dieser Nacht verstehe ich, warum ich so verhärmt bin. Man kann ein „Stell dich ein“ nicht genießen, wenn man Angst vorm Einschlafen hat, weil es nach dem Aufwachen vorbei sein wird. Natürlich war es hier auch einmalig. Auch wenn er das Gegenteil beteuerte. Aber ich glaube, dieses Mal mochte er mich wirklich. Sogar so sehr, dass ich noch in seiner Wohnung bleiben durfte, als er aufbrechen musste. Er sagte, er vertraue mir doch. Tiefenentspannt verließ ich seine Wohnung. Draußen war es warm und sonnig. Ich lächelte und grüßte alle freundlich. Ich nahm mir vor in Berlin eine dauerhafte Kuschelaffäre zu suchen. Dieser Zustand tat mir gut.

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Am Tag darauf erwischte ich mich dabei, wie ich ständig aus tiefstem Inneren lächeln musste, weil mir plötzlich eine Erinnerung in den Kopf schoss. Da ich bewusst den ganzen Abend nicht noch einmal mental durchgekaut und alles bewertet hatte, musste ich nun mit plötzlichen Flashback-Attacken zurechtkommen. Unter anderen Umständen hätte ich das genossen. Aber da meine Männererfahrungen mich lehrten, dass manche Frauen eben nur für eine Nacht interessant sind, schob ich die Gedanken jedes Mal mit einem zarten Lächeln beiseite. Ich entschied, den Abend in schöner Erinnerung zu behalten und mich zu entspannen. Ich lehnte mich zurück – und das Beste: Ich musste dabei kein einziges Mal an Mister X denken.

Zu meiner Überraschung suchte Mister Y nun fast täglich den Kontakt. Diese süße Freude jeden Morgen beim ersten Blick auf das Telefon. Ich wollte dieses Gefühl behalten. Gleichzeitig spürte ich, dass dieser Typ mich potentiell verletzen könnte. Und Trauer galt es auf dem Schlachtfeld meines Herzens um jeden Preis zu vermeiden. Außerdem stand mir noch das antizipierte Drama mit Mister X und Mister Y bevor, wenn Mister X von der Sache Wind bekam. Ich war hin und hergerissen zwischen dem Gefühl aus Zuneigung und Angst. Genau wie zu Beginn. Nur, dass ich Mister Y jetzt noch viel inniger wiedersehen wollte. Als ich anfing, lieblich von ihm zu träumen, war mir klar, dass das nun enden müsse. Ich schrieb ihm also, dass ich ihn wiedersehen möchte. Die Logik meiner bisherigen Liebeserfahrungen fortsetzend konnte dies nur das Ende unserer Geschichte bedeuten (die sich nun über zwei Monate zog). Ich fühlte mich frei in diesem Moment und konnte nun aufhören, mir Sorgen zu machen. Ich schaute aus dem Fenster, hörte „Lemontree“ und hoffte, dass dieses beklemmende Gefühl in meiner Magengegend endlich aufhören würde. Der Plan ging auf. Unser Kontakt nahm von da an rapide ab.
Die Logik dahinter verstehe ich bis heute nicht.

Johanna