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Kolumne ♡ Die Macht der Psychologie oder: Wie ich mich in einen Berliner verliebte, kurz bevor ich in eine andere Stadt ziehen wollte.

Nachdem ich mich also dazu entschlossen hatte, nach Stadt Y zu ziehen (klarer Fall von Flucht vor dem eigenen Selbst), verbrachte ich ein Wochenende mit einem Berliner, in welchen ich mich natürlich instant verknallte. Herzlichen Glückwunsch. Wahrscheinlich musste das aber auch so sein, tat ich mich doch wochenlang schwer damit, ob ich in Berlin bleiben oder nach Y wechseln sollte und terrorisierte buchstäblich, Freunde, Familie und alle Kollegen damit. Weise Worte einer Mitarbeiterin, nachdem ich mich für Stadt Y entschied: „Klar, probier es aus, du hast nichts zu verlieren. Das Schlimmste, was dir passieren kann, ist, dass du dich über den Sommer in einen Berliner verliebst.“ Irrwitzigerweise wusste ich genau in dem Moment, dass mir das passieren wird. Das ist einfachste Psychologie. Denk nicht an einen Elefanten – und du tust es. Genau so funktioniert auch mein Gehirn im Punkto Selbstzerstörung: Versuch dir den Abschied so einfach wie möglich zu machen und was passiert? Es tut natürlich genau das Gegenteil. 

Einen Beweis für diese These liefert der Fakt, dass ich betreffenden Menschen – ich nenne ihn „den Schönen“ – eigentlich schon monatelang kannte, er jedoch komplett jenseits meiner Wahrnehmungsschwelle lag. Wie viele Male stand ich in meiner Sucht von Geltungsvermögen unbewussterweise vor ihm und ließ ihn an meinem kaputten – aber natürlich mörderwitzig erzählten (nach dem Motto wenn du viel dabei lachst, tut es ja eigentlich gar nicht weh) Liebesleben teilhaben. Gäbe es eine olympische Disziplin für Rückwirkendes Schämen, ich wäre ganz oben dabei. 

Am besagten Tag stieg ich ins Auto meiner besten Freundin. Der Schöne war auch anwesend – seinen Namen hatte ich wieder einmal vergessen – begrüßte ihn nicht einmal (erneut Favoritin einer weiteren olympischen Disziplin) und erzählte bereits nach einer Minute von dem Sextraum mit einem Chefarzt, den ich in der Nacht zuvor hatte (auf meine eventuell vorhanden Vaterkomplexe sollte er mich später noch ansprechen). Nachdem ich gepeinigt von extremen Kopfschmerzen aus einem kurzen Schlaf erwachte und ihn mir zum ersten Mal betrachtete (und das nur im Profil), war es tatsächlich wieder einmal um mich geschehen. Scheiße!!! Aber natürlich hielt mich das auch nicht davon ab, ihm meinen ganzen Seelenmist brühwarm auf den Teller zu servieren samt der Info, dass ich immer alles brühwarm servieren muss – als er mir mitteilte, dass er genauso funktionere, fand ich dies ungeheuer anziehend und verstärkte mich in meinem Verhalten. Zum größten Überfluss lernte er an dem Wochenende auch noch meine Ex-Affäre kennen und erzählte meiner besten Freundin, dass man merke, dass da noch was zwischen uns sei. Was übrigens nicht mehr als gekünstelte Nettigkeit ist, die den Auswirkungen eines gebrochenen Herzens geschuldet sind.

kolumne  - single - berlin - psychologie - datingvia Pinterest // Künstler*in unbekannt

Da also, wie bereits angeklungen, meine zwischenmenschlichen Fähigkeiten in puncto flirten und für sich werben nicht vorhanden sind, wird es an dieser Stelle niemanden wundern, dass diese Person natürlich kein Interesse an mir zeigte. Wir schrieben zwar einige Male hin und her, meines Erachtens aber nur aus Höflichkeit seinerseits und weil ich, stur wie ich bin, das Gespräch mehrmals wieder aufgriff. Zum einen hatte er gerade leider eine Geschichte am Laufen. Als diese beendet war, traute ich mich allerdings auch nicht, ihn nach einem Bier oder Treffen zu fragen. Mit welcher Begründung denn? Ich kann mir ja viele Dinge einbilden, aber sein mangelndes Interesse konnte ich mir leider nicht schönreden. Außerdem wusste ich, dass er im Fall der Fälle ziemlich schnell von einer Frau fasziniert ist. Da er in diesem Punkt also genau wie ich funktioniert – und wir uns ja eigentlich seit Monaten kannten (Zitat: „Ich dachte immer, du wärst ‘ne arrogante Kuh, aber bist du ja gar nicht“) – woher sollte die spontane Faszination jetzt noch kommen? Ich ließ es also bleiben und hing in meinen Gedanken noch eine Weile dem Schönen nach. Als er mir für die Aufführung eines Theaterstücks, in dem ich mitwirkte, absagte, schmiss ich ihn von der Gästeliste und aus meinem Herzen.

Letzten Endes war es also gar nicht schlimm, dass ich mich in einen Berliner verliebte, kurz bevor ich nach Y ziehen wollte. Zumal ich mich dann doch dafür entschied in Berlin zu bleiben. Bei meiner besten Freundin, meiner Familie und dem bereits Bekannten. Ich hatte einfach keine Lust mehr auf eine neue Welt. Und nun stand ich da. Am Beginn einer neuen beruflichen Karriere und immer noch auf der Suche nach der großen Liebe – aber wenigstens in Berlin. ❤️

Johanna