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Kolumne ♡ Dating like a rockstar?

In ihrer heutigen Kolumne schreibt Johanna über ihr letztes Date mit einem waschechten Rockstar, seines Zeichen Musiker und Schwerenöter? Oder doch wahres Heiratsmaterial? Nun ja, im Fall von Johanna können wir uns fast denken, wie das ausgehen wird. Lest selbst:

Es war also soweit. Mister X und ich sollten uns nach einem halben Jahr auf einem Festival endlich wiedersehen. Meine beste Freundin hielt unsere Verabredung, die wir eine Woche im Vorfeld trafen – Gott, war ich glücklich – zwar für absolut unverbindlich. Doch in meiner Welt stand mir der Tag bevor, an dem er merken würde, dass er über beide Ohren in mich verliebt sei. Nächte lang überlegte ich, was ich taktisch wann am besten sage, während mein Haar im Mondlicht wehen würde. Ich kaufte neue sexy Kleider, färbte mir die Haare, selbst Beine und Bikinizone ließ ich waxen, damit alles absolut perfekt ist. Doch wofür?

„Ich musste mich fragen, ob ich mich wirklich in einer absoluten Wunschvorstellung verloren und nicht gemerkt hatte, dass ich dem Typen absolut gar nichts bedeute.“

Die Anzahl der Sätze, die wir in drei Tagen miteinander redeten, konnte ich zählen – und die SMS, die wir am letzten Tag schrieben. Nach sieben Stunden elektronischem Streitgespräch und 30 Euro Guthaben weniger, musste ich mich fragen, ob ich mich wirklich ein dreiviertel Jahr lang in einer absoluten Wunschvorstellung verloren und nicht gemerkt hatte, dass ich dem Typen, der zu Beginn sagte, dass er sich in mich verliebt habe, absolut gar nichts bedeute. Die romantischen Worte und Taten, seine Angst zu Beginn, dass ich das, was wir haben, beende, weil ich sein schmutziges Geheimnis rausfand… Nichts von dem sollte echt gewesen sein? Eine gute Fantasie hatte ich ja schon immer. Aber dass ich mir jegliche Zuneigung eingebildet hatte, ließ mich verzweifeln. Und dass er mich nicht mal fünf Minuten sehen wollte, obwohl ich ihm mitteilte, dass ich nicht mehr Herr über meinen Gram werden kann, ließ mich verbittern.

Doch was mich in den Tiefen meiner vor Kummer zerkauten Seele zerriss, war die schlimmste aller schlimmen Fragen: Warum schaffe ich es seit zehn Jahren nicht, mehr als nur eine Bettgeschichte zu sein, während andere sich permanent glücklich verlieben oder von einer Geschichte zur nächsten springen? Und wenn sie Liebeskummer haben, ist der nach einer Woche vorbei. Ich bin da langatmiger. Hobbies und Berufe gibt man doch auch nicht so schnell auf. Wenn ich was beginne, ziehe ich das durch. Wenn ich einen Menschen heute mag, kann ich ihn nicht morgen „entmögen“. Zwei Jahre währender Liebeskummer? Alles schon gehabt. Ich hoffe, dieses Mal komme ich besser dabei weg.  An eine Beziehung wage ich nicht einmal zu denken, nur daran, jemandem etwas zu bedeuten, mal gemocht zu werden. Sicher hat man Freunde, aber letztendendes hat die Evolution uns nicht geschaffen, um ungefickt und uns totarbeitend in der verbleibenden Zeit mit unseren Freunden biersaufend herumzusitzen. Oder doch? Nein, meine Beobachtungsstudien an Freunden und Bekannten ergeben da etwas anderes. Ich, der extreme Ausreißer in meiner eigenen Statistik?

Enttäuscht davon, dass ich meinen persönlichen Rekord in emotionaler Dummheit wieder einmal gebrochen und nachdem ich ohnehin schon den ganzen Tag geweint hatte, beschloss ich am dritten Abend des Festivals, mich als geschlagen zu sehen und mich hemmungslos zu besaufen. Etwas später in der Nacht, als ich schon nicht mehr gerade laufen konnte und mein Hirn endlich den Stricksuch-Modus ausschaltete, sah ich ein Exemplar der Gattung „Geht mir nicht allein durch seine Anwesenheit auf den Sack“ durch den Raum torkeln. Um genauer zu sein war es der Sänger einer Band, die ich an diesem Tag zum ersten Mal gesehen und deren Musik mich völlig aus den Socken gehauen hatte. Scheiße, mit Musikern wollte ich gerade so gar nicht reden, aber da die andere Alternative Kissen vollheulen war, schaltete ich meinen Modus auf Sozialkontakt ein. Ich tippte ihn am Oberarm an und ließ einen Schwall ernstgemeinter Komplimente los. Als ich, gefüllt mit Brechreiz, gerade abdampfen wollte, schwallte er zurück.
Interessiert und aufgeweckt fragte er mich nach meinem Namen, wo ich herkomme, ob ich noch etwas trinken und mich mit ihm setzen will. Klar, warum nicht (Ha! Blödes tränenbeschmiertes Kissen, du wartest jetzt noch eine Weile). So tranken und redeten wir bis morgens 7 Uhr.

„Ich mach sowas nicht und ein Groupie bin ich auch nicht.“

Irgendwann fragte ich mich, mit welchem Satz ich ihn am besten abblitzen lasse, sollte er versuchen mich zu küssen. Rockstar, 49 Jahre, der sitzt doch nicht hier und quatscht aus Interesse unsere Biographien durch. Doch unsere Körpersprache stand auf Kumpel. Den Zustand Groupie hatte ich schon tausendfach beobachtet. Lieber noch ein Drink. Tatsächlich hing er jedoch ein paar Minuten später an meinen Lippen. Scheiße, denn ich hatte vergessen meinen Abwehrstrategie-Gedanken weiterzudenken. Ich schob ihn sanft weg mit den Worten „Ich mach sowas nicht und ein Groupie bin ich auch nicht„. Doch er schaltete in den Klugscheißer-Gang: „Du kanntest unsere Band doch bis heute gar nicht. Also kannst du kein Groupie sein„. Stimmt. Freie Fahrt voraus. Denn leider merkte ich in dieser einen Sekunde, als sich unsere Lippen berührten, was mir so sehr fehlte und ich mir von Mister X in diesen Tagen so dringend erhofft hatte: Zuneigung, die von mehr als nur einem Stofftier stammt.  Also fand ich mich wenige Momente später in seinem Arm wieder. Kuschelmodus! Bockstark! In meinem mentalen Lexikon gab es in dem Moment nur positive Einträge.

Kolumne// Dating// Berlin // Rockstar

Nachdem ich mich vergewissert hatte, dass niemand mehr hier war, fingen wir an heftig zu knutschen. Ich fühlte mich sauwohl. Am Ende war ich es, die fragte, ob wir zusammen auf‘s Zimmer gehen. Vom Vorwand nicht miteinander zu schlafen, ließen wir schnell ab und ich höre noch immer seine Stimme, die in Endlosschleife „You’re so gorgeous“ flüsterte. Als mein Wecker viel zu früh klingelte (auch mit Extremkater und Rockstar im Bett halte ich Termine ein), verhielt ich mich besonders leise, um ihn nicht zu wecken. Auch den Kuss auf die Wange verkniff ich mir, waren körperliche Albernheiten noch nie mein Ding gewesen. Naiv vertraute ich seinen Worten, dass wir uns am kommenden Abend wiedersehen würden (Dass die Stimme meiner Freundin Das ist zu unverbindlich schrie, ignorierte ich erneut.) und schlich mich leise aus meinem Zimmer. Als ich eine Stunde später dieses wieder betrat und ihn nicht darin vorfand, musste ich mir eingestehen, dass ich wünschte, das Gegenteil wäre der Fall gewesen. Scheiße. Die Ansage auf seinem folgenden Konzert, dass er eine großartige Nacht verbracht habe, tröstete mich nicht über den Umstand hinweg, dass ich ihn am Abend nicht mehr sah. Doppelt scheiße. Noch weniger erfreute es mich, als ich feststellen musste, dass er weder auf Facebook noch Twitter aktiv ist. Verdammte Scheiße!!! Doch da ich im Abhaken von Dingen, wie bereits erwähnt, in diesem Leben keinen Preis mehr gewinnen werde, schrieb ich den Administrator seiner offiziellen Facebook Seite an. Meine Worte wählte ich sorgfältig, nichts ekelhaft Verliebtes. Die Bettgeschichte nannte ich natürlich nicht, ich wollte nur ein Dankeschön für den netten Abend loswerden, absolut unverfänglich. Doch im Innersten ärgerte ich mich zutiefst darüber, dass ich ohne ihn zu wecken aus meinem Zimmer ging und sein zweimaliges Anschneiden des Themas Telefon abwürgte.

„Es war doch so schön, so utopisch und so einmalig.“

Meine Freundinnen fragen mich seitdem ständig, ob ich schon eine Antwort bekommen habe. Ich realisierte, dass ich überhaupt keine bekommen wollte. War es doch so schön, so utopisch und so einmalig… ich wusste, dass eine Antwort alles zunichtemachen würde. Als diese jedoch kam, erzählte ich niemandem davon. Zu wenig konnte ich Sätze wie „Das hat er nicht so gemeint“ ertragen. Nicht, dass mir diese Nacht etwas bedeutet hatte (natürlich hätte es das, aber man weiß ja, dass solche Geschichten der anderen Person nie etwas bedeuten, deswegen lässt man es auch selbst.) Doch die Nachricht von seinem Kollegen, ich solle ihn doch bitte in Ruhe lassen, traf mich wie ein Vorschlaghammer. Ich konnte nämlich erneut mein Herz zerspringen hören. Selbstverständlich war es eine Ablenkung, aber das auch hier jedes Wort nur eine Lüge gewesen sein sollte? Ich gestand mir ein, dass ich von Menschen nichts verstehe bzw. systematisch an die falschen gerate. Suche ich mir konsequent die aus, die mir wehtun wollen? Meine neueste Angewohnheit an Musiker zu geraten, sollte ich auf jeden Fall ganz schnell sein lassen, wenn mir meine Emotionalität irgendetwas bedeutet.

Und Mister X? Wir reden wieder miteinander, aber nur noch über‘s Business.
Ganz lieblos, wie alles und jeder.

Johanna

Credits: Fotos via Pixabay