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Kolumne ♡ 50 erste Dates

Am Sonntag hatte ich ein Date. Meine Lust hielt sich in Grenzen. Aber da ich lange keins mehr hatte, dachte ich mir: Öfter mal was Neues! Wir verabredeten uns zum Eis essen.
Eis essen, oh mein Gott…

Kolumne // Dating // Berlin // Single

Rückblick: Meine letzte Verabredung zum Eis essen sollte ich eigentlich letzte Woche mit Mister X haben – und seinem Kind („Er muss mich doch mögen, wenn er sogar sein Mini Me zum Date mitnimmt“). Wir wollten die Katastrophe der letzten Begegnung auswerten. Doch er zog es vor, mit Kater auf der Couch zu liegen. Ich persönlich schieß mich an Abenden bevor ich jemanden treffe, der mir wichtig ist, nicht ins Delirium. Aber vielleicht denken Männer da anders, weil sie weniger verantwortungsbewusst sind. Mister X ist allerdings extrem verantwortungsbewusst. Demnach unterstreicht dies nur, dass ich ihm bzw. das Treffen mit mir einfach nicht wichtig genug war. In der Logik dürfte ich diese Schlussfolgerung ziehen. Bei Menschen sollte ich damit vorsichtig sein – zumindest laut meinen Freundinnen. Ich persönlich bin ja immer noch der Meinung, dass mein Instinkt gar nicht mal so komplett verkehrt ist.
„War ein echt harter Abend“ – „Ich verstehe. Ach, du Armer.“ Aus Rache verabredete ich mich am nächsten Tag mit einem seiner Bandkollegen, der plötzlich Interesse an mir zeigte. In Wahrheit sehnte ich mich ja einfach nur nach Zuneigung und Aufmerksamkeit. Es war eine Kombination aus Date und beruflichem Termin, ich fragte ihn extra nach der Bezeichnung. 

Zurück zu meinem Eis-Date in Berlin: Es war ein Freitagabend und ich war mit zwei Freundinnen auf einem Konzert. Da mich sowohl Band als auch die ungewaschenen Proleten langweilten, wollte ich zeitig wieder verschwinden. Während ich meiner Begleiterin emotionsgeladen die haarsträubende Geschichte von der letzten Begegnung mit Mister X erzählte, gesellte sich, so mir nichts dir nichts, jemand mit erwartungsschwangerem Blick zu uns an den Tisch. Ich so: „Eyyy, ick erzähl hier jerade wat!!!“
Im Gegensatz zu mir genoss meine Freundin diese Entwicklung, fing ein Gespräch an und in Windeseile waren wir eine große Tischgruppe, die sich kommunikativ vergnügte. Ich war in Hochform. Piekfeine Spitzen hier, aalglatte Kanten da, natürlich inklusive tiefenpsychologischer Analysen á la Freud. Kommt bei jedem an (Sarkasmus). Immer (Sarkasmus). Besonders bei denen mit Interesse (Wahrheit). Meine Freundin war entsetzt. Zum ersten Mal erlebte sie mich „auf der Pirsch“ und verstand plötzlich, warum ich das mit Männern nicht auf die Reihe kriege. Er zeigte sich interessiert, stellte Fragen und hörte zu. Schon mal gut. Regisseur. Passt mir gut in den Kram, wo ich doch gerade mit der Schauspielerei begonnen habe.

Als er mit einem anderen Typen plötzlich gemeinsam um meine Aufmerksamkeit buhlte (was mir nicht aufgefallen wäre, hätte mich meine Freundin nicht mit dem Frontalhirn darauf gestoßen), fragte ich mich wieder einmal, ob es eigentlich um den „Anderen“ als Person geht oder um das Gefühl, was der „Andere“ bei einem selbst auslöst, wenn er einem signalisiert, gemocht zu werden. Und wie immer beantwortete ich mir die Frage gleich: Wenn es nur um die eigene Selbstbestätigung geht, kann das Gegenüber eigentlich direkt wieder Land gewinnen. Aber, und auch das, versuchen mir meine Freunde beizubringen, man solle nicht vorschnell urteilen.
Nun gut – und ich muss zugeben, dass ich mich amüsierte, doch als meine Freundin ging und mir den Hinweis gab, dass der Typ vor lauter Suff gerade fast umgefallen wäre, spürte ich mein Interesse schwinden. Schade. Aber ist es einmal wieder weg, bleibt es fort. Eigentlich sind besoffene Typen ohnehin maßlos unattraktiv. Ich dachte zurück an das Treffen mit dem Kollegen von Mister X – nennen wir ihn nachfolgend Mister Y… 

Es gab keinen Tropfen Alkohol. Er ist sehr auf seinen Körper bedacht und hält das mit dem Alkohol in absoluten Grenzen. Sexy. So verantwortungsvoll. Ich war zutiefst beeindruckt. Dieser gestählte Körper… Obwohl ich sonst nicht auf Muskelprotze stehe, muss ich zugeben, dass dieser Körper mich maßlos erregte – von der Disziplin, die er in diesen steckt, ganz zu schweigen. Dem Bedürfnis in seinen starken Armen zu liegen, konnte ich dem ganzen Abend widerstehen. Als er mich auf der Couch zu kitzeln anfing und unsere Augen plötzlich für diese gefährlichen zwei Sekunden in denen des Anderen versanken, packte ich fluchtartig meine Sachen und verschwand. Auf dem Heimweg, auf welchem ich direkt beim ersten Späti stoppte, um mir ein Bier hinter die Binde zu kippen, texteten wir direkt weiter.

Kolumne // Dates // Berlin // Single

Zurück in der Realität, ging mir der Regisseur immer mehr auf die Ketten. Bei Sätzen wie „Ich habe noch nie so etwas wie dich kennengelernt“ weiß ich bis heute nicht, ob ich sie als Kompliment oder Beleidigung auffassen soll. Dass ich Metal höre, war für ihn völlig unbegreiflich und mein Tragen von zwei verschiedenen Ohrringen lockte weitere Suff-Analysen aus ihm hervor. Auf das Date, nach dem er fragte, ließ ich mich nur ein, weil meine Freundin immer meint, ich solle offener und freundlicher sein. Außerdem konnte ich so mein neues süßes Teil anziehen.
So kam es also zu besagtem Eis-Date. Meine Laune hielt sich in Grenzen und an der Unterhaltung nahm ich mit einem müde aufgesetzten Lächeln teil. Wie geht’s dir, was machst du, was tust du… Ich träume davon, einen Fragebogen zu entwerfen und diesen anstelle von Dates allen potentiell Datebaren ausfüllen zu lassen. Was ich damit sagen will, wir kamen nicht über Standard Small Talk hinaus. Am schlimmsten wurde es jedoch, als wir Besuch von der Horror-Wespe bekamen. Würde ein Mann sie nicht einfach ignorieren oder lässig zur Seite wedeln? Dieses Exemplar der Gattung Mann führte einen Veitstanz auf. Tatsächlich, er sprang und hüpfte im Kreis mit skurrilen Bewegungen und Verdrehungen. Ab diesem Zeitpunkt wusste ich, dass das hier nichts werden kann. Und nach dem vierten Tanz hoffte ich inständig, dass keine meiner Arbeitskollegen mir zufällig über den Weg laufen würden. Ich war genervt. Allein die Art und Weise, wie er meinen Namen ständig aussprach. Ich dachte zurück an Mister Y, und dass es wie Musik in meinen Ohren klang, jedes Mal wenn er meinen Namen sagte. Ich spürte mich lächeln. Ich trank noch zwei Bier, während der Regisseur mir von seinen Begegnungen mit der Polizei erzählte, die alle für ihn glimpflich ausgingen, also letztendlich gar nicht spannend waren. Und obwohl ich das Gefühl hatte, einen halben Tag verloren zu haben, schien er sich amüsiert zu haben und fragte mich, ob wir die Woche essen gehen wollten. Ich bejahte, fügte aber hinzu, dass es gerade ziemlich stressig sei und dass ich mich melden würde. 

Wie die Story ausging? Nun, beim Regisseur meldete ich mich nicht und sah ihn auch nie wieder. 

Johanna

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