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Kann aus Rassismus Feminismus werden?

Wieder einmal zerreißt es mich, wenn ich der aktuellen Debatte in Deutschland nur einen Funken meiner Zeit schenke. Die letzten Tage grübelte ich, las quer und dabei so viel schräges Zeug, dass ich es nicht länger für mich behalten kann. Ja, schon wieder muss ich den Mund aufreißen. Ich muss, denn es zerreißt mich.

Wir leben in einer Zeit, in der sexualisierte Gewalt gegen Frauen im öffentlichen Raum so einfach möglich ist. In einer Zeit in der ganze Bevölkerungsgruppen pauschal degradiert werden. In einer Zeit, in der Rassismus Integration kaputt macht. In einer Zeit, in der Sexismus in vielerlei Hinsicht als nichtiges Anhängsel gesehen wird. Ich komme mir vor, wie einhundert Jahre zurückversetzt.

Glaubt man den Science-Fiction-Filmen haben sich die Menschen vor 30 Jahren das Leben im 21. Jahrhundert anders vorgestellt: fortschrittlicher, moderner, attraktiver. Doch, wo wir heute stehen, ist noch so viel Luft nach oben, dass die Luft hier unten schon verbraucht und durchgeatmet scheint.

Es zerreißt mich, dass die scheinbar einzige Debatte nach den schrecklichen Ereignissen in der Silvesternacht in Köln, die der Herkunftsfrage ist. Wer waren die Täter? Der einzig logische Rückschluss in einer Zeit, in der die Welt Kopf steht und es mehr Schutzsuchende als je zuvor gibt: es waren die Flüchtlinge. Eine gesamte Gruppe von Menschen wird aufgrund einer Gruppe von Arschlöchern zur Schau gestellt, verbal bespuckt und an den Pranger gehoben als lebten wir im Mittelalter. Schnell ist vergessen, dass der Hauptgrund der andauernden Flucht Krieg, Gewalt, Diskriminierung und Menschenverachtung ist.

Gewalt gegen Frauen ist grenzenlos

Und noch viel schlimmer: die Täter, und vor allem deren Nationalität, werden über die Opfer gestellt. Gewalt gegen Frauen existiert seit Menschengedenken. Oftmals im Stillen. Heimlich, getarnt von einer dicken Schicht Scham. Familiär, im Kreise der lieben Verwandten. Brutal, im Sinne kultureller Entwicklungen. Grenzenlos, über unseren Erdball verteilt als hätten wir nicht schon genug Probleme. Es kotzt mich an, dass darüber geschwiegen wird. Es kotzt mich an, dass eine weibliche Oberbürgermeisterin gedanklich ebenfalls im tiefen Mittelalter hängen geblieben ist. Dass #einearmlänge Aufreger der Woche werden kann. Dass es Menschen gibt, die Kleidung und Benehmen Taten herunterspielen lassen. Es kotzt mich an, dass sich ein Mädchen in unserer Gesellschaft schämt, wenn ein Mann Macht über dieses ausübt anstatt den Mut zu haben über ihre Erfahrungen offen sprechen zu können. Es kotzt mich an, dass erst politisches Begehren auf den Plan gerufen werden muss, um Sexismus klar definieren zu können und dann wieder alles zu vermengen, nicht zu begreifen, dass es hier weder um Nationalitäten, noch um Grenzen, noch um hausmütterliche Regeln geht.

Es zerreißt mich, dass vergessen wird, was wir in allererster Linie sind oder zumindest sein sollten. Wir alle, ja sogar die Täter der Silvesternacht, sind Menschen. Und davon gibt es Arschlöcher und Nicht-Arschlöcher. Es gibt Menschen, die nicht verstehen wollen, dass wir in einer Zeit leben, in der es völlig egal sein sollte, welches Geschlecht man hat, wo man herkommt, wer man sein möchte oder welchen sexuellen Orientierung man nachgeht. Doch in dieser Debatte gibt es vor allem ziemlich viele Egoisten, die sich auf ein Thema, das sonst als Randnotiz ausreichend begutachtet ist, derartig stürzen als hätten sie sich schon immer dafür stark gemacht. 

Warum Rassisten niemals Feministen sein werden

Seit ich mich mit der politischen Situation in Deutschland näher befasse, habe ich vor allem eins gelernt: schaue nicht nur auf deine Interessen, sondern interessiere dich vor allem für das, was dir moralisch völlig absurd vorkommt. Seitdem schaue ich mir ziemlich viele Hass- und Hetzposts an. Und viele haben eins gemeinsam: sie sind sexistisch und anti-feministisch. Da schreiben Rassisten, dass eine deutsche Frau selbst schuld wäre, wenn sie von einem Refugee vergewaltigt würde, wenn sie sich diesem freiwillig nähere. Da wird gewettert über Frauen, die in Flüchtlingsunterkünften Freiwilligenarbeit leisten. Die „sozialen“ Medien sind voll davon. Es ist blanker Hohn nun genau das Gegenteil behaupten zu wollen, um seine eigenen politischen Verquerheiten noch „besser“ begründen zu können.

Und auf einmal kennen alle, die sich an der Diskussion beteiligen wollen jegliche Statistiken jeglicher Länder, haben mit Schweden gesprochen, die ihr Land verlassen wollen, weil dort zu viel Kriminalität herrscht. Kennen Frauen, die sexuell misshandelt wurden sind – von Ausländern versteht sich. Der feine Herr von nebenan tut so etwas nicht. Und jeder Blogartikel weist Fakten auf, die weder belegt werden noch zur Frage gemacht werden. Aus Vermutungen werden Fakten. Aus Sexismus wird Rassismus. Aus Rassismus Feminismus, der eigentlich keiner ist. Der nicht mal ansatzweise das erklären könnte,  was Feministinnen im 21. Jahrhundert bewegt und welche Fragen sie eigentlich stellen.

Sexualisierte Gewalt findet unabhängig von der Herkunft statt

Gerne würde ich die Faktenkeule außen vorlassen. Doch für gute Argumente bedarf es guter Fakten: Das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend gibt an, dass Gewalt gegen Frauen vor allem im häuslichen Umfeld stattfindet – im Stillen, heimlich, im Kreis der lieben Verwandten. Und das ganz unabhängig von Herkunft, Bildung und Einkommen. Wir sollten der Realität ins Auge blicken und ehrlich zu uns selbst sein. Sexualisierte Gewalt, auch wie sie in der Silvesternacht in Köln stattgefunden hat, ist kein Problem einer Menschengruppe, einer Nationalität oder eines gewissen Bildungsstandes. Sexualisierte Gewalt findet immer und überall statt.

Es wird von Schockmomenten und einem ungeahnten Ausmaß gesprochen, doch wie bereits erwähnt, ist Gewalt gegen Frauen schon immer präsent. Zugegeben eher als Randnotiz neben den großen Schlagzeilen. Ein Schlag ins Gesicht derer, die bereits darunter leiden mussten oder es allgegenwärtig immer noch tun.

Aber auch dies macht die Ereignisse nicht minder brisant, nicht minder schmerzhaft für die Betroffenen und nicht minder bedrohlich. Doch wir sprechen hier ganz klar von zwei Debatten: zum einen die Frage, warum sexualisierte Gewalt gegenüber Frauen in solch einem Ausmaß geschehen kann und zum anderen die Frage, ob und wie wir für Flüchtlinge in unserem Land sorgen sollten?

Solange sich diese Debatten vermengen, können wir nicht zu einem klaren Ergebnis kommen. Fakt ist, die Täter müssen bestraft werden. Keine Frage. Egal, welcher Herkunft. Egal, ob Flüchtling, Migrant oder Deutscher. Es muss ein klares Signal geben, dass Frauen sich nicht schämen müssen, wenn ihnen sexuelle Gewalt angetan wird. Wir müssen aus dieser leisen, stillen Ecke heraustreten und Frauen überall Mut machen, dass sie sich wehren dürfen und sollen. Dass ihre Täter eine Strafe verdient haben. Und dass man so laut sein darf, wie man möchte, wenn einem Unrecht widerfährt. 

Was Feminismus bedeutet

Neben der Debatte, welche Ausländer nun die Frauen in Köln belästigt haben sollen, folgte schnell die Frage, wo der Aufschrei der feministischen Blätter, Journalisten und Meinungsmacher bleibe. Es war sehr ruhig an dieser Front. Ich denke nicht, dass es darum geht irgendwelche Täter oder Bevölkerungsgruppen zu schützen. Sicherlich wusste man, dass sobald auch nur ein Blatt schreibt, dass es sich um Nordafrikaner, Araber oder Syrer handelt, ein tosender Aufschrei gegen die Asylpolitik herausbreche. Doch Feministen würden, da bin ich mir sicher, niemals Opfer sexualisierter, männlicher Gewalt bloßstellen, um die Täter zu schützen. Viel mehr denke ich, dass hier bewusst gemacht werden soll, dass wir zwei Debatten führen müssen. Und beide sind heute wichtiger denn je. 

Wie können wir zum einen sexualisierte Gewalt verhindern? Und wie können wir Menschen in unserem Land erfolgreich integrieren ehe sie in die Kriminalität abrutschen? Zwei tiefe Fragen für 2016. Zwei Fragen, die uns theoretisch schon jahrelang begleiten. Zwei Fragen, die Feministinnen sich schon lange stellen. Zwei Fragen, die Rassisten ausnutzen, um sie zu vermischen und zu einer Frage werden zu lassen. Hier geht es nicht um Bagatellisierung, nicht um die Frage, ob die Ereignisse nun schrecklich waren oder nicht. Es geht wieder einmal viel mehr darum, dass wir uns menschlich verhalten – in alle Richtungen. Mehr denn je.