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Instacrush ++ Morena Diaz | m0reniita: „Jahrelang habe ich einem Idealbild nachgeeifert & mich so lange versucht zu verändern, bis ich müde wurde.“

Morena ist mir irgendwie auf Instagram über den Weg gelaufen. Zwischen all‘ den #fitnessgirls und #cleaneating Tipps war sie auf einmal da und ich stieß einen erleichterten Seufzer aus, weil ich etwas gefunden hatte, was ich schon lange nicht mehr in den sozialen Medien gesehen hatte.

Morena ist eine waschechte Body Aktivistin. Body was? Aktivisten kennt man doch sonst nur von der Straße mit großen Schildern in der Hand, auf denen weltverbessernde Parolen stehen. Richtig (und wichtig!). Aber Morena ist sozusagen Online-Aktivstin. Unter M0reniita spricht sie bei Instagram über Selbstliebe und ihren persönlichen Weg aus der Essstörung hin zu einem neuen Lebensgefühl. 

Sie nimmt dabei kein Blatt vor den Mund und zeigt vor allem, dass ab und an eine Speckrolle am Bauch wesentlich glücklicher macht als stundenlanger Verzicht. Neben Instagram bloggt sie auch und gibt auf ihrer Seite wertvolle Tipps, um sich ganz einfach selbst zu lieben. 

Wir hatten die Möglichkeit der sympathischen Schweizerin ein paar Antworten zu entlocken und haben dabei viel über uns und den Umgang mit  unserem Körper gelernt.

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Not Another Woman Mag: Wann ging deine Leidensgeschichte der Essstörung los und was war der Auslöser dafür?

M0reniita: Bis vor kurzem hätte ich gesagt, sie ging vor ca. drei Jahren los, also mit dem Beginn meiner „Fitness-Reise“. Jetzt bin ich mir sicher, dass das schon früher begann – zumindest im Unterbewusstsein. Ich kann nicht einen einzelnen Auslöser nennen, da meiner Meinung nach mehrere Faktoren eine Rolle gespielt haben. Zum einen entstand meine Unsicherheit gegenüber meinem Körper schon vor ein paar Jahren als ich gemobbt wurde. Zum anderen habe ich mit meinem Fitnesswahn den Bezug zu meinem Körper und zum Essen verloren. Ich wollte partout allen zeigen können, dass auch ich dem Idealbild entsprechen konnte. Nur wusste ich nicht, wie viel Sport dafür notwendig war. Ich übertrieb es total, weil diese Welt neu für mich war und ich niemanden hatte, der mich besser informieren konnte. Ich wusste einfach, was das Ziel war und trotzdem ging ich weit über mein Ziel hinaus, weil ich süchtig nach Erfolgen war. 

Hast du jetzt, wo du dies hinter dir gelassen hast, manchmal Angst in alte Muster zurückzufallen?

Ja, immer wieder. Doch diese Angst überwinde ich jedes Mal selber. Denn ich möchte nicht mehr in alte Muster zurückfallen!

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Wer oder was hat dich zu so einer starken und selbstbewussten Frau werden lassen?

Klingt vielleicht etwas arrogant, aber das war ich selbst. Klar hatte ich immer die Unterstützung meiner Eltern und meines Freundes. Doch wir alle wussten, dass eigentlich alles an mir lag. Jeder ist für sein Glück verantwortlich, also habe ich mich aufgerafft und dafür gekämpft. Ja, dies klingt wiederum sehr heldenhaft. Aber eigentlich ist es ganz simpel und grundlegend für die „Heilung“, das sage ich auch meinen Lesern immer wieder.

Jeder ist für sein Glück verantwortlich, also habe ich mich aufgerafft und dafür gekämpft. Klick um zu Tweeten

Warum glaubst du, fehlt es unserer Welt so oft an Liebe?

Das ist eine sehr schwierige Frage, die ich mir auch immer wieder stelle. Ich denke sehr oft, dass Geld und Meinungsunterschiede bzw. Einstellungen dafür verantwortlich sind. Geld verändert viele. Und viele sind null kompromissbereit, weshalb es oft bei Streitigkeiten und Krieg bleibt. 

Wie können wir anfangen die Dinge an uns zu lieben, die wir eigentlich hassen?

Die Einstellung ändern. Niemand ist perfekt! Wieso sollten wir etwas hassen, nur weil es nicht so aussieht wie wir es uns vorstellen? Wenn man eine krumme Nase, kurze Beine oder einen kleinen Busen hat, kann man persönlich ja nichts dafür. Wir sind nun mal so wie wir sind. Ich musste das auch einsehen. Jahrelang habe ich einem Idealbild im Kopf nachgeeifert und mich so lange versucht zu verändern, bis ich müde wurde. Ich konnte diesem Idealbild niemals entsprechen. Irgendwann sah ich das ein, einfach auch, weil es mich traurig machte. Es ist tatsächlich alles eine Sache der Einstellung! Auch ich habe meine Einstellung nach und nach geändert und bin endlich glücklich! Klar meckere auch ich gerne mal an mir rum, aber das ist menschlich. Wir sind schließlich ständig danach bestrebt, uns stetig zu verbessern. Jedoch sollte man nicht vergessen, dass es okay ist, so zu sein, wie Mama und Papa einen erschaffen hat. Für das Aussehen kann man nichts.

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Kann es denn auch einen gesunden Fitnesslifestyle geben oder endet dieser unwillkürlich immer in einer Selbstkasteiung und Selbstzweifeln?

Nein, überhaupt nicht. Ich denke eher, dass es Zeit und Geduld braucht, bis man den gesunden Lifestyle erreicht hat. Manchmal muss man auch schlechte Erfahrungen machen, um dort hin zu gelangen, wo man eigentlich hin möchte. Den gesunden Lifestyle gibt es bestimmt, ist aber von Person zu Person unterschiedlich. Nicht jeder hat die gleichen Ressourcen, um Sport zu treiben und sich gesund zu ernähren. 

Du sprichst oft davon, dass Instagram Feeds vollgestopft sind von Fitnessgurus, Sixpacks, gesundem Essen und Modeltypen. Sind wir aber nicht auch selbst dafür verantwortlich, wem wir nacheifern oder auf Instagram folgen? Kann uns diese Verantwortung immer so komplett abgenommen werden, indem wir alles auf die Gesellschaft schieben?

Das Lustige ist ja, die Gesellschaft sind wir! Wir sind dafür verantwortlich, dass wir diesen ganzen Prozess mitgestalten und damit fördern. Das heißt aber auch, dass man nicht komplett die Alleinschuld trägt, denn die Gesellschaft besteht aus vielen Menschen. Einige von uns sind schneller beeinflussbar, andere sind standhafter. Klar sind wir mitschuldig, wenn das Schönheitsideal bestehen bleibt, doch man trägt nicht die Alleinschuld. Man kann sich, wie ich es gemacht habe, von diesem Druck entlasten und dem Schönheitsideal den Rücken kehren und andere motivieren, es auch zu tun. Genau deshalb bin ich diesen Fitness Accounts entfolgt. Das würde ich jedem anraten! Klar sind nicht alle Fitness Accounts gleich schlecht, aber die Zusammensetzung der Abos und die Menge machen es meiner Meinung nach aus.

Erhöht Social Media den Druck auf junge Mädchen heutzutage?

Definitiv. Facebook, Instagram, Snapchat und Twitter sind Medien, die tagtäglich von jungen Mädchen benutzt werden. Wenn man zu viel Zeit auf diesen Medien verbringt, kann man unter anderem schnell den Bezug zur Realität verlieren. Dies erging mir übrigens auch so. Ich habe mich ständig unbewusst mit anderen verglichen. 

In den sozialen Netzwerken und Medien fällt auf, dass sich vor allem junge Frauen als Body Activist engagieren, die durch frühere Diät-Marathons oder Fitnessphasen gegangen sind und daraus nun ausbrechen wollen. Können nicht auch dünne Frauen für ihren Körper einstehen? Gibt es im Internet ggf. sogar auch eine Mindestgröße für Body Activists?

Eine Mindestgröße gibt es bestimmt nicht. Jeder darf, und sollte sogar, dafür einstehen können. Wichtig ist nur, dass man auch wirklich dahinter steht. Denn „bodypositivity“ ist ein sehr beliebter Ausdruck und weist meiner Meinung nach sogar Trenderscheinungen auf. Viele sehen, dass es cool ist darüber zu sprechen also machen sie das auch. Nur habe ich auch schon beobachten können, dass viele zwar bodypositiv sein möchten, jedoch noch weit davon entfernt sind und trotzdem so tun, als wären sie es. Ich finde es nicht schlimm, wenn dies der Fall ist, denn jeder fängt irgendwo mal an. Doch sollte man andern nichts vormachen und immer ehrlich bleiben. 

Bodypositivity ist ein sehr beliebter Ausdruck und weist m. M. nach sogar Trenderscheinungen auf. Klick um zu Tweeten

Was können wir tun, damit jetzt heranwachsende Mädels Selbstliebe von Anfang lernen und sich nicht an künstlich erzeugten Schönheitsidealen orientieren?

Schönheitsideale aus unserem Leben verbannen und diese nicht zulassen. Wir als gesamte Gesellschaft müssen umdenken und jeden akzeptieren, egal ob dick oder dünn oder groß oder klein oder was auch immer. Ich kann es nicht oft genug sagen: Wir sind alle verschieden. So verschieden, dass man sogar behaupten kann, dass es Makel eigentlich gar nicht gibt. Die heutigen Plus-Size-Models sollten nicht Plus-Size-Models heißen, Model reicht schon. Die Mode-Gurus und die Mode-Industrie allgemein spielen ebenfalls eine grosse Rolle. Ich fände eine Vermischung von Menschen aller Größen und Formen auf dem Laufsteg toll. Das würde nicht nur Abwechslung bringen, es würde die Normalität unserer Gesellschaft wertschätzen. Auch wäre ich für die Abschaffung von Diät-Produkten, denn Diäten bringen meistens nichts als einen Jojo-Effekt. Zudem spielen Influencer wie ich und andere auf Social Media eine große Rolle: Wir sollten vorbildlich agieren und einen mehr oder weniger gesunden, balancierten Lebensstil fördern wollen. Auch Eltern und Erwachsene allgemein haben eine wichtige Rolle. Diese sollten aufhören, Menschen vor ihren Kindern nach ihrem Aussehen zu be- und verurteilen. Denn genau so entwickeln Kinder ihr Bild, wie ein Mensch auszusehen hat: Sie hat einen zu großen Bauch? Sie sollte weniger essen? Was soll ein Kind da interpretieren? Dass Frauen mit „größeren“ Bäuchen attraktiv sind? Gesund? Erwachsene haben definitiv auch einen großen Einfluß. 

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Du sprichst oftmals auch von Imperfektion auf deinem Blog. Gibt es diese denn überhaupt? Wenn wir aufhören würden Abweichungen vom gängigen Schönheitsideal als unperfekt anzusehen, würden wir doch auch Imperfektion auf ganz andere Weise sehen bzw. gar nicht mehr Teil unserer Gesellschaft werden lassen. Wie siehst du das?

Da hast du absolut Recht. Ich habe erst gerade letztens einen Beitrag auf Instagram verfasst, der genau diese Problematik anspricht. Ich hatte sozusagen eine Erleuchtung an diesem Abend. Wir sind alle unterschiedlich und einzigartig, weshalb es Makel gar nicht gibt.   

Trotz deiner Warnungen vor Essstörungen und Fitnesswahn sprichst du auf deinem Blog und bei Instagram über „Ernährungstipps“ und welchen Sport du treibst. Wie passt das zusammen?

Ich gebe eigentlich nie Tipps, vor allem nicht konkrete Ernährungstipps, weil ich weiß, welchen Einfluss gut gemeinte Tipps auf verwirrte Mädchen haben können. Ich steckte da auch mal drin. Das einzige, für was ich einstehe, ist intuitives Essen. Ich sage aber niemandem, dass er nach diesem Prinzip zu leben hat, ich erkläre einfach gerne, wieso ich ein Fan davon bin und wie es mir geholfen hat. Intuitives Essen meint eigentlich nichts anderes, als dann zu essen, wann man Hunger hat und dann aufzuhören, wenn man satt ist. Dieses Prinzip ist ganz einfach und doch so schwierig zu erreichen, wenn man unter einer Essstörung leidet. Für mich bedeutet Selbstliebe nicht, dass man ungesund essen oder keinen Sport machen soll. Im Gegenteil: Selbstliebe bedeutet für mich, dass man immer wieder Entscheidungen trifft, die für einen selber gut sind und das unabhängig vom Themenbereich. Soll es heute kein Sport sein? Ist okay. Soll es morgen Pizza geben? Ist absolut in Ordnung. Doch genauso mag ich gesunde Ernährung und Sport. Das gehört für mich zur Selbstliebe. Denn ich schaue gerne auf mich und meine Gesundheit. Mein Erscheinungsbild ist mir mittlerweile egal, solange ich mich innerlich gesund und wohl fühle. Wenn ich Größe 42 tragen würde und mich dabei unabhängig vom Aussehen wohl fühlen würde, dann wäre das für mich in Ordnung. Das muss aber jeder für sich selbst entscheiden. Ich akzeptiere alles, nur von Diäten halte ich nicht viel. 

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Was wünscht du dir für Frauen 2016?

Ich wünsche mir, dass jede Frau sie selbst sein kann, keinen Druck der Gesellschaft verspüren muss und stattdessen einsieht, dass wir alle einzigartig sind. Denn nur wenn man diese Einzigartigkeit in jedem Menschen einsieht, kann man Toleranz gegenüber der Andersartigkeit entwickeln. 

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Liebste Morena, vielen Dank für deine Offenheit und dein unermütliches Engagement. Wir können uns alle ein Vorbild an dir nehmen und nach und nach unseren Körper immer mehr lernen selbst zu lieben – so wie er ist, ganz egal, ob dünn, dick, mit Falten, Dellen oder ratzeglatt. Danke für deine Arbeit!

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