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[GER/EN] „In unserem Sexshop servieren wir Tee und frische Blumen. Other Nature ist kein dunkler, schamerfüllter Ort.“

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Als ich 15 Jahre alt war, bin ich mit Freundinnen in einen Sexshop gegangen. Zu einer dieser Ketten, deren Name sicherlich viele kennen. Aus lauter Neugier. Wir haben uns sehr verrucht gefühlt und waren gleichzeitig total schockiert. All dieses Plastik, die großen Brüste, die Kostüme, Peitschen und Riesendildos. Wir empfanden eher Ekel als Anziehung. Danach bin ich nie wieder in einem Sexshop gewesen – bis zum Dezember letzten Jahres. Da trafen wir Kitty im Other Nature, ein alternativer Sexladen in Berlin. Auf einem Flyer hatten wir von einem veganen, feministischen, queeren Sexladen gelesen. Uns brannten sofort etliche Fragen unter den Nägeln und doch sind wir an diesem Tag noch lange nicht alle losgeworden. Ihr könnt uns glauben, wir hingen wie gebannt an Kittys Lippen als diese uns von ihrer Arbeit bei Other Nature und als Sexualtherapeutin erzählte. 

Wann hast du das letzte Mal über Sex gesprochen?

Vermutlich gestern bei der Arbeit. Ich spreche sehr viel über Sex. Auf jeden Fall an jedem Tag, den ich arbeite.

Und privat?

Da es sowohl meine Arbeit aber auch meine Leidenschaft ist, sehr viel. Wir sprechen über unsere Arbeit und unsere Leidenschaft doch auch in unserem Privatleben.

Ich habe neulich in einem Interview gelesen: „Wenn du erstmal lernst, wie du über Sex sprechen kannst, ist es am Ende ganz einfach. Es ist viel schwieriger darüber zu sprechen keinen Sex zu haben.“ Besteht in unserer Gesellschaft ein gewisser Druck, dass wir uns alle so frei fühlen müssen über Sex reden zu können?

Ich denke, es gibt in unserer Gesellschaft sehr viel Druck im Bezug auf Sex. Und es ist sehr kompliziert, denn viel von diesem Druck ist sehr widersprüchlich. Wir leben in einer Gesellschaft, die oberflächlich betrachtet voll von Sex ist. Aber aus persönlicher Erfahrung und von dem, was ich in meinem Berufsleben als Sexualpädagogin und Therapeutin beobachtet habe, kann ich sagen, dass dieses „Sex ist überall“-Ding eigentlich sehr oberflächlich ist und dass eigentlich nur bestimmte Dinge erlaubt sind zu sagen. Und alles, was tiefer geht, echte Kommunikation und all die Selbstentfaltung um Sex ist eigentlich tabu. Durch diese Spannungen kann es überhaupt sehr schwer werden dieses Tabu zu erkennen.

Um auf deine Frage und das Zitat  zurückzukommen, was dort mitschwingt, ist, dass wir vor allem aus bestimmten Bereichen Druck erfahren, eine Art moralischer Druck. Vor allem, wenn du als Frau sozialisiert wurdest, bekommst du jede Menge Anmerkungen darüber, wie deine Sexualität in gewisser Weise mit deinem Wert verknüpft ist. Dass es eine richtige und eine falsche Anzahl von Personen gibt, mit denen du Sex gehabt haben solltest. Dass wir eine gewisse Verantwortung haben unsere Sexualität zu schützen. All diese Botschaften existieren immer noch. Aber genauso existieren viele Botschaften, vor allem in den westlichen Medien, die speziell an Frauen gerichtet sind, über multiple Orgasmen, den besten Blowjob geben zu können während man seine Bauchmuskeln trainiert und etwas in der Küche im Ofen hat. Dieses absolut unrealistische Modell. Es herrscht ein großer Druck sich vor allem auf eine ganz spezielle, begrenzte Weise sexuell zu fühlen. Und ich denke, es ist sehr schwer den richtigen Grad zwischen richtig sexy und zu sexy zu finden. Den richtigen Grad von sexuell und nicht zu sexuell.

Es ist so kontrovers.

Ja, und ich denke auch, gerade als Frau wäre es einerseits ein absolutes Tabu nicht an Sex interessiert zu sein, andererseits gilt eben immer noch die Annahme, dass Frauen generell interessiert daran sind Sex mit Männern zu haben.

Kitty May - Other Nature - alternativer Sexladen - Berlin - sexpositive„No means No“

Auf eurer Website steht: „Bring deine Mutter mit.“ Ich würde sagen, meine Mutter ist sehr konservativ and Sex war nie wirklich ein Thema bei uns zu Hause. Ich habe also nicht wirklich eine richtige Sexualaufklärung bekommen. Was würdest du meiner Mutter sagen?

Ich würde deine Mutter vermutlich einladen im Laden vorbeizukommen. Wenn man den Begriff Sexshop hört, haben die meisten Leute direkt ein Bild im Kopf und die meisten dieser Bilder erzeugen etwas total anderes als das, was man hier bei Other Nature findet. Es ist also toll, wenn die Leute vorbeikommen können. Und wenn sie nicht vorbeikommen können, können sie auf unserer Website nachschauen und Fotos vom Shop ansehen. Das ist ein wichtiger erster Schritt um festzustellen, dass dies hier kein dunkler Ort ist. Es ist kein schamerfüllter Ort. Wir haben keine getönten Scheiben, aber es ist alles sehr ordentlich. Wir servieren kostenlosen Tee und frische Blumen. Das ist vielleicht nicht das, was du dir vorgestellt hast.

Was würde ich also deiner Mutter sagen? Ich habe schon viele Menschen unterschiedlichen Alters hier im Laden getroffen. Ich treffe Menschen, die noch nie in einem Sexshop waren. Ich treffe Menschen, die noch nie Sexspielzeug benutzt haben oder die noch nie offen über Sex geredet haben. Es ist also nicht Voraussetzung, dass sich jemand in dem Thema schon total wohl fühlt. Wir versuchen einen Raum zu schaffen, wo diese ersten Schritte des Sprechens, Fragens, Zuhörens oder Treffens stattfinden können. Meine Eltern waren selbst hier. Sie saßen in diesen Stühlen und haben Tee getrunken. 
Wir sind offen für jeden. Und die Leute sind oft überrascht, von dem was sie hier vorfinden. Wir lieben es zu überraschen. Wir haben diesen großen Bücherraum. Natürlich haben wir Sexspielzeug, aber es gibt so viele unterschiedliche Produkte und unterschiedlichste Arten von Materialien. Ich würde also sagen, sie ist herzlich willkommen vorbeizuschauen und einen Tee zu trinken.

Das werde ich ihr erzählen. Oder sie wird es vermutlich lesen.

Wir würden uns sehr freuen sie zu treffen.

 Kitty May - Other Nature - alternativer Sexladen - Berlin - sexpositiveDer Laden in Kreuzberg ist sehr liebevoll eingerichtet. Überall finden sich kleine Botschaften und die Dinge sind hübsch arrangiert.

Welche Menschen kommen sonst zu euch in den Laden?

Eine große Vielfalt von Menschen. Von 18 bis mindestens 78 Jahren. Eine Mischung aller Geschlechter. Der Großteil ist weiblich sozialisiert. Aber nicht 90 Prozent, eher so 60 – 70 ProzentUnd wie ihr wisst, sind wir ein queerer Sexladen, also haben wir auch viele Homosexuelle hier. Und wir bekommen große Unterstützung aus der Queer Community, aber natürlich kommen auch sehr viele Hetero-Kunden, genauso wie Menschen, die irgendwo dazwischen stehen und die gängigen Labels hinterfragen. Und Paare, Singles, Leute, die in anderen Beziehungskonstellationen stecken. Leute, die Dinge für sich selbst kaufen oder die Dinge für eine Beziehung kaufen. Wir haben eine Vielzahl wiederkehrender Kunden und treuer Kunden, was wirklich schön ist. Und auch viele Touristen, was auch sehr nett ist, denn Leute aus der ganzen Welt kommen hier her und erzählen oft, dass jemand aus Berlin ihnen von uns erzählt hat oder oft auch „Freunde haben vor vier Jahren Urlaub in Berlin gemacht und sie sagten, ich muss unbedingt zu Other Nature gehen.“ Dieser Enthusiasmus an Unterstützung ist wirklich süß. Nicht jede*r, der/die hier herkommt, ist homosexuell. Nicht jede*r, der/die hier herkommt, ist Feminist*in. Nicht jede*r, der/die hier herkommt, ist vegan. Viele sagen: „Oh ein Sexshop nur für Veganer.“ Nein, die Produkte sind vegan. Die Kunden können alles sein.

Kitty May - Other Nature - alternativer Sexladen - Berlin - sexpositive

Was ist euer Bestseller?

Wir haben nicht ein einzelnes Produkt als Bestseller. Ich kann es nicht anhand der Verkaufszahlen sagen, aber den meisten Umsatz machen wir mit Sextoys. Und viele sind überrascht, dass wir ungefähr genauso viele Dildos wie Vibratoren verkaufen. Manchmal nehmen die Leute an, dass wir mehr Vibratoren verkaufen müssten. Aber Dildos sind auch sehr beliebt. Und es kann von Monat zu Monat variieren. Gerade, wenn es etwas Neues gibt, bekommt das viel Aufmerksamkeit.

Hast du eine Erklärung dafür, warum sich Spielzeuge am besten verkaufen?

Oft wollen die Leute wissen, was sich als Einsteigermodell eignet. Also was für Anfänger geeignet ist. Das ist eine sehr süße Frage, denn alles ist für Anfänger geeignet. Es kommt total darauf an, was dich interessiert. Manche der Vibratoren sind eben sehr hübsch und etwas kleiner als die anderen. Toys, die irgendwie freundlich aussehen, relativ klein sind und die eine süße oder helle Farbe haben, haben etwas an sich. Die sind meist sehr anziehend.

Also mit denen kann man leicht anfangen?

Ja, was ich oft mitbekomme ist, „Ja, ok, ich sehe mich damit eher als mit diesem Magic One zum Beispiel, der ein Riesen Vibrator ist, den man an die Wand macht.“ Der ist aber auch sehr beliebt, da er sehr berühmt ist und die stärksten Vibrationen hat. Der ist also auch sehr beliebt, aber aus einem ganz anderen Grund.

Kitty May - Other Nature - alternativer Sexladen - Berlin - sexpositiveMan hat die Auswahl zwischen allen Größen, Formen, Farben und Strukturen.

Was war dein wichtigster, feministischer Moment?

Es gibt weniger bestimmte Momente als vielmehr Erfahrungen. Wir haben schon über unsere Mütter gesprochen. Ich war sehr gesegnet, eine, wie ich es nennen würde, sehr feministische Erziehung zu genießen. Ich weiß nicht, ob meine Mutter oder mein Vater dieses Wort selbst dafür benutzen würde. Ich bin in einer Familie aufgewachsen, in der Geschlechterrollen nicht auf gewisse Art und Weise ausgespielt wurden. Meine Eltern haben immer als Team zusammen gearbeitet. Sex wurde normalisiert und es war okay, Fragen über Sex zu stellen. Das war auf jeden Fall sehr prägend für mich. Nicht jeder, der eine solche Arbeit macht, hatte einen solchen Start, aber das hat mich vielleicht schon dazu orientiert diese Art von Arbeit zu machen.
Und was noch total prägend für mich war, waren die drei Jahre in der Universität in Montreal als ich Freiwilligenarbeit in einem Zentrum für sexuelle Belästigung gemacht habe. Das war eine sehr, sehr prägende Erfahrung. Wir betrachteten sexuelle Belästigung als eine Sache, die Einzelpersonen passiert, jedoch von der Gesellschaft unterstützt wird. Ich habe also viel über die Vergewaltigungskultur und wie sich Dinge einbürgern gelernt. Wir schauten uns an, wie Überlebende im Gerichtssaal behandelt werden, eigentlich auf jedem Schritt ihres Weges. Wir haben eine Gesellschaft, die auf gewisse Art und Weise Vergewaltigung weiter zulässt. Das war sehr, sehr prägend für mein Verständnis wie tief und wie kaputt unsere Gesellschaft im Bezug auf das Patriarchat, aber auch weiße Vorherrschaft und die Diskriminierung von Klassen ist und wie diese Strukturen wirklich Menschen beeinflussen. Während dieser Arbeit habe ich angefangen Workshops in Highschools für Teenager zu geben. Darüber wie man kommunizieren kann und Grenzen herausfindet und auch die Grenzen des anderen. Das war definitiv der Beginn meiner Arbeit als Sexualpädagogin.

Kitty May - Other Nature - alternativer Sexladen - Berlin - sexpositive

Im Hinblick auf dieses Interview haben wir uns mit Pornographie in unserer Gesellschaft und Feminismus beschäftigt.  Pornographie ist einer der Eckpfeiler des Patriarchats, da es zumeist von Männern und für Männer gemacht wird. Sollten wir, als Feministinnen, überhaupt Blowjobs geben?

Ich denke als Feministinnen sollten wir es unbedingt lassen anderen Leuten zu sagen, was sie mit ihren Körpern machen sollen. Wenn du einen Blowjob geben möchtest, mach es. Wenn du keinen Blowjob geben möchtest, mache es nicht. Das ist für mich der Grundstein sexpositiven Feminismus. Die Annahme, dass jeder sich des Labels Feminismus bedienen kann und es dazu benutzt, um den Druck zu kontrollieren oder vorschreiben möchte, wie das Verlangen einer anderen Frau auszusehen hat oder wie sexuelle Handlungen aussehen sollten, würde ich nicht als Feminismus verstehen. Was du zum Thema Pornografie, der von Männern gemacht wird, gesagt hast, ist absolut wahr im Bezug auf Mainstream-Pornografie, aber es ist wichtig herauszustellen, dass es viele verschiedene Arten von Pornografie gibt.

Kitty May - Other Nature - alternativer Sexladen - Berlin - sexpositive

Was sind die häufigsten Vorurteile gegenüber feministischen Pornos?

Wahrscheinlich zwei sehr gegensätzliche Dinge. Einerseits gibt es Leute, die denken, dass feministischer Porno ein Widerspruch in sich ist. Wenn du mit vielen Sex hast oder wenn du Sex für einen Film hast, und vor allem, wenn dieser Sex ungewöhnliche Vorlieben zeigt oder wenn gewisse Dominanz gezeigt wird, gibt es Leute, die sofort eine Antwort haben, die die Mitwirkenden objektiviert. Frauen noch mehr als Männer. Oder dass es grundsätzlich ausbeutend ist. Das ist auf jeden Fall ein Vorurteil.
Und auf der anderen Seite denken Leute bei feministischem Porno sofort, dass es romantisch und freundlich sein muss. Und dass eigentlich eine Liebesgeschichte gezeigt wird. Dass nur langsamer und sehr liebevoller Sex dargestellt wird. Was es natürlich in manchen feministischen Filmen gibt, aber andere wiederum sind super Hardcore.

Wie kann mann sich einen feministischen Porno vorstellen? Du hast bereits gesagt, dass es viele unterschiedliche gibt…

Was man als Zuschauer nicht sieht, ist vor allem wie die Filme gemacht werden. Darauf wird in feministischen, alternativen und Queer-Pornos viel Wert gelegt. Also der Fakt, dass Menschen Dinge tun, die sie wirklich tun wollen und diese sogar genießen. Das ist das Grundprinzip. Aber da augenscheinlich die Dinge, die Leute gerne tun, sehr unterschiedlich sind, sind auch die Sachen, die man am Ende sieht, sehr unterschiedlich. Aber es gibt ein Wort, das das Ganze gut beschreibt: Fair-Trade-Porn, denn man wird für die Arbeit fair bezahlt. Das ist ein großes Problem im Mainstream-Porn. Die Arbeitsbedingungen der Leute sind außerdem gut und unterstützend. Es geht also auch um Arbeitsrechte.
Es gibt viele unterschiedliche Regisseure und alle haben einen unterschiedlichen Stil und verschiedene Ansprüche. Manche arbeiten mit Leuten, die auch im echten Leben in Beziehungen oder in sexuellen Beziehungen sind. Das mögen die Leute sehr, eine bestimmte Vorstellung davon was Intimität bedeutet. Und manche sind super Queer, mit Orgien, Gruppensex, wirklich Hardcore, pervers, manche gehen eher in Richtung Mainstream-Pornografie was die Hochglanzproduktion angeht. Mir kommt als Regisseurin Erika Lust in den Sinn, die eine sehr gute Cinematographin ist. Ihre Sachen sehen sehr gut aus. Eine ihrer Produktionen, die echt gut ist, ist die X Confession Serie. Sie hat eine Website, auf der Leute ihre Fantasien einsenden und dann sucht sie sich zehn Fantasien heraus und macht daraus einen Film. Es ist dann zwar der Erika Lust Look, aber im Bezug auf, was heiß ist und welche Dynamik dargestellt wird, ist es eher wie eine Storyline aus Crowdsourcing. Das ist eine total interessante Idee, wie alternativer Porno aussehen kann.

Kitty May - Other Nature - alternativer Sexladen - Berlin - sexpositiveX Confessions by Erika Lust

Hast du eine Top 3? Welche Filme würdest du empfehlen?

Es kommt sehr darauf an, was dich interessiert. Es ist echt schwer eine Top 3 daraus zu machen. Wenn ein Kunde normalerweise in den Laden kommt und sagt, dass er/sie sich für feministischen Porno interessiert, aber nicht weiß, was er/sie genau möchte, fangen wir ein Gespräch an. Und je nachdem für was man sich interessiert, kann ich herausfinden, was das Richtige wäre. Eine Top 3 zu geben, ist also fast unmöglich.

Aber das ist ja auch schon eine Empfehlung. Also einfach zum Laden kommen und reden.

Ja, und erkunden. Jemand sagte mal zu mir: „Zu sagen, dass man keinen Porno mag, ist als ob man sagen würde, man mag keine Komödien.“ Es ist so ein großes Genre und ich könnte mindestens 25 Hollywood-Komödien nennen, die ich total langweilig finde, aber das bedeutet nicht, dass ich keine Komödien mag.

Es gibt zwar sehr viel Sex um uns herum, aber irgendwie habe ich das Gefühl, dass immer, wenn man über Sex reden will, es eher heißt „Sprich nicht darüber, das ist doch etwas Persönliches.“ Würdest du sagen Lust und Sexualität sollten präsenter in unserer Gesellschaft sein und sind wir, im Gegensatz zu all dem sexistischem Kram, vielleicht doch zu prüde?

Ein Problem ist, dass die Darstellungen, die wir haben zu begrenzt sind. Es geht also nicht um die Häufigkeit, wie oft wir über Sex reden, sondern um die Qualität. Ich habe ein Interview mit einer Sextherapeutin gesehen und das gesamte Interview drehte sich um die Frage „Bin ich normal?“. Das ist eine der wichtigsten Fragen, die Menschen in einer Sextherapie fragen, entweder implizit oder explizit, was darauf schließen lässt, dass die Leute darüber besorgt sind. Und ich denke, dass die Leute darüber besorgt sind, weil die Darstellung um uns herum von dem, was normal ist, so begrenzt ist. Und während es so begrenzt ist, wird dem so viel Bedeutung zugesprochen. Abnormal zu sein oder etwas abseits der Norm kann also ziemlich bedrohlich sein. Als soziale Geschöpfe haben wir den Wunsch einer Gruppe zugehörig zu sein. Aber gerade im Bereich Sex ist es ziemlich niederschmetternd nicht dazuzugehören. Man wird als Freak bezeichnet. Ich denke mit Other Nature können wir hier wirklich unterstützend sein und zeigen, dass es Vielfalt gibt. Egal, ob es die Vielfalt in der Pornographie ist oder bei Spielzeugen. Einfach nur herzukommen und zu sehen, dass all diese Vibratoren verschieden sind und dass es für jeden etwas gibt, das man mag. Das ist wirklich gesund. Es geht also nicht darum, dass wir nicht genug über Sex sprechen, es geht vielmehr darum, wie wir über Sex reden. Ich würde gerne jedem verschreiben, dass sie mehr über Sex reden sollten oder mehr Sex haben sollten. Aber ich denke dieses anfängliche Gefühl über Sex reden zu wollen oder echt darüber reden zu wollen, sich bereit dafür zu fühlen und nicht verurteilt zu werden, das ist wirklich wichtig. Die Botschaften, die wir senden, sind so begrenzend und oftmals so verletzend. Manchmal arbeite ich mit Klienten und die Gespräche, die wir haben, sind die ehrlichsten, die sie je über Sex hatten. Und im Laufe des Prozesses sagen sie oft zu mir: „Seit wir miteinander arbeiten, habe ich angefangen mit meinen Freunden offener zu sprechen und es stellte sich heraus, dass sie die gleichen Probleme oder gleichen Fragen oder auch ganz andere Fragen haben. Das hätte ich niemals gedacht.“ Manchmal fühlen wir uns sehr isoliert und so als wären wir die einzige Person, die sich nicht die ganze Zeit zu 100 Prozent sexuell selbstbewusst fühlt. Und es ist so traurig, dass wir dies tun, denn das stimmt absolut nicht und es ist nicht deine Schuld. Wenn du nicht komplett selbstsicher bei all dem bist, ist das nicht deine Schuld, denn die Gesellschaft, in der wir leben, investiert ziemlich viel in dieses Gefühl, dass wir weiterhin in Unsicherheit leben.

Kitty May - Other Nature - alternativer Sexladen - Berlin - sexpositiveKitty May - Other Nature - alternativer Sexladen - Berlin - sexpositive

Du sagtest bereits, dass der Begriff normaler oder richtiger Sex problematisch ist. Wie die Gesellschaft, die Medien oder auch konventionelle Pornografie darüber spricht, wurde Teil unseres alltäglichen Lebens und wir akzeptieren es so. Du sollst aussehen wie ein Pornostar. Du sollst dich sexy fühlen. Du sollst sexy aussehen und du solltest Sex haben wie ein Pornostar, sonst bist du nicht normal. Was also ist dein Rat an Leute, die Hilfe in dieser sexualisierten Gesellschaft suchen?

Ich denke, mitfühlend mit sich selbst zu sein und sich nicht selbst zu verurteilen ist das Allerwichtigste, denn wir leben in einer Gesellschaft, in der viel Beurteilung auf uns zu kommt und das sollten wir verinnerlichen und unser eigener Monitor werden. Die Polizei unserer eigenen Sehnsüchte. Nett zu sich zu sein, mitfühlend mit sich selbst. Es ist ok, wenn du nicht weißt, was du willst. Wenn es um Sex geht, verlieren die Leute oft das Gefühl für Spiel, Experimentieren, Neugier und Kreativität. Wenn man wieder zurück zu diesen Qualitäten kommt, wäre das sehr einfühlsam. Sich selbst zu vertrauen, seinem eigenen Körper zu vertrauen und die eigenen Sehnsüchte zu verstehen, dass du dein eigener Experte bist. Du bist der Experte deines eigenen Körpers. Vielleicht fühlt sich das für dich nicht so an und das ist auch in Ordnung. Niemand hat das Recht dir zu sagen, was du willst oder was du nicht willst und was sich gut anfühlt und was sich nicht gut anfühlt. Und das kann dir auch keiner erzählen. Das ist auch etwas, dass weiblich sozialisierten Menschen beigebracht wurde zu erwarten, dass guter Sex etwas ist, was einfach so passiert. Also vertraue deinem Körper, sei bereit etwas zu experimentieren und mehr über deinen Körper zu erfahren und deine Sehnsüchte zu akzeptieren und mehr über deine Sehnsüchte zu erfahren ohne dabei verurteilend zu sein.

Manchmal ist es gar nicht so leicht zu wissen, was man gut findet und was die eigenen sexuellen Sehnsüchte sind. Du bist aber nicht nur in diesem Laden aktiv, sondern gibst auch Workshops. Wer kommt zu diesen Workshops und was passiert dort?

Ich veranstalte verschiedene Workshops. Manche hier im Other Nature, das sind für gewöhnliche 2-3-Stunden-Workshops. Und diese decken verschiedene Themen ab. Am Montag veranstalte ich einen Workshop namens „Sehnsucht kommunizieren“. Dabei geht es darum wie man mit seinen Liebhabern und Partnern darüber spricht, was man möchte, was man mag und was man nicht mag und wie man diese Gespräche haben kann.

Kitty May - Other Nature - alternativer Sexladen - Berlin - sexpositiveLet’s talk about Sex. Auch wir haben uns vor dem Interview Gedanken gemacht, wie es wohl werden wird, wenn wir da zusammen in einem Sexladen sitzen. Und wisst ihr was? Am Ende war es super angenehm. Wir hatten ein tolles Gespräch und haben uns mit Kitty sehr wohl gefühlt. 

Kommen die Paare dort zusammen hin?

Jeder kann kommen. Manchmal bringen die Leute einen Partner oder Liebhaber mit, manchmal kommen sie alleine. Wir machen verschiedene Übungen zum Thema Kommunikation und reflektieren auch. Ich sage den Leuten, dass sie für sich selbst darüber nachdenken sollen, was sie bereits wissen, was sie mögen oder nicht mögen und manche Dinge, die sie gerne ausdrücken würden und mit denen sie zu kämpfen haben. Sie können das für sich behalten, aber wir identifizieren diese Dinge und dann machen wir einige Übungen zum Thema Ablehnung. Ablehnung ist eines der größten Dinge, warum Leute sich blockiert fühlen. Also machen wir einige Übungen, in denen man zurückgewiesen wird, um diese Erfahrung in einem nicht-sexuellen Kontext zu haben. Viele Leute in Berlin unterrichten ziemlich cooles, experimentelles Zeug und Tantra, aber so etwas mache ich nicht in meinen Workshops. Kleidung an. Finger weg. Wir ergründen lediglich Konzepte im Bereich Sex und ich gebe den Leuten die Möglichkeit zu sprechen.
Ich gebe aber auch Workshops über Sexspielzeuge. „Sex toys One-on-One“-Workshops. „Was ist sexpositiv?“ ist ein weiteres Thema. Ich gebe einen „Den Orgasmus entmystifizieren“Workshop, der sehr beliebt ist und ich denke, das ist auch ein wichtiges Thema.

Nehmen daran mehr Frauen oder Männer teil?

Der „Den Orgasmus entmystifizieren“Workshop ist speziell für Leute gemacht, die weiblich-sozialisiert sind oder sich als Frauen erkennen. Also grundsätzlich keine cis-Männer*. Meine anderen Workshops sind für alle Geschlechter offen. Aber für dieses bestimmte Thema ist es besonders wichtig, dass die Leute sich wohlfühlen. In diesem Workshop spreche ich darüber, wie man einen Orgasmus bekommt, wie man sich mit seinem Orgasmus verbindet, aber ich spreche auch darüber, dass der Orgasmus nicht das Nonplus-Ultra des Sex ist. Ich ermutige die Leute auch nicht nur auf das Vergnügen fokussiert zu sein.
Im Januar gebe ich einen 6-Wochen-Workshop. Der Fokus dieses Workshops liegt darauf sich zu fragen „Woher weiß ich, was ich will? Woher weiß ich, was ich bin? Und woher weiß ich, was mir nur die Gesellschaft beigebracht hat?“ Ich helfe den Leuten dabei sich selbst Raum zu geben. Zu den Workshops, die ich außerhalb von Other Nature gebe, kommen normalerweise Leute, die Anfang 20 bis in die Vierziger sind und wiederum mehr weiblich-sozialisierte Leute, aber nicht ausschließlich. Diese Workshops lasse ich immer offen für alle Geschlechter. Es ist sehr durchmischt.

Kitty May - Other Nature - alternativer Sexladen - Berlin - sexpositiveKitty May - Other Nature - alternativer Sexladen - Berlin - sexpositiveEs gibt  auch Kleinigkeiten wie Message-Postkarten oder Massageseifen.Kitty May - Other Nature - alternativer Sexladen - Berlin - sexpositive

Du machst also viel im Bereich sexuelle Aufklärung, aber es ist immer so, dass die Leute zu dir kommen müssen oder dass man irgendwo hingehen muss. Was könnten wir tun, um von Anfang an die sexuelle Aufklärung zu verbessern? Es gibt zwar Sexualkundeunterricht in der Schule, aber irgendwie scheint das nicht das Richtige zu sein.

Ich habe mit Kindern in England gearbeitet. Ich weiß sicherlich mehr über die Qualität des sexuellen Aufklärung in England als in Deutschland. Was ich weitestgehend sagen kann, ist dass es wichtig ist früh mit altersgerechten Dingen zu starten. Die Niederlande haben dafür ein wirklich gutes System. Man fängt mit Dingen wie Freundschaft und auch dem eigenen Körper an. Ich denke, was wirklich vernachlässigt wird, nicht nur im Bereich sexuelle Aufklärung sondern auch in der Gesellschaft als solches, ist wie wir uns generell gegenüber Kindern verhalten. Jetzt zum Beispiel ist Jasmin (Anm. d. Red.: Christins Tochter, die beim Interview dabei war) sehr klein, aber ich taste mich nur langsam heran und lasse sie sich selbst an mich annähern. Denn sie hat genauso Rechte, auch wenn sie erst 9 Monate alt ist und sie kann sich noch nicht ausdrücken. Oftmals, wenn wir mit Kindern interagieren, neigen wir dazu sie direkt zu küssen, zu umarmen, was natürlich verständlich ist, weil sie hinreißend sind. Aber ich denke, es ist sehr wichtig, gerade wenn man kleine Kinder um sich herum hat, auch wenn es Familienmitglieder sind, sie zu fragen „Darf ich dir einen Kuss geben? Kann ich dich umarmen? Möchtest du auf meinem Schoß sitzen?“.

Also es nicht einfach so machen, sondern bewusst danach fragen?

Genau. Und das zu normalisieren. Denn wenn wir im Alter von 12,13,14 Jahren anfangen den Kindern zu sagen „Weißt du, wenn jemand dich anfasst und du das nicht möchtest, solltest du Nein sagen.“ Das ist zwar toll, aber das ist auch sehr inkonsequent und widersprüchlich zu den Erfahrungen, die sie bis dahin gemacht haben.

Das ist ein sehr guter Punkt. Darüber habe ich noch nie nachgedacht, dabei ist es eigentlich sehr einfach.

Die Erfahrung, die das Kind bis dahin gemacht hat, ist, dass wenn jemand Familie ist oder dich liebt oder ein/e Freund/in von deinen Eltern ist, das einfach erwartet wird. Man lässt sie einfach machen. Wenn wir von Missbrauch sprechen, findet der Großteil von Kindesmissbrauch von jemandem statt, den das Kind kennt und mit dem das Kind in irgendeiner Beziehung steht. Diese Botschaften können sehr verwirrend sein. Das, was wir ihnen explizit erzählen und das, was wir ihnen mit unserem puren Verhalten beibringen. Es wäre ein großes Geschenk für Kinder überall, wenn wir ihnen über unsere Taten mehr über Zustimmung beibringen könnten als mit Worten. Damit könnten sie ihren Körper als etwas verstehen, was ihnen gehört. Und im Bereich der sexuellen Aufklärung später in der Schule wäre es wichtig über Genuss und Sex als etwas Positives zu sprechen. Nicht zu sagen, dass jeder Sex haben muss. Es ist genauso wichtig Asexualität als eine wirkliche sexuelle Identität anzuerkennen.

Jeder denkt, dass er Sex haben muss. Wenn ich also 20 Jahre alt bin und noch nie Sex hatte, bin ich nicht normal. Und das ist so falsch. Aber genau das ist es, was uns in der Schule und der Gesellschaft im Bezug auf sexuelle Aufklärung beigebracht wird.

Wir würden Kindern einen großen Dienst erweisen, wenn wir über die Motivation Sex zu haben sprechen würden. Wenn ich euch eins sagen kann aufgrund meiner Erfahrung als Sexualpädagogin, dann dass Kinder nicht dumm sind, aber wir behandeln sie so als wären sie es. Im Sexualkundeunterricht geht es oftmals nur um die biologischen Dinge, wie die ganze Produktion von statten geht. Werde nicht schwanger. Werde nicht unanständig. Und die Botschaft, die den Kids vermittelt wird, ist, dass Sex etwas ist, was man lediglich aus Gründen der Fortpflanzung hat. Und sie wissen, dass das nicht stimmt. Denn erstens sehen sie um sich herum all diese sexuellen Dinge, über die wir schon gesprochen haben und zweitens haben sie ganz sicher schon einen Porno auf ihrem Handy gesehen. Wir möchten das nicht glauben, aber wir wissen auch, dass es stimmt. Und außerdem haben sie selbst Körper. Sie haben Körper, die sich bei bestimmten Dingen gut anfühlen, wenn sie bestimmte Dinge sehen, wenn sie an etwas denken. Und wenn wir uns weiterhin weigern uns damit zu beschäftigen, warum sollten sie uns dann vertrauen? Warum sollten sie irgendwas glauben, was wir zu sagen haben?

Wenn wir anfangen würden mit den Kindern darüber zu sprechen, dass Leute Sex haben, weil es sich gut anfühlt, würde es ganz sicher helfen den Druck zu nehmen Sex zu haben. Viele junge Menschen denken, dass sie Sex haben müssten, weil ihre Freunde auch Sex haben. Aber wenn sie dann sexuelle Erfahrungen machen, die sich eben nicht gut anfühlen, sollten sie auch in der Lage sein zu sagen „Ok, das mache ich jetzt erstmal nicht mehr.“ oder „Das hat mir keinen Spaß gemacht.“ oder „Warum hat es mir nicht gefallen? Vielleicht sollte ich erst mehr über meinen Körper erfahren.“ Und wir brauchen sexuelle Aufklärung im Bereich Masturbation in allen Altersklassen. Die grundlegendste sexuelle Beziehung führst du mit dir selbst. Diese Beziehung wird dich dein ganzes Leben lang nicht verlassen. Es ist auch die längste sexuelle Beziehung, die du führen wirst und das ist ein wunderbares Werkzeug. Es ist eine wundervolle Erfahrung an sich, aber Masturbation ist auch ein wunderbares Werkzeug, um deinen Körper wirklich kennenzulernen ohne sich dabei um jemand anderen Gedanken zu machen, Was der andere will, was der andere denkt, wie du aussiehst und all diese Dinge. Ich denke, es ist sehr wichtig Masturbation auch für Kinder zu normalisieren und zu erklären, dass es total normal ist. Leute in allen Altersklassen und alle Geschlechter tun es. Wenn du dies nicht tun möchtest, ist das vollkommen okay, aber wenn du es tust, ist das nicht komisch. Du bist nicht verrückt.

Kitty May - Other Nature - alternativer Sexladen - Berlin - sexpositive

Es ist nicht schmutzig.

Genau. Und geniess es. Du kannst keine sexuell übertragbaren Krankheiten bekommen, du kannst nicht schwanger werden. Du musst dir nicht über die Gefühle oder Wünsche von jemand anderem Sorgen machen. Und junge Leute können eine positive Erfahrung machen und sie sind weniger gefangen in Beziehungen, in denen der Sex nicht einvernehmlich ist oder sie steigern sich nicht in Gefühle oder bauen Gefühle mit einer negativen Dynamik auf, indem sie denken, Sex wäre etwas, was man eben machen muss.

Laurie Penny sagte: „Wir leben in einer Welt, in der ein unrealistischer, weiblicher Körper verehrt wird und wirkliche, weibliche Macht verachtet wird.“ Wie können wir Frauen, aber auch z.B. homosexuelle Menschen in ihrer Sexualität bestärken und alle Arten des menschlichen Körpers mit voller Body-Positivity feiern?

Ich liebe Laurie Penny. Sie ist so toll. Ein großer Teil ist Repräsentation. Das ist für mich auch das größte Argument für alternative Pornografie, auch wenn es total ok ist gar keine Pornos zu schauen. Aber es gibt Pornografie, die die Vielfalt der verschiedenen Körper zeigt. Das ist wirklich wichtig. Nicht nur im Bezug auf sexuelle Handlungen und Queer Sex, sondern auch um z.B. Farbige und verschiedene Ethnien zu zeigen ohne dabei in rassistische Muster zu verfallen, die wir auch im Bereich Sex haben. Um verschiedene Größen zu zeigen. Leute mit Körperbehaarung. Mit Piercings und Tätowierungen. Um zu zeigen, dass nicht alle in westliche Beauty-Standards passen. Um Genitalien unterschiedlichster Art zu zeigen. Das ist echt wichtig. Die Kinder, mit denen ich gearbeitet habe, haben nicht verstanden, dass Schamhaare normal sind und dass Schamlippen unterschiedliche Formen und Größen haben. Dass nicht alle symmetrisch sind. Ich denke, dass diese Art von Darstellung, die den Leuten bei alternativem Porn hier selbst in die Hände gegeben wird, sehr wichtig ist und absolut notwendig, auch in den Medien allgemein. In einem konventionellen Sexshop werden auf den Verpackungen oft nackte Frauen gezeigt und diese Frau ist oftmals immer dieselbe, nicht wirklich, aber gesellschaftlich gesehen schon. Große Brüste, blonde Haare, gebräunt und ohne Schambehaarung. Für uns ist es sehr wichtig nicht diese Art von Bilder in unserem Shop zu zeigen. Da wir extrem hohe und sehr genaue Ansprüche an die Qualität unserer Produkte haben, gibt es eine große Überschneidung zwischen den Firmen, mit denen wir zusammen arbeiten möchten und Firmen, die eben nicht diese Verpackungen anbieten. Viele der Toys mit solchen Verpackungen sind aus Materialien gemacht, die nicht wirklich sicher sind und wir deswegen nie verkaufen würden. Wir möchten dies hier nicht, da wir nicht wollen, dass Leute in den Shop kommen und mit dieser Vorstellung einer sexy Person konfrontiert werden oder wie eine sexuelle Person aussehen sollte. Es ist uns sehr wichtig, dass jeder sich in seiner Sexualität frei sehen kann.

Kitty May - Other Nature - alternativer Sexladen - Berlin - sexpositiveVulva-Art meets Anti-Nazi-Message

Hast du das Gefühl, dass es in den letzten Jahr zu einem Anstieg alternativer Produkte und Produzenten dieser Nische in der Sexindustrie gab? Gibt es eine Art Bewegung in diese Richtung bzw. wird es immer mehr Mainstream?

Da kann ich nur von meinen Erfahrungen sprechen z.B. dass definitiv mehr los ist in unserem Shop als früher. Wir sind jetzt seit fünf Jahren hier. Ich kenne zwar nicht die genauen Zahlen, aber es sind locker zwei bis drei Mal so viele Leute pro Tag als noch vor vier Jahren.

Das ist ein gutes Zeichen.

Ja das stimmt. Ich denke nicht, dass mehr Leute Sexspielzeug kaufen, das ist sehr konstant. Aber mehr Leute, die Toys, Bücher oder Kondome kaufen, wissen von uns und wollen hierher kommen. Das ist ein positives Zeichen, die Leute nehmen uns wahr. Du sagtest, dass alternative Produkte eine Art Nische sind, aber das gibt dem Kunden auch viel Macht. Das macht wirklich einen Unterschied.

So wie eigentlich in jedem Bereich unseres Lebens.

Ja, total. Wenn du dir Pornos kostenlos herunterlädst, weißt du nicht, welche Leute dahinter stehen oder was am Set vor sich geht. Wenn du aber in eine DVD investierst oder in eine der vielen alternativen Porno-Websites, bei denen du eine Mitgliedschaft bezahlst, wirst du merken, dass du mit dieser Entscheidung die Leute wirklich unterstützt, die am Rand dieser riesigen Industrie stehen. Es ist eine gigantische Industrie!
Und ob es immer mehr Mainstream wird? Ich bin eine optimistische Person, also würde ich sagen, ja. Die Leute kommen viel leichter an Informationen. Das Internet ist riesig, richtig? Es gibt da lauter gute und schlechte Dinge. Aber wenn du einen Vibrator kaufen willst und du willst sichergehen, dass er hygienisch einwandfrei ist, dann kannst du alle Informationen zu den Materialien, die für deinen Körper nicht sicher sind, im Internet finden. Und dass schon bevor du überhaupt weißt, wo du dieses Produkt kaufen willst. Es geht nicht nur darum ein ethischer Kunde zu werden, sondern auch um das Gefühl für die eigene Gesundheit. Man ist informiert darüber, was man kauft. Ich denke, das Bewusstsein darum wächst.
Und lass mich noch etwas zu der letzten Frage zu Darstellung und Körper hinzufügen. Das Internet ist ein starkes Werkzeug, das wir benutzen sollten, denn in den Mainstream Medien und im Mainstream Porn ist es wirklich schwer unterschiedliche Körpertypen zu finden, aber online gibt es nichtig viel Gutes. Du kannst coole Sachen finden zu Menschen anderer Hautfarbe, Fat-Positivity-Blogs, verschiedene Queer Sachen. Es ist mächtig diese Dinge zu teilen, denn es existiert immer noch die Vorstellung, dass es negativ ist ein sexuelles Wesen zu sein. Ich denke viele Menschen, die weiblich-sozialisiert sind, weiß, vielleicht Hetero oder vermeintlich Hetero, vielleicht Mittelklasse, vielleicht nicht Mittelklasse – es gibt so eine bestimmte Position in unserer Gesellschaft, in der es sich normal anfühlt sexualisiert zu werden, weil es gefühlt immer so ist und das kann wirklich erdrückend und heftig sein. Aber es gibt auch eine ganze Menge Leute, die generell davon ausgeschlossen werden überhaupt sexuell zu sein, die förmlich entsexualisiert werden. Zum Beispiel können Menschen mit Behinderungen sehr wohl sexuell sein, aber das wird ihnen genommen und das ist auch unterdrückend. Sich Medien zu suchen, die Bilder und Geschichten kreieren, die zeigen „Ich bin auch eine sexuelle Person. Ich habe auch Sehnsüchte. Ich habe auch ein Recht darauf so gesehen zu werden.“, hilft wirklich die Medien sex-positiver und body-postiver zu machen.

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Liebe Kitty, vielen Dank für dieses spannende Interview. Wir haben an diesem Tag so viel gelernt und du bist eine wahnsinnig inspirierende Persönlichkeit. Wir wünschen uns auch eine Gesellschaft, die offen über Sex und Körperlichkeit sprechen kann und diverse Körper, Lebens- und Liebesformen akzeptiert. Ihr leistet eine großartige Arbeit mit Other Nature.

*Cis-Gender = Die Geschlechtsidentität entspricht dem Geschlecht, das bei Geburt festgestellt wurde.