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Ich bin vielleicht nicht Deutschland, aber ihr seid auch nicht das Volk.

Lieber Mike K.,

gerne würde ich persönlich mit dir sprechen, da du uns aber leider nur eine Mail zukommen lassen hast, werde ich mich auf diesem Weg an dich wenden.

Ihr seid nicht das Volk / Clausnitz / Refugees Welcome Vor einigen Tagen kam es zu einer Eskalation zwischen ankommenden Refugees (a.k.a. Flüchtlinge) und Bewohnern aus Sachsen. Man nahm an, es handle sich um Clausnitzer. Jetzt kommt erschwerend hinzu, dass sich wohl einige, die mit Clausnitz auch nichts zu tun haben, dort hin geschummelt haben, um ihren Frust loszuwerden. Dabei ging es lediglich darum, dass schutzbedürftige Menschen ein Dach über dem Kopf bekommen, eine Bleibe zum Nächtigen haben und vielleicht, ja ganz vielleicht, und mittlerweile wohl doch mehr frommer Wunsch als Wirklichkeit, eine neue Heimat finden können. Denn stell dir vor, ihre Heimat gibt es nicht mehr. Zumindest nich mehr so, wie sie diese Menschen einst kannten. Dort fallen jeden Tag Bomben. Dort werden Familien auseinander gerissen. Menschen entführt, vergewaltigt, gefoltert. Dort darf man nicht mal eben seine Meinung kundtun. 

Was haben wir doch für ein Glück in einer Gesellschaft zu leben, in der dies möglich ist. In einer Gesellschaft, in der ich jeden Tag meine wohlwollenden Ergüsse ins Internet stellen kann. Egal, ob diese völliger Schwachsinn sind oder geistig wertvolles Gut. Jeder, auch du Mike, ist dazu berechtigt seine Meinung abzugeben. 
Ich halte viel von dieser Meinungsfreiheit. Und jeden Tag bin ich dankbar dafür in einem Land zu leben, in dem diese so selbstverständlich gewährt wird. Und doch bin ich nicht übertrieben stolz auf dieses Land, identifiziere mich nicht aufs Blut damit und verabscheue schon gar nicht andere, die nicht aus diesem Land kommen. Deutschland ist wunderschön. Die Landschaften faszinierend. Die Menschen durchmischt. Von grummelig bis herzensgut. Ich bin dankbar hier leben zu dürfen. Aber welche Eigenschaft habe ich mit der Geburt erworben, die mich besser macht als andere Menschen, die nicht das Glück hatten in einem zivilisiertem, westlichen Industriestaat geboren zu sein? Wenn ich meine Eigenschaften durchgehe, finde ich da keine. Ich bin weder klüger, noch schöner, bin nicht mutiger, nicht weiser. Ich kann nicht besser handwerken, nicht besser denken, kann mich nicht gewählter ausdrücken, kann nicht schneller laufen, bin nicht fleißiger und nicht achtsamer. Ich bin ein Mensch wie alle anderen auch. Meine Geburt in Deutschland gibt mir nur die Möglichkeit mich intensiver zu bilden, zu studieren, was ich möchte, zu leben, wo ich will, hinzureisen, wohin ich möchte und mein Leben zu genießen ohne Angst vor Unterdrückung, Folter, Krieg. Wow! Was für ein großer Schatz, der mir da einfach so geschenkt wird, ohne dass ich auch nur einen Deut besser bin als andere. Wir sollten ehrfürchtig, achtsam, tolerant und respektvoll sein. Jeden Tag uns in Demut üben und anderen auf der Welt, die nicht dieses Privileg besitzen, helfen und sie unterstützen, ihnen einen Teil unseres warmen Zuhauses schenken. 

Ihr seid nicht das Volk / Clausnitz / Refugees Welcome

Was in Clausnitz geschehen ist, finde ich herabwürdigend, beschämend und traurig. Und dies habe ich im Internet deutlich gemacht. Habe meine Meinung abgegeben, weil ich nicht möchte, dass das Land, in dem ich lebe, verroht und zu einer Nation wird, die sich für eine bessere hält. Nationen gibt es in meinem Kopf sowieso nicht. Und vielleicht hast du Recht, Mike, ich bin nicht Deutschland. Ich will auch gar nicht Deutschland sein. Ich will Mensch sein und mit Menschen zusammenleben, die tolerant sind. Die andere akzeptieren, egal welcher Hautfarbe, Religion, Herkunft, Geschlecht… Wenn Deutschland bedeutet nationalistisch zu sein, andere Menschen mit Verachtung zu empfangen und ihnen Angst einzujagen, dann bin ich wirklich nicht Deutschland. Und dann bin ich auch sehr froh darüber. Und dennoch, ihr seid erst recht nicht das Volk. Nicht das Volk, in dem ich leben möchte. 

Lieber Mike, du hast mir einen Link geschickt. Eine rechtspopulistische Seite, auf der jede neue Straftat, die von einem Nicht-Deutschen ausgeführt wird, aufgelistet ist. Herzlichen Glückwunsch zu solch einer präzisen Arbeit. Schon beim Überfliegen wird klar, dass nicht nur festgestellte Straftaten sondern auch Gerüchte mit aufgenommen werden. Ich will nicht leugnen, dass es unter Migranten und auch Refugees Straftäter gibt oder solche, die es werden könnten. Denn Kriminalität gibt es überall auf der Welt. Hier muss niemand in Schutz genommen werden. Jedoch ist es ebenso falsch und verquer nur die Taten anderer Nationalitäten herauszupicken und nicht vor der eigenen Haustür zu kehren. 
Warum ich nicht auf dieser Liste stehe? Ich habe zwei Mal im Leben Anzeige bei der Polizei erstattet. Zwei Mal wurde der Täter nicht gefasst. Und stell dir vor, mir war es völlig gleich, ob der Täter ein Deutscher oder ein Ausländer war. Denn Fakt ist, mir wurde weh getan. Und in solch einem Moment zählt nicht, welche Nationalität dieser Täter hat, sondern dass er eine Strafe erhält, die gesetzlich festgehalten ist.

Dass du nach meiner Familie fragst, ist traurig, denn ich dachte, hier geht es um dich und mich. 

Ihr seid nicht das Volk / Clausnitz / Refugees Welcome

Du schickst mir Links, die beweisen sollen wie schlecht Migranten sind. Du willst mir Angst machen, mich überzeugen. Du willst, dass ich meine Werte verrate und meine Erziehung hinterfrage. Du willst mir Bilder in den Kopf setzen, die mich nachts verfolgen. Du willst, dass ich meine Kollegen und Freunde frage, ob sie ähnliche Erfahrungen gemacht haben. Du willst, dass ich mich Zuhause nicht mehr sicher fühlen kann. Du willst, dass ich umdenke, dass ich klein beigebe. Du willst, dass es wahr ist.

Ihr seid nicht das Volk / Clausnitz / Refugees Welcome

Du zeigst mir Videos, die mir zeigen sollen, wie man mit „diesem Dreckspack“ umgeht. Hattest du schon einmal die Möglichkeit mit jemandem zu sprechen, der nicht von hier kommt, nicht aus deinem Dorf? Stell dir vor, ich habe es getan. Schon sehr oft. Immer und immer wieder. Denn Reden und Zuhören ist so viel wichtiger als Parolen schreien und Zutreten. Es mag ein alter Hut sein, aber Gewalt erzeugt Gegengewalt. Wenn ich aggressiv auf jemanden zugehe, bekomme ich Aggressionen zurück. Deswegen habe ich ein offenes Herz und versuche mich in die Situationen reinzudenken. Was haben diese Menschen erlebt? Welche Bürde müssen sie tragen, die ich nie verstehen werde? Welches Leid haben sie erlebt, dass sie in ihre Träume verfolgt? Wie dankbar kann ich für mein eigenes Leben sein? 
Fragen, die du dir vielleicht auch einmal stellen solltest, um zu verstehen, wie unsere Erde funktioniert. 

Eigentlich bin ich ganz froh, dass du mir geschrieben hast, Mike. Am Anfang hatte ich wirklich einen Kloß im Hals und habe es kaum gewagt die Emails zu öffnen. Das hast du also schon ganz gut hinbekommen. Ängste schüren. Das ist großes Kino und gar nicht so leicht. Aber ich habe keine Angst vor „denen“. Ich habe Angst vor Menschen wie dir. Nicht, weil ich dir nicht entgegen treten und dir meine Meinung sagen kann, sondern viel mehr, weil ich mir sicher bin, dass du dir nicht eine allumfassende Meinung machst. Nicht die Konsequenzen abwägst, nicht Vor- und Nachteile beleuchtest. Ihr schreit Lügenpresse und glaubt rechtspopulistischen Facebook- und Webseiten ohne auch nur mit der Wimper zu zucken.  Ihr wollt lieber Meinung als fundierten Journalismus. Und ertragt es doch nicht, wenn ein Journalist seine Meinung sagt. 

Ich schlucke diese Emails nicht. Ich werde sie beantworten. Und werde dir immer und immer wieder sagen, warum es sich mehr lohnt Mensch a.k.a. Gutmensch zu sein als Rassist. 

Viele Grüße,
deine Jana