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„Gegen das Vergessen“ – Luigi Toscano porträtiert Holocaust-Überlebende und lässt damit Begegnungen entstehen, die unter die Haut gehen

Die NS-Zeit ist ein Geschichtsabschnitt, der für unsere Generation schon kaum mehr wirklich greifbar ist. Und dass obwohl dieser grausige Teil deutscher Geschichte noch nicht mal 80 Jahre her ist. Vielleicht hat der ein oder andere sogar noch Großeltern, die den zweiten Weltkrieg miterlebt haben. Und durch die die Geschichte nahbarer wird, wenn sie denn darüber erzählen…

Doch kaum einer von uns hat jemals mit jemandem sprechen können, der zu diesen düsteren Zeiten auf der anderen Seite stand. Der nicht deutsch genug, nicht rein genug, nicht arisch genug war. Der die „falsche“ Religion hatte, die „falschen“ Vorfahren oder schlichtweg nicht in die Ideologien eines Wahnsinnigen passten, der mit seiner Idee von globaler Macht eben auch jene mitnahm, die in seinem Auftrag Dinge ausführten, die heutzutage kaum vorstellbar geschweige denn nachvollziehbar für uns wären. 

Es ist der 29. September 1941 als sich Tausende Juden in Kiew versammeln. Hoffnungsvoll, mit allem Hab und Gut, mit Papieren, den Kindern, vielleicht etwas zu essen. Nach einem kurzen Marsch wird der lebensrettende Gedanke an eine Umsiedlung mit aller Wucht zerschlagen. Die Menschen werden aufgefordert ihre Dinge abzugeben, sich zu entkleiden. Ein paar Meter weiter eine Schlucht. Danach nichts mehr.
33.771 Juden finden in diesen Tagen ihren Tod in Babi Jar. Getötet auf Kommando, feige von hinten ins Genick. Und wer nicht sofort stirbt, erstickt, denn immer mehr Menschen liegen dort übereinander. Kinder, Frauen, Männer, Alte, Kranke, Gesunde. Menschen.

Das ist jetzt 75 Jahre her und doch habe ich in dieser Form heute das erste Mal davon gehört. In dieser Eindrücklichkeit. Von der größten Massenerschießung im zweiten Weltkrieg, an die nun am Ort des Geschehens erinnert wird.
Luigi Toscano will genau dies verhindern. Wir dürfen nicht vergessen, nicht wegsehen. Wir müssen uns mit unserer Geschichte auseinandersetzen. 

luigi toscano - gegen das vergessen

luigi toscano - gegen das vergessen

© Luigi Toscano

Toscano konfrontiert uns still mit Zeitzeugen, mit einigen der wenigen letzten Überlebenden des Holocausts. Mit den Menschen, die diese Zeit miterlebt haben, die erzählen können, wie es war in einem Konzentrationslager gefangen zu sein. Wie es war seine komplette Familie zu verlieren. Wie es war Freunde auf einmal nicht mehr wiederzusehen. Wie es war Zwangsarbeit verrichten zu müssen. Wie es war gehasst zu werden ohne etwas selbst dafür getan zu haben.

200 Portraits ermahnen uns innezuhalten. Und sei es nur eine kurze Reflektion. Diese Frau, dieser Mann könnte ebenso gut meine Großmutter, mein Großvater sein. Das Leben ist ein Geschenk und keiner von uns ist berechtigt darüber zu entscheiden. Wir dürfen nicht vergessen.