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Filmtipp // Der große Trip – Wild

Voller Wut, Verzweiflung und Trotz wirft Cheryl Strayed ihren Schuh die Klippen hinunter. Ihre Füße bluten, ihr Zehennagel löst sich förmlich auf. Mit diesem Bild wird der Zuschauer direkt in einen packenden Film geworfen, der viel mehr verbirgt als der Name vermuten lässt. Zugegeben der deutsche Titel lässt nicht erahnen, dass es sich bei „Der große Trip – Wild“ um einen hochkarätigen Film handelt. Doch dies täuscht.
Es geht um die Geschichte einer jungen Frau, die aus ihrem Leben ausbricht, um all den Ärger und die Wut hinter sich zu lassen. Ja, auch das haben wir schon das ein oder andere Mal gehört. Doch „Der große Trip – Wild“ will sich nicht mit Filmen wie „Into The Wild“ messen. Nein, er erzählt seine ganz eigene Geschichte.

Nicht zuletzt glänzt diese Geschichte durch ihre Hauptdarstellerin: Reese Witherspoon. Sie besticht durch eine äußerst natürlich Spielweise, nimmt den Zuschauer mit in die einzelnen Situation, ist ganz nah, wenn auch trotzdem schwer greifbar. Denn Cheryl Strayed ist die geborene Anti-Heldin. Jederzeit kämpft man mit sich, ob man gerade Mitleid mit ihr haben soll oder sie einfach nur als ganz schreckliche Person abstempeln will. Ihr Leben war nach dem überraschenden Tod ihrer Mutter, den sie nie wirklich verwunden hat, geprägt von Drogen, Abstürzen und Sexgeschichten – neben ihrem Ehemann. Dieser holt sie zwar letztendlich raus aus diesem Sumpf, macht aber auch sehr deutlich, dass es an diesem Punkt nicht weitergehen kann.

Dies ist der Anstoß für ihren großen Trip. Sie will wieder zu sich finden und wandert allein den Pacific Crest Trail – kurz PCT – ohne jegliche Erfahrung, geschweige denn Ahnung. Stück für Stück bekommt der Zuschauer ein Bild von dem, was Cheryl umgibt. Die Geschichte wird durch viele Rückblicken nach und nach aufgebaut. Quasi zeitgleich verarbeitet Cheryl auf ihrer Reise Schritt für Schritt diese Bruchstücke ihres Lebens. Man könnte meinen, dass dieser Stoff für einen kompletten Film etwas langweilig werden könnte, dem ist aber in keinster Weise so.

Der Film ist jederzeit relativ nüchtern, bringt einen auch mal zum Schmunzeln, driftet aber nie ins Kitschige oder gar Lächerliche ab.
Jean-Marc Vallée (Regisseur) schafft es immer nah an der Hauptfigur dran zu bleiben ohne zu emotionsgeladen zu werden. Kein Wunder, er hat darin Übung. Sein Hollywood-Debut gab Vallée mit „Dallas Buyers Club“, der mehrfach ausgezeichnet wurde und große Fußspuren für weitere Projekte hinterlässt.
Mit Reese Witherspoon kann Vallée diese sehr gut füllen. Sie ist mehr als authentisch in der Rolle – wenngleich sie mit der echten Cheryl Strayed nicht viel Ähnlichkeit hat, wie sich im Abspann des Film herausstellt. Denn „Der große Trip – Wild“ basiert auf einer wahren Geschichte.
Was schon vor Veröffentlichung durchsickerte: Witherspoon soll komplett ungeschminkt gespielt haben. Also auch keine Maske, die einen herrlichen Undone-Look zaubert, sondern einfach komplett sie selbst. Ob es sich dabei lediglich um eine gute PR-Masche handelt oder dem tatsächlich so war, lässt sich nur schwer beurteilen, sieht Witherspoon doch trotz Make-Up-Abstinenz und Natur pur fantastisch aus.

Einziges Manko an dem Film war für mich das Ende. Dieses war leider etwas ernüchternd, wenn auch vermutlich genau so gewollt. „Der große Trip – Wild“ erzählt nicht die großen Ängste einer Aussteigerin (was erfrischend ist!), sondern viel mehr die Neufindungen in ihrem Leben und die Perspektiven, die sich eröffnen. Diese sind jedoch nur angedeutet und die letzten Worte auf der Bridge of the Gods, dem Ziel ihrer Wanderung, deuten eher ein hausmütterliches Leben an, welches man nach solch einer beschwerlichen und zermürbenden Reise eher abwegig fände. Nichtsdestotrotz ist dies wohl so passiert, wie es passiert ist weshalb ein weiteres Urteil darüber hinfällig ist.

Alles in allem ein toller Film mit einer fantastischen Hauptdarstellerin, bei der es sich anfühlt als würde man den 1000-Meilen-Marsch förmlich selbst ausführen. Zudem ist es grandios Reese Witherspoon mal in solch einer Rolle zu sehen, kannte man sie doch bis dato eher von Happy-End-Komödien wie „Natürlich blond“.

Auf einer Skala von 1 bis 10?
Eine gute 8!
Hier gibt es den Trailer zu „Der große Trip – Wild“
Hier gibt es sowohl die DVD als auch das Buch zum Film zu kaufen:

DVD: Der große Trip – Wild
Buch: Der große Trip – WILD: Tausend Meilen durch die Wildnis zu mir selbst

Fotocredits: © 20th Century Fox