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Feminismus und Marokko: Ein Spießrutenlauf par excellence

von Miriam Mueller
2016 hatte ich die Möglichkeit mehrere Monate in Casablanca leben zu dürfen. Dort entdeckte ich meine Leidenschaft für den Feminismus und hatte gleichzeitig das Glück unterschiedliche Interpretationen von Frauenrechten kennenzulernen. 

Die Definition des Wörterbuchs Pons schien mir für diese Erfahrung total treffend: Spießrutenlauf – der Zustand, indem man von allen möglichen Seiten her mit Feindseligkeit, Bedrohung, Kritik 
 und Spott konfrontiert wird.

Balzverhalten und Victimblaming

Seltsame Imitationen von Katzengeräuschen begleiteten mich als ich zum ersten Mal die Straßen in Casablanca entlang lief. Zuerst dachte ich, die Männer möchten tatsächlich eine Katze anlocken, bis es mir auffiel. Sie meinten mich. Total befremdet von der Tatsache, dass ein Mann ernsthaft davon ausgeht, dass er mich wie eine Katze aus der Reserve locken kann, ging ich verdutzt in den nächsten Starbucks, um mich in eine vermeintlich vertraute westliche Umgebung zu retten. Tatsächlich kam mir aber gleich das suspekte Balzverhalten von ein paar Männern des Stuttgarters Nachtlebens in den Sinn. Mit ihren teuren Autos fahren sie die Theodor-Heuss-Straße auf und ab, versuchen mit quietschenden Reifen und lauten Auspuffen Frauen zu beeindrucken. Sehr spezielle Flirttechniken, die die Männer an den Tag legen, sei es in Marokko oder in Deutschland. In den nächsten Monaten blieben die Kommentare und lüsternen Blicke der Männer auf den Straßen Casablancas nicht aus. Obwohl ich mich als Feministin bezeichnen würde, fragte ich mich doch abstruserweise manchmal, was mit mir denn nicht stimme, was ich machen könne, damit es aufhört. #Victimblaming vom Feinsten.

Würde, Freiheit und Geschlecht

Marokko bot mir die Möglichkeit Würde und Freiheit neu zu definieren und meine eigenen westlichen Vorstellungen von Feminismus zu hinterfragen. Westliche Überheblichkeit ist eine Versuchung, der Mann und Frau schnell verfällt. Schnell wird in die und wir, oder emanzipiert und rückständig eingeteilt. Die Vorurteile beider Seiten sind leider noch sehr, sehr stark und die gegenseitige Ignoranz schwer auszuhalten. Wenn sich eine Frau dafür entscheidet mit dem Sex bis zur Ehe zu warten, keine Zärtlichkeiten in der Öffentlichkeit auszutauschen, auf enge Kleidung zu verzichten und von Zigaretten und Alkohol Abstand zu halten, ist dies erstmal schwer mit einem emanzipierten Frauenbild zu vereinbaren. Es erscheint aus westlicher Sicht einfach unverständlich, warum Frauen auf etwas verzichten, wofür Feminist*innen zuvor so hart gekämpft haben. Sich frei machen von jeglichen sozialkonstruierten Regeln und Normen, ich würde behaupten, es ist in Deutschland sowie in Marokko eine Herausforderung. Was heißt denn genau Freiheit im Geschlechterkontext? Bin ich tatsächlich frei von jeglichem Zwang, wenn ich zum Schwimmen einen Bikini trage? Warum werden Klamotten, ein Burkini oder Nacktheit als unangebracht angesehen? Und wie sieht es mit der Mutterrolle aus? Erfolgreich, attraktiv und intelligent. Wieso reicht es nicht aus liebende Mutter zu sein, Leseratte oder kinderlose Karrierefrau?

Sicherlich, in Marokkos Gesellschaft herrschen starke geschlechtsspezifische Zwänge. Aber auch Deutschland tut sich noch schwer von patriarchalischen Strukturen loszulassen. Es wäre doch eine sehr verzerrte Wahrnehmung davon auszugehen, dass alle Marokkaner*Innen antifeministisch seien und alle Deutschen für eine Gleichberechtigung der Geschlechter eintreten. Auf dem Papier ist zumindest ein Fortschritt sichtbar. Seit 2011 ist die Gleichberechtigung von Mann und Frau in der marokkanischen Verfassung verankert, eine Änderung im Sexualstrafrecht Marokkos wurde 2014 durchgesetzt. Seitdem kann ein Vergewaltiger nicht mehr einer Strafe entkommen, indem er sein minderjähriges Opfer heiratet. In Deutschland wurde #NeinheißtNein endlich in das Sexualstrafrecht aufgenommen. Wie in Marokko gab es auch in Deutschland Widerstände gegen die Änderung des jeweiligen Gesetzes. Natürlich, das Ausmaß der Straftaten mag variieren, die Widerstände gegen beide Gesetzesänderungen haben jedoch den gleichen Ursprung: Geschlechterbasierte Diskriminierung in allen Bereich des Lebens.

So what?

Mit diesem Beitrag möchte ich Missstände nicht klein reden oder gar verleugnen. Es geht darum, die Augen und Ohren offen zu halten, um nicht in eigenen starren Strukturen auszuharren. Gerechtigkeit kann nur erlangt werden, wenn alle Geschlechter an einem Strang ziehen. Benachteiligungen und Stigmatisierung können nicht einfach einer Nationalität, Religion oder einer Klasse zugeordnet werden. Denn der Antifeminismus erstreckt sich über alle Klassen hinweg und die Problematik ist global.