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Erste Gedanken zu Berlin.

Nachdem ich gestern Abend einige Minuten brauchte, um zu verstehen, was sich hier abspielt, schob ich es doch anfangs ganz weit weg von mir, fiel ich in mich zusammen. Ich hatte angefangen die Wohnung aufzuräumen, wusch Geschirr ab als wäre nichts gewesen. Bis es mich überkam, ich nur noch weinen konnte und mich einige Minuten später über der Kloschüssel wiederfand, da sich in mir ein mehr als mulmiges Gefühl breit machte. Gegen 23 Uhr rief ich meinen Vater an, um ihm mitzuteilen, dass ich Süßigkeiten für den Weihnachtsteller mitbringen werde. Ich besann mich auf Banalitäten, um der Realität nicht ins Auge sehen zu müssen. 

Heute Morgen dann die Gewissheit. 12 Tote. Hunderte Theorien, Mutmaßungen, Ängste. Ich packte die restlichen Dinge für den Weihnachtsurlaub und versuchte Fassung zu bewahren. Tausende Gedanken schwirren durch meinen Kopf und doch weiß ich sehr genau, dass wir jetzt alle Ruhe bewahren müssen. Mehr denn je. Es war schon immer da. Diese Angst. Die Umstände, in denen wir leben und die wir stillschweigend akzeptieren. Wir beten für Paris, Brüssel, Istanbul. Und jetzt also auch für Berlin. Und wie oft hast du seit gestern wirklich schon gebetet?

Auf dem Weg zum Bahnhof dauert es keine fünf Minuten bis unser Taxifahrer anfängt über die Ereignisse zu sprechen. Redebedarf, das haben wohl gerade viel. Zu viele. Zu viele, die in den sozialen Netzwerken meinen alles rauslassen zu können, was ihnen durch den Kopf spukt. Es ist wirklich gespenstisch. Das sind Dinge, die mir Angst machen. Menschen, die keinen kühlen Kopf bewahren. Menschen, die andere aufhetzen und schreckliche Ereignisse für ihre niederen Lebensphilosophien instrumentalisieren. Ich beschließe nicht mehr jeden Thread bei Facebook zu lesen. Auch Facebook beschließt, dass die Menschen wohl etwas Abstand gewinnen müssen und stuft die Sicherheitswarnung „Anschlag in Berlin“ auf „Der Vorfall am Weihnachtsmarkt“ runter. Ein Vorfall, wie er stündlich, minütlich in vielen Teilen der Welt geschieht. Und dennoch wechseln wir nicht stündlich unser Profilbild zu all den „Je suis…“ und „Pray for …“. Warum? Weil es uns in Wirklichkeit gar nicht so stark interessiert, wie wir es vorgeben, wenn auf einmal die Medien einen Vorfall als wichtig genug einstufen. Wichtig genug, um uns damit offensichtlich bemüht auseinandersetzen zu können. Und wenn dann solch ein Großereignis in der eigenen Stadt passiert, können wir auch endlich noch betroffener sein und dürfen erzählen, wie nahe es uns geht, dass das in meiner Stadt passiert, auf meinem Weihnachtsmarkt. Ich möchte nicht die Trauer herunterspielen, die auch in mir ist. Wir dürfen und müssen trauern. Aber wir müssen endlich aufhören nur dann betroffen zu sein, wenn es örtlich nah genug dran ist. Und vor allem, und das ist der springende Punkt, müssen wir generell aufhören nur betroffen zu sein. Wir müssen anfangen uns selbst zu fragen: Was kann ich für diese Welt beitragen, um sie ein Stück weit besser zu machen? Fangen wir doch bei uns an. Und nicht bei denen, auf die wir mit dem Finger zeigen. Wenn wir hassen und bewerten, bekommen Extremisten immer genau das, was sie wollen. Sie bekommen unsere Aufmerksamkeit. 

Im Taxi fällt beim zweiten Satz das Wort Flüchtling. Ich habe es nicht anders erwartet. In gebrochenem Deutsch erklärt mir der Herr, dass der Fahrer des LKW ein Migrant ist, der „mit den Flüchtlingen nach Deutschland gekommen ist“. Ich entgegne ruhig, dass ja nun die Geflüchteten am wenigsten dafür können. Und dass hier nicht die Flüchtlinge schuld sind, sondern ja wohl einzig und allein der Mann, der beschlossen hat mit dem LKW in einen Weihnachtsmarkt zu fahren. Ja aber… Der Fahrer will noch etwas sagen, merkt aber, dass er mit dieser Argumentation nicht weit kommt. Und dann erzählt er mir, dass er selbst geflüchtet ist. Aus Jugoslawien. Damals, als dort Krieg war. Wie dankbar er ist in Deutschland zu sein und Taxi fahren zu dürfen. Aber dass es nicht sein kann, dass wenn so viele kommen sich Terroristen darunter schleichen. Auch mein Freund, der bis dahin still daneben saß, ergreift das Wort: „Was denken sie vor wem diese Menschen fliehen?“ Es gibt nichts mehr zu sagen. Der Taxifahrer versteht und gibt lautstark bekannt: „Ich habe nichts gegen Flüchtlinge. Nur gegen Terroristen.“

Das haben wir alle, lieber Taxifahrer. Wir alle mögen Menschen nicht, die anderen wehtun wollen und sie mit voller Absicht in den Tod reißen. Und dann begreife ich. Wenn wir nur alle uns geschlossen gegen diese Taten stellen würden. Wenn wir doch alle gegen Extremisten sind, wenn wir doch alle das gleiche Ziel haben, wieso ist es dann so schwer Hand in Hand dagegen anzustehen? Es ist vielleicht eine gewagte These, aber würde Extremisten nicht ziemlich schnell die Lust an ihrem Tun vergehen, wenn sie keine Zuschauer mehr hätten? Wenn wir nicht immer wie aufgescheuchte Hühner umher rennen würden und „Ausländer raus“-Parolen das erste ist, was uns in den Sinn kommt?

Zeigen wir doch gemeinsam, dass diese Welt besser ist und wir stärker als all dieser Hass. Und zeigen wir vor allem den Medien, dass wir keine Journalisten brauchen, die Ängste schüren, sondern objektive Berichterstattung, die Mutmaßungen außer Acht lässt und sich auf das Wesentliche besinnt. Und vielleicht, ja ganz vielleicht, sogar uns Menschen hier gemeinsam bestärkt als uns immer weiter auseinander zu drängen.

In tiefer Trauer für die Opfer und deren Angehörige. 
Weitere Gedanken, die mir damals für Paris schon durch den Kopf gingen und immer noch gültig sind, findet ihr hier.