3325 Views |  1

Eine Frau verschwindet – Das Leben mit Anorexie

Es ist schon wieder eine Weile her, dass es im Netz einen kleinen Aufschrei gab, der daraus hervorging, dass Rachael Farrokhs Mann einen Aufruf startete seine Frau zu retten. Rod Edmondson bat in einem Crowdfunding Projekt darum für seine Frau zu spenden, damit diese endlich geheilt werden könne. Wenn wir so etwas hören, denken wir vermutlich direkt an ein schweres Krebsleiden, eine unheilbare Krankheit, vielleicht eine seltene Krankheit für die es nur spezialisierte Ärzte gibt? Nein, Rachaels Erkrankung ist eine ganz andere: sie leidet an Anorexie nervosa und das bereits seit Jahren. Vielen ist dieser Begriff vermutlich eher unter Magersucht bekannt.

Magersucht ist eine der drei häufigsten Essstörungen, neben Bulimie und der Binge-Eating-Störung. In einer Gesellschaft, in der viele nach der perfekten Schönheit, nach Körperidealen streben, ist es nur allzu häufig so, dass Essstörungen, insbesondere Magersucht, nicht ernst genommen werden. Und den Zahlen nach zu urteilen, ist es auch keine häufig auftretende Erkrankung. Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung gibt an, dass 2013 lediglich 1,1% der Frauen und 0,3% der Männer an Magersucht litten. Sollten wir uns darüber also Gedanken machen? Die Antwort darauf ist leicht: Ja, das sollten wir. Die Zahlen sprechen für Menschen ab 18 Jahren. Bei Kindern und Jugendlichen tritt eine Essstörung noch viel häufiger auf. Ein Fünftel der 11- bis 17-Jährigen steht im Verdacht an einer Essstörung zu leiden. Und was passiert, wenn diese nicht frühzeitig erkannt und behandelt wird, kann man im Fall von Rachael Farrokh nur allzu deutlich sehen.

Warum also wird diese Erkrankung oft so verschwiegen oder gleichgültig behandelt? Grund hierfür ist meist ein Irrglaube, der in den meisten Köpfen existiert. Oftmals denkt man bei Magersucht eben genau an diese Schönheitsideale unserer Gesellschaft. Doch dies ist nur eine Randerscheinung der Erkrankung. Die Betroffenen wollen nicht besonders schön, besonders dünn sein. Im Gegenteil, oftmals wollen sie sogar besonders hässlich sein, verletzen sich selbst, triezen ihren Körper bis dieser nicht mehr kann. Dahinter steckt oftmals ein viel weiterführendes psychologisches Problem, nicht verarbeitete Ereignisse aus der Kindheit, der Wunsch nach Anerkennung, pure Verzweiflung oder die Bestrafung von sich selbst, weil man sich nicht für gut genug empfindet. Anzeichen hierfür lassen sich eigentlich leicht erkennen. Patienten haben oft kein Gefühl für ihren eigenen Körper, wiegen sich übermäßig oft, nehmen Abstand von Dingen, die im Leben Spaß machen oder die nur zum reinen Zeitvertreib oder zur Entspannung gedacht sind, essen oft recht einseitig, sind aber stets bemüht andere zu bekochen oder zu backen. Vieles wird getan, um Kalorien zu verbrennen. Die Betroffenen frieren oft, machen vieles im Stehen, tragen schwere Gegenstände oder machen übermäßig viel Sport. (Quelle: BZgA) Wenn wir darüber nachdenken, entdeckt sicher Jeder von uns Jemanden in seinem Freundes- oder Bekanntenkreis, auf den dies zutreffen könnte. Und dennoch bleibt es ein Tabuthema. Es ist unangenehm darüber zu reden, man möchte den Anderen nicht verletzen, ihm nicht zu nahe treten.

Doch unbehandelt bleibt diese Erkrankung ein langer und schwerer Kampf gegen den eigenen Körper und kann letztendlich zum Tod führen. Die Wahrscheinlichkeit hierfür liegt bei einem Prozent Sterblichkeitsrisiko pro Erkrankungsjahr. (Quelle: www.anorexie-heute.de) Deswegen möchte Rachaels Mann die Notbremse ziehen. Rachael möchte nun so gerne Hilfe, ist aber mittlerweile viel zu schwach, um diese aus eigenen Kräften aufzusuchen. Glücklicherweise hat sie eine starke Unterstützung an ihrer Seite und so schafft es Rod mehr Geld als genug zu sammeln, um seine Frau endlich in eine Spezialklinik für Essgestörte bringen zu können. Seit dem Spendenaufruf kann jeder „Rachael’s Road to Recovery“ mitverfolgen. Neben der Gofundme-Seite haben die Beiden außerdem eine Facebook-Seite eingerichtet, auf der sowohl Familienangehörige als auch Rachael und Rod selbst regelmäßig über den Fortschritt der Therapie berichten. Ihr könnt immer noch Teil des Crowdfundings werden und Rachael unterstützen.

© Facebook Rachaels Road to Recovery

© Facebook Rachaels Road to Recovery

Solch einen mutigen Schritt zu wagen und sich der Öffentlichkeit zu stellen, hat sicherlich viel Überwindung gekostet. Letztendlich könnte es jedoch Rachaels Leben retten und vielleicht ein Anstoß dafür sein, dass weitere ihrem Beispiel folgen und sich Hilfe suchen, die sie so dringend benötigen. Die Schwierigkeit der Magersucht: nach jahrelanger Erkrankung wird diese oft chronisch und kann damit nur noch wie jede andere chronische Erkrankung auch behandelt werden, ist aber ggf. nicht mehr heilbar.

Deswegen können wir nur appellieren: Seid so mutig wie Rachael. Stellt euch der Krankheit oder vertraut euch zunächst jemandem an, bei dem ihr euch sicher seid, dass er euch nicht verurteilen wird. Auch im Freundeskreis sollte diese Thematik neu angegangen werden. Auch, wenn der Respekt vor der Person einen häufig zurückhält, sollten offene Gespräche stattfinden und Sicherheit auf beiden Seiten gegeben werden. Da dies wohl der schwerste Schritt ist, erfordert solch eine Freundschaft sehr viel Mut und Achtsamkeit miteinander. 

Für mehr Informationen zu dem Thema empfehlen wir euch u.a. die Seite: www.anorexie-heute.de. Dort ist mit sehr viel Feingefühl und einer offenen Art ein Projekt entstanden, dass die Facetten der Erkrankung sehr gut deutlich macht.
Außerdem ist aktuell auch der ergreifende Dokumentarfilm „Seht mich verschwinden“ über die magersüchtige Schauspielerin Isabelle Caro, die zuletzt als Model arbeitete und 2010 an den Folgen der Magersucht starb, sehr sehenswert.

Rat und Hilfe finden Betroffene online oder in diversen Beratungsstellen. Hier ein kleiner Auszug für mögliche Anlaufstellen:

Bundes Fachverband Essstörungen
www.magersucht-online.de
www.anad.de
Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung
www.lebenshungrig.de

Fotocredits Beitragsbild: © www.gofundme.com/savemyrachael