11Hamburg. 04.09.2015
Während wir der bemühten Sicherheitsbeamtin unseren Ausweis entgegenstrecken, spricht uns eine Frau an, die uns mit Händen und Füßen versucht etwas zu erklären. Unsere Übersetzerin kann glücklicherweise weiterhelfen und wir fragen für die Dame nach, wo sie eine Handcreme herbekommen kann. An der Ausgabe gibt es heute keine mehr. Sie hat auch kein Geld, um sich selbst eine zu kaufen. In diesem Moment wünschten wir uns, wir hätten noch schnell eine Handcreme eingepackt. Ihre rauen Hände reibt sie immer wieder aneinander.
Nach der Eingangskontrolle machen wir uns auf den Weg. Zelt an Zelt reiht sich aneinander und in Gedanken zählen wir die weißen Bleiben. Es müssten so um die 60 Stück sein. Rechts von uns Container, Toiletten und Duschen. Es ist wenig los um diese Uhrzeit. Warum werden wir noch erfahren. Einige Kinder spielen am Wegrand. Sie schaufeln mit kleinen Plastikschaufeln den Dreck und wir wünschen uns einen richtigen Sandkasten für die Kleinen. Ein Junge auf einem Fahrrad flitzt an uns vorbei. Pure Lebensfreude strahlt aus ihm. In der vorletzten Reihe erreichen wir unser Ziel. Das Zelt sieht aus wie jedes andere. Wir klopfen höflich und werden mit offenen Armen empfangen. Die Mitte des Zeltes ist durch Bettlaken getrennt. Links wohnt die eine Familie. Rechts die andere. Dicht an dicht – ohne jegliche Privatsphäre. Wir treten in die linke Seite ein. Eine Frau heißt uns herzlich willkommen, wir ziehen unsere Schuhe aus und bekommen einen Platz auf einem der Feldbetten angeboten. Bett an Bett reiht sich hier auf engstem Raum. Den Eingangsbereich haben sie sich als Sitzecke eingerichtet. Eine Pappe und Plastiktüten bedecken den Boden. Die Luft ist stickig und der Platz sehr beengt. Beim Setzen sinken wir in die schmalen Betten ein. Es ist nicht sonderlich bequem, doch wir fühlen uns sehr willkommen. Wie gerne würde sie uns einen Tee anbieten, doch in den Zelten gibt es keinen Strom. Nachdem wir uns vorgestellt haben, wird das Familienoberhaupt um Rat gefragt. Es ist ihre Schwester. Sie möchten sich abstimmen, ob sie mit uns reden darf und das verstehen wir sehr gut.

12Mariam, 39, betritt das Zelt. Ihr offenes Lächeln zieht uns sofort in den Bann. Sie begrüßt uns mit drei Küsschen auf die Wange, wie in Spanien denke ich mir. So nah, obwohl wir uns doch so fremd sind. Es ist ein merkwürdiges Gefühl. Sie fängt an zu sprechen und wir wissen, wir sind wirklich willkommen. Sie freut sich mit uns ihre Geschichte zu teilen. Und doch schwingt Skepsis mit. Nicht wegen uns. Sondern wegen allem, was diese Familie erlebt hat. Keine Fotos, keine Nachnamen. Die Menschen haben Angst um ihr Asylverfahren. Sie möchten nicht, dass öffentliche Äußerungen etwas negativ beeinflussen. Wir können das verstehen und sind zaghaft. Während wir in unsere Heftchen schreiben, schaut Mariams Schwester immer mal wieder auf unsere Notizen. Ihre Tochter mustert uns neugierig von oben bis unten.
Das männliche Familienoberhaupt ist im Deutschkurs. Das Camp ist wie leer gefegt, weil morgens immer Deutschstunden angeboten werden. Viele scharen sich in die kleinen Räume. Einige müssen stehen, da es nicht genügend Plätze gibt. Ihnen allen bedeutet dieser Deutschunterricht so viel. Auch, wenn die Hürden schier unüberwindbar für uns wirken. Der Unterricht wird auf Deutsch gehalten. Oft werden Dinge auf Englisch erklärt. Die meisten der Familie können kein Englisch, geschweige denn Deutsch. So müssen sie im Prinzip zwei Sprachen auf einmal lernen. Ein unmögliches Unterfangen, wie uns scheint. Es gibt einfach so viele Nationalitäten im Camp. Es kann nicht für jede Sprache ein Deutschunterricht angeboten werden.
Das Zusammenleben gestaltet sich schwierig. Offen und ehrlich berichtet uns Mariam, dass das Camp keinen Platz für Privatsphäre lässt. Es gibt keine Wände, keine Zimmer. Die Bewohner untereinander verstehen einander nicht. Wer kann es ihnen verübeln, wenn da mal ein Streit entsteht?

7Mariam und ihre Familie kommen aus Afghanistan. Nun leben sie mit einer syrischen Familie unter einem Dach. Sie können sich nicht verständigen. Wir spüren die Situation ist erdrückend und doch lächelt Mariam und bezeichnet dieses Leben nun tatsächlich als ihr Zuhause. Auf ihrer Flucht lebten sie in Wäldern, auf Feldern, auf Straßen. Nun haben sie ein Zelt. Sie haben wieder ein Zuhause.
Sie lebten schon immer als Migranten im Iran. Doch dann gründeten sie eine Familie und spürten, dass das Leben im Iran nicht möglich sein wird. Niemand wollte ihre Kinder in einer Schule haben. Sie erfuhren lediglich Ablehnung. So beschloss die Familie wieder zurück nach Afghanistan zu gehen. In ihre eigentliche Heimat. Dort hatten sie ein Haus. Mariam arbeitete als Lehrerin. Sie spricht etwas Englisch und wirkt sehr gebildet. Als die Taliban kamen, platzte der Traum. Sie bedrohten die Familie, denn eine Frau darf, nach den Taliban, nicht unterrichten. Ihr Mann wurde nicht nur bedroht, sondern gefoltert. Seitdem hat er jeden Tag Schmerzen vom Knie bis zum Fuß. Er hat noch keine ärztliche Behandlung bekommen können. Die Familie wusste, dass sie ihr Heimatland verlassen müssen, wenn sie überleben wollten. Also beschlossen sie zurück in den Iran, nach Teheran, zu gehen. Doch sie bekamen keine Aufenthaltsgenehmigung mehr und dass obwohl sie dort so lange lebten. Mariams Vater ist sogar in diesem Land gestorben. Ihre Pässe wurden konvesziert. Von da an begann die Odyssey. Eine zweimonatige Reise, die in Deutschland enden sollte. Die erste Etappe war die härteste. Im Iran werden Menschen ohne Pass einfach erschossen. Tagelang musste die Familie um ihr Leben fürchten. Der Vater verletzt. Vier Kinder, teilweise noch klein. Mariam und ihre Schwester wussten nicht, was sie auf dieser Reise erwarten würde. Geschweige denn auf einer Flucht. Ob es für Frauen schwieriger ist, fragen wir. Beide nicken. Sie haben keinerlei Erfahrung solche lange Wege auf sich zu nehmen. Sie sind viel schwächer als die Männer. Und doch sitzen wir in unserer Frauenrunde zusammen und unterhalten uns als würden wir uns schon länger kennen. Nachdem sie den Iran lebend verlassen hatten, kamen sie in die Türkei. Dort lebten sie in einem Flüchtlingslager. Doch dies war nicht das Ziel. Das Ziel war von Anfang an Deutschland. Ihr Cousin hatte ihnen von hier erzählt. Hatte berichtet, dass es bessere Möglichkeiten gibt hier zu leben. In vollstem Vertrauen darauf wollten sie weiter. Der Weg sollte über das Mittelmeer führen. In einem Boot nach Griechenland. Beim ersten Mal wurden sie von der türkischen Polizei erkannt und wieder zurückgebracht. Beim zweiten Mal kenterte das Boot und sie waren gezwungen wieder umzukehren. Beim dritten Mal erreichten sie endlich griechische Gewässer und wurden von den griechischen Behörden aufgegriffen. Von dort ging es weiter nach Deutschland. Beim Erreichen unseres Landes erlebte die Familie zum ersten Mal nach zwei Monaten so etwas wie Freude. Pure Erleichterung machte sich unter ihnen breit, denn sie wussten, sie hatten ihr Ziel erreicht. Die letzte Hoffnung ihres Lebens ist Deutschland. Sie wissen nicht, was passieren wird, wenn sie kein Asyl bekommen. Alles haben sie daran gesetzt. Doch das Schlimmste ist das Warten. Das Warten auf weitere Bescheide. Das Warten im Camp. Das Warten auf Mariams Mutter, die noch immer in Griechenland ist. Sie haben keinen Kontakt. Nur sporadisch, aber schwer. Es gibt zwar ein Handy, doch Mariams Mutter weiß nicht, wie dieses zu bedienen ist. Wir müssen lachen, obwohl die Situation so traurig ist. Wir erzählen von unseren Müttern und wie diese die neue Technik erst erlernen mussten. Wir sind uns so gleich. Wir spüren es. In jedem Lachen. In jeder Geste. Wir sind Frauen, die etwas bewegen wollten. Mittlerweile hat sich noch eine 19-Jährige zu uns gesellt. Wir sitzen zu viert auf einem Feldbett. Lächeln uns an und erzählen eifrig. Es sprudelt aus ihr wie aus einem Wasserfall als wir nach ihren Träumen fragen. Sie möchte Ärztin werden. Medizin studieren. Sie hat 12 Schuljahre absolviert. Nun möchte sie Kindern und vor allem Frauen helfen. Sie hat so viel auf ihrer Flucht erlebt. Sie möchte nicht, dass Frauen oder Mädchen leiden müssen. Sie ist schwanger und hat Angst vor dem, was kommt. Im Iran ist es verpflichtend einen Kaiserschnitt durchführen zu lassen. Die Frauen dürfen nicht selbst über ihren Körper entscheiden. Die Narbe ist noch relativ frisch. Ihre Tochter, die übersetzt Honey heißt, wurde erst vor zwei Tagen ein Jahr alt. Sie möchte keinen weiteren Kaiserschnitt, doch sie weiß nicht, wie man in Deutschland ein Kind zur Welt bringt. Sie möchte, dass dies keiner Frau widerfahren muss. Sie möchte Ärztin werden. Wir fragen auch Mariam nach ihren Träumen. Wir denken an ein eigenes Zuhause, vielleicht Spielzeug für ihre Kinder oder ein trockenes Bett. Sie hat nur eine Antwort: Deutsch lernen. Ihr größter Traum ist es unsere Sprache zu lernen, denn sie weiß, dass darauf alles aufbaut. Sie möchte Teil unserer Gesellschaft werden. Zuhause - Ein Portrait über eine FlüchtlingsfamilieSie ist ausgebildet, klug. Wir schämen uns für unsere Wünsche. Mariam ging aus ihrem Land weg, weil ihre Kinder keine Zukunft hatten. Und nun setzt sie alles daran, dass sich dies hier ändert. Doch Mariam hat auch Angst. Die Nächte im Camp werden kälter. Während wir sitzen, pfeift der Wind um das Zelt. Wenn es regnet, muss es hier unerträglich laut sein. Vier Wochen sind sie nun hier und es sieht so aus als würde es noch weitere Wochen dauern bis sich etwas an ihrer Situation ändert. Das Leben im Camp ist einfach und klar strukturiert. Es gibt Essensausgabezeiten. Es gibt Zeiten für den Deutschunterricht. Wenn das Camp verlassen wird, musst du deine Identitätskarte am Eingang abgeben. Sie nennen das hier „Green Card“. Pure Ironie. Unter Green Card stellen wir uns etwas anderes vor. Freie Einreise zu jeder Zeit. Hier laufen die Uhren anders herum.

Am liebsten würden wir noch nicht gehen. Sie sind so herzlich und mit jeder Erzählung kommen wir uns ein Stück näher. Bei der Verabschiedung werden wir gedrückt. Wir haben so viel zusammen gelacht. Es ist komisch. Wie ein Vormittag bei Freunden. Wir haben sogar noch etwas vom Geburtstagskuchen von Honey abbekommen. Natürlich sollen wir ihn mitnehmen.

Wir verlassen das Camp mit der Gewissheit, dass die nächste kalte Nacht kommen wird, die Deutschstunden nicht leichter werden und Mariams Mutter vielleicht noch eine Weile braucht bis sie hier ankommt. Doch wir nehmen noch eine ganz andere Gewissheit mit: Mariam, ihre Schwester, ihre Kinder, ihre Freundin – sie alle sind wie wir. Sie sind Frauen, die ihr Leben selbst in die Hand nehmen. Sie sind Frauen, die für ihre Familie einstehen. Sie sind Frauen, die so gerne lachen. Sie sind Frauen, die etwas verändern wollen. Der einzige Unterschied, der uns trennt, ist die Grenze hinter der wir geboren wurden.

9

Anmerkung: Auf Wunsch der Familie haben wir nur die Kinder fotografiert und veröffentlicht. Die Frauen wollten keine Veröffentlichung ihrer Nachnamen oder von Bildern von sich selbst. Diesen Wunsch respektieren wir natürlich.
Auf den Bildern seht ihr zwei Kinder von Mariam, das Mädchen und den Jungen. Die Kleinste, das ist Honey, die vor einigen Tagen ihren 1. Geburtstag feierte.

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