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Cherie Birkner: Ich glaube stark an die Coolheit von Nachhaltigkeit.

Dass Nachhaltigkeit und Mode sich nicht ausschließen, ist für Cherie selbstverständlich. Die Berliner Fotografin zelebriert nachhaltige Mode aber nicht nur, sondern rückt sie direkt in den Fokus. Mit ihrem Projekt #RealMatterz möchte sie Aufmerksamkeit schaffen und lenken. Und zwar auf die Personen, die nachhaltige Mode voranbringen. Ihr Traum: ein weltweites Netzwerk mit der gleichen Ideologie von fairer Mode. Welche Schritte dafür notwendig sind und warum Cherie den Wunsch verspürt Fair Fashion cooler zu machen, darüber haben wir mit dem Multitalent gesprochen.

#RealMatterz - Cherie Birkner - Nice To Have Mag - VIERTEL/VORFür die Portrait-Serie #RealMatterz bringt Cherie Birkner Menschen vor die Kamera, die sich aktiv für nachhaltige Mode einsetzen.
Hier z.B. Julia von Nice To Have Mag sowie Marcus & Anna von VIERTEL \ VOR.

Du kommst ursprünglich aus den USA und bist mit 13 Jahren nach Deutschland gekommen. Welche Verbindung hast du noch zu deinen amerikanischen Wurzeln?

Es hat über die Jahre sehr abgenommen. Vor zwei Jahren meinte mein Freundeskreis zu mir, ich bin die deutscheste Person, die sie kennen. Dann bin ich nach sehr langer Zeit wieder das erste Mal nach Amerika, nach New York, gereist. Ich war dort zwei Wochen alleine mit dem Wunsch meine amerikanische Seite wiederzufinden. Ich wollte das offene Aufeinander zugehen und freie Kommunizieren wieder entdecken. Das habe ich dort tatsächlich wiedergefunden. Die amerikanische Seite, die ich mag und erhalten will, ist diese offene Kommunikation, wenn man die Straße hinunterläuft und jemanden sieht dessen Schuhe man mag und einfach sagt: „Hey, ich finde deine Schuhe toll.“ Manchmal wird das als oberflächlich abgestempelt, aber ich empfinde das als Bereicherung.

Als ich dich das erste Mal auf der Fashionweek traf, habe ich direkt deine Offenheit und wie du mit jedem in Kontakt trittst, bewundert. Bei uns ist Networking oft noch dieses große Untier, das es zu bezwingen gilt. Dir liegt das also in den Genen?

Hier sagen viele, dass sie es schade finden, dass keiner in der Bahn miteinander redet, ich habe aber erfahren, dass es oft Hintergedanken gab als ich angesprochen wurde und es eben nicht nur um das Gespräch ging. Als ich in New York war, bin ich oft in der Bahn mit anderen ins Gespräch gekommen. Darüber, wo man hinfährt, was man macht oder vielleicht auch einfach über die Schuhe, die jemand getragen hat. Am Ziel angekommen, haben wir uns verabschiedet und ich habe mich über die Interaktion gefreut.

In Deutschland hast du als Model gearbeitet, Design studiert und warst als Creative Director tätig. Danach dann der Schritt zur Fotografie. Du hast damit sehr viele Bereiche der Modebranche kennengelernt und bist in sie eingetaucht. Was hast du von diesen einzelnen Stationen mitgenommen?

Für die jetzige Arbeit spielt das alles mit hinein. Als ich in Berlin mit 15 Jahren meine ersten Shootings hatte, sagten alle: Wir wollen etwas Abgefucktes, Stranges. Und ich dachte mir nur: WTF, was ist abgefuckt und strange? So etwas wurde oft von mir gefordert. Oftmals wurde so mit mir umgegangen, dass ich überhaupt nicht wusste, was ich tun sollte. Daraus habe ich definitiv mitgenommen, wie wichtig das Kommunizieren mit der Person ist, die du fotografierst und wie sehr dieses Feedback hilft. Als ich Modedesign studiert habe, war beim Modelscouting das Wichtigste, dass die Maße stimmen und das Model hübsch ist. Früher als Model dachte ich immer, dass meine Persönlichkeit und alles andere mit hineinzählen. Dann habe ich realisiert, dass ich auf gar keinen Fall mehr modeln möchte und das furchtbar finde. Bei der Firma, bei der ich dann zehn Jahre gearbeitet habe, angefangen als Model, habe ich dann am Ende irgendwem die Kamera in die Hand gedrückt, habe alles eingestellt und die Person musste nur noch abdrücken.
Im Moment plane ich auch eine Selbstportrait-Serie in nachhaltiger Unterwäsche nur mit Brands deren Werte ich teile. Es soll sexy sein und Spaß machen und vermitteln, dass es 1000 Mal attraktiver ist einen Slip zu tragen, der mit Liebe hergestellt wurde und für eine saubere Welt sorgt, wie zum Beispiel einer aus recycelter Spitze.

better together by Cherie Birkner, 2017Better Together Berlin, Febuary 2017

Wann hattest du deinen Aha-Moment in Sachen Nachhaltigkeit?

Das kam eher schleichend und auch nicht so bewusst. Ich habe in meiner Ausbildung zur Modedesignerin irgendwann entschieden, dass ich keine Lust habe jeden Tag darüber nachzudenken, was ich anziehe. Ich habe meinen Kleiderschrank dann so gestaltet, dass alles zu allem passt. Ich wollte meine kreative Energie nicht für mein persönliches Outfit, sondern für das wirkliche Kreieren, verwenden. Dann fing ich an darüber nachzudenken, ob ich die Dinge, die ich kaufe auch wirklich brauche. Das war weniger wegen der Nachhaltigkeit, sondern weil es so viel einfacher ist. Als ich 2015 in New York war, entdeckte ich einen wahnsinnig tollen Second-Hand-Shop namens Beacon’s Closet. Die New Yorker konsumieren also anscheinend sehr viel, tragen es nicht und geben es wieder weg. Ich habe sogar Designerschuhe für meine Freunde mitbringen können. Da habe ich gecheckt, dass ich nichts Neues kaufen muss, denn es gibt ja schon so viel. Dann habe ich angefangen möglichst keine neuen Sachen mehr zu kaufen. 

Viele kommen sicherlich über den Second-Hand-Weg hin zu nachhaltiger Mode, weil sie entweder aus finanziellen Gründen Second Hand kaufen müssen oder weil man den Style mag und dann realisiert, dass das total Sinn macht. Second Hand ist tatsächlich ein guter Weg sich da anzunähern und über Mode neu nachzudenken.

Und auch zu realisieren, dass es geile Sachen gibt. Mein Stil ist nicht der klassische Berlin-Second-Hand-Look. Und wenn man weiß, dass rund 19 Prozent aller Kleidungsstücke so gut wie gar nicht getragen werden, weiß man auch, dass Second Hand nicht unbedingt getragen bedeutet. Letztes Jahr fing es dann so richtig an, dass ich Schwierigkeiten damit hatte neue Dinge zu kaufen. Ich hatte fast ein Jahr lang nach einer neuen Jeans geschaut. Ich wusste genau wie sie sein sollte. Schwarz, eng, tief sitzend. Finde mal in meiner Größe eine Second-Hand-Jeans. Irgendwann war ich echt frustriert und musste mich damit abfinden eine neue zu kaufen. Ich wusste, das kann ich mit mir vereinbaren, da ich es echt lange versucht hatte. Ich habe mir dann eine gekauft und war auch ok damit. Im Nachhinein habe ich herausgefunden, dass die Firma in Italien produziert und die Fabrik angegeben ist. Das fand ich gut. Ich denke die Wertschätzung gegenüber der Dinge, die man hat, ist wichtig. Dass man sich fragt, ob sich die Arbeit, die hinter einem Stück verbirgt, auch gelohnt hat.

Es war also mehr ein längerer Prozess als dieser eine Aha-Moment?

Bei meinem Job, den ich dann gekündigt habe, hatte ich tatsächlich diesen Aha-Moment. Ich habe einfach realisiert, wie ich persönlich über Kleidung nachdenke und welche Werte mir wichtig sind. Ich persönlich machte etwas, aber mit meiner Arbeit sollte genau das Gegenteil passieren. Das konnte ich nicht mehr mit mir vereinbaren.

Das ist ein wichtiger Punkt. Es gibt sicherlich viele, die mit sich hadern, weil sie eigentlich ihren Job nicht mit ihren persönlichen Werten vereinbaren können.

Total viele!

#RealMatterz Instagram-AccountScreenshot des Instagram-Accounts von Cherie Birkner: #RealMatterz

Mit #RealMatterz möchtet du zeigen, dass sich Nachhaltigkeit, Modebewusstsein und schöne Dinge nicht ausschließen müssen. Warum glaubst du ist diese Message noch nicht globaler vertreten? Warum gibt es immer noch diesen unangenehmen Öko-Touch?

Es fängt damit an, dass eine große Unwissenheit herrscht. Die Leute wissen nicht, dass es Firmen gibt, die schöne, nachhaltige Sachen machen. Es gab auch tatsächlich nicht schon immer so schöne Designs. Jetzt gibt es das und jetzt heißt es: Spread the word! Ich sehe schon eine Veränderung und dass mehr Leute es mitbekommen. Auch mich fragen immer mehr Leute, ob ich ihnen coole Brands zeigen kann, wenn sie neue Kleidung brauchen.

Wenn man sich auf deiner Seite umsieht, ist sehr auffällig, dass du bis dato fast ausschließlich Frauen fotografiert hast. Ist Nachhaltigkeit in der Mode ein weiblich besetztes Thema?

Ich würde nicht sagen, dass es beim Thema Nachhaltigkeit so ist, aber in der Modebranche generell. Vor allem auch Bloggerinnen. Es gibt einfach nicht so viele männliche Blogger. Mir ist aber auch wichtig, dass ich Männer mit dabei habe.

Heutzutage haben BloggerInnen und InfluencerInnen einen großen Einfluss auf die Modeindustrie bzw. deren Vermarktung. Was können BloggerInnen tun, um das Thema Nachhaltigkeit noch besser zu pushen und aus der kleinen Bubble herauszukommen?

Sich vernetzen und eine Gruppe bilden, ist wichtig. Das mach ich auch mit #RealMatterz. Ich finde Bloggertreffen gut. Einerseits ist es zwar schade, so exklusive Sachen zu machen, aber es erzeugt bei Leuten auch das Bedürfnis dazu zugehören. Wenn man das kreiert, ist das gut. Wir bilden eine Gruppe, wir mögen uns. Man muss nicht mal bewusst andere ausschließen, aber eben ein Statement setzen und sagen, wir finden einander cool, weil wir uns dafür interessieren und dafür einsetzen. Das gibt anderen Menschen auch das Gefühl dazugehören zu wollen. Ich bin ein großer Fan davon es positiv zu betrachten, es attraktiv zu machen. Ich finde Aufklärung wichtig, aber wenn man das zu viel macht, haben Leute da keinen Bock drauf. Gerade z.B. bei Instagram willst du gute Laune haben, du willst schöne Dinge sehen. Menschen liken das, was schön ist. Zeigt es so hot wie es geht. Und auch das nutzen, was man hat. Dass man zeigt, dass man wirklich dahinter steht. Und damit auch eine Angriffsfläche zu bieten: Hinterfrage mich! Ich bin hier!

Sich angreifbar machen, führt auch zu Dialog. Bei konventionellen Bloggern ist es oft üblich einfach nur zu präsentieren und da zu sein. Das läuft langsam aus. In Magazinen und Blogs wird viel mehr nachgefragt. Gerade bei oberflächlichen Artikeln fragen die Leute schon nach mehr Input und verschiedenen Perspektiven. Bei Fairfashion-Bloggern ist es von Natur aus schon etwas tiefer. Was sind da jetzt die nächsten Steps, um nachhaltige Mode noch bekannter zu machen?

Überall kann etwas geschehen. Vor allem auch politisch. Ich kann mir vorstellen, dass der Zeitpunkt kommen wird, dass die Politik eingreift. Wir haben hier diese Menschenrechte. Nur weil es woanders passiert, heißt es nicht, dass es ok ist, wenn man das unterstützt. Es sind wirklich menschenunwürdige Bedingungen. Es gibt auch Regelungen für die Abgase von Fahrzeugen. Warum sollte es diese Regelungen nicht für Kleidung geben? Für mich ist das der nächste logische Schritt. Es ist eine Frage der Zeit, aber es wird passieren. Ich sehe auch schon Veränderungen. Was z.B. mit Emma Watson passiert, ist richtig gut. Das inspiriert wieder andere. Livia Firth startete die Green Carpet Challenge. Es bewegt echt viel, dass die Menschen, die wirklich Einfluss haben diesen auch nutzen. Damit sehen auch andere InfluencerInnen, wenn man das vertritt, ist man schon eine Nummer cooler als nur Brand XY zu vertreten. Ich glaube stark an diese Coolheit von Nachhaltigkeit. Menschen, die dazu stehen, was sie tun. Das ist cool.

Ich bin großer Fan davon, wenn Mainstream-Firmen eigene Versuche wagen nachhaltige Themen anzusprechen, wie z.B. die derzeitige Mango– oder auch Tchibo-Kollektion, um dem Otto Normalverbraucher zu zeigen, dass es diese Alternative gibt. So jemand würde es sonst gar nicht sehen.

Und denkt vor allem noch nicht mal über dieses Wort nach.

Klar ist Greenwashing Mist und Firmen wie H&M und Mango sind deswegen noch lange nicht besser, aber immerhin sehen junge Mädchen z.B. dass es da wirklich ein Problem gibt.

Ja die Firma versucht sich reinzuwaschen, aber sie schneiden sich auch ins eigene Fleisch, denn im Endeffekt entsteht auch so ein Bewusstsein. Und dieses Bewusstsein führt vielleicht dazu, dass am Ende dort jemand nicht mehr einkauft.

Shadow Hunter by Cherie BirknerAus der Serie Shadow Hunter Portraits von Cherie Birkner

Was wünscht du dir für Frauen 2017?

Ich wünsche mir für alle Menschen, dass sie sich trauen ein Risiko einzugehen und sich für das einzusetzen, wofür sie stehen und woran sie glauben. Dass sie die eigenen Werte vertreten und sich nicht davor scheuen. Es gibt so viel Unterstützung, wenn man da rausgeht und das Risiko eingeht sich zu positionieren. Dazu kann ich nur jeder Frau raten. Sie wird nicht alleine sein, nur weil sie aufsteht.

Liebe Cherie, vielen Dank für dieses tolle Gespräch und den schönen Nachmittag. Ich bin mir sehr sicher, dass du noch einiges in der Modeszene bewirken wirst und wüsche dir von Herzen weiterhin so viel positive Energie für dein Projekt und alles, was da kommen mag.

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Alle Fotos, die in diesem Artikel zu sehen sind, sind erstellt und editiert von © Cherie Birkner.