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Benjamin Hiller gibt Flüchtlingen einen Namen

Seit Monaten bestimmt hauptsächlich ein Thema die Medien: Flüchtlinge. Die Flüchtlinge in Zahlen. Wege des Flüchtlingsstroms. Und tatsächlich wurden, nachdem im Frühjahr 400 Menschen auf ihrer Flucht im Mittelmeer ertrunken waren, auch die Gefahren, Hürden, Konsequenzen einer Flucht geschildert. Im Sommer dann verlor sich das Interesse. Zentrales Thema war nun die Angst der „besorgten Bürger“, womit zugleich denen ein Forum gegeben wurde, denen man kein Forum geben sollte. Ihren Höhepunkt fanden diese Berichte, indem sich bekannte Persönlichkeiten und Meinungsführer wie Anja Reschke, Oliver Kalkhofe, Til Schweiger, Joko & KlaasFrau Meike uvm offensiv gegen die Hetze, die Intoleranz und den Hass im Netz stark machten. Seit den letzten ein, zwei Wochen ändert sich die Perspektive der Medien erneut und ins Zentrum der Berichterstattung rückt nun das Mitgefühl mit Flüchtlingen. Wir lesen über das überwältigende und unermüdliche Engagement zahlreicher Freiwilliger, die den Flüchtlingen einen einigermaßen, eben soweit es uns möglich ist, guten Start hier in Deutschland ermöglichen möchten, während die Politik versagt. Auch uns beeindruckte das sehr und wir berichteten darüber.

Aber, merkt ihr was? Es dreht sich bei der Berichterstattung (bis auf wenige Ausnahmen) hauptsächlich um unsere Befindlichkeiten. Viel zu kurz kommen jedoch die eigentlichen Protagonisten: die Flüchtlinge selbst. Wer sind diese Menschen, die all ihr Hab und Gut hinter sich gelassen haben und all ihre Hoffnung in unser Land stecken? Wer schreibt über ihre Sorgen, Bedürfnisse, Wünsche? Wer blickt hinter das Label „Flüchtling/ Refugee“?

Benjamin Hiller tut das. Mit seinem Fotoprojekt „Giving Refugees a Name“ beseitigt er das Label sowie ihre Anonymität und gibt ihnen ein Gesicht, einen Namen und am wichtigsten: er gibt ihnen Raum sich selbst vorzustellen. Uns hat dieses Projekt sehr beeindruckt, da wir selbst feststellen mussten, dass es gar nicht so einfach ist, die Menschen zu portraitieren. Unsicherheit und Angst sind nach wie vor ihr ständiger Begleiter und ihr Asylstatus ist aktuell das Wichtigste, was sie nicht gefährden wollen, um sicher hier leben zu können.

Uns ist es wichtig auf Fatuma, Khaled, Pari, Kirollos, Mariam uvm. zuzugehen und sie kennenzulernen. Denn wir glauben ganz fest daran, dass nur so eine gesunde Integration stattfinden kann.

Wir haben die Ehre Benjamins Arbeit hier zu präsentieren und konnten ihm dazu auch noch ein paar Hintergrundinformationen entlocken.

Liebe Leser, dürfen wir vorstellen, das ist…

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Gazwan, 22, Iraq: Gazwan arrived in Germany on the 17th of August 2015. Before arriving in Germany he was in Macedonia, was beaten by police forces there and had to sleep on the street. In Iraq ISIS forces stood only a few kilometers away from his hometown that was engulfed in sectarian violence. Additionally, he had no job and no perspective for his future. So he fled to Europe.

Moahammad, 18, Syria: Moahammad fled from Syria and reached Berlin on August 20, 2015 via Turkey, Greece, Bulgaria and Serbia. He fled because the ISIS is controlling his hometown north of Deir ez-Zor, Syria. At the same time regime forces were bombing the city and the surrounding area. He was about to be called up for military service, so he decided to flee.

2

S. Allaa, 23, Syria: He arrived in Berlin in mid-August and is also from the area around Deir ez-Zor, Syria. He studied chemistry at the local university and thus the ISIS became interested in him. At the same time the Syrian regime tried to conscript him for a local militia. So he ran away as he did not want to be involved in killing people.

3

J. Allaa, 25, Syria: He fled together with S. Allaa and arrived with him in Berlin. He was studying mathematics at the local university in Deir ez-Zor. He fled to start a new life far away from violence – but he is disappointed by the bureaucracy and hindrances thrown up the German government to granting him an asylum.

9. Nahla, 35, Syria with Fajer, 2 years old: Nahla is a mother of four and tried times to reach Germany from Syria seven times. In Bulgaria the police unleashed their dogs at them and her children started screaming out of fear of the attacking dogs. The Bulgarian policemen where smiling and afterwards confiscated (more like stole) most of her money and mobile phone. In Serbia they were imprisoned for one day and had to pay 100 Euro “ransom” to be let out. She is happy that she managed to reach Germany with her children.

Nahla, 35, Syria with Fajer, 2 years old: Nahla is a mother of four and tried times to reach Germany from Syria seven times. In Bulgaria the police unleashed their dogs at them and her children started screaming out of fear of the attacking dogs. The Bulgarian policemen where smiling and afterwards confiscated (more like stole) most of her money and mobile phone. In Serbia they were imprisoned for one day and had to pay 100 Euro “ransom” to be let out. She is happy that she managed to reach Germany with her children.

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A. Saeed, 75, Syria: He is a Palestinian who grew up in Syria and lived in Hasakah City in the northeast. He was smuggled out hidden in a truckload of vegetables. It was a traumatic experience for him. His son was kidnapped in Syria and he had to pay a ransom to get him free. He fled with his family to Germany but lost everything he had built up in Syria.

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Mahmoud, 17, Syria: He arrived on the 11th of August 2015 in Berlin, together with his mother and brother. They fled from the violence from ISIS as well as the Syrian regime – as both tried to force them into their service and had no scruples in bombing civilian areas. He just wants to have a safe place to live.

6

Adam Naser, 24, Ghana: Adam tried to flee the poverty and daily violence in Ghana via Libya. At the Libyan border he was abducted by “policemen” and was released first after his brother managed to pay the ransom money. He suffered seven months of horrors in Libya until he managed to reach Europe.

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Ola, 35, Syria: Ola is a mother of three and arrived in Germany on the 15th of August 2015. She feels really lucky that she had a fast and smooth trip to Germany, as she feared it would be to hard for her and her children. They fled Syria, as her oldest boy would have been forced into military service by the Syrian regime.

Not Another Woman Mag: Benjamin, du bist als Fotojournalist vor allem in Krisengebieten im Nahen Osten unterwegs. Jetzt hast du eine Fotoserie direkt vor unserer Haustür erstellt. Welche Intention führte dich zu dieser Entscheidung? Was ist dir bei dieser Serie wichtig?

Benjamin Hiller: Für mich war das am Ende ein logischer Schritt. Ich habe viele der Länder bereist, aus welchen die Refugees jetzt nach Europa fliehen. Ich habe dort die alltägliche Gewalt, die Bomben und Zerstörung erlebt. Daher kannte ich die Motivation für die Flucht. Des Weiteren hat mich die Berichterstattung mancher Medien auch zu der Entscheidung getrieben,  wenn von „Flut“, „Masse“ etc. gesprochen wird – oder aber auch in diesem Stil fotografiert wird. Ich wollte den Refugees wieder einen Namen und ihre „Humanität“ zurückgeben – wie auch ihnen ermöglichen ihre Fluchtgeschichte selber zu erzählen.
Wichtig war mir, dass es reduzierte Portraits in Schwarz-Weiß werden sollten und direkt vor Ort (in der LaGeSo in Berlin) fotografiert werden. Ich will damit jede „Ablenkung“ durch Farbe oder Hintergrund ausschalten, denn insbesondere die Augen eines Menschen erzählen oft schon die ganze Geschichte.

NAWM: Wie gestaltete sich die Produktion? War es schwierig mit den Beteiligten in Kontakt zu kommen? Welche Schwierigkeiten begegneten dir? Was habt ihr besprochen?

Benjamin: An sich war es recht einfach. Ich bin es ja auch gewohnt in Flüchtlingscamps in Kriegsgebieten zu arbeiten und habe daher einen „Mechanismus“ der Arbeit gefunden. Diesmal war es eher schwierig „verschiedene“ Refugees zu finden – das heißt aus verschiedenen Ländern und mit unterschiedlichem Geschlecht. Syrer und Iraker waren zumeist sehr offen mir gegenüber, bereit sich portraitieren zu lassen, wie auch meine Fragen zu beantworten. Viele Menschen aus Afrika oder Osteuropa hingegen wollten das nicht: Sie hatten Angst, dass dadurch ihr Asylstatus gefährdet werden könnte oder das z.B. Personen in ihrer Heimat gefährdet werden könnten. Daher ist die Serie auf keinen Fall ein Querschnitt der Refugees an sich, da Syrer wie auch Männer überrepräsentiert sind.
Normalerweise läuft es so ab, dass ich mit einem Dolmetscher durch das Camp laufe und einzelne Personen anspreche. Ich erkläre ihnen das Projekt und frage sie, ob sie mitmachen wollen. Dann habe ich einen Platz ausgesucht, an welchem der Hintergrund immer ähnlich ist. Dort fotografiere ich sie dann mit dem vorhandenen Licht. Nachdem ich ca. zehn Personen fotografiert habe, mache ich mit allen einen weiteren Termin aus, an welchem ich ihnen das Portrait als Print vorbei bringe als „Andenken“, denn das ist das Mindeste, was ich machen kann.

NAWM: Warum sind nur so wenige Frauen porträtiert?

Benjamin: Zum einen aus dem vorher genannten Grund. Zum anderen sind oft Männer die Ersten, welche auf die Flucht gehen. Denn einerseits wird es von ihnen erwartet Möglichkeiten zu finden ihre Familien, welche sie zurück gelassen haben, zu ernähren. Andererseits wird die Wahrscheinlichkeit des Erfolges bei dieser gefährlichen, oft tödlichen Flucht bei Männern durch die Familien höher eingeschätzt. Aber der Anteil an Familien mit Kindern, Frauen und alleinerziehenden Frauen auf der Flucht wird stetig größer.

NAWM: Was hast du aus diesen Begegnungen mitgenommen? Was hat dich überrascht? Was hast du gelernt?

Benjamin: Die Kraft dieser Menschen solch eine Reise auf sich zu nehmen und oft alles hinter sich zu lassen, was ihr bisheriges Leben ausgemacht hat, ist sehr beeindruckend. Und oft auch welche Dankbarkeit und Herzlichkeit diese Menschen einem entgegenbringen. Und natürlich ist die Arbeit der Volunteers (Anmerkung d. Red.: Freiwilligen) beeindruckend, wie z.B. Moabit Hilft! Wobei hier der Staat total versagt in seiner Rolle und nur durch die freiwilligen Helfer ein Minimum an Hilfe, Erstversorgung und Wärme den Refugees bereit gestellt wird.

NAWM: Kannst du dir vorstellen dieses Projekt fortzuführen oder handelt es sich hierbei um eine einmalige Serie?

Benjamin: Ich werde das Projekt auf jeden Fall weiterführen – insbesondere da es noch nicht ausgewogen genug ist. Ich habe auch einige Ideen, wie ich das Projekt vielleicht „interaktiver“ machen kann, arbeite aber noch an dem Konzept und der Umsetzung.

NAWM: Vielen Dank, Benjamin, für deine tolle Arbeit und deine Zeit für uns. Wir sind auf die Fortsetzung sehr gespannt!

Hier findet ihr Benjamin Hiller und seine Arbeit:

Homepage: www.benjamin-hiller.com
Twitter: BenjaminHiller

Fotocredits: © Benjamin Hiller