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Anschläge in Paris – Ein Kommentar

Freitag Nacht erreichten uns Nachrichten, die uns sonst eher verborgen bleiben. Terror, Gewalt, von Hinrichtung wird gesprochen. Und das alles nicht im Nahen Osten oder korrupten Teilen Afrikas, sondern quasi direkt vor unserer Haustür. Die ganze Welt verfällt in einen Schockzustand und wir sind mitten drin.

Dieses Wochenende war eigentlich dafür gedacht, ein paar Tage mit Freunden auszuspannen. Wir sitzen gemeinsam am Tisch und spielen, ganz dem Spießertum verfallen, Gesellschaftsspiele. Mein Handy blinkt auf und ich sehe, wie ein Bekannter während der „Paris Terror Attacks“ als „In Sicherheit“ markiert wird. Zunächst hört es sich an wie ein Scherz, doch nur Sekunden später ist klar, dass wir hier vor der bitteren Realität stehen.
Wir sind betroffen, fassungslos, wütend, finden für so vieles keine Erklärungen. Die ganze Nacht sprechen wir, finden keine Worte. Weinen und versuchen doch zu lachen. Am nächsten Morgen ist die Situation nicht besser. Und auch heute noch stehen wir vor so vielen Fragen, die z.B. Jan Böhmermann sehr treffend formuliert hat. Fragen, die wir uns einfach nicht erklären können.

Und noch während die Ereignisse der Nacht zusammengetragen werden, machen sich erste warnende Worte in den sozialen Netzwerken breit. Politiker fangen an ihre Ansichten zu promoten. Pegida-Anhänger, AfD-Liebhaber und Weltverschwörungstheoretiker fühlen sich in ihrem Weltbild bestätigt. All dies hätte verhindert werden können, wenn wir keine Flüchtlinge hier in Europa aufgenommen hätten, wenn wir die Grenzen schließen würden, wenn wir rechts-konservativ denken und handeln würden, wenn wir unser „Gutmenschtum“ einstellen würden und Menschlichkeit gegen Nationalismus eintauschen.

Doch was hätten wir davon?

Es ist leicht sich ein Weltbild zu schaffen, was abschottet und ausgrenzt. Ein gemeinsames Feindbild hilft dabei ganz gut und lässt idealistische Gedanken besser projezieren. Wenn wir aufhören Menschen aufzunehmen, die unsere Hilfe so nötig brauchen, überlassen wir sie denen, vor denen sie fliehen. In der Regel ist das momentan der Islamische Staat (IS), also jene, die sich auch zu den Anschlägen in Paris bekennen. Der IS wittert nur darauf Leute zu rekrutieren. Wo sollten sie diese leichter finden als in Menschen, die enttäuscht wurden, die keine Hoffnung mehr haben, die von allen verstoßen werden? Nur von ihnen nicht. Diesen Menschen geben sie eine Hoffnung auf ein besseres Leben, Verständnis und ein trügerisches Gefühl von Sicherheit. All das, was wir ihnen hier verwehren, wenn wir mit schwingenden Deutschlandfahnen Montag für Montag durchs Land ziehen und demonstrieren, dass es nur eine Art von Mensch in Deutschland geben kann.
Dieses Verhalten spielt radikalen Gruppen auf beiden Seiten so gut in die Hände, dass es verrückt ist zu glauben, sich hier für sein Land stark zu machen. Es ist sogar äußerst absurd zu denken, dass, wenn wir uns einigeln und jeder sein eigenes Süppchen kocht, die Welt schon ihren Frieden finden wird. Wenn wir Grenzen dicht machen, ist dies ein klarer Appell an alle menschenverachtenden Gruppen, dass wir einknicken, dass wir ihnen Recht geben. Ja, wir wollen euch hier nicht. Ihr habt Recht. Wir haben Angst vor euch. Wir liefern ihnen die Menschen, die Schutz bei uns suchen, aus und sie lachen sich ins Fäustchen über so einen leicht zu erringenden Triumph. So werden nicht nur Feindbilder auf allen Seiten bestärkt, sondern vor allem auch Einigkeit für unsere Welt gänzlich ausgeschlossen. „Einigkeit und Recht und Freiheit“ – aber bitte nur für uns, die wahren Deutschen. Dass wir Deutschen uns da jedoch gar nicht so einig sind, steht auf einem anderen Blatt. Auch, dass soweit bekannt ist, die Attentäter Franzosen waren.*

„Nur weil die Täter „Allahu Akbar“ rufen, stehen sie noch lange nicht für Islam. Pegida ruft ja auch „Wir sind das Volk.“.“
gefunden bei netzfeuilleton

Aber die Attentäter waren doch Muslime? Wir dürfen nicht noch mehr Muslime in unser Land lassen.

Neben der politischen Debatte entfacht zeitgleich ein weiteres Feuer. Islamgegner bekommen einen Leckerbissen an vermeintlichen Argumenten mit den Anschlägen in Paris serviert und reiben sich im Eifer der sozialen Netzwerke freudestrahlend die Hände. „Wir haben es schon immer gewusst. Muslime sind Terroristen und damit Staatsfeind Nummer 1 in unseren christlichen Abendländern.“ Man findet kaum noch die Motivation auf solch perfide Rückschlüsse einzugehen, weil es einfach zu leicht ist und für viele doch so schwer zu begreifen. Alle Religionen eint eine wesentliche Gemeinsamkeit: der Wunsch nach Frieden. Ebenso auch Nächstenliebe. Ein Attentat ist weder friedvoll noch zeigt es auch nur ansatzweise einen Funken von Nächstenliebe. Ein Attentat ist immer, egal ob christlich, muslimisch oder sonst wie hinterlegt, brutal, egoistisch, radikal und unmenschlich. Alles Eigenschaften, die keine der Weltreligionen in ihrem jeweiligen Buch propagiert. Damit ist klar: ein Terrorist ist kein Muslime und ein Muslime ist kein Terrorist. Eine einfache Rechnung, die von vielen jedoch nicht gelöst werden kann.

Das Problem: Radikale nutzen immer wieder den Deckmantel der Religion, um ihre Taten zu rechtfertigen und den Menschen, die sie ausführen einen Sinn zu geben. Wenn der Attentäter „Allah ist groß“ ruft und damit seines Wissens nach ins Paradies einzieht, dann nicht, weil er das so im Koran gelesen hat, sondern weil es einen menschenverachtenden, radikalen Anführer gab, der ihm das versprochen hat. Wenn Bürger Montag für Montag auf die Straße ziehen, um lauthals aggressiv ihre christlichen Werte kundzutun und Molotow-Cocktails in Flüchltingsunterkünfte werfen, um das christliche Abendland zu schützen, dann nicht, weil sie das in der Bibel gelesen haben, sondern weil es machtgesteuerte Wahnsinnige gibt, die die Unwissenheit von vielen nutzen, um ihr anmaßendes Weltbild zu propagieren. Ob nun also Christ, Moslem, Jude, Hindu usw. letztendlich kommt es nicht auf die Religion an, sondern auf den Menschen dahinter.

„Ich bin katholischer Franzose mit armenischen Wurzeln, meine Frau ist protestantische Schwedin,… ich habe einen algerischen Schwager, der Muslim ist, und einen jüdischen Enkel. Wir verstehen uns, weil wir nicht über die Religion des anderen diskutieren, sondern sie respektieren.“ Charles Aznavour

Während also christliche Abendlandsvorstehende noch ihre Kultur verteidigen, brodelt schon die nächste Suppe im Topf der ungeahnten Möglichkeiten. Wenn Christen gegen Moslems hetzen, dürfen auch Religionskritiker nicht fehlen. Der Hashtag #prayforparis versetzte einigen ein Würgen und natürlich musste auch darüber diskutiert werden. Denn schließlich soll hier ja an alle gedacht werden. Und es ist nicht richtig, dass wir beten, wenn neben uns auch Atheisten leben. Sicherlich haben auch nicht alle gebetet, sondern nutzten lediglich die Gunst der Stunde, um einen viel geteilten Hashtag unter ihr Bild zu setzen. Anteilnahme zeigen ohne aktiv werden zu müssen. Es lebe das Internet! Aber warum können nicht die beten, die beten wollen, weil sie daran glauben? Und die, die nicht beten wollen, können anderweitig ihre Trauer, Wut oder Fassungslosigkeit loswerden. Respekt und Toleranz sollte in alle Richtungen funktionieren, doch dies ist schwer in einer Welt, in der wir doch alle so verschieden sind.

Warum erschüttern uns diese Attentate so, wo doch nur zwei Tage zuvor etwas ähnlich Grausames in Beirut stattfand?

Nachdem alle Erschütterungen und Beileidsbekundungen über Facebook mitgeteilt wurden und die Profilbilder ordnungsgemäß in die französische Flagge getaucht wurden, gelang es weitere Kritik verlauten zu lassen. Ihr empört euch über Paris, obwohl euch nur zwei Tage zuvor der massive Anschlag in Beirut nicht die Bohne interessiert hat? Weltweit werden Denkmäler erleuchtend mit Frankreich geeint und in Syrien fallen weiter Bomben, in Kenia kommt es ebenfalls zu blutigen Anschlägen, in ganz Afrika verhungern Kinder, in Nordkorea kann man immer noch nicht via Facebook kommunizieren und der Regenwald ist auch bald hinüber, weil dein Duschbad unbedingt Palmöl beinhalten muss. Ich gebe zu, diese Kritik spaltet, denn es ist sehr viel Wahres dran. Die Medien stürzten sich nicht auf die Anschläge in Beirut. Wenn überhaupt waren diese eine kleine Randbemerkung wert. Und das obwohl es dort seit über zwanzig Jahren nicht mehr solch blutige Anschläge gegeben hat. Es ist also keineswegs so, dass wir hier über eine Stadt sprechen, in der „das doch sowieso immer passiert“ und wir deswegen weniger Mitgefühl aufbringen können. Nein, wir sprechen auch hier von einer Ausnahmesituation und doch hat kein Land der Welt ihr Wahrzeichen in die Libanon-Flagge verwandelt. Und die Medien schienen nur darauf zu lauern, was sich zwei Tage später in Paris abspielte und konnten all ihre Energie in die durchaus großflächig ausgeweitete Berichterstattung stecken. Liegt es vielleicht daran, dass europäische Großmächte mehr Aufmerksamkeit verdient haben, weil sie weltweit gesehen mächtiger sind und auch mehr Verbündete haben? Oder liegt es vielleicht daran, dass Paris so einfach für uns zu erreichen ist, die meisten von uns schon mal dort waren, Freunde dort haben oder vielleicht selbst an diesem Wochenende hätten dort sein können?
Die Gedanken vermischen sich wohl bei dieser Diskussion. Beide Taten, und auch das, was sonst in diesem Moment gerade Grausiges auf der Welt passiert, erschüttern uns, doch nicht alles lässt uns gleichermaßen Empathie empfinden. Wir spüren eine andere Nähe zu den Ereignissen. Können anders nachempfinden und verstehen und malen uns aus, was das für uns bedeutet. Und doch sollten wir versuchen nicht nur an diesem Wochenende auf unsere Welt zu schauen und Empathie zu empfinden, sondern generell ein offenes Herz dafür bekommen, was in unserer Welt schief läuft. Dann ist die Nähe vielleicht immer noch nicht gegeben, aber zumindest können wir nachempfinden, trauern und verstehen. Das gilt sicherlich nicht nur in politischen Lebensbereichen, sondern lässt sich auf unser gesamtes Leben ummünzen. Wir bekommen eine Ahnung davon, was es bedeutet Mitgefühl für Syrer zu haben, mit Kenia zu trauern, hungernden Kindern in Afrika zu helfen, Nordkorea doof zu finden und uns die Frage zu stellen, sollten wir wirklich Palmöl-Produkte kaufen. Das mag sehr weit gegriffen sein und ein Gedankenspiel, was fern von den Anschlägen in Paris stattfindet, doch lässt man sich nur einmal darauf ein, könnte es passieren, dass man sieht, dass all diese Dinge gar nicht so weit entfernt voneinander liegen. Denn wir sollten nicht mehr oder weniger Mitgefühl für Beirut oder Paris haben, sondern verstehen, dass beides gleichermaßen gravierend ist, auch wenn uns das eine vielleicht mehr betrifft. Und dann ist es auch gar nicht so zweifelhaft, wenn wir unser Profilbild in blau-weiß-rot tauchen, weil wir so unserem Mitgefühl und unserer Trauer Ausdruck verleihen möchten. Denn dann haben wir wirklich verstanden, was Empathie bedeutet.

Habe ich also Angst?

Ja, ich habe Angst. Denn Angst bildet das ab, was wir als bedrohlich empfinden und vor dem wir uns fürchten. Doch wovor habe ich wirklich Angst? Hatte ich Freitagnacht Angst um mein Leben? Nein, ich hatte keine Angst um mein Leben. Ich saß in einer Mühle an der Ostsee. Rational wusste ich, dass ich sicher bin. Und doch fühlte ich mich bedroht. Ich habe aber keine Angst, weil Paris nun mehrfach als Ziel für Attentäter ausgewählt wurde. Sondern ich habe Angst, um unsere Welt. Und das nicht erst seit diesem Wochenende. Natürlich rückt es näher und ja, vielleicht kann das auch in Deutschland passieren. Aber diese Situation ist doch nicht neu? Mit dieser Situation spielen Politik und Wirtschaft schon seit Jahrzehnten. Wirtschaftliche Interessen kreuzen sich mit Kriegsvorhaben, politischen Beschlüssen und Machtausübungen.

Doch seit Freitag habe ich noch vor etwas ganz anderem Angst. Vor den Reaktionen. Vor dem, was sich Menschen jetzt zunutze machen, um gegen Flüchtlinge zu hetzen, für Radikalität zu werben. Um Kriege zu begründen. Um Menschen, die trotz allem noch helfen wollen, bloß zu stellen. Um Menschen gegeneinander aufzubringen. Dialoge zu verhindern und Fronten weiter zu verhärten.

Das kann und darf nicht der Weg sein, um mit solchen Ereignissen umzugehen. Wir haben ein Gehirn, um es zum Denken zu benutzen. Viele jedoch sind von Wut geleitet. Laufen lieber Hassbildern nach anstatt zu realisieren, dass blinde Wut immer nur in eine Richtung lenken kann. Und auch das gilt für alle Lager, denn das eine, was sie eint, ist Hass und Angst.

„Niemand wird mit dem Hass auf andere Menschen wegen ihrer Hautfarbe, ethnischen Herkunft oder Religion geboren. Hass wird gelernt. Und wenn man Hass lernen kann, kann man auch lernen zu lieben. Denn Liebe ist ein viel natürlicheres Empfinden im Herzen eines Menschen als ihr Gegenteil.“ Nelson Mandela

Und wenn wir in Angst verharren, dann haben diese Anschläge ihren Nutzen erfüllt. Der IS möchte genau dieses Gefühl in uns hervorrufen. Wir sollen uns fürchten, wenn wir das Haus verlassen. Wir sollen uns fürchten, wenn wir einen Ausländer sehen. Wir sollen uns fürchten, wenn ein Moslem nach Deutschland kommt. Wir sollen uns fürchten, wenn wir an einen Platz kommen, an dem viele Menschen sind. Wir sollen uns fürchten, wenn wir Rockmusik hören. Wir sollen uns fürchten, wenn wir einem Flüchtling helfen.
Ich habe das Gefühl, dass viele gerade in Angst verharren. Dass Äußerungen wie „Grenzen dicht!“ aus dieser Angst entstehen. Und wenn wir uns davon leiten lassen, dann hat Terror das erreicht, was er möchte.

Was sollten wir also tun?

Wir sollten zusammenstehen und Angst aktiv bekämpfen. Mit Toleranz und Respekt für unsere Mitmenschen, vielleicht auch für die, bei denen wir insgeheim denken, sie hätten es nicht verdient.

Credits: Titelbild © Jean Jullien

*EDIT 17.11.2015: Mittlerweile ist bekannt, dass bei einem der Attentäter ein syrischer Pass gefunden wurde und dieser wohl über Griechenland in die EU eingereist ist. Die Echtheit des Dokuments konnte noch nicht bestätigt werden.